Der IaaS-Pionier braucht Partner Amazon Web Services – (k)ein Modell für Systemhäuser?

Redakteur: Michael Hase

Amazon hat Infrastructure-as-a-Service (IaaS) weltweit etabliert. Um mit den Cloud-Angeboten im deutschen Markt zu expandieren, ist der Anbieter auf zusätzliche Partner angewiesen. Für klassische Systemhäuser, deren Geschäft am Infrastrukturverkauf hängt, ist das AWS-Modell aber zunächst eine Bedrohung. Finden der Cloud-Pionier und der IT-Channel am Ende doch zusammen?

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Die Deutschlandzentrale von Amazon hat ihren Sitz im Münchner Ortsteil Schwabing.
Die Deutschlandzentrale von Amazon hat ihren Sitz im Münchner Ortsteil Schwabing.
(Bild: IT-BUSINESS)

Talanx ist die drittgrößte deutsche Versicherungsgruppe. Durch die Solvency-Vorschriften, vergleichbar den Basel-Richtlinien für Banken, erhöhen sich für den Konzern künftig die Anforderungen an das Risikomanagement. Für die spezifischen Applikationen benötigt Talanx daher mehr Rechenleistung. Statt in zusätzliche Hardware zu investieren, entschieden sich die IT-Verantwortlichen des Versicherers dafür, die Risikosimulation in die Amazon-Cloud zu verlagern.

Für Amazon Web Services (AWS) sind Kunden wie Talanx ein Glücksfall. Setzt ein Finanzdienstleister auf die Cloud, vertraut er offenbar den Security-Mechanismen des Providers. Schließlich schiebt eine Versicherung, die der Aufsicht durch die Bafin unterliegt, ihre Daten nicht leichtfertig in die Wolke. Generell ist Sicherheit für Unternehmen – zumal in Deutschland – ein entscheidendes Kriterium, ob sie sich für oder gegen die Public Cloud entscheiden.

Das Beispiel des Hannoveraner Konzerns zeigt außerdem, dass nicht mehr nur internet-affine Startups, die nach wie vor einen großen Teil der Klientel ausmachen, die AWS-Dienste nutzen. Immerhin gehen die Ursprünge der Talanx-Gruppe auf das Jahr 1903 zurück.

Industrie-4.0-App aus der Cloud

Kein Wunder also, dass Amazon die Versicherung auf dem AWS Summit 2014, der Mitte Mai in Berlin stattfand, als Referenz vorstellte. Ein anderer Vorzeigekunde, den der Anbieter dort präsentierte, steht für schwäbische Ingenieurskunst: Kärcher, gegründet 1935, gilt als weltweit führender Spezialist für Reinigungssysteme. Das Unternehmen betreibt in der Cloud eine Industrie-4.0-Applikation, mit der Reinigungsfirmen die Auslastung und den einwandfreien Betrieb ihrer Kärcher-Geräte überwachen können.

„Die Cloud wird Mainstream“, kommentierte Martin Geier, Geschäftsführer AWS Germany, auf dem Berliner Summit die wachsende Zahl traditioneller Unternehmen aus Industrie, Finanzwirtschaft und anderen Branchen, die auf die AWS setzen. „Inzwischen nutzen die unterschiedlichsten Unternehmen unsere Services, und zwar für unterschiedlichste Anwendungsfelder“, bekräftigt der Manager im aktuellen IT-BUSINESS-Interview.

Auf Unterstützung angewiesen

Talanx und Kärcher illustrieren darüber hinaus eine strategische Notwendigkeit: Will Amazon mit den Cloud-Angeboten die deutsche Wirtschaft in der Breite erschließen, ist der IaaS-Pionier auf Partner angewiesen. Beide Unternehmen hatten Dienstleister, die sie auf dem Weg in die Cloud begleitet haben. Bei Talanx engagierte sich die Direkt Gruppe aus Hamburg, und Kärcher wurde von ITM aus Stuttgart (siehe auch Interview) betreut. „Mitunter sind unsere Services so erklärungsbedürftig, dass Unternehmenskunden bei der Implementierung oder dem Betrieb auf externe Unterstützung angewiesen sind“, erläutert AWS-Chef Geier.

Das war nicht immer so: Als Amazon im Jahr 2006 mit dem Simple Storage Service (S3) und der Elastic Compute Cloud (EC2) auf den Markt kam, nutzten zunächst Software-Entwickler und andere Nerds die Services im Do-it-Yourself-Verfahren. Indem der Online-Händler reine Rechenleistung und Speicherkapazität über das Web bereitstellte, führte er ein vollkommen neues Modell der IT-Nutzung in die Branche ein. „Amazon hat es geschafft, den IT-Markt, der vor allem durch Behäbigkeit, Arroganz und unverschämt hohe Margen der Anbieter gekennzeichnet war, aufzubrechen und umzukrempeln“, urteilt Steve Janata, Senior Analyst bei Crisp Research.

Erfahren Sie mehr darüber, wie sich das AWS-Geschäftsmodell über die Jahre erweitert hat.

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