Interview mit Frank Sieren, China-Spezialist und Autor „Wenn uns unsere Werte wichtig sind, brauchen wir Innovation.“

Autor Sylvia Lösel

Technologie und Innovationsgeschwindigkeit sind für die künftige Entwicklung Europas entscheidend. Was können wir in dieser Hinsicht von China lernen? Frank Sieren, Autor des Buches „Shenzhen“, erklärt, warum sich der Blick nach Asien lohnt.

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China hat viele Gesichter. Nicht alle davon passen zu unseren Werten. Doch die Augen verschließen vor Innovation und technologischen Entwicklungen ist keine Lösung.
China hat viele Gesichter. Nicht alle davon passen zu unseren Werten. Doch die Augen verschließen vor Innovation und technologischen Entwicklungen ist keine Lösung.
(Bild: denisismagilov - stock.adobe.com)

ITB: Beim Thema China denken viele in Schwarz-Weiß-Kategorien. Doch das Land ist facettenreich. Vielleicht sollten wir in Europa eine neue Sichtweise auf dieses Land entwickeln. Eine Sichtweise, die uns hilft, Positives zu erkennen und zu adaptieren – gerade, wenn es um Innovation und Technologie geht.

Sieren: Man kann überzeugende Technologien nicht verhindern, das zeigt die Geschichte. Man kann sie aber an die jeweils eigenen Wertesysteme und Bedürfnisse adaptieren. Das sollten wir im Falle von China tun. Wir müssen uns viel mehr als bisher mit den Innovationen Chinas beschäftigen – wir brauchen Frühwarnsysteme, wie wir sie beim Silicon Valley haben und müssen dann herausfinden, was für uns sinnvoll ist und wie wir diese Technologien nutzen möchten.

Frank Sieren, China-Spezialist und Buchautor
Frank Sieren, China-Spezialist und Buchautor
(Bild: Frank Sieren)

ITB: Was genau verstehen Sie unter Frühwarnsystem?

Sieren: Wir dürfen nicht weiter so tun, als könnten die Chinesen nur kopieren, sondern wir sollten anfangen zu verstehen, dass das Land, nach einer Unterbrechung von 150 Jahren, an die alten Zeiten, in denen es sehr innovativ war, anknüpft. In Zukunft wird, aus vielen verschiedenen Gründen, mehr Innovation aus China und Asien kommen, die ich in meinem Buch ‚Shenzhen‘ genauer beleuchte.

ITB: Sie schreiben in der Einleitung dieses Buches „Innovation gedeiht am besten in Freiheit“. Widerspricht sich dies nicht, wenn man auf das politische System in China blickt?

Sieren: Freiheit kann ja sehr unterschiedliche Bereiche umfassen. Zum Beispiel die Freiheit, sich zivilgesellschaftlich zu entfalten. Oder aber die Freiheit für Innovation, den Spielraum zu haben, Neues zu entwickeln. Bei der politischen Freiheit wird der Spielraum geringer, bei der Freiheit zur Innovation wird er größer. Dieser Widerspruch hat mit der Geschichte Chinas zu tun. Im 19. Jahrhundert haben die Chinesen mal eben aus einer Mischung aus Überheblichkeit und Lethargie die industrielle Revolution übersehen. Das hat dazu geführt, dass sie wirtschaftlich ins Hintertreffen geraten sind, die politische Kontrolle verloren haben, das stolze Land teilkolonialisiert wurde und in einem Bürgerkrieg versunken ist. Dieses Trauma ist bis heute tief in der Gesellschaft verankert. Deshalb geht es China heute vor allem um zwei Themen: nie wieder die Kontrolle verlieren und nie wieder einen Innovationsschub verpassen. Allerdings muss auch die chinesische Politik sich irgendwann entscheiden, ob sie mehr Kontrolle will oder mehr Innovation. Einstweilen gelingt es jedoch noch, beides parallel laufen zu lassen. Und deshalb fühlt sich ein politischer Aktivist sehr unfrei, ein Startup-Unternehmer sehr frei.

ITB: Welche Rahmenbedingungen herrschen in Shenzhen, um dieses Innovationstempo hinzulegen?

Sieren: Da kommen viele Faktoren zusammen. Die Stadt ist mit einem Durchschnittsalter von 29 Jahren sehr jung. Mit Hongkong ist das drittgrößte Finanzzentrum der Welt gleich um die Ecke. Die Produktion ist ebenfalls vor Ort. Das bedeutet: ich kann mit meinem Prototyp zu einem erfahrenen Produktionsleiter gehen und er weiß, was zu tun ist, um daraus schnell ein Massenprodukt zu entwickeln.

ITB: Das sind Stärken, die ich an anderen Orten nur schwer nachbilden kann.

Sieren: Das ist richtig und nicht alles: Die Menschen sind im Zuge der nachholenden Modernisierung sehr offen für technologische Innovation, weil sie davon lange ausgeschlossen waren und jetzt das Bedürfnis haben, viel auszuprobieren in einem Staat, der aus bitteren Fehlern der Vergangenheit gelernt hat und nun alles dafür tut, schnellstmöglich viel Innovation zu ermöglichen.

ITB: Wie gelingt dies?

Sieren: Es gibt eine sehr effiziente Form der staatlichen Förderung. Die Kommunisten haben eine Weile gebraucht. Aber nun haben sie verstanden, dass man Innovation nicht per Planwirtschaft verordnen kann, sondern Wettbewerbs-Cluster schaffen muss. Deshalb stattet der Staat ‚Innovations Cluster‘ mit Personal, Geld und Infrastruktur aus und lässt diese dann im freien Wettbewerb um das beste Produkt konkurrieren. Erst wenn Quasimonopole entstehen, wie im Fall Alibaba, greift er wieder ein.

ITB: Wollte man sich nun von diesen Rahmenbedingungen etwas für mehr Innovation in Europa und Deutschland abschauen, was wäre das?

Sieren: Viele dieser Faktoren können wir nicht kopieren. Das heißt aber nicht, dass wir die Innovationsfähigkeit Europas nicht dennoch stärken können. Beim Zusammenspiel zwischen Staat und Unternehmen anzusetzen, ist sicherlich nicht verkehrt. Wir haben hierzulande eine sehr gute Grundlagenforschung. Daraus Massentechnologien werden zu lassen ist allerdings nicht unsere Stärke. Es fehlt Geld und Infrastruktur. Hier könnten der Staat und die Wirtschaft noch besser zusammenarbeiten.

ITB: Oft hat man auch den Eindruck, dass neue Technologien vor allem mit Skepsis beäugt werden...

Sieren: Das ist der zweite Punkt. Wir können gute Technologie nicht verhindern. Das sieht man an der Geschichte. Man denke nur an das Red-Flag-Gesetz in England. Das verpflichtete Autobesitzer, eine Person mit einer roten Fahne vor dem Vehikel laufen zu lassen, um andere zu warnen. Das hat die Kutschenindustrie sehr gefreut, aber am Ende das Auto nicht verhindert. Deshalb bringt es wenig neuen Technologien zu ignorieren oder gar zu verteufeln, sondern uns neugierig fragen: Welche dieser Technologien und Bereiche sind nützlich für uns und welche Spielregeln wollen wir? So haben wir das beim Auto auch gemacht. Erst war das Auto da, dann kamen irgendwann der Sicherheitsgurt, der Airbag, das ABS und nun gar das autonome Fahren.

ITB: Aber wie erreicht man diese Offenheit? Sind wir alle zu sehr gesättigt und mit dem Erhalt des Status quo beschäftigt?

Sieren: Man muss den Leuten am Beispiel des Autos oder des Smartphones noch einmal vor Augen führen, welche Vorteile sie daraus ziehen. Das Smartphone ist ein Teil unseres Alltags. Wenn wir nun die Weltmeister der Technologieverhinderung werden, weil es uns zu mühsam ist, uns mit neuem zu beschäftigen, bekommen wir ein Problem. Nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch was unser Wertesystem betrifft. Denn nur wenn wir wirtschaftlich stark sind, werden wir noch an den Tisch gebeten, an dem die multipolare Weltordnung und deren Werte ausgehandelt werden. Früher saß am Tisch, wer die stärkste Armee hatte, heute der, der die stärkste und innovativste Wirtschaft und Technologie hat. Wenn uns unsere Werte wichtig sind, und wir möglichst viel davon in eine neue Weltordnung einbringen wollen, dann müssen wir wirtschaftlich stark sein. Und das können wir nur mit China und nicht ohne. Werte, Wirtschaft und China ist ein kompliziertes Dreiecksverhältnis. Die Alternative ‚Werte oder Wirtschaft?‘, vor die uns manche stellen, ist längst nicht mehr komplex genug.

ITB: An Europa sind ja in der jüngsten Vergangenheit bereits mehrfach Entwicklungen vorbeigegangen. Man denke an E-Autos und die Hyperscaler. Da waren wir zu langsam und haben nun Mühe, Schritt zu halten.

Sieren: Ja, das ist ein Negativbeispiel. Die US-Plattformen wie Twitter, Google, Amazon oder Facebook haben wir einfach über uns hinweg schwappen lassen. Und nun versuchen wir hinterher Spielregeln, hinsichtlich Datenschutz und Steuervermeidung, einzuziehen. Das sollte uns nicht mehr passieren. Bei China schon gar nicht. Die Evaluation einer neuen Technologie muss ein routinierter und wenig emotionsgeladener Vorgang sein, an dessen Ende eine nüchterne Chancen-Risiken Bewertung steht mit Maßnahmen, um die Risiken einzudämmen. Da kommen unterschiedliche Länder zu unterschiedlichen Einschätzungen. Selbst innerhalb Europas. Unter den Städten mit der höchsten Dichte von Überwachungskameras sind 9 Städte aus China und London. Dort hat man sich in der Balance zwischen Sicherheit und Freiheit mehr für Sicherheit entschieden. Die Engländer haben eben andere Erfahrungen mit Terrorismus, während unsere Einschätzung in Deutschland geprägt ist von der Erfahrung des Missbrauchs von Daten im 3. Reich und der DDR. Diese Unterschiede muss man akzeptieren. Das ist auch eine Stärke der jeweiligen Gesellschaft. Und entsprechend muss man die eigenen Spielregeln definieren. Zu glauben, dass alles was aus China kommt, hinterhältig ist und deshalb verboten werden muss, schadet einem am Ende selbst.

ITB: Da drehen wir uns nun wieder im Kreis. Wenn ich die Spielregeln definieren möchte, muss ich bei Innovationen mit dabei sein, sonst laufe ich eben hinterher.

Sieren: Die Jahrhunderte, in denen die Minderheit des Westens die Spielregeln der Mehrheit der Welt bestimmen kann, sind jedenfalls nun vorbei. Wir waren der Überzeugung, wir bauen die besten Autos der Welt, also bestimmen auch wir deren globalen Normen. Dann haben die Chinesen aber mal eben umdefiniert, was das beste Auto der Welt ist: Eines mit einer effizienten, sicheren Batterie, der besten Vernetzung und dem besten Design beziehungsweise Markenimage. Bei den ersten beiden Punkten sind die Chinesen bereits weltführend. Designer kaufen sie sich ein. Markenbildung ist allerdings noch eine Schwäche.

ITB: Da spielt aber auch wieder der Innovations-Beschleuniger Massenmarkt einer Rolle. Wer einen riesigen Binnenmarkt hat, den er mit neuen Technologien bedienen kann, tut sich leichter. Aber es gehört natürlich auch eine gute Portion unternehmerisches Risiko und Mut dazu.

Sieren: Aufsteiger sind immer mutiger, die Etablierten verzagter. So, wie der Adel im 19. Jahrhundert damit zu kämpfen hatte, dass die Mehrheit auf einmal mitbestimmen wollte, kämpft der Westen nun auf globaler Ebene. Nicht nur mit Entwicklungen in China, sondern in ganz Asien. Die Afrikaner werden ihnen folgen. Kurz: Wir werden dramatisch an politischem und wirtschaftlichem Einfluss verlieren. Unsere einzige Möglichkeit im Spiel zu bleiben, ist Innovation.

ITB: Und für die brauchen wir Geschwindigkeit...

Sieren: Es geht dabei um die richtige Balance beispielsweise zwischen Datenschutz und Innovationsgeschwindigkeit. Bei uns wird das immer so diskutiert, als sei der Datenschutz das Allheilmittel. Man kann beim Abwägen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, die man jeweils sehr gut begründen kann. Aber wir müssen in diesen Dualitäten denken und immer im Hinterkopf behalten: wenn uns unsere Werte wichtig sind, brauchen wir Innovation. Wenn wir keine Innovation mehr haben, brauchen wir auch keinen Datenschutz mehr – dann sind wir aber sowieso abgehängt.

ITB: Shenzhen hat diese Balance anders austariert. Was hat Sie in dieser Stadt am meisten beeindruckt?

Sieren: Die Offenheit für Innovation, die Begeisterung, Dinge auszuprobieren und neue Wege zu gehen, umzudenken. Was mich erstaunt hat ist, dass man in der Lage war, in relativ kurzer Zeit eine funktionsfähige 20 Millionen Stadt aufzubauen. Inklusive lebenswerter Subkultur. Die entsteht, weil all die Forscher und Entwickler auch mal Spaß haben wollen. Deshalb ist Shenzhen eine Stadt der Kunst, des Designs, eine Stadt der E-Musik und sogar des Graffiti.

ITB: Das erscheint ein wenig surreal, will man diese facettenreiche Metropole mit dem Bild von China in Einklang bringen, das viele in Europa haben.

Sieren: Die Frage ist, woher kommt es, dass wir China so monolithisch denken? Das hat damit zu tun, dass die Etablierten die Aufsteiger gerne an den schlechtesten Eigenschaften messen, und sich selbst an den besten. Das führt dazu, dass man einen einseitigen Blick entwickelt. Und mit diesem engen Blick schaden wir uns selbst. Denn wenn wir bei China nur an Kommunismus, Planwirtschaft denken, dann werden wir natürlich eines Tages genauso überrascht werden, wie die Chinesen im 19 Jahrhundert von der industriellen Revolution der Europäer überrascht wurden.

ITB: Was bedeutet das für Unternehmen?

Sieren: Unternehmen müssen nach China. Da ist noch unglaublich viel Spiel nach oben. Die letzten 20 Jahre waren dort geprägt durch nachholende Modernisierung und China als ‚Fabrik der Welt‘. In den nächsten 20 Jahren wird China Innovationsland und -Markt sein. Wenn die IT-Industrie Zeit sparen möchte, dann lohnt sich der Gang nach China, wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen wir in China Erfahrung sammeln. Da ist noch viel Luft nach oben. China, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, hat erst ein Pro-Kopf-Einkommen das unter dem von Rumänien liegt.

ITB: Was in der IT-Branche also lange Zeit der Blick in Richtung USA war, könnte künftig um den Blick in Richtung Asien ergänzt werden. Sprich: ohne Zusammenarbeit geht es nicht.

Sieren: Auch China schafft nicht alles allein. Innovationen sind heute internationale Entwicklungen. Auch die Chinesen haben große Forschungszentren in USA und Europa. Die Erkenntnis, dass sie es nicht allein schaffen, war für die Chinesen eine bittere. Während Mao Zedong noch glaubte, das geht alleine, musste sein Nachfolger Deng Xiaoping dem Volk die Nachricht überbringen: wir brauchen vom Ausland Hilfe. Von dieser Entscheidung hat die Welt stark profitiert. Die Offenheit mit Europa zusammenzuarbeiten ist in China viel größer, als die Offenheit von Europa mit China zusammenzuarbeiten. Das muss sich ändern. Wir können und müssen deutlich sagen, in welchen Bereichen wir mit dem politischen System nicht einverstanden sind, wo es nicht unseren Werten entspricht. Aber wir können die Chinesen nicht mehr zwingen, sich zu ändern. Wir können aber selbst überzeugend sein. Viele westliche Errungenschaften, wie Pressefreiheit, Rechtsstaatlichkeit, Zivilgesellschaft, sind auf lange Sicht für China noch interessanter als es derzeit scheint.

ITB: Herr Sieren, vielen Dank für dieses Gespräch.

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