Wo das Pendulum am stärksten schwingt: DWS und NorthCRechenzentren zwischen Boom und Existenzkrise
Von
Anna Kobylinska und Filipe Martins*
9 min Lesedauer
Inmitten des KI-Booms stehen Datacenter-Betreiber vor gewaltigen Herausforderungen. Die Rechenzentrumsbranche erlebt eine Phase der Marktbereinigung. Pure Absurdität?
Kaum zu glauben, aber wahr: Es gibt Datacenter-Stilllegungen und Schließungen, trotz KI und Bau-Boom. Das Autoren-Duo Anna Kobylinska und Filipe Martins kümmern sich umd das Aus und beschreiben, wo das Pendel am stärksten ausschlägt.
Die Rechenzentrumsbranche steckt in einem scheinbaren Widerspruch: Während der Bedarf an Rechenleistung durch Künstliche Intelligenz und Digitalisierung explosionsartig wächst, macht sich gleichzeitig eine branchenweite Konjunkturflaute breit. Betreiber drehen jeden Cent zweimal um, Investoren drücken auf die Bremse.
Von Shenzhen, China nach London, Großbritannien: Wei Li, Managing Director, Global Chief Investment Strategist bei Blackrock, verdankt ihren Karrieresprung der hohen Trefferquote ihrer weitsichtigen Prognosen.
(Bild: Blackrock)
Wei Li, Global Chief Investment Strategist bei Blackrock, hat die zentrale Rolle von Rechenzentrumsinfrastruktur – insbesondere in Europa und weltweit – im aktuellen, KI-getriebenen Investitionszyklus hervorgehoben. Ihren Prognosen zufolge könnte das KI-getriebene Rechenzentrums-Investment in den kommenden Jahren jährlich um 60 bis 100 Prizent wachsen, getrieben sowohl durch technologischen Wettbewerb als auch durch Anforderungen der Energiewende (siehe zu BlackRocks Investitionen im Rechenzentrumsmarkt auch den Artikel: „Das riecht quasi nach großem Geld. Blase, Boom, Risiken - das Datacenter-Deutschland aus Sicht der Geldgeber“).
Die Auswirkungen dieses Ausbaus gehen weit über die etablierten Technologiekonzerne hinaus; bedeutende Chancen werden auch für Branchen wie Versorger, Energie, Materialien, Industrieausrüstung und Immobilien in Europa und anderen Regionen erwartet. Dieser Boom spielt sich vor dem Hintergrund verstärkter regulatorischer Weichenstellung in Richtung der Net-Zero-Ziele für Technologie- und Dateninfrastruktur.
Die daraus resultierenden Investmentimplikationen sind zwiespältig. Die Zukunft vieler älterer und kleinerer Rechenzentren steht aktuell auf der Kippe.
Großwetterlage: bewölkt und wechselhaft mit kalten Schauern
Das Finanzierungsklima für Rechenzentren hat sich in den vergangenen 18 Monaten spürbar eingetrübt. Die Zinswende, ausgelöst durch globale Inflationsängste und die restriktive Geldpolitik der Zentralbanken, hat die Kapitalbeschaffung erheblich erschwert.
Zölle. Drohende Lieferengpässe, weite Beschaffungswege globaler Lieferketten und neue regulatorische Vorgaben haben sowohl den Neubau und die Modernisierung verteuert als auch den Betrieb - ein doppelter Tiefschlag. Für manche modernisierungsreife Facility hat das letzte Stündchen geschlagen.
Der Markt für Dienstleistungen rund um die Stilllegung von Rechenzentren soll Prognosen zufolge mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 6,98 Prozent im Zeitraum zwischen 2024 und 2032 wachsen.
(Bild: 360iResearch)
Während in der niedrigen Zinsphase noch großflächig investiert und expandiert wurde, agieren Banken und Investoren inzwischen deutlich vorsichtiger. Insbesondere kleine und mittelständische Betreiber spüren die Zurückhaltung: Finanzierungen für Modernisierungen, Erweiterungsprojekte oder Greenfield-Initiativen sind schwerer zu erhalten und oft nur zu ungünstigeren Konditionen verfügbar.
Parallel dazu verschiebt sich die Nachfrage durch den rapiden Aufstieg von AI-Workloads: Großprojekte, die massive Rechenleistungen und spezialisierte, energiehungrige Infrastrukturen benötigen, konzentrieren sich verstärkt auf große Hyperscaler oder spezialisierte neue Anlagen. Das klassische Co-Location- oder Enterprise-Geschäft kleiner Rechenzentren verliert dagegen an Attraktivität, weil die Kunden zunehmend flexible, skalierbare und KI-optimierte Ressourcen einfordern.
Auch bei den Strompreisen zeigt sich eine neue Unsicherheit: Regionale Unterschiede, politische Eingriffe, schwankende Börsenpreise und neue Abgaben stellen Betreiber vor zusätzliche Herausforderungen. Während große Anbieter zunehmend langfristige Stromlieferverträge (PPAs) abschließen können, fehlt vielen kleineren Häusern die Verhandlungsmacht oder der Zugang zu grünem Strom zu wettbewerbsfähigen Preisen.
Hinzu kommen Engpässe beim Netzzugang, die insbesondere für neue, leistungshungrige Projekte die Standortwahl und Realisierbarkeit stark einschränken. Insbesondere im Segment der kleinen Rechenzentren macht sich eine gewisse Zurückhaltung breit.
Der Artikel ist der Einstieg in des eBook "Das Aus" von Anna Kobylinska und Filipe Martins für DataCenter-Insider. Die beiden befassen in ihrem Werk auch noch mit: - den Gründen für das Aus hinter den Kulissen in Kapitel 2 "Wenn Datacenter dicht machen (und warum)" - wie man mit System abschaltet und der Frage von Kapitel 3 "Retrofit oder Rückbau und Rückgabe?" sowie - dem Rückbau als Service und welchen Mehrwert das bringen kann in Kapitel 4 "Boom ...! Geschlossen.
Stand: 08.12.2025
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eBook: Das Aus
Datacenter-Rückbau: mit System zur planmäßigen Abschaltung
eBook: Datacenter-Rückbau: mit System zur planmäßigen Abschaltung
Pure Absurdität? Mitten im Datacenter-Bau-Boom drehen Betreiber jeden Cent zweimal um, Investoren drücken auf die Bremse.
Angesichts steigender technischer wie auch regulatorischer Anforderungen geraten mittelständische Betreiber ohne externe Finanzierungsmöglichkeiten gegenüber größeren Marktakteuren ins Hintertreffen. Investitionen in Modernisierung oder Ausbau werden zwangsweise auf die lange Bank geschoben, während der regulatorische Druck steigt.
Gleichzeitig verlagern Großkunden ihre Workloads bevorzugt in modernere Hyperscaler-Rechenzentren oder in nagelneue KI-Fabriken. Die zwei Welten leben sich auseinander. Am Horizont: eine Welle der Datacenter-Modernisierung und -Stilllegung
Doch ist eine Schließung nicht gleich einer Stilllegung beziehungsweise ein Auslaufenlassen. Und wo ist Scham angebracht?
Gefangen im Strudel der Konsolidierungswelle, die gerade den Markt umwälzt, sehen sich kleinere Anbieter zwischen Baum und Borke. Besonders kleine und ältere Rechenzentren stehen vor gewaltigen Herausforderungen.
Viele Inhouse-Rechenzentren müssen dringend technologisch nachrüsten. Mit einem PUE von deutlich über 2 ist kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Moderne Rechenzentren wie der Datacube von Netrics erreichen bereits PUE-Werte von weniger als 1,24. Der Betrieb solcher Anlagen stellt eine wirtschaftliche wie auch regulatorische Herausforderung dar. Eine Lösung: das Datacenter-Outsourcing.
Brandenburg steht am Scheideweg: Nur mit nachhaltiger Investition in die Netzinfrastruktur kann die Region zur zentralen Drehscheibe der digitalen Ökonomie werden. In der Abbildung: Ein Rechenzentrum der PBIT Systeme GmbH & Co. KG., ausgezeichnet mit dem Blauen Engel.
(Bild: PBIT Systeme GmbH & Co. KG)
Viele Betreiber warten jedoch lieber neue Konjunktursignale ab. Statt Expansion steht für sie das nackte Überleben, Konsolidierung oder die Suche nach strategischen Partnerschaften im Vordergrund.
Betreiber spezialisierter Rechenzentren können die nötigen Investitionen für den Aufbau von KI-Infrastrukturen nicht aus eigener Kraft bewältigen, glaubt John Dinsdale, Chief Analyst bei Synergy Research Group. Sie sind absolut auf externe Finanzierung angewiesen.
Selbst Hyperscaler wie Amazon, Google und Microsoft und globale Co-Location-Anbieter wie Equinix und Digital Realty wollen die enormen Investitionen in KI-Infrastruktur nicht allein aus Eigenmitteln stemmen. Stattdessen holen sie verstärkt Private Equity, Joint Venture-Partner oder Finanzinvestoren an Bord. Das Resultat ist ein Verdrängungswettbewerb.
Wer die KI-Chance beim Zopf packen will, braucht Fremdkapital. Das läuft auf eine Branchenkonsolidierung hinaus.
Übernahmen durch größere Anbieter oder spezialisierte "Consolidators" nehmen zu. Während im Jahr 2022 noch einzelne Mega-Deals den Markt prägten, geht das Rekordvolumen von 2024 hauptsächlich auf eine hohe Anzahl kleinerer Transaktionen mit einem Wert unter zwei Milliarden Dollar zurück. Private, außerbörsliche Investoren dominieren mittlerweile 80 bis 90 Prozent der Finanzierungsaktivitäten im Rechenzentrumsbereich – ein deutlicher Anstieg gegenüber den 54 Prozent vor fünf Jahren.
Für einen wachsenden Anteil traditioneller Standorte bedeutet das: Sie stehen auf dem Prüfstand, sind bereits auf der Abschussliste oder werden zur Übernahme angeboten.
Der Markt für Fusionen und Übernahmen erreichte laut Synergy Research Group im Jahre 2024 mit 57 Milliarden Dollar einen historischen Höchstwert.
Die Branche erlebt eine Phase der Konsolidierung und einer strategischen Neuausrichtung, in der die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit eine überlegene Rolle spielt. Wer nicht schnell genug adaptieren kann, muss womöglich die rote Karte einstecken.
Schließungen und Scham
Schließungen sind meist wenig ruhmreich und werden selten öffentlich gemacht, besonders wenn es sich um kleine oder interne Rechenzentren handelt. Aufgrund von Datenschutz- und Sicherheitsbedingten Bedenken nehmen viele Unternehmen ein Blatt vor den Mund, besonders, wenn etwa noch Behörden involviert sind.
Eine Schließung ist nicht gleich einer Stilllegung beziehungsweise dem Auslaufenlassen. Manche Betreiber „schließen“, indem sie den Betrieb langsam einstellen, Kunden migrieren, Hardware entfernen oder nicht mehr warten. Das wird oft nicht als formale Schließung kommuniziert.
Woanders treten Probleme schon vor Baubeginn auf.
Kalte Füße noch vor Baubeginn? Kein Anschluss unter dieser Nummer
In Deutschland müssen neue Rechenzentren bis zu sieben Jahre auf den Anschluss ans Stromnetz warten – weltweit beinahe ein Rekord. Diese Verzögerungen machen viele RZ-Projekte wirtschaftlich unrentabel. Das eine oder andere groß angelegte Bauvorhaben wurde überraschend abgebrochen, bevor die erste Schaufel gehoben werden konnte.
Ein aktuelles Beispiel liefert das Land Brandenburg. Zwar treiben einzelne Anbieter wie Vantage Data Centers ihre Expansionspläne in Orten wie Neuenhagen, Genshagen oder Wustermark vor, doch faktisch bleiben die Anschlusskapazitäten das Nadelöhr — ungeachtet der starken Nachfrage und der Finanzierungsbereitschaft durch die Investoren.
Redundantes Stromversorgungskonzept im Rechenzentrum der PBIT Systeme GmbH & Co. KG in Berlin-Brandenburg: 500 Quadratmeter Solarfläche in Süd-Ausrichtung auf dem Dach und an der Fassade versorgen die Facility mit eigenem Solarstrom.
(Bild: PBIT Systeme GmbH & Co. KG)
Die politischen Zielsetzungen – etwa aus dem Koalitionsvertrag der Bundesregierung – erheben Rechenzentren zu Konjunkturtreibern. Doch der Amtsschimmel verschafft der Flut an Neubauten einen Dämpfer. So sind schon etliche internationale Investitionsprojekte zwischendurch auf Eis gelegt oder abgesagt worden (siehe: Kapitel 2 im eBook).
Unter dem Hammer: Das Gedränge um „Versorger-Renditen“
Statt ungeachtet der Unsicherheiten zu investieren, bieten manche Eigentümer ihre Facilities stattdessen zum Verkauf an. Der Markt steht gerade auf dem Höhepunkt. Energie-effiziente Rechenzentren gelten als zukunftsträchtig – mit stabilen, langfristig planbaren Einnahmen durch Verträge mit Unternehmen, Behörden und Gesundheitseinrichtungen. So wechseln viele Facilities die Hände; die Branche „verdichtet“ sich weiter.
Colt Technology Services verkaufte im April 2025 sechs europäische Rechenzentren an NorthC, ein deutliches Frühsignal für die fortschreitende Marktbereinigung. Die Transaktion umfasst Standorte in wichtigen Metropolregionen wie Frankfurt, Berlin, Hamburg, München, Düsseldorf und Amsterdam mit einer Gesamtkapazität von 24 MW. Mit dem Deal wechselten rund 400 Co-Location-Kunden von Colt zu NorthC; viele bleiben dennoch Netzwerk-Kunden bei Colt.
Das Beispiel ist bei Weitem kein Einzelfall der fortschreitenden Branchenkonsolidierung.
Die DWS und NorthC
Die DWS Group, die Vermögensverwaltungssparte der Deutschen Bank, veräußert aktuell ihre Beteiligung an der europäischen Rechenzentrumsplattform NorthC. Die Entscheidung der DWS basiert auf mehreren strategischen Überlegungen.
Erstens haben sich die Bewertungen für Rechenzentren in den letzten Jahren enorm gesteigert. Fonds und institutionelle Investoren sind bereit, weltweit Rekordsummen dafür zu zahlen. Gleichzeitig hat NorthC durch die jüngste Übernahme von sechs Standorten der Colt Technology Services in Deutschland und den Niederlanden seinen Wert noch einmal deutlich steigern können. Der Plattform-Charakter von NorthC, mit starken lokalen Standorten und regionaler Bedeutung, bietet große Synergiepotenziale und lockt Investoren an, die auf weiteres Wachstum setzen.
Zweitens folgt der Verkauf einer breiteren Neuausrichtung der DWS: Das Unternehmen will seine Mittel gezielt umschichten und Gewinne realisieren, um in andere attraktive Infrastrukturprojekte zu investieren und Sonderdividenden auszuschütten. Die Veräußerung fügt sich in das Ziel der DWS ein, sich auf Kernthemen und besonders renditestarke Bereiche zu konzentrieren.
Da Rechenzentren aktuell als besonders liquide und lukrativ gelten, ist der optimale Zeitpunkt für einen Verkauf erreicht. Solche Opportunitäten gibt es an den globalen Märkten nur selten: Die Versuchung, einen hohen Einmalgewinn mitzunehmen, ist groß.
Zum dritten ist auch die Politik ein Faktor. Die europäische Förderlandschaft setzt klare Anreize für Investitionen in digitale Infrastruktur, einschließlich Rechenzentren. Das Aufkommen neuer politischer Anforderungen an Energie-Effizienz und Nachhaltigkeit schafft erhöhte Investitionsbereitschaft und Konkurrenz um Bestands-Assets.
NorthC ist mit seinem Wachstum und seinen regionalen Sparten gut aufgestellt, um von diesen Trends zu profitieren – was die Attraktivität für Käufer erhöht. Der Verkauf wird von renommierten Investmentbanken wie Torch und Evercore begleitet, die einen strukturierten Bieterprozess vorbereiten.
Die Konsequenzen für die Kunden
Was die Erwerber betrifft, so haben sich laut aktuellen Medienberichten bereits potenzielle Interessenten gemeldet. Insbesondere internationale Infrastruktur- und Private-Equity-Fonds zeigen großes Interesse. Namen möglicher Käufer wurden bislang noch nicht offiziell genannt, doch das Marktumfeld verspricht regen Wettbewerb und entsprechende Gebote, die deutlich über zwei Milliarden Euro liegen könnten.
Der geplante Eigentümerwechsel bedeutet für die Standorte und Mitarbeiter keinen Rückzug oder gar eine Schließung. Im Gegenteil: NorthC expandiert weiterhin und sichert die Betriebsbereitschaft aller Standorte. Die Käufer möchten von der Wachstumsdynamik und dem Trend zu privater und öffentlicher Digitalisierung profitieren – ein Rückbau oder eine Reduktion der Infrastruktur steht nicht zur Debatte. Vielmehr ist die Übernahme für Investoren ein Eintrittsticket in einen der wichtigsten Wachstumsmärkte Europas.
Für die europäische Rechenzentrumsindustrie könnte der Fall Signalwirkung entfalten: Der erwartete Milliarden-Deal zeigt, dass regionale Plattformmodelle auch für große Finanzinvestoren zu attraktiven Übernahmezielen geworden sind und die Asset-Klasse „Rechenzentrum“ endgültig in den Mainstream internationaler Kapitalmärkte gerückt ist.
*Das Autorenduo
Das Autorenduo besteht aus Anna Kobylinska und Filipe Pereia Martins. Die beiden arbeiten für McKinley Denali, Inc., USA.
Ihr Fazit lautet:
Die Gewährleistung der Sicherheit einer KI-Fabrik erfordert einen ganzheitlichen Ansatz, der sowohl digitale als auch physische Schutzmaßnahmen mit ins Visier nimmt. Durch den Einsatz spezialisierter Lösungen von Anbietern wie F5, Cisco und Qualys können Unternehmen ihre KI-Infrastrukturen effektiv vor einer Vielzahl von Bedrohungen schützen und gleichzeitig die Einhaltung regulatorischer Anforderungen sicherstellen.