Gebrauchtsoftware On-Prem lässt sich von der Cloud nicht vertreiben

Von Dr. Stefan Riedl 8 min Lesedauer

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„Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“, heißt es so schön. Was bedeutet das für Gebrauchtsoftware-Händler? Mitnichten sind Perpetual-Lizenzen kalter Kaffee. Vielmehr werden vielerorts Workloads wieder aus der Cloud ins eigene Rechenzentrum geholt – „Cloud Repatriation“.

Welche Zukunft hat On-Prem-Software im Cloud-Zeitalter?(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Welche Zukunft hat On-Prem-Software im Cloud-Zeitalter?
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

Das anstehende Support-Ende von Windows 10 und Office-2019-Lizenzen prägen derzeit den Gebrauchtsoftware-Markt, sagt Björn Orth, Geschäftsführer bei Vendosoft. Jetzt sei der Zeitpunkt, an dem sich viele Unternehmen zwischen Neukauf oder Wechsel in die Cloud entscheiden. Doch beides sind aus Orths Sicht teure Alternativen. „Wir merken, dass Budgetverantwortliche mehr als sonst gebrauchte Lizenzen in Erwägung ziehen“, was ja auch nur sinnvoll sei. Office 2024 zum Beispiel biete sein Unternehmen längst gebraucht an – damit könne ein Unternehmen die Neuanschaffung rechtssicher, technisch identisch, aber 30 bis 40 Prozent günstiger umsetzen. In den aktuellen wirtschaftlich angespannten und unsicheren Zeiten sei das mehr denn je ein Faktor.

Hintergrund

Geschäftsmodelle ändern sich

Vor rund 100 Jahren war „radioaktive Zahnpasta“ ein Verkaufsschlager. 50 Jahre zuvor waren Hochräder „the next big thing“ und weitere 50 Jahre vorher, im Jahr 1820 verkaufte Johnnie Walker erstmals seinen schottischen Whisky. Zwei der drei genannten Produkte haben sich nicht durchgesetzt. Aktuell stellt sich die Frage, ob es für gebrauchte Software eine Zukunft gibt, denn Cloud Computing, das Subscription-Modell und „Software as a Service“ könnten den Markt für Kauflizenzen (aus dem sich Gebrauchtlizenzen speisen) obsolet machen. Fragt man Gebrauchtsoftwarehändler, wie sie sich vor diesem Hintergrund für die Zukunft rüsten, wird einerseits bezweifelt, dass der Markt für Gebrauchtlizenzen wegbrechen könnte, andererseits stellen sie bereits ihr Geschäftsmodell um, hin zu mehr allgemeiner Lizenzberatung und Softwaredistribution.

Zukunftsperspektiven für den Gebrauchtsoftware-Markt

Björn Orth, Geschäftsführer, Vendosoft(Bild:  Vendosoft)
Björn Orth, Geschäftsführer, Vendosoft
(Bild: Vendosoft)

Es gebe das hartnäckige Narrativ, Digitalisierung funktioniere nur über die Cloud, schildert der Manager seine Sichtweise auf den Markt. Für etliche Bereiche sei das auch richtig. „Für die Lizenzierung mit Microsoft kann ich Ihnen unter unseren Kunden aber hochmoderne Betriebe nennen, die „on-prem-only“ fahren – und das auch weiterhin wollen.“ Zur Wahrheit gehöre schließlich auch, dass die Cloud nicht grundsätzlich sicherer, flexibler und günstiger sei als gekaufte Software. „Diese Erfahrung machen immer mehr Unternehmen, insbesondere, was die Kosten angeht“, so Orth und wird konkret: Stellt man zum Beispiel nebeneinander, was M365 Apps for Enterprise und Office 2024 als gebrauchte Lizenz von Vendosoft im Dreijahresvergleich kosten, dann fällt die Entscheidung für gebrauchte Lizenzen sehr leicht. „Aus der Belastung der hohen Abo-Gebühren resultiert meiner Meinung nach auch, dass sich IT-Abteilungen gerade gezielt mit alternativen Lizenzmodellen beschäftigen.“ Blindlinks in die Cloud wird seltener gegangen und die Nachfrage nach Beratung zieht an.

Es geht nicht mehr blindlinks in die Cloud und die Nachfrage nach Beratung, was die beste Lösung ist, steigt.

Björn Orth, Geschäftsführer, Vendosoft

Datensicherheit und Datensouveränität

Die Themen Datensicherheit und Datensouveränität bekommen mit Blick in die USA derzeit wieder mehr Gewicht. „Wer sensible Informationen wirklich sicher speichern will, vertraut besser auf On-Premises und nutzt die Microsoft Cloud nur da, wo sie sinnvoll ist“, sagt der Manager. Eine hybride IT-Landschaft mit M365 und gebrauchten Lizenzen erweist sich nach seiner Lesart oft als die bessere Lösung, denn die Unternehmen bleiben so flexibel, sicher und zukunftsfähig zu einem günstigen Preis. „Insofern sehe ich nicht, dass M365 auf absehbare Zeit das einzig denkbare Lizenzierungsmodell wird“, sagt der Geschäftsführer.

Hintergrund

Ein Gedankenspiel über schwarze Schafe und Dokumentationen

Angenommen, ein Händler von gebrauchter Software kauft 1.000 Nutzungsrechte einer Software und hat dies gut dokumentiert. Doch woher weiß der Endkunde, dass dieser Händler auch nur maximal 1.000 Stück weiterverkauft? Nehmen wir an, er verkauft jeweils 200 an Kunde A, B, C, D und E. Jedem gibt er jeweils eine Kopie seiner Dokumentation über den Erwerb der 1.000 Nutzungsrechte. Damit ist er eigentlich fertig. Alles ist verkauft. Aber wer hindert ihn daran, nochmal 200 Lizenzen an Kunde F mitsamt einer weiteren Kopie seiner Dokumentation zu verkaufen? Ab dem Zeitpunkt wäre der Gebrauchtsoftwareverkauf nicht mehr legal und für den Käufer wäre das nicht transparent. Daher sind beim Vertrieb gebrauchter Volumenlizenzen Absicherungsprozesse und Dokumentationen sinnvoll, die seriöse Anbieter zu leisten imstande sind. Dazu können unter anderem zählen: Vernichtungserklärung des verkaufenden Unternehmens; Offizielles License-Statement vom Lizenzgeber; Auszug aus dem Volume Licensing Service Center, Lizenzvertragskopien sowie Rechnung vom Lizenzgeber.

Haben Sie jemals rechtliche Herausforderungen oder Konflikte in Bezug auf den Handel mit gebrauchten Lizenzen erlebt? Wenn ja, wie haben Sie diese gelöst?

Wenn der Auditor zweimal klingelt

Im Falle eines Audits beim Kunden – beispielsweise im Auftrag von Microsoft – begleitet Vendosoft durch den Prozess und legt bei Bedarf die Rechtekette offen. „Die Konstruktionsgruppe Bauen zum Beispiel – ein mittelständisches Ingenieurbüro mit etwa 150 Mitarbeitenden – durchlief ein Microsoft-Audit kurz nachdem sie erstmals gebrauchte Software bei Vendosoft gekauft hatten“, berichtet der Manager. Die Office- und Serverlizenzen erhielten jedoch anstandslos die Legitimation. „Da wir seit unserer Gründung 2014 jeden Ankauf durch Wirtschaftsprüfer verifizieren lassen und auch Verkäufe ab 3.500 Euro automatisch mit Bestätigung eines Wirtschaftsprüfers versenden, überrascht das nicht“, so Orth. „Unsere Software aus zweiter Hand stammt ausschließlich aus dem Europäischen Wirtschaftsraum; Herkunft, Nutzungsrecht, Vernichtungserklärung, etc. entsprechen den gesetzlichen Vorgaben.“

Die Krux mit dem „Multiple Activation Key“

Ein Problem, mit dem immer mal wieder Unternehmen zu Vendosoft kommen, die anderswo gekauft haben, seien Lizenzen, die per „Multiple Activation Key“ aktiviert wurden. „Wer das auf dem Server eines Gebrauchtsoftware-Anbieters vornehmen lässt, verliert die Hoheit über die erworbenen Lizenzen“, warnt der Vendosoft-Chef. „Wird dieser Server (KMS) irgendwann heruntergefahren, kann die erworbene und bereits aktivierte Software innerhalb von 90 Tagen nicht mehr verwendet werden.“ Und wenn der Lizenzschlüssel auf dem Server des Verkäufers liegt, ist man als Käufer machtlos. Deshalb rät Vendosoft dazu, Lizenzen unbedingt auf eigenen Servern zu installieren.

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Aktuelle Nachfragesituation

Aktuell sei die Nachfrage „ausgezeichnet“. Die meisten Unternehmen würden derzeit zu Vendosoft kommen, weil sie handeln müssen. „Im Moment steht der Wechsel auf Office und Windows an. Manche Firmen überbrücken die Übergangsphase bis zu einem Umstieg in die Cloud mit Office 2021, das ja noch bis Oktober 2026 supported wird.“ Die bekomme man bei Vendosoft gebraucht derzeit etwa 63 Prozent unter dem Preis einer neuen Office-2024-Lizenz.

Zurück ins Rechenzentrum und raus aus der Cloud

Auch den Trend zu „Cloud Back“ oder „Cloud Repatriation“ spürt man bei Vendosoft laut Orth deutlich. „Unternehmen, die ihre Daten, Anwendungen oder Workloads aus der Public Cloud zurück in lokale Rechenzentren oder private Cloud-Infrastrukturen verlagern, sind meist besonders preissensibel und kaufen lieber gebraucht als neu“, so der Marktakteur im Gebrauchtsoftwarehandel.

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Hintergrund

Die Abkehr von der ewigen Lizenz

Der britische Universalgelehrte John Ruskin wird mit dem Satz zitiert „Das Gesetz der Wirtschaft verbietet es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten“. In der Gebrauchtsoftwarebranche sieht man das naturgemäß anders. Es ist eine Binsenweisheit, dass sich Software nicht abnutzt, vorausgesetzt es werden Updates gefahren und im Rahmen von Erneuerungsprojekten kommen Volumenlizenzpakete auf den Markt, die Lizenzhändler aufsplitten und neu verkaufen. Doch „die Cloud“, Subscription-Modelle und einhergehend eine schleichende Abkehr von der „ewigen Lizenz“ trüben die Aussichten etwas. Die Metapher von den dunklen Clouds, die aufziehen, liegt nahe.

Künstliche Intelligenz und ihr Einfluss auf den Markt

Technologisch tue sich derzeit einiges – allem voran das Thema Künstliche Intelligenz. „Ob als Assistent im Büro oder bei der Automatisierung ganzer Prozesse: KI bringt neue Anforderungen, aber auch spannende Geschäftsfelder.“ Ein wichtiges Beispiel ist Microsoft Copilot. „Diese KI-Lösung kann Unternehmen echte Zeitersparnisse bringen. Allerdings muss man darauf vorbereitet sein“, sagt Orth. Denn wenn eine klare Rechte- und Ordnerstruktur fehlt, offenbart das Tool sehr schnell die Schattenseiten, berichtet der Manager. „Zum Beispiel, wenn Copilot es Mitarbeitenden ermöglicht, gewollt oder ungewollt sensible Daten einzusehen.“ Vor diesem Hintergrund unterstützt Vendosoft Kunden nicht nur bei der Lizenzierung, sondern auch bei der technischen Implementierung. „Genauso beraten wir Kunden, die eigene KI-Lösungen entwickeln, um bei Kauflizenzen von Microsoft bleiben zu können“, erläutert der Manager.

Hintergrund

Gebrauchtsoftware-Dokumentation

Damit im Auditfall möglichst keine Fragen offen bleiben, erhält der Käufer von seriösen Gebrauchtsoftware-Händlern eine umfangreiche Dokumentation, deren Bestandteile teilweise rechtlich geboten sind, aber teilweise darüber hinaus gehen können. Die juristisch gebotenen Bestandteile sind:

  • Kopien des relevanten Microsoft-Vertrags,
  • Kopien der Product Use Rights (PURs),
  • Löschbestätigung des Vorbesitzers,
  • Dokumentation der Lizenzhistorie,
  • Lieferschein und Rechnung.

Freiwillige Zusatzkomponenten (nicht abschließend):

  • Bestätigung der Info über den Lizenztransfer an den Hersteller,
  • Rücktrittsrecht vom Vertrag für den Käufer,
  • und Haftungsfreistellungsklausel.

Brot- und Buttergeschäft

Aktuell sind die neuesten Versionen am gefragtesten, verrät Orth: „Office 2024, Windows 11 und Windows Server 2025 – das sind natürlich auch die Hochpreisigen unter den Gebrauchten.“ Wer kosteneffizienter handeln will, dem empfiehlt der Manager ältere, und damit deutlich günstigere Varianten – etwa zur temporären Überbrückung oder wenn keine Sicherheitsrisiken bestehen. Auch bei Server-Lösungen sei die Ersparnis bei älteren Versionen am größten: „Windows Server 2019 erhält bis 2029 Support, die Server 2022 bis 2031 und die neue 2025er-Version sogar bis 2034.“ Unabhängig von der Version gelte die Strategie, gebrauchte Lizenzen zu kaufen und gegebenenfalls um Cloud-Abos zu ergänzen (die man auch bei Vendosoft bekommt).

Hintergrund

Der Erschöpfungsgrundsatz

Wenn man so will, wurde vor etwa einem Jahrzehnt mit einem langjährigen und kostspieligen Gerichtsverfahren in der EU eine ganze Branche eröffnet: das Gebrauchtsoftware-Business. Eine große Rolle spielte der Begriff „Erschöpfungsgrundsatz“, auf den der Handel mit Gebrauchtsoftware basiert. Dieser „Erschöpfungsgrundsatz des Urheberrechts“ sagt im Grunde aus, dass sich das alleinige Verbreitungsrecht des Herstellers in dem Moment erschöpft hat, wenn eine Lizenz erstmalig von ihm oder mit seiner Zustimmung verkauft wurde. Anschließend hat der Hersteller laut EuGH-Urteil keinen direkten Einfluss mehr auf die weiteren Besitzverhältnisse, und der Weiterverkauf der ‚ewigen Lizenzen‘ kann ohne Zustimmung von Herstellern wie Adobe, Oracle oder Microsoft erfolgen. Doch bis es zu dieser Rechtsprechung kam, musste eine „bumpy Road“ durch die Gerichte beschritten werden.

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