Erschöpfungsgrundsatz Die Zukunft des Gebrauchtsoftwarehandels in der Cloud-Ära

Von Dr. Stefan Riedl 8 min Lesedauer

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Aktuell verfallen ungenutzte Restlaufzeiten aus SaaS-Modellen, da eine Weiterveräußerung nicht möglich ist. Das Nutzungsrecht wird dadurch faktisch entwertet, obwohl ein Restwert vorliegt. Preo wünscht sich eine Ausweitung des Erschöpfungsgrundsatzes.

Welche Rolle hat der Gebrauchtsoftware-Markt in Cloud-Zeiten?(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Welche Rolle hat der Gebrauchtsoftware-Markt in Cloud-Zeiten?
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

Es gibt keine Denkverbote: Die Ausweitung des Erschöpfungsgrundsatzes (siehe Kasten) auf digitale Dienstleistungen – insbesondere auf Software-Abonnements – wäre für Boris Vöge, Vorstand bei Preo Software, „eine dringend notwendige regulatorische Weiterentwicklung“. Denn aktuell verfallen ungenutzte Restlaufzeiten aus SaaS-Modellen ersatzlos, da das geltende Recht eine Weiterveräußerung ausschließt, erläutert der Manager. Damit entstehe eine faktische Entwertung des Nutzungsrechts, obwohl wirtschaftlich ein klar abgrenzbarer Restwert vorliegt, so seine Rechtsauffassung.

Hintergrund

Der Erschöpfungsgrundsatz

Wenn man so will, wurde vor etwa einem Jahrzehnt mit einem langjährigen und kostspieligen Gerichtsverfahren in der EU eine ganze Branche eröffnet: das Gebrauchtsoftware-Business. Eine große Rolle spielte der Begriff „Erschöpfungsgrundsatz“, auf den der Handel mit Gebrauchtsoftware basiert. Dieser „Erschöpfungsgrundsatz des Urheberrechts“ sagt im Grunde aus, dass sich das alleinige Verbreitungsrecht des Herstellers in dem Moment erschöpft hat, wenn eine Lizenz erstmalig von ihm oder mit seiner Zustimmung verkauft wurde. Anschließend hat der Hersteller laut EuGH-Urteil keinen direkten Einfluss mehr auf die weiteren Besitzverhältnisse und der Weiterverkauf der „ewigen Lizenzen“ ohne Zustimmung von Herstellern wie Adobe, Oracle oder Microsoft damit erfolgen kann. Doch bis es zu dieser Rechtsprechung kam, musste eine „Bumpy Road“ durch die Gerichte beschritten werden.

Margendominanz durch die Hersteller

Folgendes liegt laut dem Manager im Argen: „SaaS fungiert in vielen Fällen als strategische Umgehung klassischer Perpetual-Lizenzmodelle – nicht aus technischer Notwendigkeit, sondern zur Wahrung von Kontrolle und Margendominanz durch die Hersteller.“ Dies führe zu Marktstrukturen, die auf Abschottung statt Transparenz, Flexibilität und Eigentumslogik beruhen. Eine regulatorische Klarstellung durch die EU würde den realen Marktbedingungen digitaler Beschaffung endlich Rechnung tragen, findet Vöge, denn:

  • Sie würde die Grundlage schaffen, auch zeitlich begrenzte Softwareleistungen übertragbar und handelbar zu machen,
  • den sekundären Softwaremarkt rechtlich und wirtschaftlich stärken,
  • und bestehende Monopol- und Lock-in-Strukturen aufbrechen.

Datensouveränität rückt in den Fokus

Boris Vöge, Vorstand, Preo Software(Bild:  Preo Software)
Boris Vöge, Vorstand, Preo Software
(Bild: Preo Software)

Die Re-Politisierung von IT-Architekturen ist für Vöge ein wichtiger aktueller Trend in der Branche. Datensouveränität wird demnach zunehmend nicht nur als Compliance-Thema, sondern als geopolitisch motivierte Strategie verstanden. „Die geopolitische Dimension von IT-Infrastrukturen rückt zunehmend in den Fokus europäischer Unternehmen. Technologische Infrastrukturentscheidungen werden also nicht mehr nur auf Basis von Effizienz, Kosten oder Innovation getroffen, sondern stehen zunehmend unter dem Einfluss geopolitischer, regulatorischer und strategischer Überlegungen.“

Die extraterritoriale Reichweite des US Cloud Act kollidiert nach Auffassung von Vöge mit europäischen Datenschutzgrundsätzen. „Organisationen erkennen, dass technologische Abhängigkeit von US-Hyperscalern ein strategisches Risiko darstellt – insbesondere in den Bereichen kritische Infrastruktur, Behörden und Defense-nahe Sektoren.“

Hintergrund

Die Abkehr von der ewigen Lizenz

Der britische Universalgelehrte John Ruskin wird mit dem Satz zitiert „Das Gesetz der Wirtschaft verbietet es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten“. In der Gebrauchtsoftwarebranche sieht man das naturgemäß anders. Es ist eine Binsenweisheit, dass sich Software nicht abnutzt, vorausgesetzt es werden Updates gefahren und im Rahmen von Erneuerungsprojekten kommen Volumenlizenzpakete auf den Markt, die Lizenzhändler aufsplitten und neu verkaufen. Doch „die Cloud“, Subscription-Modelle und einhergehend eine schleichende Abkehr von der „ewigen Lizenz“ trüben die Aussichten etwas. Die Metapher von den dunklen Clouds, die aufziehen, liegt nahe.

Bei den Lizenzen steckt der Teufel im Detail

Ein zweiter wichtiger Trend liegt aus der Sicht des Managers in einem schleichenden Wandel der Lizenzpraxis: „Der Gebrauchtsoftwaremarkt, lange Zeit dominiert von Volumenlizenzen für Microsoft- und Adobe-Produkte, befindet sich in einer Phase der funktionalen Ausweitung.“ Ein signifikanter Trend sei beispielsweise die zunehmende Nachfrage nach VMware-Lösungen auf dem Zweitmarkt. Broadcom verfolge seiner Beobachtung nach eine rigide Konsolidierungsstrategie, sprich: weniger Produkte, höhere Margen und Fokus auf Enterprise-Kunden. Viele VMware-Partner und -Kunden hätten von Lizenzmodell-Umstellungen berichtet, beispielsweise der Abschaffung von unbefristeten Perpetual Lizenzen zugunsten von Subscription-only-Modellen. „Die Übernahme hat massive Auswirkungen auf die IT-Beschaffungsstrategie vieler Unternehmen – insbesondere im Bereich Virtualisierung, Private Cloud und hybrider Infrastrukturen“, fasst der Vorstand zusammen und schlussfolgert, dass daraus eine erhöhte Nachfrage nach gebrauchten VMware-Lizenzen resultiert, um bestehende Architekturen zu stabilisieren und Lizenzkosten zu kontrollieren.

Hintergrund

Geschäftsmodelle ändern sich

Vor rund 100 Jahren war „radioaktive Zahnpasta“ ein Verkaufsschlager. 50 Jahre zuvor waren Hochräder „the next big thing“ und weitere 50 Jahre vorher, im Jahr 1820 verkaufte Johnnie Walker erstmals seinen schottischen Whisky. Zwei der drei genannten Produkte haben sich nicht durchgesetzt. Aktuell stellt sich die Frage, ob es für gebrauchte Software eine Zukunft gibt, denn Cloud Computing, das Subscription-­Modell und „Software as a Service“ könnten den Markt für Kauflizenzen (aus dem sich Gebrauchtlizenzen speisen) obsolet machen. Fragt man Gebrauchtsoftwarehändler, wie sie sich vor diesem Hintergrund für die Zukunft rüsten, wird einerseits bezweifelt, dass der Markt für Gebrauchtlizenzen wegbrechen könnte, andererseits stellen sie bereits ihr Geschäftsmodell um, hin zu mehr allgemeiner Lizenzberatung und Softwaredistribution.

Zukunftsperspektiven für den Gebrauchtsoftware-Markt

Doch was heißt das für den Gebrauchtsoftware-Markt? „Die Cloud ist kein Zielzustand, sondern ein Werkzeug. Und Unternehmen merken: Nicht alles gehört in die Cloud“, postuliert der Manager. Entgegen der landläufigen Meinung sei der Cloud-Trend nicht linear. „Tatsächlich beobachten wir seit etwa 18 Monaten eine signifikante Gegenbewegung“, so Vöge. Unternehmen beginnen demnach, Workloads aus der Cloud zurückzuholen („Cloud Repatriation“) – meist aus Kostengründen, teils aus regulatorischer Vorsicht. Diese Entwicklung belebe den Markt für klassische, perpetuelle Lizenzmodelle. Das Gebrauchtsoftware-Angebot hingegen verknappt sich zeitgleich, da viele Unternehmen bestehende Lizenzen nicht mehr verkaufen, sondern in hybriden Umgebungen weiter nutzen. Die Folge ist laut dem Preo-Manager folgende: „Limitierung bei aktuellen On-Prem-Produkten, etwa Office 2024, und ein sprunghafter Anstieg von Fake- und verschleierten EDU-Lizenzen am Sekundärmarkt.“ Das Risiko für Unternehmen sei entsprechend erhöht und aus Sicht von Preo wird allen Kunden dringend Pre-Transaction Auditing und eine transparente, verifizierte Rechtekette als Mindeststandard empfohlen.

Hintergrund

Ein Gedankenspiel über schwarze Schafe und Dokumentationen

Angenommen, ein Händler von gebrauchter Software kauft 1.000 Nutzungsrechte einer Software und hat dies gut dokumentiert. Doch woher weiß der Endkunde, dass dieser Händler auch nur maximal 1.000 Stück weiterverkauft? Nehmen wir an, er verkauft jeweils 200 an Kunde A, B, C, D und E. Jedem gibt er jeweils eine Kopie seiner Dokumentation über den Erwerb der 1.000 Nutzungsrechte. Damit ist er eigentlich fertig. Alles ist verkauft. Aber wer hindert ihn daran, nochmal 200 Lizenzen an Kunde F mitsamt einer weiteren Kopie seiner Dokumentation zu verkaufen? Ab dem Zeitpunkt wäre der Gebrauchtsoftwareverkauf nicht mehr legal und für den Käufer wäre das nicht transparent. Daher sind beim Vertrieb gebrauchter Volumenlizenzen Absicherungsprozesse und Dokumentationen sinnvoll, die seriöse Anbieter zu leisten imstande sind. Dazu können unter anderem zählen: Vernichtungserklärung des verkaufenden Unternehmens; Offizielles License-Statement vom Lizenzgeber; Auszug aus dem Volume Licensing Service Center, Lizenzvertragskopien sowie Rechnung vom Lizenzgeber.

Produkte und Kunden

„Die Nachfrage steigt“, sagt Vöge und konkretisiert: „Der Markt wird weiterhin von Microsoft Office, Windows Server, SQL Server und CALs dominiert.“ Die Preisstabilität sei hoch, aber zunehmend volatil bei knappen Versionen, wie beispielsweise Office 2024. VMware sei ebenso ein wachstumsstarkes Segment – getrieben durch die disruptiven Lizenzänderungen. Auch Alternativprodukte sind in diesem Zusammenhang stark gefragt, in Legacy-Umgebungen.

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Eine Frage der Rechtekette

Digitale Prozesssicherheit sei daher kurzfristiger Preislogik zu bevorzugen. „Im Mittelpunkt steht eine vollständig nachvollziehbare Rechtekette, unterstützt durch lückenlose Dokumentation und das eigens entwickelte Lizenzportal ‚Easy Compliance‘, das die digitale Abwicklung von der Ankaufsprüfung bis zur Auditvorbereitung für unsere Kunden transparent abbildet.“ Gebrauchte Software verstehe man bei Preo nicht als Gegenmodell zur Cloud, sondern als strategisch komplementäre Komponente hybrider IT-Architekturen – insbesondere für sensible oder regulatorisch kritische Workloads. Auf dieser Basis habe sich das Unternehmen vom Lizenzanbieter zum strategischen Sourcing-Partner für IT- und Beschaffungsabteilungen entwickelt, die Wert auf Compliance, Audit-Sicherheit und digitale Souveränität legen.

Die Cloud ist kein Zielzustand, sondern ein Werkzeug. Und Unternehmen merken: Nicht alles gehört in die Cloud.

Boris Vöge, Vorstand, Preo Software

Ohne nachweisbare Rechtekette droht Ungemach. „Aus unserer Erfahrung entstehen Konflikte primär dann, wenn Anbieter ohne nachweisbare Rechtekette operieren“, sagt der Marktakteur im Lizenzhandel. Preo setzt seit daher auf einen compliance-orientierten Ansatz, bei dem jeder Lizenztransfer vollständig dokumentiert wird – inklusive der vollständigen Rechtekette bis zurück zum First Sale.

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Schwarze und graue Schafe

„Ein aktueller Fall aus einer öffentlichen Ausschreibung zeigt exemplarisch, wie sehr sich der Markt über Qualität und Nachweisfähigkeit definiert“, führt der Manager aus. „Ein Anbieter wollte den Nachweis der Rechtekette erst nach dem Kauf erbringen – der Auftraggeber lehnte ab, denn er hatte die Dokumentation von Anfang an zum Ausschreibungskriterium gemacht.“ Mehrere Anbieter schieden aus, da sie keine prüfbaren Nachweise liefern konnten. Ein Bieter ging jedoch weiter: Dieser reichte gefälschte Lizenzdokumente ein – „was auffiel, dokumentiert wurde und vor Gericht landete“, so Vöge, der daraus folgendes Fazit zieht: „Während wenige seriöse Anbieter auf vollständige Transparenz und Rechtssicherheit setzen, versucht ein nicht zu unterschätzender Teil des Markts, mit Fake-Dokumenten, Graumarkt-Lizenzen und bewusster Irreführung zu operieren.“

Hintergrund

Gebrauchtsoftware-Dokumentation

Damit im Auditfall möglichst keine Fragen offen bleiben, erhält der Käufer von seriösen Gebrauchtsoftware-Händlern eine umfangreiche Dokumentation, deren Bestandteile teilweise rechtlich geboten sind, aber teilweise darüber hinaus gehen können. Die juristisch gebotenen Bestandteile sind:

  • Kopien des relevanten Microsoft-Vertrags,
  • Kopien der Product Use Rights (PURs),
  • Löschbestätigung des Vorbesitzers,
  • Dokumentation der Lizenzhistorie,
  • Lieferschein und Rechnung.

Freiwillige Zusatzkomponenten (nicht abschließend):

  • Bestätigung der Info über den Lizenztransfer an den Hersteller,
  • Rücktrittsrecht vom Vertrag für den Käufer,
  • und Haftungsfreistellungsklausel.

Kooperation mit IT-Systemhäusern

Systemhäuser sind für Preo seit Jahren zu wichtigen Multiplikatoren im Sekundärmarkt geworden, erläutert der Manager. „Sie erkennen den Mehrwert gebrauchter Softwarelizenzen für ihre Kunden – und erweitern ihr Portfolio um geprüfte Gebrauchtlizenzen.“ Im Rahmen von Migrationsprojekten, Konsolidierungen oder hybriden IT-Architekturen integrieren sie gebrauchte Lizenzen in die Lösungen für ihre Kunden.

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