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Gesetzentwurf zur Retourenbehandlung Gesetz soll Vernichtung funktionsfähiger Waren verhindern

Autor: Sarah Gandorfer

Fast jede sechste Online-Bestellung geht zurück. Manches davon landet auf dem Müll. Die Regierung will Händler mit einem neuen Gesetz verpflichten, Waren benutzbar zu halten und nicht mehr einfach zu entsorgen. Um die Umsetzung überprüfen zu können, müssen Händler künftig den Umgang mit ihrer Ware besser dokumentieren.

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Es gibt Alternativen zur Retourenvernichtung.
Es gibt Alternativen zur Retourenvernichtung.
(Bild: Heiko Barth - stock.adobe.com)

Das Bundeskabinett hat einen Gesetzentwurf zur Änderung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes (KrWG-E) auf den Weg gebracht. Neben der Umsetzung abfallrechtlicher Vorschriften der EU ist auch die Einführung einer „Obhutspflicht“ vorgesehen, mit der die Vernichtung von Retouren und Warenüberhängen verhindert werden soll.

Des Weiteren soll eine neue Berichtspflicht für Hersteller und Händler eingeführt werden. Sie müsse nachvollziehbar dokumentieren, wie sie mit nicht verkauften Waren umgehen. Derzeit sieht der Gesetzentwurf vor, dass darauf geachtet werden soll, dass für die betroffenen Unternehmen keine unzumutbaren bürokratischen Belastungen entstehen und dass Unternehmen mit unerheblichen Retouren oder Überhängen von der Transparenzpflicht ausgenommen werden.

Umweltministerin Svenja Schulze will mit dem neuen Gesetz verhindern, dass funktionstüchtige oder sogar neuwertige Waren vernichtet werden, etwa um Platz in den Regalen zu schaffen – oder weil wegwerfen günstiger ist, als zurückgesandte Artikel wieder neu anzubieten. Verschiedene Online-Händler waren wegen solcher Massenvernichtung hochwertiger Ware kürzlich in die Kritik geraten. So werden beispielsweise bei Amazon regelmäßig nicht verkaufte Produkte vernichtet, die Drittanbieter dort einlagern. Diese zahlen Geld für Stellfläche. Wenn sie feststellen, dass ein Artikel sich zu wenig verkauft, dann ist die günstigste Variante, die Ware zu vernichten. Laut eines Berichts des ZDF-Magazins Frontal 21 hat eine Amazon-Mitarbeiterin jeden Tag Waren im Wert von mehreren zehntausend Euro vernichtet.

Die Kosten einer Retoure

Die Ökonomen des Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bamberg haben das Retourenmanagement im deutschen E-Commerce in ihrem „Retourentacho 2018/2019“ näher unter die Lupe genommen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass hierzulande 2018 im Durchschnitt etwa jedes sechste ausgelieferte Paket (16,3 %) und jeder achte bestellte Artikel (12,1 %) zurückgeschickt wurde.

Dabei verursacht ein retournierter Artikel im Mittel Kosten in Höhe von 11,24 Euro. Diese setzen sich aus 5,67 Euro Transportkosten sowie 5,57 Euro Bearbeitungskosten zusammen, eine Retourensendung kostet mit 19,51 Euro mehr (9,85 Euro Transportkosten + 9,66 Euro Bearbeitungskosten). Als wichtigste Kostentreiber nennen die Teilnehmer die Porto-/Transportkosten (80,9 %), den Wertverlust bei Artikeln, die sich nicht mehr als A-Ware verkaufen lassen (45,5 %), die Sichtung und Beurteilung der Artikel (33,8 %) sowie die Retourenvereinnahmung/Identifikation der Artikel (30,9 %). Damit entstehen Gesamtkosten in Höhe von schätzungsweise 5,46 Milliarden Euro, die einerseits die Kunden durch höhere Marktpreise tragen, andererseits die Margen der E-Commerce Händler belasten.

Die Umweltwirkung der Retouren beläuft sich 2018 geschätzt auf 238.000 Tonnen CO2-Äquivalente (CO2e). Dies entspricht in etwa der Umweltwirkung von täglich 2.200 Autofahrten von Hamburg nach Moskau bei einem angenommen CO2-Ausstoß 150 g CO2e/km.

Die Darstellung einer massenhaften Vernichtung von Retouren deckt sich nach Aussagen der Bamberger allerdings nicht mit ihren Daten, sofern man diese in das Gesamtbild einordnet. Im Mittel wird eine Retoure wie folgt verwertet:

  • Direkter Wiederverkauf als A-Ware (79,0 %)
  • Wiederverkauf als B-Ware (13,0 %)
  • Verkauf an externe industrielle Verwerter (2,1 %)
  • Spenden an gemeinnützige Organisationen (0,9 %)
  • Entsorgung/Verschrottung (3,9 %)
  • Sonstiges (1,1 %)

Bei einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom sahen die Zahlen im November 2019 nur minimal anders aus. Hier stellte sich heraus, dass knapp 11 Prozent aller im Internet bestellten Waren zurückgeschickt werden. Mehr als jede fünfte Internetshopperin (22 %) gibt an, manchmal oder sogar regelmäßig mit der Absicht zu bestellen, die Ware wieder zurückzuschicken – etwa, wenn es um Kleidung in mehreren Größen geht. Bei den Männern sind es 17 Prozent.

Maßnahmen gegen Retouren

Die Forschungsgruppe der Universität Bamberg hat in einer weiteren Studie Vorschläge gesammelt, wie Retouren reduziert werden können. Gerade im Fashion-Bereich kommt es immer wieder zu Rücksendungen wegen der ungenormten Konfektionsgrößen. Da entspricht beispielsweise die Frauengröße 38, mal Größe 40 oder auch 36. Entsprechend bestellt die Kundin lieber mehrere Größen des gleichen Modells, damit eines passt. „Ein großes Potenzial sehen die befragten Teilnehmer künftig in einer funktionierenden Online-Größenberatung und einheitlicheren Größenangaben der Hersteller“, erläutert Dr. Björn Asdecker, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre an der Uni Bamberg. „Darüber hinaus legen die Studienergebnisse nahe, dass auch eine niedrige gesetzlich verankerte Rücksendegebühr ein Instrument sein könnte, um die Rücksendungen und deren Negativwirkungen in den Griff zu bekommen.“

Die Umfrageteilnehmer schätzen, dass durch eine Gebühr in Höhe von 2,95 pro Sendung etwa 16 Prozent aller Retouren vermieden werden könnten, das betrifft rund 80 Millionen Artikel. „Die Mehrheit der kleinen und mittelgroßen Händler würde gerne eine Rücksendegebühr erheben. Das lässt allerdings der starke Wettbewerb nicht zu“, erläutert Asdecker. „Große Händler verzichten aus strategischen Gründen bewusst auf eine Gebühr, um Wettbewerbsvorteile aufzubauen. Für diese Unternehmen lohnt sich die kostenlose Rücksendung.“ Durch eine gesetzliche Verpflichtung würden die gleichen Spielregeln für alle gelten. Die erwarteten Umsatzrückgänge der Händler fallen in einem solchen Szenario deutlich geringer und damit verträglicher aus.

Spenden wäre eine Alternative zur Retourenvernichtung. Das Manko hier: Derzeit müssen Händler auf die gespendeten waren noch 19 Prozent Mehrwertsteuer zahlen. Also ist es wiederum oftmals günstiger, die Waren wegzuschmeißen. An diesem Punkt setzt ein Vorschlag der Grünen an, für Spenden die Mehrwertsteuer zu erlassen. Dennoch finden Kritiker auch hier einen Haken an der Sache, denn manche soziale Unternehmen verkaufen die Ware im Ausland weiter.

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Über den Autor

 Sarah Gandorfer

Sarah Gandorfer

Redakteurin bei IT-BUSINESS