HPE-Studie zur Datenzugänglichkeit in Europa EU-Unternehmen sehen im Data Act die vielen Chancen

Von lic.rer.publ. Ariane Rüdiger 7 min Lesedauer

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In etwa anderthalb Jahren tritt der europäische 'Data Act' in Kraft. Eine Studie, die Yougov im Auftrag von HPE erhoben hat, zeigt: Die meisten Unternehmen sehen im Ansatz dieser Regulierung für mehr Datenzugänglichkeit vor allem eine Chance.

HPE-Studie klärt: Wie sehen europäische Unternehmen den European Data Act?(Bild:  Dragon Claws - stock.adobe.co)
HPE-Studie klärt: Wie sehen europäische Unternehmen den European Data Act?
(Bild: Dragon Claws - stock.adobe.co)

Eines der großen Digitalgesetzgebungsvorhaben der EU, der European Data Act, ist beschlossen und ist noch rund anderthalb Jahre von der Umsetzung entfernt. Grund genug für Hewlett Packard Enterprise (HPE), das Sozialforschungsunternehmen Yougov mit einer Umfrage unter 400 Unternehmen in Europa zu beauftragen. Die Studie befasst sich mit Einschätzungen zu diesem Thema und nachfolgende Verhaltensweisen.

„Während die übrigen EU-Verordnungen zum Thema Digitalisierung eher einschränkend wirkten, soll der Data Act eine entfesselnde Wirkung entfalten“, erklärte Patrik Edlund, zuständig für HPEs Kommunikation in Nord-, West- und Zentraleuropa anlässlich der Präsentation der Daten. „Denn bei der Nutzung von Maschinen oder Services gewonnene Sensordaten sollen jetzt nicht mehr nur den Herstellern dieser Systeme oder den Anbietern von Services zugänglich sein wie bisher, sondern auch den Benutzern“, so Edlund weiter.

Ein HPE-Modell zur Bewertung des 'Datenreifegrads'

Der durchschnittliche Reifegrad von 2,6 der zu vewendenden Daten lässt darauf schließen, dass es noch ein weiter Weg ist, bis eine 'Datenökonomie' erreicht ist. (Bild:  HPE/Yougov)
Der durchschnittliche Reifegrad von 2,6 der zu vewendenden Daten lässt darauf schließen, dass es noch ein weiter Weg ist, bis eine 'Datenökonomie' erreicht ist.
(Bild: HPE/Yougov)

Um die Chancen des Data Act zu nutzen und seine Risiken zu minimieren, brauchen Firmen Kompetenzen in Bereichen wie Datenstrategie, Daten-Governance, Datensicherheit und Datentechnologie (etwa Daten-Plattformen und KI). HPE hat die relevanten Fähigkeiten in einem Datenreifegradmodell abgebildet, dessen Kriterien dazu dienen, die Fähigkeit eines Unternehmens zu bewerten, mit Daten effektiv Wertschöpfung zu betreiben.

Das HPE-Modell umfasst fünf Reifegradstufen (siehe: Abbildung), wobei 1 (genannt „Daten-Anarchie“) die niedrigste und 5 (genannt „Daten-Ökonomie“) die höchste ist. Im Schnitt erreichten die befragten Unternehmen einen Daten-Reifegrad von 2,6 – sie befinden sich damit auf der Stufe „Daten-Reporting“, bei der Daten vor allem dazu genutzt werden, rückblickend und periodisch den Erfolg ihrer Geschäftsaktivitäten zu bewerten (etwa Absatzzahlen oder Kundenzufriedenheit). Auf dieser Stufe sind die Firmen aber noch weit von der höchsten Stufe entfernt, auf der interne und externe Daten strategisch und effektiv für die Wertschöpfung verwertet werden (etwa in Form datenbasierter Produkte und Dienstleistungen).

So sagen beispielsweise nur je 6 Prozent der Befragten, dass ihre Datenstrategie ein Kernbestandteil ihrer Unternehmensstrategie ist, und dass datengetriebene Produkte und Dienstleistungen für ihr Geschäftsmodell strategische Bedeutung haben.

Etwas besser sieht es bei den operativen Datendisziplinen aus. So haben beispielsweise 20 Prozent der Firmen eine unternehmensweite Daten-Governance. Ebenfalls 20 Prozent nutzen Daten, um mittels vorausschauenden oder Trend-Analysen ihre Prozesse zu optimieren und zu automatisieren. Und 63 Prozent setzen irgendeine Art von KI oder Maschinellem Lernen ein.

400 Einschätzungen aus Europa

An der Umfrage nahmen 400 Firmen aller Größenordnungen teil, darunter vorwiegend mittelständische. Befragt wurden in erster Linie Manager (71 Prozent), aber auch Aufsichtsräte, Direktoren und Inhaber oder CEOs gehörten zum Panel. Die Länderherkunft wird nicht kommuniziert.

Die Branchenstreuung aber ist wohl weniger vielfältig als sich das HPE wohl gewünscht hätte. „Das liegt möglicherweise daran, dass sich diese Industrie schon stärker mit dem Thema befasst hat, während andere potentielle Teilnehmer wegen mangelnder Expertise ausgesiebt wurden“, versucht Edlund eine Erklärung.

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44 Prozent der Befragten gehören der IT-Branche an, 33 Prozent kommen aus produzierenden Unternehmen. Auch Transport und Verkehr, Bauwirtschaft und Engineering sind mit kleineren Anteilen in der Untersuchung präsent. Finanz- und Gesundheitswesen mussten diesmal dagegen draußen bleiben.

Zwei Drittel sehen eher Chancen

Das erfreulichste Ergebnis gleich vorweg: Anscheinend sind die europäischen Unternehmen hinsichtlich der Auswirkungen des Gesetzeswerks auf ihr Unternehmen eher optimistisch (siehe: Abbildung 2). 67 Prozent sehen darin eine Chance, der Rest eher ein Risiko.

Ganz anderes sahen das Branchenverbände und CEOs von großen Firmen im letzten Jahr; Hier gab es scharfe Kritik: Die Verpflichtung zum Datenteilen sei insbesondere eine Gefahr für die Betriebsgeheimnisse und damit der Wettbewerbsvorteile europäischer Hersteller. Damit drohe der Data Act das Gegenteil von dem zu erreichen, was er beabsichtige, heiß es.

Unter den jetzigen Umständen, wie sie die Studie beschreibt, aber ist es naheliegend, dass 43 Prozent sich bereits auf die Umsetzung des Data Act vorbereiten. 15 Prozent betreiben schon Implementierungen. Bei 28 Prozent finden sehr konkrete Vorbereitungen auf die Umsetzung statt.

Optimierung von Prozessketten als Hauptnutzen

Die Einsatzpotentiale überraschen nicht: Am häufigsten wird mit 59 Prozent die Optimierung und Automatisierung von Prozessen im eigenen Unternehmen genannt (siehe Abbildung 3).

Stefan Brock, bei HPE Principal Advisor für Fragen rund um Datenarchitekturen, nennt ein Beispiel: „Bisher waren die Sensordaten der Fertigungsmaschinen an einer Batteriefertigungsstraße meist nur den Herstellern zugänglich. Können auch die Benutzer davon profitieren, lässt sich der gesamte Produktionsablauf optimieren. Werden solche Prozesse nur um ein Prozent effizienter, bedeutet das bei einer Batterie-Fertigungslinie gleich Einsparungen von um die 100 Millionen Euro jährlich.“

Bessere digitale Zwillinge

Den zweiten und dritten Rang nehmen mit jeweils 39 Prozent der Nennungen KI-Training und die bessere Zusammenarbeit in der Lieferkette ein. Digitale Zwillinge nennen 27 Prozent. Die Themen KI-Training und Digitaler Zwilling hängen eng zusammen.

"Die meisten Unternehmen sehen den Data Act als Chance", Stefan Brock, Principal Advisor, HPE.(Bild:  HPE)
"Die meisten Unternehmen sehen den Data Act als Chance", Stefan Brock, Principal Advisor, HPE.
(Bild: HPE)

Brock: „Ein wirklich funktionierender digitaler Zwilling entsteht nur, wenn man die Daten jedes Sensors aus jedem Roboter und jeder Maschine entlang der Fertigungskette zur Verfügung hat. Dann entsteht ein wirklichkeitsgetreues digitales Abbild der Vorgänge.“

Die HPE-Kunden strebten an, Echtzeitdaten aus der gesamten Fertigungskette zu gewinnen, in den Digital Twin einzuspeisen und mit KI-Hilfe Situationen oder Veränderungen echtzeitnah zu simulieren. Ziel sei dabei, Optimierungen besser planen und vorbereiten zu können. Eine andere Möglichkeit bietet sich, wenn sich schon im Vorhinein genau überprüfen lässt, wie sich unterschiedliche Störfälle auswirken können. Gegenmaßnahmen lassen sich so ebenfalls simulieren.

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Neue Datendienste und Geschäftsmodelle

27 Prozent der Befragten wollen mit Hilfe des Data Act durch neue Datendienste Kosten einsparen oder neue Geschäftsmodelle ersinnen (31 Prozent). Hier nennt Brock als Beispiel die Schweizer Bundesbahn. Sie ist bislang bei der Zusammenstellung von Zügen darauf angewiesen, was die Hersteller des rollenden Materials an Daten herausrücken.

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Wären diese Daten selbstverständlich von allen Herstellern verfügbar und könnten von allen Interessierten verwendet werden, könnte die Bahngesellschaft alte und neue sowie zusätzliche externe Daten, etwa Wetterdaten, für völlig neue Apps zur Optimierung des Zugverkehrs nutzen. Und dies könnte auch ein lohnendes Geschäftsmodell für einen europaweit agierenden Drittanbieter von Datendiensten sein.

Nachhaltigere Rechenzentren durch mehr Datenverfügbarkeit

Auch beim nachhaltigen Betrieb von Rechenzenten gebe es sehr viel mehr Potentiale bei erhöhter Datenverfügbarkeit. Für eine optimalen Steuerung, müssten die Daten aller Aggregate zugänglich sein und gemeinsam analysiert werden. Genau das ermöglicht der Data Act.

Datenräume gemeinsam mit anderen Firmen möchten bislang 24 Prozent der Unternehmen nutzen. „Das ist noch nicht sehr viel, aber durchaus beachtlich“, meint Brock.

Risiken: Datenschutz und rechtliche Unsicherheit vorn

Bei den Risiken liegen Probleme bei dem Schutz von vertraulichen und personenbezogenen Daten bei der Datenbereitstellung und der sinnvollen Filterung von Daten mit 41 Prozent Nennungen ganz vorn (siehe: Abbildung 4). Weiter ist auch die rechtliche Unsicherheit groß (38 Prozent). Das betreffe beispielsweise Embargoregeln, die schnell ganze Lieferketten und Geschäftsmodelle schreddern könnten.

Brock: „Dann helfen wir den Kunden, sich rechtskonform zu verhalten, ohne ganze Exportbranchen zu schädigen.“ Eingehalten werden müssten nämlich neben eventuellen Embargobestimmungen auch rechtliche Ansprüche anderer Betroffener sowie die Anti-Spionage-Gesetzgebung. Beispielsweise müssen Daten, die ein chinesischer Konstrukteur genutzt hat, laut Brock in China vorliegen, egal, welchen Geheimhaltungsstatus sie in Deutschland genießen.

Andererseits eroffneten sich Spielräume, wenn man die Regeln gut kenne, so Brock. Beispielsweise tauschten deutsche Autohersteller Daten zu Modellen aus, bei denen sie jeweils keine kritische Masse im Markt auf sich vereinigen. Hier habe HPE schon länger Mechanismen entwickelt, die solche Austauschvorgänge rechtlich sauber vonstatten gehen.

Weitere Risiken, deren Bedeutung aber in den letzten Jahren zurückgegangen sei, sind Reverse Engineering (36 Prozent) und das Aufkommen neuer Konkurrenz (29 Prozent). Letzteres sei genau das Ziel des Data Act, betont Brock. „Wir wollen keine geschlossenen Märkte mit nur wenigen Playern.“

Wenn es darum geht, wo Datenprojekte laufen, führt mit 46 Prozent die hybride Infrastruktur. Immerhin 31 Prozent der Befragten sagen, dass sie Daten und Applikationen aufgrund des Data Act auf eigene Infrastruktur, in der Regel bei einem Co-Location-Provider, zurückholen, um sich ihrer Datenhoheit sicher zu sein.

Das eigene Datacenter ist eIn Auslaufmodell

Komplette Eigenregie hinsichtlich der Datacenter-Infrastruktur ist eher out. „In den nächsten Jahren gehen 30 bis 40 Prozent der IT-Manager in Rente. Da kann es sich kaum ein Unternehmen leisten, ein eigenes Rechenzentrum komplett selbst zu betreiben.", sagt Brock.

Trotz aller optimistischen Töne hat sich anscheinend noch kein echter Durchbruch zum datengetriebenen Unternehmen ereignet. Auf einer fünfstufigen Skala, die mit Datenchaos beginnt, liegt der Durchschnitt der Befragten heute bei 2,6 – vor zwei Jahren waren es 2,4 (siehe: Kasten)

Am weitesten, so Brock, seien die in der Umfrage nicht vertretene Finanz-, aber auch die Pharma- und Chemie-Industrie. Dort sei man es aus der Forschung bereits gewohnt, mit vielen Daten zu arbeiten und diese auch miteinander zu verknüpfen und gemeinsam zu analysieren – ein Vorgehen, das andere Branchen sich erst mühselig aneignen müssen.

HPE auf der Hannover Messe 2024

Auf der diesjährigen „Hannover Messe“ zeigt HPE vom 22. bis 26. April in Halle 15, am Stand G76 Beispiele für datengetriebene Wertschöpfung in der Industrie. Dazu gehört beispielsweise ein Projekt mit BMW, bei dem die Daten von elektrischen Testfahrzeugen auf der ganzen Welt über verteilte Mikro-Rechenzentren, der Datenplattform „HPE Ezmeral“ und „HPE Greenlake“ gesammelt und analysiert werden, um die Markteinführung neuer elektrischer Fahrzeugmodelle zu beschleunigen.

Weitere Themen sind eine neue Edge-Lösung für Digitale Zwillinge, die HPE zusammen mit Bosch auf den Markt bringt , außerdem Netzwerk-Lösungen für OT/IT-Sicherheit und privates 5G sowie Verfahren für den Energie-effizienten Betrieb von Servern und Rechenzentren.

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