Seit zwei Jahren befindet sich Nordcloud aus Helsinki im Besitz von IBM. Was hat sich in dieser Zeit getan und was ist die richtige Strategie für das Management von Milti-Clouds? Deutschlandchef Thomas Baus berichtet von Projekten „nahe an der Perfektion“.
Apropos Perfektion: Lamborghini gehört seit 1998 zum Volkswagen-Konzern, der wiederum Kunde von Nordcloud ist.
Vor zwei Jahren hat IBM Nordcloud gekauft. Hat sich aus Ihrer Erfahrung in diesen zwei Jahren das Herangehen an die Multi-Cloud verändert?
Thomas Baus: Sicherlich haben wir eine Veränderung wahrgenommen. Kunden setzen die bis vor zwei Jahren meist eher theoretische Ambition zur Multi-Cloud-Strategie nun vermehrt in die Tat um. Gleichwohl stellen wir auch fest, dass sich die Etablierung eines zweiten oder in seltenen Fällen sogar dritten Cloud-Providers innerhalb einer Organisation als echte Herausforderung darstellt: Gelebte Praxis, Terminologie, Skills der Mitarbeiter und bereits getätigte Migrationen beziehungsweise Entwicklungen auf der „ersten“ Cloud machen diese oft zur de-facto „primären“ Cloud. Eine zweite Cloud wird oft zur Umsetzung konkreter Anwendungsfälle eingeführt – den Luxus der Dual- oder Multi-Cloud-Strategie ohne direkt nachweisbaren Business Value können sich nur große Unternehmen leisten.
Nichtsdestotrotz nehmen Multi Cloud-Architekturen zu, so u.a. eine Studie von Crisp Research. In der DACH-Region wählen demnach 70 Prozent der Unternehmen perspektivisch einen Multi-Cloud-Ansatz für ihre IT-Landschaften. Was ist damit in der Regel aus technologischer Sicht verbunden?
Thomas Baus, Country Leader for Nordcloud Germany.
(Bild: Nordcloud)
Baus: Mit der wachsenden Umsetzung der Multi-Cloud ist aus unserer Sicht auf alle Fälle die Relevanz von cloud-übergreifenden Tools etwa für Monitoring, Security oder FinOps deutlich gestiegen. Doch nicht nur dies, auch das standardisierte Bereitstellen von Zugängen, Infrastruktur und die entsprechende Automatisierung von Komponenten der Plattform nach einheitlichen Standards über beide Clouds hinweg erzeugen unweigerlich zusätzliche Aufwände. Erfahrungsgemäß ist es so, dass Unternehmen „die Wahl der Cloud“ dem Nutzer überlassen, was wir für absolut richtig halten. Dies alles natürlich unter der Annahme, dass die erste Cloud nicht, aus welchen Gründen auch immer, keine Akzeptanz im Unternehmen fand und man de facto per Multi -Cloud einen grundsätzlich zweiten Anlauf nimmt, mit der Cloud Erfolg zu haben.
Was würden Sie aktuell als größte Herausforderung der Multi Cloud bezeichnen?
Baus: Entsprechend der Antwort auf die vorhergehenden Fragen ganz klar der durch Multi-Cloud entstehende „Overhead“ und die Mehrkosten rund um Tooling und Mitarbeiterschulung. Hinzu kommen die zusätzlichen Anforderungen an die homogene Abbildung von IT-Sicherheit. Ein ausreichendes Sicherheitsniveau im Rahmen der Cloud-Nutzung zu gewährleisten, ist schon an sich eine wichtige Aufgabe. Die Komplexität wird durch die Interoperabilität zwischen mehreren Plattformen erhöht. Überhaupt ist die Komplexität in vielerlei Hinsicht ein zu beachtender Faktor, der den Mehrwert, der sich aus der Nutzung einer weiteren Cloud ergibt, reduzieren kann. Ein wichtiger Aspekt ist es, die bestmögliche Konsumerisierung aus Sicht der fachlichen Anwender für den konkreten Use Case, z. B. der Schaffung einer Multi-Cloud-Data- oder Container-Plattform, zu ermöglichen. Nicht zu unterschätzen ist aus unserer Sicht letztlich der Aufbau von Skills, die im Zuge der Einführung und des Managements mehrerer Plattformen benötigt werden.
Frage an den Deutschlandchef: Finden wir hierzulande tatsächlich eine andere Mentalität in Sachen Cloud Computing vor als etwa in den USA oder Asien? Wie sind Ihre Erfahrungen?
Baus: Absolut. Der Vergleich zu den USA und Asien hinkt aus unserer Sicht mittlerweile jedoch sehr, da beispielsweise viele europäische Großkonzerne ihre Cloud-Nutzung zunächst in den USA und dann sukzessive in Europa ausgebaut haben. Dass nun historisch betrachtet z. B. Bundesbehörden in den USA die Cloud früher für sich entdeckt haben, liegt schlicht auch an der „Herkunft“ dieser Services. Vermutlich hätte ein unter europäischem Recht gegründeter und geführter Hyperscaler auch in unserer Region bereits großen Erfolg gehabt.
Wie nehmen Sie die Unterschiede innerhalb Europas wahr?
Baus: Der Unterschied, den wir spannender finden, ist der innerhalb Europas. Als aus Finnland stammendes Unternehmen sind wir uns stets über die im Vergleich zu Deutschland technologisch progressiveren Länder im Norden des Kontinents bewusst. Ebenso zeigt sich innerhalb des deutschsprachigen Raums ein durchaus heterogenes Bild. So war im Rückblick die Haltung zum Thema Cloud in Deutschland eine andere als in der Schweiz oder in Österreich. Dies ergab sich sicher auch daraus, dass Deutschland über Jahre hinweg der einzige der drei Märkte war, der eine lokale „Region der drei Hyperscaler“ zur Verfügung hatte. Ungeachtet der Ursachen für eine frühere oder spätere Nutzung von Cloud-Services in der Breite sehen wir eine direkte Korrelation mit der Verfügbarkeit von cloud-erfahrenen IT-Experten im jeweiligen Markt. Diese Hürde frühzeitig aufzulösen war stets unser Bestreben.
Fragen Ihre Kunden „sichere Räume“ aka „souveräne Clouds“ nach? AWS hat beispielsweise erst kürzlich erklärt, mit „AWS Digital Sovereignty Pledge“ ein Gaia-X-kompatibles Angebot unterbreiten zu wollen.
Baus: Aus unserer Sicht ist es vereinfacht betrachtet so, dass sich sehr viele große deutsche Unternehmen bereits sehr weit in die Public Cloud in ihrer bereits bestehenden Form bewegt haben. Ein Angebot der drei großen Anbieter für mehr „Souveränität“ hat sicherlich bald große Auswirkungen auf die Cloud-Nutzung im öffentlichen und gesundheitswirtschaftlichen Sektor. Eine veränderte Cloud-Nutzung im rein privatwirtschaftlichen Umfeld sehen wir hierdurch aber nicht wirklich. Ungeachtet dessen ist es eine wichtige Aufgabe aller Cloud-Anbieter, den sicheren und gesetzeskonformen Umgang mit Daten ohne Einschränkungen bei gleichzeitig hoher Innovationsgeschwindigkeit zu ermöglichen. In der Vergangenheit haben wir beobachtet, dass treuhänderische Konzepte genau hier eine Sollbruchstelle hatten. Abzuwarten bleibt, inwieweit sich Gaia-X auf breiter Ebene durchsetzen kann. Wir sehen hier erfolgversprechende Konzepte beispielsweise in der Automobilindustrie.
Stand: 08.12.2025
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Als IBM Nordcloud übernommen hat, sollte es vor allem für das Management von Multi- und Hybrid-Cloud-Szenarien eingesetzt werden. Gleichzeitig hat Ihr Unternehmen eine Expertise vor allem in der Automobilbranche – gab es in den vergangenen zwei Jahren Projekte, denen genau das zugutekam?
Baus: Tatsächlich ist es so, dass IBM unser Unternehmen sowohl wegen der hohen und langjährig unter Beweis gestellten Beratungs- und Servicekompetenzen im Cloud-Umfeld angesprochen hatte. Ein Fokus auf Multi-Cloud ist insofern in der Tat im Kern der Zusammenarbeit. Die Multi-Cloud-Lösungen, die wir bei diversen führenden Zulieferbetrieben und Herstellern im Automotive Umfeld mit aufgebaut haben und permanent weiterentwickeln, umfassen das Multi-Cloud-Management. Ziele hierbei sind u. a. ein einheitliches Management mit hohem Automatisierungsgrad sowie eine aus Sicht der Anwender einfache, sichere und kostenoptimierte Provisionierung von Umgebungen. Der große Erfolg dieser Projekte liegt darin begründet, dass unsere Kunden seit langem ein sehr reifes agiles Arbeitsmodell pflegen, dem auch angemessene Sourcing-Prozesse zugeordnet sind.
In der Regel gilt es bei Kunden, aus der bestehenden Infrastruktur eine Hybrid- oder Multi-Cloud zu machen. Schöner wäre es natürlich, wenn man eine Multi-Cloud „auf der grünen Wiese“ hochziehen kann. Haben Sie das Glück gehabt, so etwas entwickeln zu dürfen?
Baus: In der Tat kommt dies selten bis nie vor. Wie sicher einige der Leser wissen, lässt sich dies – wenn überhaupt – bei der Neu- oder Ausgründung eines Unternehmens ernsthaft darstellen. Tatsächlich haben wir derartige Szenarien auch schon betreut und wie Sie andeuten – es ist auf einer fachlichen Ebene ein Traum. Man kann die Plattformen einmal „im Sinne der Erfinder“ aufbauen.
Haben Sie ein Beispiel für unsere Leser parat?
Baus: Ein prominentes Beispiel hierfür ist unser Kunde Vitesco, wo wir im Zug der Ausgründung aus der Continental AG eine solche „grüne Wiese“ vor uns hatten. Es gab natürlich bestehende Systeme, die neu gedacht werden mussten, aber die Ziel-Landschaft war wahrlich Cloud-native. Für uns und das involvierte Team eine einzigartige Erfahrung, aus der wir viel lernen konnten. Es zeigt sich in solchen Szenarien auch, wie mächtig die Lösungen der drei Public Cloud-Marktführer sind – und wie sehr sie von den sie umgebenden beziehungsweise begleitenden Legacy-IT-Plattformen, Mindsets und Tools eingeschränkt werden. Eine perfekte Cloud-Welt gibt es nicht, aber eine Implementierung dieser Art kommt dem recht nahe.