Handlungsspielräume für die IT-Branche Digitale Souveränität in unsicheren Zeiten

Von Sylvia Lösel 8 min Lesedauer

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In einer unberechenbaren Welt müssen sich Unternehmen wappnen. Welche Leitplanken liefern Koalitionsvertrag, Digitalpolitik und der Ruf nach mehr europäischer Souveränität? Antworten aus der IT-Branche.

Angesichts geopolitischer Veränderungen, einer unberechenbaren Zoll- und Handelspolitik und dem Ruf nach mehr europäischer Souveränität müssen sich Unternehmen neu und resilienter aufstellen. Das gilt auch für die IT-Branche. (Bild:  Sebelas Studio - stock.adobe.com / KI-generiert)
Angesichts geopolitischer Veränderungen, einer unberechenbaren Zoll- und Handelspolitik und dem Ruf nach mehr europäischer Souveränität müssen sich Unternehmen neu und resilienter aufstellen. Das gilt auch für die IT-Branche.
(Bild: Sebelas Studio - stock.adobe.com / KI-generiert)

Erfahrung ist nicht das, was einem zustößt. Erfahrung ist das, was man aus dem macht, was einem zustößt.“ Trotz Unsicherheiten handeln – so könnte die Übersetzung dieses Zitats aus Aldous Huxleys „Brave new world“ für die aktuellen Zeiten voller Unsicherheiten und Veränderungen lauten.

Souveränität aufbauen

Zur ‚schönen neuen Welt‘ gehört heute die erratische Zoll- und Handelspolitik (siehe Kasten) eines Donald Trump, die negative Auswirkungen auf Preise und Lieferketten mit sich bringt. Doch sie bringt auch viele Entscheider dazu, darüber nachzudenken, wie man sich souverän und resilient aufstellen kann. So fordert der Bitkom: „Europa und Deutschland müssen echte digitale Souveränität aufbauen, Abhängigkeiten verringern und den Handlungsspielraum vergrößern. Selbstbestimmte Nutzung und Herstellung digitaler Technologien sind unerlässlich, um einseitige Abhängigkeiten von anderen Wirtschaftsräumen und Staaten zu reduzieren.“ Der Koalitionsvertrag formuliert ein klares Bekenntnis zur Digitalen Souveränität (siehe Kasten am Ende dieses Textes). „Ein interoperabler und europäisch anschlussfähiger souveräner Deutschland-Stack integriert KI, Cloud-Dienste sowie Basiskomponenten. Beim Aufbau prüfen wir, ob europäische Anbieter bereits entsprechende Lösungsmodelle entwickelt haben.“ Das weckt bei deutschen und europäischen Cloud- und Infrastrukturanbietern bereits Goldgräberstimmung. Ist dies doch die Chance, sich deutlich besser neben den übermächtig scheinenden amerikanischen Tech-Konzernen zu etablieren.

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Wir müssen unseren Optimismus auch beibehalten. Denn mit Pessimismus macht man keine guten Geschäfte und man limitiert sich selbst.

Mark Schröder, CEO bei Synaxon

Koalitionsvertrag und ‚Mind Change‘

Doch bevor dies passieren kann, mahnt Markus Merk, Geschäftsführer bei Rödl IT Operation, an, dass „die Kernaussagen des Koalitionsvertrags in konkrete Maßnahmen und Projekte mit deutschen und europäischen Unternehmen umgesetzt werden. Es braucht einen übergreifenden Mind Change, der das heutige Lemminge-Verhalten im Umgang mit beispielsweise US-amerikanischen Tech-Produkten ablegt, neu denkt – und dann umsetzt.“

Santosh Wadwa, Vice President und Head of Platform Business Deutschland bei Fsas(Bild:  yveskrier.com)
Santosh Wadwa, Vice President und Head of Platform Business Deutschland bei Fsas
(Bild: yveskrier.com)

Globaler denkt Santosh Wadwa, Vice President und Head of Platform Business Germany bei Fsas, und bringt sein Unternehmen, das japanische Wurzeln hat, auch gleich in Stellung: „Trotz der 90-tägigen Atempause bei den Zöllen bleibt die politische Unsicherheit und die Angst um stabile Lieferketten bestehen. In diesem Durcheinander bietet sich die Chance, in der Handelspolitik neue Wege zu gehen.“ Um die wirtschaftliche Abhängigkeit von China in wichtigen Bereichen zu verringern, ohne sich gleichzeitig zu sehr an die USA zu binden, „sollte die Bundesregierung ihre Partnerschaften mit gleichgesinnten Demokratien ausbauen. Der Koalitionsvertrag nennt Australien, Neuseeland, Südkorea und Japan als vielversprechende Partner.“ Das Beispiel Japan zeige, dass geopolitische Spannungen nicht das Ende des Freihandels bedeuten müssen.

Achterbahn Zollpolitik

Die Zollpolitik der Trump-Administration gleicht einer Achterbahn: Erst Sonderzölle in unterschiedlicher Höhe gegen praktisch alle Staaten weltweit, darunter 20 Prozent für die EU. Dann, nach einem Kurssturz an den Börsen und steigenden Zinsen für US-Anleihen, ein 90-tägiges Moratorium – aber nicht für China, das inzwischen mit 145 Prozent belegt wird und mit einem 125-Prozent-Einfuhrzoll reagiert. Elektronikprodukte wie Smartphones und Notebooks sind davon aber zunächst ausgenommen und nur mit 20 Prozent belegt. Das wohl auch, weil selbst US-Firmen meist in China fertigen lassen und alle Lieferungen in die USA stoppten. Aber der US-Präsident kündigte bereits neue „Halbleiterzölle“ an und verbietet gleichzeitig den Export weiterer Datacenter-GPUs nach China, was vor allem Nvidia und AMD viel Geld kostet. Wie es bei diesem Auf und Ab weitergeht, ist nicht abzusehen, aber die weltweiten Lieferketten werden darunter leiden. | kl

Zugeffekte dank Infrastrukturpaket

Mark Schröder, Vorstand / COO / CFO / Member of the Executive Board bei Synaxon(Bild:  Synaxon)
Mark Schröder, Vorstand / COO / CFO / Member of the Executive Board bei Synaxon
(Bild: Synaxon)

Hoffnung für Wachstum trotz der unsicheren Gesamtlage, schürt das gigantische Infrastruktur-Paket, das der Bund gerade geschnürt hat und von dem auch die IT-Branche profitieren dürfte. Wie Mark Schröder, CEO von Synaxon, kommentiert: „Wenn der Staat über eine Billion Euro in den nächsten zehn Jahren sinnvoll in die zivile und militärische Infrastruktur in Deutschland investiert, dann wird das immense Zugeffekte in der Wirtschaft entwickeln.“

Gepaart mit den Digital-Bekenntnissen im Koalitionsvertrag, ergiben sich in den kommenden Jahren hohes Potenzial für die deutsche IT-Branche: „Wir wollen Industrienation und Mittelstandsland bleiben, KI- und Gründer-Nation werden und die Weichen wieder auf Wachstum stellen.“ So steht es im Koalitionsvertrag. Geplant sind dort einige Anreize für Unternehmen (siehe Kasten „Koalitionsvertrag“). Auch wenn all dies noch vorbehaltlich der Finanzierung und der Priorisierung ist, der Stillstand der vergangenen Monate ist damit hoffentlich nun bald Geschichte.

Auch im Bereich KI ist eine transparente und verbindliche Governance notwendig. Aktuell nutzen lediglich 29 Prozent der deutschen KMU KI – meist jedoch unstrukturiert und nicht strategisch integriert.

Christian Mehrtens, Managing Director bei Sage für die Region Central Europe

Entbürokratisierung und mehr Planbarkeit

Unabhängig davon merkt die Branche bereits seit Beginn dieses Jahres eine Veränderung zum Positiven. „Wir sehen seit Dezember einen unglaublichen Run gerade im Client-Geschäft, wo wir im zweistelligen Bereich wachsen“, sagt Miguel Rodriguez, CEO bei Synaxon. „Die Nachfrage zieht an, sodass es Mitte des Jahres zu Lieferengpässen kommen könnte.“ Gerit Günther, Head of Sales B2B bei Acer, befürchtet mit Blick auf die Unsicherheiten im Suez-Kanal und das Support-Ende von Windows 10 ähnliches und schlussfolgert: „Unternehmen müssen jetzt langfristiger planen und Strategien zur Bewältigung logistisch bedingter Verzögerungen entwickeln.“ Ähnlich sieht dies Judith

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Judith Öchsner, Vertriebsleiterin von dexxIT(Bild:  dexxIT)
Judith Öchsner, Vertriebsleiterin von dexxIT
(Bild: dexxIT)

Öchsner, Vertriebsleiterin beim Distributor DexxIT: „Die mit den Zöllen verbundene Warenknappheit könnte zum Problem werden.“ Und mit Blick auf die Bundesregierung: „Könnten wir uns etwas von der neuen Regierung wünschen, wäre das insbesondere mehr Luft zum Atmen für Unternehmen – in Form von Entbürokratisierung. Außerdem mehr Planbarkeit.“

Christian Mehrtens, Geschäftsführer der Landesgesellschaften in der Region Central Europe bei Sage(Bild:  Sage)
Christian Mehrtens, Geschäftsführer der Landesgesellschaften in der Region Central Europe bei Sage
(Bild: Sage)

Mit Blick auf die KMU ergänzt Christian Mehrtens, Managing Director bei Sage für die Region Central Europe: „Unsere klare Erwartung an die Digitalpolitik der neuen Bundesregierung ist eine mutige und praxisorientierte Digitalstrategie, die den Mittelstand aktiv bei der digitalen Transformation unterstützt und gezielt bestehende Herausforderungen adressiert. Tobias Schulte-Ostermann, Geschäftsführer bei CPN, legt

Tobias Schulte-Ostermann, Geschäftsführer von CPN(Bild:  HAMBURGVIEWS)
Tobias Schulte-Ostermann, Geschäftsführer von CPN
(Bild: HAMBURGVIEWS)

das Augenmerk auf IT-Security: „Angesichts hybrider ‚Kriegsführung‘ muss IT-Security oberste Priorität bei der Digitalisierung Deutschlands haben. Wir wünschen uns mehr digitalisierte Prozesse unter Einbeziehung von Experten, wobei stets die Umsetzbarkeit auch für KMU berücksichtigt werden sollte. Wichtig sind klare Kommunikation, Strukturierung und eindeutige Regeln – die Unsicherheiten bei der DSGVO-Umsetzung zeigen, was passiert, wenn diese fehlen.“

Wichtig sind klare Kommunikation, Strukturierung und eindeutige Regeln – die Unsicherheiten bei der DSGVO- Umsetzung zeigen, was passiert, wenn diese fehlen.

Tobias Schulte-Ostermann, Geschäftsführer bei CPN

DSGVO: wichtig, aber mit Augenmaß

Dass es ein Digitalministerium geben wird, bewertet Günther als enorm wichtig, denn „frühere Initiativen haben gezeigt, dass zentralisierte Bemühungen im Bereich der Digitalisierung mehr Effektivität in der Umsetzung bringen können.“ Allerdings steht noch nicht fest, welche Macht, welche Kompetenzen und Durchsetzungsmöglichkeiten dieses Ministerium tatsächlich haben wird, gibt Mark Lohweber, Vorstandsvorsitzen von Adesso, zu Bedenken. Ähnlich wie in Unternehmen stehe und falle „der Erfolg mit Richtlinienkompetenz durch klare Vorgaben für digitale Ziele, Budgethoheit über wichtige Projekte und nicht zuletzt die direkte Anbindung an die ‚Geschäftsführung‘.“ Ein wichtiger Aspekt hierbei seien Technologie-Partnerschaften, so Wadwa. „Diese Partnerschaften müssen stets auf die DSGVO-Konformität und die Einhaltung deutscher Datenschutzrichtlinien geprüft werden, denn Datenschutz ist nicht nur im Öffentlichen Sektor sondern auch auf Unternehmensseite relevant.“ Jens Hungershausen, Vorstandsvorsitzender der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe DSAG, hat einen anderen Blickwinkel und fordert, „die strengen Datenschutzrichtlinien basierend auf altem Knowhow auf jetzige Szenarien anzupassen und mit Weitblick für Zukunftsszenarien vorzubereiten. Diese Themen dürfen kein Hemmnis für einen wirtschaftlich erfolgreichen Einsatz von KI-Technologien sein – schließlich werden zur Verbesserung von KI-Algorithmen große Datenmengen benötigt.“ Doch „Digitalisierung lässt sich nicht delegieren“, so Lohweber, „weder an ein Ressort noch an ein Ministerium. Die Bedeutung der Digitalisierung ist so groß, dass alle mit anpacken müssen. Das gehört zur Grundhaltung eines erfolgreichen Unternehmens – oder einer erfolgreichen Verwaltung." Doch es hilft sicherlich, dass im Koalitionsvertrag zu lesen ist: „Den Staat machen wir zum Ankerkunden für die digitale Wirtschaft und wollen vorrangig private IT-Dienstleister zur Stärkung der digitalen Souveränität nutzen.“

In diesem Durcheinander ist die Diskussion um digitale Souveränität wieder aufgeflammt und bietet die Chance, in der Handelspolitik neue Wege zu gehen.

Santosh Wadwa, Vice President und Head of Platform Business Deutschland bei Fsas

Mögliche Wege in die Zukunft

„Wir sollten jetzt mehr auf uns blicken. Unternehmen sollten generell darauf achten, Abhängigkeiten zu reduzieren, sowohl auf der Kunden- als auch auf der Beschaffungsseite,“ beschreibt Schröder einen möglichen Weg für die Zukunft. Es bleibt also spannend, welche Schlüsse die IT-Branche, die Politik und auch Europa aus den aktuellen Ereignissen ziehen, und welche Strategien daraus folgen. Dass Digitale Souveränität ein wichtiges Pfund wird, ist bereits abzusehen.

Ergänzendes zum Thema

(Bild:  Vogel IT-Medien)
(Bild: Vogel IT-Medien)

Dieser Artikel ist zunächst in der Ausgabe 7 der IT-BUSINESS erschienen. Neugierig geworden? Dann lesen Sie hier die Ausgabe kostenfrei digital als E-Paper.

Koalitionsvertrag: die interessanten Punkte für Unternehmen
  • Startups: Schaffung eines One-Stop-Shops, der alle Anträge und Behördengänge auf einer Plattform digital bündelt und eine Unternehmensgründung innerhalb von 24 Stunden
    ermöglicht.
  • Deutschland als KI-Nation: massive Investitionen in die Cloud- und KI-Infrastruktur sowie in die Verbindung von KI und Robotik.
  • Handelspolitik: Bei Handelsverträgen soll das Prinzip
    „EU-only“ gelten.
  • Arbeitszeiten: die Möglichkeit einer wöchentlichen anstatt einer täglichen Höchstarbeitszeit schaffen
  • Arbeitszeiterfassung: Pflicht zur elektronischen Erfassung von Arbeitszeiten soll unbürokratisch geregelt und für KMU Übergangsregeln vorgesehen werden. Vertrauensarbeitszeit bleibt ohne Zeiterfassung im Einklang mit der EU-Arbeitszeitrichtlinie möglich.
  • Zuschläge: Damit sich Mehrarbeit auszahlt, werden Zuschläge für Mehrarbeit, die über die tariflich vereinbarte beziehungsweise an Tarifverträgen orientierte Vollzeitarbeit hinausgehen, steuerfrei gestellt.
  • Aktivrente: Wer das gesetzliche Rentenalter erreicht und freiwillig weiterarbeitet, bekommt sein Gehalt bis zu 2.000 Euro im Monat steuerfrei.
  • Stromkosten: Unternehmen und Verbraucher sollen in Deutschland dauerhaft um mindestens fünf Cent pro kWh entlastet werden. Dafür soll als Sofortmaßnahme die Strom­steuer auf das europäische Mindestmaß gesenkt und Umlagen und Netzentgelte reduziert werden.
  • Investitions-Booster in Form einer degressiven Abschreibung auf Ausrüstungsinvestitionen von 30 Prozent in den Jahren 2025, 2026 und 2027 einführen.
  • Körperschaftsteuer: in fünf Schritten um jeweils einen Prozentpunkt senken, beginnend mit dem 01.01.2028.
  • Rechenzentrumsstandort Deutschland: soll Leuchtturm Europas werden, indem Cluster und regionale sowie dezentrale Ansiedlungen unterstützt werden, sowie mindestens eine der europäischen „AI-Gigafactories“ nach Deutschland geholt wird.
  • DSGVO: Spielräume nutzen, um beim Datenschutz für Kohärenz, einheitliche Auslegungen und Vereinfachungen für KMU zu sorgen.

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