Kommentar von Dr. Ferri Abolhassan, T-Systems Wie Deutschland KI-Vorreiter werden kann

Von Dr. Ferri Abolhassan 5 min Lesedauer

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GenAI hat das Potenzial, neue Geschäftsmodelle zu ermöglichen. Immer mehr Unternehmen fragen sich daher, wie sie die Technologie für ihre Zwecke nutzen können. Aber Achtung: Sie sollten ihren Blick nicht auf GenAI allein verengen.

Der Autor: Dr. Ferri Abolhassan ist CEO von T-Systems und im Vorstand der Deutschen Telekom AG verantwortlich für die Großkundensparte des Konzerns.(Bild:  T-Systems)
Der Autor: Dr. Ferri Abolhassan ist CEO von T-Systems und im Vorstand der Deutschen Telekom AG verantwortlich für die Großkundensparte des Konzerns.
(Bild: T-Systems)

GPT, LLMs, neuronale Netzwerke – diese Vokabeln stehen für eine der größten technologischen Transformationen der vergangenen Jahre: Künstliche Intelligenz (KI). Generative KI ist nun für die breite Öffentlichkeit zugänglich und hat Diskussionen über Urheberrecht, Datenschutz und die Art und Weise vorangetrieben, wie sich unsere alltägliche Arbeit verändern kann und wird. Umso wichtiger ist es, Erfahrungen zu teilen und über KI-Anwendungsfälle zu sprechen, die erfolgreich in der Praxis implementiert wurden.

Wir als Telekom haben weltweit mehr als 245 Millionen Kundinnen und Kunden und bringen sehr viele Menschen mit KI in Berührung. Unser Anspruch: KI muss nützlich, ethisch und sicher sein. Sie muss immer dem Menschen dienen. Die Großkunden der Telekom zeigen sich für KI sehr aufgeschlossen – mehr als 200 konkrete Lösungen sind dort bereits im Einsatz. Sie vereinfachen die digitale Transformation, unterstützen Mitarbeiter und machen deren Arbeit effizienter.

Das sehen wir auch bei uns im Konzern. Wir nutzen bei der Telekom KI konsequent und lernen daraus auch für Kundenprojekte: Schon zur IFA 2016 haben wir einen smarten, digitalen Assistenten für unsere Kunden eingeführt, der ihnen rund um die Uhr bei vielen Anliegen weiterhilft – ganz ohne Wartezeit. Diesen Chatbot haben wir kontinuierlich weiterentwickelt und immer intelligenter gemacht: Mit IBM Watson sind wir gestartet. Heute nutzen wir GPT-4o als KI-Modell im Hintergrund. Allein 2023 hat „Frag Magenta“ über sechs Millionen Anfragen beantwortet, Tendenz steigend.

Fast eine Million Kundenanliegen erreichen unseren Kundenservice jährlich noch immer per Post. Hierbei werden unsere Mitarbeiter von „Sherloq“ unterstützt. Dieser KI-Bot wertet die Dokumente elektronisch aus und leitet sie direkt an die richtige Stelle weiter. Sherloq erkennt bereits 80 Prozent aller Kundenanliegen zuverlässig und lernt ständig weiter dazu. Durch den intelligenten Mix aus Mensch und Maschine können Kundenanliegen schneller bearbeitet werden.

Ohne KI wäre auch der Breitbandausbau der Telekom in seiner Masse und Geschwindigkeit undenkbar. Unsere „T Cars“ filmen, vermessen und analysieren mithilfe von Kameras, Sensoren und KI die Strecken für den Glasfaserausbau – und machen so Tempo. Zudem optimieren wir mit KI täglich die Netzleistung.

Qualitätskontrolle mit Computer-Vision

Um Geschäftsprobleme zu lösen und die Produktivität von Unternehmen zu steigern, haben wir ein breites Angebot an KI-Lösungen entwickelt, die sich in der Praxis bewährt haben: Ein gutes Beispiel ist die Computer-Vision-Bildverarbeitung, die sich hervorragend für die Qualitätskontrolle eignet und die Fehlerquote in der Fertigung verringert. Bei einem großen, deutschen Autobauer mussten lange Zeit Ingenieure nach der Montage der Aluminiumrahmen für die Batterien von Elektroautos die Schweißnähte kontrollieren. Das kostete Zeit und band die Fachkräfte. Inzwischen übernimmt die KI-gestützte Bildanalyse die Qualitätssicherung in Echtzeit. Das beschleunigt den Prüfprozess, Fehlerquellen lassen sich früher beseitigen. Solche Computer-Vision-Systeme sind vielfältig einsetzbar. Sie eignen sich auch dafür, die Auslastung von Lagerräumen und Containern zu optimieren oder Fahrzeuge zu tracken und sicherheitsrelevante Abweichungen zu melden.

Präzision im Sekundentakt

In der Medizin kommt die Bildanalyse ebenfalls zum Einsatz: Gemeinsam mit einem Hamburger Partner entwickeln wir in einem Schweizer Krankenhaus eine Lösung, die gezielt bei der Krebsfrüherkennung hilft. Bislang muss medizinisches Fachpersonal händisch tausende radiologische Aufnahmen auf Anomalien prüfen. Zukünftig kann die KI die Bilder in Sekundenschnelle scannen und auswerten. Das Ergebnis: Weniger Fehldiagnosen, ein automatisierter Prozess und ein Zeitgewinn, der entscheidend sein kann für die Gesundheit der Patienten.

Auch bei der Überwachung von Intensivpatienten kann KI unterstützen und damit die Pflegekräfte entlasten. In einer Klinik in Spanien haben wir eine KI-gesteuerte Lösung implementiert, die Patienten nach Risikostufen aufteilt, wichtige Gesundheitsdaten identifizieren kann und frühzeitig klinische Probleme erkennt. Die Lösung überwacht den Gesundheitszustand der Patienten in Echtzeit. Ein Frühwarnsystem schlägt Alarm, wenn das Personal intervenieren muss. Ergebnis: Das Krankenhaus kann das Pflegepersonal dank KI effizienter einsetzen und die Kosten pro Patient senken. Auch die Zahl der notwendigen Interventionen ist seitdem gesunken.

Gesetzesänderungen immer im Blick

KI-Lösungen können auch bei rechtlichen Fragen unterstützen: Gerade kleinere Unternehmen haben meist nicht die personellen und finanziellen Kapazitäten, um eine eigene Rechtsabteilung zu unterhalten. Unser Law Monitor nutzt KI, um online verfügbare Gesetzestexte zu erkennen, zu strukturieren und zu analysieren. So werden wichtige Gesetzesänderungen jederzeit transparent gemacht. Das hilft Unternehmen aller Branchen und jeder Größe, beispielsweise wenn die Automobilindustrie aufgrund neuer rechtlicher Vorgaben die Software für ihre Zentralverriegelungen oder Notbremssysteme überarbeiten muss. Das spart zum einen zeitliche Ressourcen, zum anderen immense Kosten, die bei der Nicht-Beachtung dieser Vorgaben anfallen würden.

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Mit konkreten Anwendungsfällen zum Vorreiter

Diese Einsatzszenarien zeigen das breite Potenzial von KI für den Arbeitsalltag in Unternehmen. Die Vorteile der Technologie liegen auf der Hand: Sie sorgt für effizientere, schlankere Prozesse, kann repetitive Aufgaben automatisieren und beschleunigen und übertrifft mit ihrer ermüdungsfreien Genauigkeit sogar noch die menschliche Präzision. An den richtigen Stellen eingesetzt, sind KI-Anwendungen somit wertvolle Helfer, die Mitarbeiter in ihrer täglichen Arbeit unterstützen und mehr Zeit für werthaltige Tätigkeiten verschaffen.

Wir sollten über solche Erfolge sprechen und diese teilen. Wir sollten die KI-Technologie greifbarer machen. Denn wir sind gut aufgestellt in Deutschland, die Zukunft von KI maßgeblich mitzugestalten. Wir haben eine herausragende Forschungsbasis, umfangreiche Beratungskompetenz und zahlreiche KI-Unternehmen. Am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) beispielsweise arbeiten Menschen, die sich seit Jahrzehnten mit neuronalen Netzen beschäftigen. Schließlich ist KI keine Neuheit. Neu ist nur ihre breite Zugänglichkeit.

Wenn wir in Deutschland Vorreiter werden möchten, müssen wir jetzt von der Theorie in die Praxis umschalten. Unser Anspruch sollte nicht sein, ein Rennen mit den größten Technologiekonzernen aus den USA zu starten. Der Fokus sollte darauf liegen, konkrete Anwendungsfälle zu schaffen und in die Skalierung von KI-Lösungen für die deutsche und europäische Wirtschaft und Verwaltung zu investieren. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Forschungseinrichtungen und der Industrie ist dabei genauso wichtig wie die Förderung von Start-ups und innovativen Projekten, die mit ihren Tools Arbeitsprozesse erleichtern.

Wir brauchen eine menschenzentrierte, vertrauenswürdige KI. Und wir sollten darauf achten, dass die Technologie so energieschonend wie möglich genutzt wird. Nachdem wir uns im Telekom-Konzern 2018 ethische Leitlinien für den Umgang mit KI gegeben haben, kommen heute Grundsätze für eine grüne KI hinzu.

Letztlich brauchen wir einen robusten rechtlichen Rahmen, der ethische Standards und Datenschutz gewährleistet, ökologische Belange berücksichtigt, aber nicht zur Innovationsbremse wird. Die Unternehmen sind jetzt gefragt, ihre Prozesse zu reflektieren und an den passenden Stellen KI zu implementieren. Denn eines ist klar: Europas Ziel einer ethischen KI-Entwicklung mit dem Menschen im Fokus werden wir nur dann erreichen, wenn es uns gelingt, eine nachhaltige Innovations- und Technologieführerschaft aufzubauen.

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