Anbieter zum Thema
Eigene „Gründerszene“ betrieben
Die Missing Trader und die genutzten Scheinfirmen wurden von Mitgliedern der belgischen Organisation gegründet. In der Regel traten sie dabei nicht selbst in Erscheinung, sondern besorgten für die nötigen Formalien einen Geschäftsführer, der bei Notaren, Ämtern und Dienstleistern die nötigen Unterschriften leistete. Nicht selten Osteuropäer, die mit wenigen Hundert Euro für ein, zwei Tage nach Deutschland gelockt wurden und danach wieder in die Heimat zurückkehrten. Die Geschäfte führten dann Mitglieder und Vertraute der Organisation per Telefon, E-Mail und Skype.
Eine Spezialität dabei: Jeder Firma war ein bestimmter Deckname zugeordnet. Auch wenn verschiedene Mitglieder tätig wurden – es meldete sich bei den Angesprochenen immer die scheinbar gleiche Person, zumindest dem Namen nach. Eine ganze Reihe solcher Decknamen konnte im Laufe der Ermittlungen enttarnt werde – aber nicht alle. Einige Beteiligte sind deshalb noch nicht einmal namentlich bekannt. Einige andere sind noch auf der Flucht.
Zusammengefunden hatten die führenden Köpfe des Umsatzsteuerkarussells bereits im Jahr 2007. Damals schmiedeten sie erste Pläne, wie das Vorhaben zu organisieren sei. Pikant dabei: Hassan E. war damals noch im Gefängnis, hatte aber als Freigänger die Möglichkeit, sich mit anderen zu treffen. Grund für seine Verurteilung war übrigens Umsatzsteuerbetrug.
Mehr als ein Karussell am Start
Wie sich im Verlauf der Verhandlung zeigte, sind die kriminellen Geschäfte in der deutschen IT-Branche nicht allein von den Belgiern organisiert worden. Nachdem eine Gesetzesänderung dem Umsatzsteuer-Betrug in Großbritannien weitgehend einen Riegel vorgeschoben hatte, haben sich die Kriminellen dort einen neuen Wirkungskreis gesucht – und in Deutschland gefunden. Sie drängten mit eigenen Missing Tradern zum Teil in das Geschäft der Belgier, zum Teil bauten sie ganz neue Handelsstrukturen auf.
Bei diesen sind aber noch nicht alle Fragen restlos geklärt. Als sicher kann gelten, dass es eine Organisation aus dem Raum Manchester gab – oder womöglich noch gibt. Nicht eindeutig geklärt ist bisher die Frage, ob es daneben womöglich noch eine dritte Organisation aus England gab, und/oder eine weitere, die von Irland aus operierte. Diese könnte aber im noch laufenden Prozess vor der neunten Strafkammer des Landgerichts Augsburg beantwortet werden.
Trotz der „Konkurrenz“, die dadurch entstanden war, gab es auch Kooperationen zwischen diesen Kreisen. So wurden Kontakte hergestellt, um auch die Briten mit Ware zu versorgen, ebenso zu Zahlungsplattformen, die bei der Geldwäsche behilflich waren. Kommissar Holsteyn meinte, die Belgier seien wie ein Konzern organisiert gewesen. Auch im „richtigen“ Wirtschaftsleben sei es heute üblich, dass man zeitweise kooperiert, zeitweise konkurriert. Ebenso bemerkenswert: Die Umsatzsteuer-Betrüger hielten ihre Geschäfte in einer Excel-Datei fest, die wie eine Buchhaltung aufgebaut war. Sogar eine ROI-Berechnung habe es gegeben. Denn gelegentlich mussten die Organisatoren auch Ausfälle verkraften. Sei es, weil die Ermittlungsbehörden die Geschäfte gestört hatten – oder weil es Betrüger in den eigenen Reihen gab, die sich mit einem Teil des Geldes aus dem Staub machten.
Welche Strafen die Beteiligten erhalten haben, lesen Sie hier.
□
(ID:42403657)