Bürokratie und Energiekosten Teure Energie gefährdet den KI-Standort Deutschland

Von Dr. Stefan Riedl 6 min Lesedauer

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Der Produktionsstandort Deutschland steht und fällt im internationalen Wettbewerb mit Künstlicher Intelligenz. KI wiederum ist abhängig von günstiger Energie, die leider fehlt, sagt Top-Interimsmanager Jane Enny van Lambalgen.

Ohne günstige Energie kann die KI-Rechenzentrumsleistung nicht konkurrenzfähig erbracht werden. (Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Ohne günstige Energie kann die KI-Rechenzentrumsleistung nicht konkurrenzfähig erbracht werden.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

Als Top-Interimsmanager wird Jane Enny van Lambalgen engagiert, wenn es um strategische Weichenstellung, finanziellen Turnaround oder die digitale Transformation in Unternehmen geht. Van Lambalgen nimmt dann kein Blatt vor den Mund, denn ihr Job ist es, schnell Probleme zu erkennen und zu lösen.

Das Schicksal Deutschlands als Produktionsstandort

Jane Enny van Lambalgen ist Founding Partner und Geschäftsführerin der Firma Planet Industrial Excellence. Für Unternehmen ist sie als Interim Manager tätig. (Bild:  Claudia Baumgartner-Brandenberger)
Jane Enny van Lambalgen ist Founding Partner und Geschäftsführerin der Firma Planet Industrial Excellence. Für Unternehmen ist sie als Interim Manager tätig.
(Bild: Claudia Baumgartner-Brandenberger)

„Die industrielle Nutzung von Künstlicher Intelligenz wird über das Schicksal Deutschlands als Produktionsstandort entscheiden“, sagt die Managerin auf Zeit. Aus ihren Praxiseinsätzen weiß sie: „Die deutsche Industrie steht in Sachen KI unter Zugzwang.“ Sie verweist auf die StudieDer digitale Faktor – Wie Deutschland von intelligenten Technologien profitiert: Potenziale künstlicher Intelligenz im Verarbeitenden Gewerbe“ von IW Consult und Google. Demnach ist im verarbeitenden Gewerbe, also dem Kern der deutschen Industrie, durch KI ein Produktionsanstieg von 7,8 Prozent zu erwarten; das entspräche rund 56 Milliarden Euro zusätzlicher Wertschöpfung. „Diese Schätzung ist eher konservativ“, sagt van Lambalgen und begründet das folgendermaßen: Durch die Einführung von KI-Robotern in der Fertigung, insbesondere bei größeren Stückzahlen, oder die KI-gesteuerte Erstellung und Korrektur von Produktionszeichnungen und Stücklisten sei „eine Produktionssteigerung im deutlich zweistelligen Bereich“ zu erzielen.

Wer ist Jane Enny van Lambalgen?

Jane Enny van Lambalgen ist Interimsmanager für Strategie, Turnaround und Digital Transformation. Sie wird interimsmäßig eingesetzt, beispielsweise als CEO, Managing Director oder COO.

Van Lambalgen ist Founding Partner und Geschäftsführerin der Planet Industrial Excellence mit Sitz in der Schweiz. Schwerpunkte ihrer Tätigkeit sind internationale Operations-Einsätze mit Fokus auf Produktion, Supply Chain und Logistik.

Sie wurde von der Diplomatic Council Future Academy in Kooperation mit United Interim als Top-Interimsmanager 2025 ausgezeichnet. Das Diplomatic Council ist ein globaler Think Tank mit Beraterstatus bei den Vereinten Nationen. United Interim gilt mit einer Reichweite von über 12.000 Interim Managern als führende Online-Community dieser Branche.

Diplomatic Council

KI lebt von günstiger Energie

Doch es gibt ein Problem, denn der Erfolg oder Misserfolg von KI steht und fällt mit der Bereitstellung kostengünstiger Energie. Ohne günstige Energie kann die Rechenzentrumsleistung in einem Land in volkswirtschaftlichem Maßstab nicht konkurrenzfähig erbracht werden, so kritische Stimmen. Van Lambalgen kommentiert das Dilemma: „Die sogenannte Energiewende in Deutschland wirkt sich nicht nur in einer zunehmenden Deindustrialisierung des Landes aus, sondern behindert auch die Ausbreitung von KI massiv.“ Deutschland habe sich mit dieser Politik der knappen und teuren Energie auf dem Weg in die Zukunft selbst ein Bein gestellt. Das sei umso schlimmer, da KI künftig die Wettbewerbsfähigkeit in praktisch allen Branchen maßgeblich bestimmen wird, so die Spezialistin für digitale Transformation.

KI-getriebene Roboter und die Abhängigkeit von den USA

Deutschland laufe demnach also in akute Gefahr, flächendeckend zu verlieren und allmählich zu einer Industrienation zweiter Klasse abzusteigen. „Es ist zu hoffen“, so die Interimsmanagerin, „dass es der Politik noch gelingt, das Ruder herumzureißen.“ Anzeichen dafür sieht sie allerdings kaum. „Vermutlich wird es bei KI und bei KI-getriebenen Robotern wie bei der Digitalisierung insgesamt auf eine mehr oder minder vollständige Abhängigkeit von den USA hinauslaufen.“ Schon heute wäre kein Unternehmen in Deutschland – und übrigens auch nicht in Europa – ohne US-amerikanischen Hardware oder Software funktionsfähig, bringt es die Managerin auf den Punkt.

Datenanalysen, Absatzprognosen, KPI-Dashboards

Der KI-Einsatz revolutioniert Datenanalysen, Absatzprognosen, viele Verwaltungsprozesse bis hin zum „KPI-Dashboard“ (Key Performance Indicators), dem stets aktuellen Anzeiger der wichtigsten betrieblichen Leistungsindikatoren. Aber laut Untersuchungen des IT-Branchenverbands Bitkom nutzen nicht einmal 30 Prozent der Unternehmen in Deutschland derzeit KI. Immerhin: Ein knappes Fünftel plant die KI-Nutzung in Zukunft und ein weiteres Drittel „diskutiert über den Nutzen von KI“.

Rasante KI-Verbreitung in Nordamerika und Asien

„In den USA zeigt sich ein deutlich anderes Bild“, sagt Jane Enny van Lambalgen. Laut einer aktuellen Bain-Studie verwenden 95 Prozent der US-Unternehmen KI in mindestens einem Geschäftsbereich. Im asiatisch-pazifischen Raum testet beinahe die Hälfte der mittelständischen Industrie KI bereits in Pilotprojekten. „Ob die deutsche Zurückhaltung angesichts der rasanten KI-Verbreitung in der Industrie in Nordamerika und Asien für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Industrie ausreichend ist, bleibt abzuwarten“, ist van Lambalgen skeptisch. Als einen Hauptgrund für die mangelnde KI-Fokussierung in Deutschland hat die Interim Managerin die Ablenkung durch „vermeintlich dringendere, aber in Wirklichkeit deutlich unwichtigere Themen“ ausgemacht.

Bürokratisches Mikromanagement der EU

Die EU setzt seit vielen Jahren auf ein bürokratisches Mikromanagement, das den Kontinent praktisch lahmgelegt hat, postuliert die Managerin. Ihre Maxime lautet: „Der Staat weiß alles besser“ und dem entsprechend werden Bürger und Unternehmen wie Kleinkinder behandelt. Das behindert ihrer Ansicht nach „jeden Fortschritt, so dass man höchstens noch im Schneckentempo vorankommt“. Das sei natürlich fatal in einer internationalen Wettbewerbssituation, die vor allem in den USA von einem Unternehmens- statt Staats-getriebenen Ansatz geprägt ist.

Die EU-Kommission trottet laut van Lambalgen auf einem Eselskarren in die Zukunft und versucht durch immer neue und teilweise wirklich absurde Regelwerke den Schnellzug aus den USA am Überholen zu hindern, „obwohl von diesem längst nur noch die Rücklichter zu sehen sind“.

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Roboter ohne Strom in der Besenkammer

Die Top-Managerin nutzt die Metapher vom abgeschalteten KI-Roboter, der eingesperrt und abgeschaltet in einer Besenkammer problemlos „betrieben“ werden kann.(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Die Top-Managerin nutzt die Metapher vom abgeschalteten KI-Roboter, der eingesperrt und abgeschaltet in einer Besenkammer problemlos „betrieben“ werden kann.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

„Der EU AI Act ist, wenn man ihn ernst nehmen würde, im Grunde ein Drama – aber nur eines von vielen“, sagt die Managerin und fügt hinzu: „Ein KI-gesteuerter Roboter wäre in dieser Nomenklatur wohl der Hochrisikogruppe zuzuschlagen – also nur sicher zu ‚betreiben‘, wenn man ihn vom Strom trennt und in der Besenkammer einsperrt.“

Gequälter Mittelstand

Der Mittelstand werde häufig von trivialen Problemen gequält, sagt van Lambalgen und gibt Beispiele aus ihrer Berufspraxis: Die Baugenehmigung für die Erweiterung einer Lagerhalle zu erlangen, das ESG-Reporting wenigstens so weit zu treiben, dass es formal den Anforderungen genügt und die verschwindend geringe Aussagekraft nicht auffällt, oder die korrekte Abrechnung von Löhnen und Zuschlägen in einem Tarifumfeld, das beinahe monatlich neue Sonderregelungen produziert.

Zu wenig und zu spät

KI-Investitionen sollen in Deutschland laut Bitkom 2025 erstmals die Schwelle von 10 Milliarden Euro überschreiten. Die Top-Managerin ordnet ein: „Es ist nicht so, dass nicht auch in Deutschland kräftig in KI investiert wird, mit durchaus beeindruckenden Zuwachsraten. Aber diese lenken allzu leicht davon ab, dass die KI-Ausbreitung in anderen Wirtschaftsräumen eben deutlich schneller und umfassender erfolgt.“

KI ist nicht gleich KI

Während hierzulande auch in den Statistiken ein Schwerpunkt auf generative KI gelegt werde, also Programme wie ChatGPT, CoPilot, Gemini oder Grok, seien vor allem in Asien KI-gesteuerte Fertigungsroboter auf dem Vormarsch. „Die denken nicht nur, die packen auch mit an“, bringt van Lambalgen den Unterschied auf den Punkt. Sie gibt zu bedenken, dass laut aktuellem „World Robotics-Report 2024“ der International Federation of Robotics (IFR) mehr als die Hälfte der 2023 neu in Betrieb genommenen 540.000 Roboter in China installiert wurden. „2024 ist Europa und damit auch Deutschland im internationalen Wettbewerb eher zurückgefallen“, sagt die zur Top-Interimsmanagerin ausgezeichnete Digitalexpertin. „Und 2025 kann ich auch noch keine Aufholjagd der deutschen Industrie in Sachen KI oder Robotik erkennen.“

Die Musik spielt in den USA

Die Ankündigung der Telekom und Nvidia, eine KI-Cloud für die Industrie in Deutschland aufzubauen, wertet sie zwar als Fortschritt, „aber man muss sich schon eingestehen, dass die KI-Chips aus den USA kommen und die Telekom lediglich die Rechenzentrums- und Leitungsinfrastruktur dazu beisteuert.“ Die Interim Managerin appelliert an die Führungsspitzen in deutschen Unternehmen, den KI-Zug nicht zu verpassen: „KI ist nicht länger eine Zukunftsdiskussion, sondern eine zentrale Herausforderung der Gegenwart.“

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