SAPs neue Cloud-Technologien wie Datasphere, ABAP Cloud und S/4HANA Cloud for Group Reporting klingen vielversprechend. Doch Unternehmen zögern: Migration und Praxis sind oft unerprobt, passende Präzedenzfälle fehlen. Ein realistischer Prototyp kann hier Klarheit schaffen.
Für SAP-Technologien fehlen passende Präzedenzfälle, und so ist das Risiko vielen Unternehmen zu hoch. Um diese Tools valide zu evaluieren und aufzuzeigen, wie sie sich im Kontext der Gesamtarchitektur einführen lassen, kann aber ein realitätsnaher Prototyp herangezogen werden und Unternehmen so bei der Entscheidungsfindung unterstützen.
(Bild: Murrstock - stock.adobe.com)
Der aktuelle SAPCloud Stack umfasst unter anderem die innovativen Lösungen Analytics Cloud, S/4HANA for Group Reporting, ABAP Cloud und Datasphere. Die SAP Analytics Cloud (SAC) ist bereits seit 2015 auf dem Markt und beinhaltet umfassende Funktionen zur Analyse und Planung. Mit S/4HANA for Group Reporting setzte SAP 2019 einen technischen Meilenstein: Mit dieser modernen Konsolidierungslösung findet die Konsolidierung direkt im operativen ERP statt.
Die ABAP Cloud wurde 2022 gelauncht und ist als eine moderne Entwicklungsumgebung eng mit modernen SAP-Lösungen wie S/4HANA verknüpft. Entwicklerinnen und Entwickler können hier auf ABAP-basierende Anwendungen erstellen, testen und bereitstellen. Mit Datasphere stellt SAP die nächste Generation des SAP Data Warehouse als Cloud-Lösung zur Verfügung. Der umfassende Datenservice wurde im März 2023 vorgestellt und stellt den nahtlosen und leicht skalierbaren Zugriff auf geschäftskritische Unternehmensdaten sicher.
Einzeln sind die Lösungen bereits in etlichen Konzernen erfolgreich im Einsatz. Doch die Lösungen isoliert zu betrachten, ist nur eine Seite der Medaille – sie im Kontext der Gesamtarchitektur darzustellen die andere. Für Letzteres aber fehlen passende Beispiele aus der Praxis, weshalb sich Unternehmen mit der Entscheidung für eine Migration in die Cloud oft schwertun. Um den SAP Cloud Stack zu erproben und die SAP Zukunftsstrategien in einer Gesamtarchitektur darzustellen hat die Unternehmensberatung Caleo einen bislang einzigartigen Prototyp entwickelt: Am Beispiel eines fiktiven, mittelständischen Unternehmens haben die Entwicklerinnen und Entwickler ein sehr realitätsnahes Projekt abgewickelt, an dem sich Herausforderungen und Lösungen sowie Vor- und Nachteile des Cloud Stack ablesen lassen. Es kann somit als Präzedenzfall bei der Entscheidungsfindung herangezogen werden.
Greenfield-Szenario für Cloud-Migration
Das fiktive Textilunternehmen „Famosa Group“ hat seinen Hauptstandort in Deutschland und weitere 20 Gesellschaften in 20 anderen Ländern, darunter sechs Profit Center. Abgebildet wurden für das Projekt eine Kreativabteilung, eine Einkaufsabteilung, einen zentralen Vertrieb sowie ein zentrales Controlling. In dem Szenario steht das Unternehmen vor der Herausforderung, dass die IT-Landschaft historisch gewachsen und zersplittert ist und mehrere heterogene Buchhaltungssysteme im Einsatz sind. Der Konzern hat bereits ein Business Warehouse im Einsatz, dieses aber nur granular genutzt und keinen hohen Invest getätigt. Da die ERP-Systeme in absehbarer Zeit aus der Wartung fallen – SAP stellt die Unterstützung für ältere ERP-Systeme wie ECC, CRM, SCRM, SRM und IDM Ende 2027 ein –, sucht das Unternehmen nach einer Nachfolgelösung und möchte der Vision der SAP in Richtung Cloud Computing folgen. Wenn auch für ein fiktives Unternehmen konstruiert, so sind diese Voraussetzungen und Herausforderungen doch äußerst real und spiegeln die Situation vieler Konzerne wider.
Im Greenfield-Szenario führten die Entwicklerinnen und Entwickler für den Prototypen die vier SAP-Lösungen Analytics Cloud, S/4HANA for Group Reporting, ABAP Cloud und Datasphere in einer Gesamtarchitektur ein. Sowohl die Applikationen als auch der Entwicklungsprozess wurden hierbei realistisch abgebildet: Mit klar geregelten Zuständigkeiten vonseiten des fiktiven Kundens und dem Projektteam des Dienstleisters wurde zunächst S/4HANA for Group Reporting eingeführt und in den folgenden Wellen dann die drei weiteren Tools.
Zugrunde gelegt wurden realistische Datensätze und in sich aufgehende Finanzdaten. Dabei zeigte sich: Ein reines Cloud-Szenario ist möglich und unter gewissen Voraussetzungen auch empfehlenswert. Unternehmen, die sich auf die Vision der SAP einlassen, können ihr in der Realität tatsächlich folgen.
Vorteile der Cloud: zentralisierter Service und hohe Innovationskraft
Mit der Cloud bietet SAP etliche Vorteile gegenüber On-Premises-Betrieb: Wartung und Security erfolgen als zentralisierter Service, Unternehmen profitieren zudem unmittelbar von der Innovationsfähigkeit der SAP und können leicht skaliert werden. Ein hohes Investment zu Beginn entfällt, die Kosten für den Betrieb fallen stattdessen monatlich an. Die Zweifel, die viele Organisationen aber gegenüber der Cloud haben, sind nicht von der Hand zu weisen: Das Thema Datensicherheit ist der wohl größte Bedenkenträger, gefolgt von fehlender Individualität der Systeme und somit auch gewisser fehlender Funktionalitäten.
Anhand des entwickelten Prototyps zeigt sich jedoch, dass sich diese Bedenken in der Praxis durchaus auflösen: Sehr individuelle Anforderungen, die außerhalb des Funktionsbereichs der verfügbaren Produktpalette liegen und für die sich somit eine vollständige Eigenimplementierung anbietet, sind mit der ABAP Cloud möglich. ABAP-affine Entwicklerinnen und Entwickler können in dieser Cloud-Umgebung relativ einfach, schnell und ohne viele anhängige Prozesse eigene Applikationen aufbauen. Der große Mehrwert hier ist zudem, dass die ABAP Cloud der aktuellste Technologie-Stack ist. On-Premises-Lösungen sind nie auf diesem Stand, sondern hinken immer hinterher. Zudem können Unternehmen das bereits vorhandene Knowhow ihrer Entwicklerinnen und Entwickler weiter nutzen.
Stand: 08.12.2025
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Auch die Datasphere hält dem Praxistest stand und kommt als gute Cloud-Alternative zum Business Warehouse daher. Konzeptionell arbeitet das Tool zwar anders, weil es auf Virtualisierung und nicht auf Zwischendatenhaltung setzt und zudem weniger von Datenströmen getrieben ist. Aber Fachabteilungen können in der Datasphere recht einfach – sprich: ohne Code – Datenströme aufbauen und auch Applikationen einbinden. Individuelles Eingreifen ist – wenn auch in Grenzen – möglich.
Der Vorteil gegenüber dem Business Warehouse ist, dass Datasphere das Sharing-Konzept innewohnt: Fachabteilungen sind und bleiben Herr ihrer Daten und können selbst bestimmen, mit wem sie welche Daten teilen, was dann auch unkompliziert gelingt. Wird beispielsweise kurzfristig ein Report erwartet, können Fachabteilungen diesen schnell auf Basis eines heruntergeladen Excel-Files erstellen. Im Nachgang kann die IT diesen Prozess immer noch durch eine ordentliche Anbindung ersetzen, Fachabteilungen sind aber flexibel genug, um auch kurzfristig und erstmal ohne IT-gestützte Daten zu berichten. Daten von einer Stufe in die andere zu übertragen, gelingt in Datasphere auf diese Weise deutlich einfacher als im Business Warehouse.
S/4HANA for Group Reporting und SAC konnten im Praxistest ebenfalls überzeugen: Die Oberfläche der Konsolidierungslösung steht in der Cloud sofort zur Verfügung, das System lässt sich technisch, anders als On-Premise, sofort bereitstellen. Aber: Individualanforderungen umzusetzen ist in der Cloud deutlich schwieriger. SAP verfolgt hier den Ansatz „Keep the core clean“, der individuelle Werkzeugkasten für die IT und Fachabteilung ist daher deutlich kleiner als in der On-Premise-Alternative und wird mitunter vermisst. Bleiben Organisationen aber nah am SAP-Standard, können sie auch von den Innovationen profitieren – die laufen durch kontinuierliche Updates ein. Zudem zeigte sich im Projektverlauf, dass sich gewisse Schwierigkeiten mit der Zeit von selbst lösen: Bestimmte Anbindungen zum Beispiel waren anfangs nicht möglich, nach ein paar Updates aber seitens der SAP gelöst.
Unternehmen, die die Migration in die Cloud wagen, werden dafür mit Tools belohnt, in die die gesamte Innovationskraft der SAP fließt und die durch regelmäßige Updates automatisch mit neuen Features ausgestattet werden. Der Prototyp zeigt aber auch, dass ein Blickwinkelwechsel immer notwendig ist, ebenso die Bereitschaft, der SAP-Vision zu folgen und darauf zu vertrauen, dass die Entwicklung in die richtige Richtung geht. Denn der Tool-Stack gibt derzeit noch nicht immer alle gewünschten Funktionalitäten her. Fangen Unternehmen aber ohnehin bei Null an, kann es sinnvoll sein, ausschließlich auf die Cloud zu setzen. Da die Entscheidungsgrundlagen für jedes Unternehmen individuell sind, gibt es keine pauschale Lösung. Individuelle Beratung durch Expertinnen und Experten, die bereits über praktische Erfahrungen mit verschiedenen Szenarien verfügen, ist daher empfehlenswert.
Die neuen SAP-Technologien Datasphere, ABAP Cloud, Analytics Cloud und S/4HANA Cloud for Group Reporting bieten nicht nur in der Theorie beeindruckendes Potenzial, wie sich anhand dieses Prototypen im Praxistest zeigt: Unternehmen profitieren von Innovationskraft, einfacher Skalierbarkeit und einem aktuellen Technologie-Stack. Herausforderungen wie Datensicherheit, fehlende Individualität und noch nicht vollständig ausgereifte Funktionen machen jedoch deutlich, dass ein Wechsel in die Cloud wohlüberlegt sein muss. Der Prototyp eines realitätsnahen Szenarios zeigt, dass eine SAP-Cloud-Gesamtarchitektur möglich und unter bestimmten Voraussetzungen empfehlenswert ist. Individuelle Beratung bleibt entscheidend, um den optimalen Weg für die Migration zu finden und die Lösungen im jeweiligen Kontext zu evaluieren.
* Über die Autoren Annabelle Domnick ist seit 2019 bei Caleo tätig und hat sich von Anfang an intensiv mit der SAP Cloud Platform, jetzt bekannt als Business Technology Platform (BTP), beschäftigt und dadurch umfassende Cloud-Erfahrung gesammelt. Sie ist mehrfach zertifiziert in SAP-Technologien und kann auf eine breite Palette an Projekterfahrungen zurückblicken. Fabian Zollikofer ist geschäftsführender Partner bei Caleo und seit 2011 für Projekte zu Konzernabschlusserstellung, Berichterstattung, Planung und Cloud-Development bei verschiedenen DAX-Konzernen und mittelständischen Unternehmen verantwortlich.