Fachkräfte und Zeit werden knapp S/4Hana: Die SAP-Supportuhr läuft ab
Die Projekte rund um SAP S/4Hana sind vielschichtig: Sie umfassen eine Daten- und eine Applikationskomponente, Fragen rund um Daten-Altbestände und sind geprägt von einem Mangel an „Machern“. Zusätzlich drängt die Zeit wegen des nahenden Support-Endes.
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Der Umstieg auf SAP S/4Hana ist stark getrieben von einer auslaufenden Wartung seitens SAP. Das Support-Ende für – aus SAP-Sicht – Fremddatenbanken kommt Ende 2027, „danach ergeben sich leicht erhöhte Wartungspreise bis 2030“, präzisiert Sören Genzler, SAP Solutions DACH beim Software-Anbieter SoftwareOne.
Von „zigtausenden ausstehenden Projekten“ ist die Rede sowie von einem Mangel an SAP-Beraterkapazitäten. Bisher waren SAP-Berater-Ressourcen lediglich teuer, weil sie ineffizient planbar waren, sagt der Manager. Demnächst seien sie jetzt aber einfach nicht mehr verfügbar. Wichtig sei vor allem, jetzt anzufangen. Es geht darum, den Status quo zu erfassen, zu bewerten und daraufhin einen groben Projektplan zu erstellen. Die Projektlaufzeiten erstrecken sich von wenigen Monaten bis zu einigen Jahren, je nach Komplexität der Landschaft und den diversen Rücksprache-Iterationen mit den Fachbereichen. „Das plant man besser heute, als dann etwa 2025 festzustellen, dass die Zeit nicht mehr reicht“, findet Genzler.

Bei SoftwareOne will man den kompletten Weg von der Beratung über die verschiedenen Implementationsmöglichkeiten inklusive der jeweiligen geplanten Datenübernahmen bis hin zu Managed Services abdecken. SAP sei heute keine isolierte Landschaft mehr, betont der SoftwareOne-Manager. Das Unternehmen bietet daher begleitende Services an, zum Beispiel Cloud Services, Application Modernization, FinOps oder der Lizenzierungsberatung im SAP-Umfeld. Zudem werden Softwarelizenzen verkauft. Das war früher mal das Kerngeschäft.
InMemory-Technologie
Bei all dem Ungemach bietet ein Umstieg auf die InMemory-basierte Nachfolgetechnologie aber auch Vorteile. Denn grundsätzlich schafft die neue Technologie die Voraussetzung, auch mit größeren Datenmengen nahezu in Echtzeit zu arbeiten. Daraus ergeben sich weitreichende Möglichkeiten. „Hier ist wichtig zu verstehen, dass man entweder im Wettbewerb vorweg geht, indem man seine Potenziale hebt, oder eben hinterher rennt“, so Genzler.
Die Hilfestellung der Walldorfer
Mit einem "Umzugspaket" namens „Rise with SAP“ wollen die Walldorfer den Wechsel vereinfachen. Nach Einschätzung des SoftwareOne-Managers habe sich SAP seit Ankündigung dieses Pakets den Kunden immer weiter angenähert. Denn der Software-Konzern bietet zusätzlich zum Betrieb bei SAP inzwischen auch die Möglichkeit, die SAP-Landschaft bei den üblichen Hyperscalern oder neuerdings sogar On-Premises für einige wenige Hersteller wie HP oder Dell zu betreiben. Bei den Hyperscalern läuft die Lösung jedoch in einem Tenant, den SAP besitzt, weiß Genzler und führt aus: „Grundsätzlich ist es wichtig zu verstehen, was die einzelnen Paketinhalte für den Kunden im Einzelfall bedeuten: wo die Besonderheiten liegen, welche Services von SAP nicht oder nur mit zusätzlichen Kosten erbracht werden, wer sich dann um die verbleibenden Dienstleistungen kümmern kann oder darf.“ Denn nicht allen erlaubt SAP alles. Wichtig sei klarzustellen, welche Folgen das Lizenzmodell hat, gerade auch, wenn man sich nach drei bis fünf Jahren Vertragsdauer gegen eine Verlängerung entscheiden sollte. Stichwort: Vendor-Lock-in.
Kein Click&Forget
Auch technische Aspekte verdienen ein genaueres Hinsehen. Kundenseitig stoßen laut Genzler diese modernen Plattformen durchaus auf Interesse. Nach den Verbesserungen bei der Verfügbarkeit wird beispielsweise häufig gefragt. „Dennoch ein warnendes Wort“, so der Software-Experte mit SAP-Knowhow: „Ein SAP-Deployment auf einem Hyperscaler ist alles andere als Click&Forget, insbesondere wenn die Landschaft effizient, performant und sicher laufen soll.“ Kunden rät er regelmäßig, dass sie sich Referenzen zeigen lassen sollen. Im Vorfeld können die IT-Verantwortlichen dann mit den Referenzkunden reden, um mögliche Probleme auszuloten.
Bestandsdatenproblematik
Zur zentralen Herausforderung zählt zudem der Umgang mit Bestandsdaten. Einige SoftwareOne-Kunden schieben Projekte seit Jahren vor sich her, berichtet der Manager. Diese Kunden betreiben teilweise mehrere ERP-Systeme parallel, die sie bei Akquisitionen „geerbt“ haben, sie haben veraltete Bestands- und Bewegungsdaten der letzten 20 Jahre im System und wissen häufig nicht, was davon die Fachabteilungen überhaupt noch nutzen. Doch mit der richtigen Tool-Unterstützung würden sich ungenutzte Datenbestände identifizieren lassen, um dann qualifizierte Entscheidungen treffen zu können.
Die Applikationsebene
Auch von Bedeutung in den Migrationsprojekten, ist der Umgang mit den „alten“ SAP-Applikationen – sei es die Finanzanwendung FI CO, das Materialmanagement-Modul MM oder die Personal-Lösung HR. Hier geht es darum, diese mit Anwendungen aus der neuen S/4Hana-Application-Suite zu tauschen. SAP-Experte Genzler sagt: „Mit der S/4-Einführung können Unternehmen wieder näher an den Standard rücken. Dazu braucht es die Einbindung der entsprechenden Fachabteilungen, denn alle Individualisierungen sind ja seinerzeit aus einem damals guten Grund in Zusammenarbeit mit der Fachabteilung entstanden.“ Hierin bestehe die eigentliche zeitkritische Komponente einer S/4-Migration, nämlich im teilweise sehr umfangreichen Abstimmungsbedarf zwischen den Fachabteilungen, der IT, den Dienstleistern und manchmal auch SAP. Der Konzern aus Walldorf hat derzeit nämlich auch alle Hände voll zu tun.
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