Software-Geschichte Microsoft erlaubt die Veröffentlichung von MS-DOS und Word für Windows
Wer einen Blick in die PC-Pionierzeit wagen möchte, kann das jetzt tun: Microsoft hat seine Erlaubnis gegeben, den Quelltext des Ur-Betriebssystems MS-DOS und einer frühen Version von Word für Windows zu veröffentlichen.
Anbieter zum Thema

Der Ur-PC, den IBM im Jahr 1981 vorstellte, war das Produkt einer sehr hastigen Entwicklung gewesen. Der traditionell primär auf Großrechner fokussierte Konzern hatte in den späten siebziger Jahren das neu entstandene Geschäftsfeld der Mikrocomputer für den Heim- und Privatgebrauch zunächst ignoriert. Big Blue entschied sich daher erst spät, den Newcomern wie Apple und Tandy Paroli zu bieten.
Um nicht zu viel Zeit zu verlieren, verwendete IBM für seinen PC einen ungewöhnlichen Entwicklungsansatz. Anstatt alles selbst zu entwickeln, setzte Big Blue auf Komponenten von Drittanbietern, die bereits auf dem Markt waren. Dazu zählte zum Beispiel der Intel-Prozessor 8088. Auch bei der Systemsoftware ging IBM ähnlich vor und suchte ein bereits vorhandenes Betriebssystem.
Das damals führende Mikrocomputer-Betriebssystem war CP/M (Control Program for Microprocessors), das der Kalifornier Gary Kildall entwickelt hatte und über seine Firma Digital Research vermarktete. Eine verbesserte Version namens CP/M 86, die für 16-Bit-Prozessoren geeignet war, befand sich damals in der Entwicklung, und die IBM-Vertreter machten sich auf die Reise nach Kalifornien, um mit Kildall zu verhandeln.
In der Gunst von IBM
Warum letzten Endes der Handel mit Digital Research nicht zustande kam und letztlich das Konkurrenzprodukt MS-DOS zum Betriebssystem des IBM-PC wurde, darüber streiten sich die Historiker heftig. Nach einer Version der Geschichte soll es niemand anderer als Microsoft-Gründer Bill Gates gewesen sein, der die IBM-Leute auf Kildall und CP/M aufmerksam gemacht hatte. Gerüchteweise sollen die IBM-Emissäre Gary Kildall nicht angetroffen haben, als sie ihn in seinem Haus besuchten. Seine Ehefrau (der Kildall die finanzielle Seite des Geschäfts überlassen hatte) soll zudem nicht bereit gewesen sein, die von IBM geforderte Verschwiegenheitserklärung zu unterschrieben.
Wahrscheinlicher ist, dass sich IBM und Digital Research über den Preis und die Konditionen des Geschäfts einfach nicht einig wurden. Die IBM-Entwickler kamen nun auf Bill Gates zu, der ihnen anbot, das Betriebssystem zu liefern. Gates kannte nämlich einen Programmierer aus Seattle namens Tim Paterson, der ein Betriebssystem für den Intel-Prozessor 8086 namens 86-DOS entwickelt hatte. Microsoft sicherte sich die exklusiven Rechte an dem System für insgesamt 75.000 Dollar.
MS-DOS zugekauft
86-DOS (das zunächst QDOS, „Quick and Dirty Operating System“ geheißen hatte) wies viele Ähnlichkeiten mit CP/M auf, sowohl was die Bedienung als auch was die Programmierschnittstellen betraf. Gary Kildall warf dem Entwickler Tim Paterson später vor, sein Urheberrecht verletzt zu haben. Paterson dementierte das: „Ich habe ihm [Kildall] gesagt, dass ich nichts kopiert hatte. Ich hatte nur die gedruckte Dokumentation hergenommen und etwas entwickelt, was genau dasselbe tat.“
Aus heutiger Sicht ist es überraschend, dass Digital-Research-Gründer Kildall nicht gegen Microsoft klagte. Er einigte sich mit IBM darauf, dass Big Blue CP/M als Alternative zu DOS vertreiben durfte. Allerdings wurde CP/M im Bundle mit dem IBM-PC wesentlich teurer verkauft als DOS. Deshalb erreichte Kildalls System auf dem IBM-PC praktisch keine Bedeutung.
Aus heutiger Sicht hat MS-DOS fast den Umfang eines Embedded-Systems. Die erste Version, die mit dem ersten IBM-PC ausgeliefert wurde, war nur 12 Kilobyte groß; DOS 2.0, das mit dem 1983 erschienenen PC XT gebündelt wurde und Festplatten unterstützte, umfasste nur 28 Kilobyte. Das System (das nur für einen Arbeitsspeicher von 640 Kilobyte ausgelegt war und bis zuletzt nur Dateinamen mit maximal acht Zeichen plus drei Zeichen für den Dateityp erlaubte) blieb trotz seiner bescheidenen Anfänge bis in die späten neunziger Jahre das Fundament der PC-Ökosystems. Selbst die frühen Windows-Versionen waren lediglich grafische Erweiterungen von DOS.
Auch MS-Word-Quelltext offengelegt
Und nun können Interessierte auf der Seite des Computer History Museum den Quelltext der von zwei frühen Versionen von MS-DOS (1.1 und 2.0) herunterladen und studieren. Tim Paterson selbst stellte den Quelltext zur Verfügung, Microsoft gab die Einwilligung zur Veröffentlichung. Darüber hinaus ist auch der Source Code von Word für Windows 1.1a beim Computer History Museum zu finden.
(ID:42612739)