Viele Firmen verzichten auf besondere Maßnahmen Männer bewerten Chancengleichheit am Arbeitsplatz besser

Autor: Sarah Gandorfer

Die Feministin Alice Schwarzer fordert seit Jahren den Frauentag am 8. März abzuschaffen, da er reiner Hohn sei. Doch Chancengleichheit ist nicht reine Frauensache. Einige Unternehmen punkten mit ihrer Strategie zur Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt.

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Chancengleichheit – auch Männer sollten problemlos Elternzeit nehmen können.
Chancengleichheit – auch Männer sollten problemlos Elternzeit nehmen können.
(Bild: Ursula Deja – adobe.stock.com)

Frauen haben häufig Dienstleistungs- und Bürojobs, so das statistische Bundesamt. EU-weit waren 2019 66,8 Prozent aller Bürokräfte sowie 63,7 Prozent aller Erwerbstätigen in Dienstleistungsberufen weiblich. Gegenüber 2010 ist ihr Anteil gesunken: bei den Bürokräften um 2,2 Prozentpunkte, bei den Dienstleistungsberufen um 4,9 Prozentpunkte. Nur der Rückgang in der Land- und Forstwirtschaft um 6,0 Prozentpunkte auf 30,9 Prozent fiel im Jahr 2019 deutlicher aus. Hingegen stieg der EU-weite Anteil der Frauen in akademischen Berufen zwischen 2010 und 2019 um 3,4 Prozentpunkte auf 52,5 Prozent. Der Frauenanteil in Führungspositionen hielt mit dieser Entwicklung nicht Schritt. Er erhöhte sich nur leicht um 0,5 Prozentpunkte auf 34,4 Prozent. Deutschland liegt mit 45,4 Prozent beim Frauenanteil in den akademischen Berufen hinter dem EU-Durchschnitt von 52,5 Prozent.

Der durchschnittliche Bruttostundenverdienst von Frauen lag 2018 laut der Europäischen Union 2018 um 15 Prozent niedriger als der Verdienst der Männer. Das ist ebenfalls auf der Webseite des statistische Bundesamt einzusehen. In Deutschland verdienten Frauen rund ein Fünftel (20 %) weniger als Männer. In den Mitgliedsländern Tschechien, Österreich, Vereinigtes Königreich, Slowakei und Lettland war die geschlechtsspezifische Lohnlücke auf ähnlich hohem Niveau. Die Staaten mit den EU-weit geringsten Unterschieden im Bruttostundenverdienst waren neben Luxemburg auch Rumänien (2 %) und Italien (4 %).

Eco-Umfrage zur Chancengerechtigkeit

Der Verband der Internetwirtschaft Eco befragte Anfang 2021 1.000 Arbeitnehmer, wie zufrieden sie mit der Chancengerechtigkeit am Arbeitsplatz sind. 52,9 Prozent stellen ihrem Arbeitgeber dafür die Note gut bis sehr gut aus. Männer urteilen tendenziell positiver als Frauen. Jeder fünfte Beschäftigte vergibt für die geschlechtliche Gleichstellung im Berufsalltag ein ausreichend bis ungenügend. Fast 30 Prozent der Arbeitgeber verzichten auf Maßnahmen zur Chancengleichheit.

Für die Chancengerechtigkeit am Arbeitsplatz vergeben 28 Prozent der männlichen Befragten die Note sehr gut. Zur Note Eins greift demgegenüber nur knapp jede fünfte Frau (20,4 %). 11,4 Prozent der Frauen empfinden das Ungleichgewicht am Arbeitsplatz gar als so groß, dass es nur für ein Mangelhaft reicht. Diese Note attestieren hingegen nur 4,2 Prozent der Männer. „Erfolgreiche Unternehmen setzen auf die Kombination der Stärken von Männern und Frauen und schätzen beide gleichermaßen“, weiß Lucia Falkenberg, Chief People Officer bei Eco. Unternehmen seien gut beraten, die Förderung von Frauen und Diversity jetzt zur Chefsache zu machen, da die Gleichstellung der Geschlechter in ihrem tiefsten wirtschaftlichen Interesse liege. In der Tech-Welt habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass gemischte Teams Innovation fördern sowie Qualität und Leistung steigen.

Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern nicht nur die Gewinnung weiblicher Talente. Hierzu zählen neben Homeoffice und selbstbestimmteren Arbeitszeiten auch die Möglichkeit der Führung in Teilzeit. Sie bilden somit entscheidende Faktoren zur Steigerung der Arbeitgeberattraktivität. 40,1 Prozent der Befragten profitieren von Homeoffice und flexiblen Arbeitszeiten. Mehr als der Hälfte der männlichen Befragten (51,3 %) räumt der Arbeitgeber die Arbeit von Zuhause ein, aber nur 30 Prozent der Frauen. Führungspositionen werden lediglich in 15,8 Prozent der Unternehmen auch in Teilzeit vergeben. Schlusslicht beim Maßnahmenpaket zu mehr Geschlechtergerechtigkeit bildet der Einsatz von Frauenquoten mit sechs Prozent.

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Die größte Diskrepanz besteht beim Faktor Unternehmenskultur. Während 44,5 Prozent der Männer die Unternehmenskultur als gleichberechtigt wahrnehmen, stimmen dem nur 25,2 Prozent der Frauen zu. 28,9 Prozent der Arbeitgeber bieten keine Maßnahmen zur Chancengleichheit am Arbeitsplatz. „Arbeitgeber rekrutieren nachweislich leichter, wenn sie ihre Mitarbeiter:innen bei Familienaufgaben wie Kinderbetreuung oder Pflegeaufgaben unterstützen und so Diversity und gesellschaftliches Engagement leben“, sagt Falkenberg.

Einige Firmen ergreifen Initiativen

Nicht nur aufgrund des Fachkräftemangels nehme der Verband ein gesteigertes Interesse an Frauen in Tech-Berufen innerhalb seiner Mitgliedsunternehmen wahr. Der Eco treibt deshalb mit der im Frühjahr 2019 gegründeten Initiative #LiT – Ladies in Tech die Förderung von Frauen gezielt voran. Denn Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wollen heute die Karriereleiter samt Familie erklimmen. Das kann nur gelingen, wenn die Arbeitgeber mitspielen, indem sie flexible Arbeitszeiten, mobiles Arbeiten oder beispielsweise Teilzeit-Modelle auch für Führungskräfte anbieten. Gerade die Internetbranche biete Frauen zukunftsträchtige, krisensichere und spannende Karrieremöglichkeiten und sei hinsichtlich der Vereinbarung von Beruf und Familie besonders attraktiv.

Wobei die Gleichberechtigung natürlich auch in andere Richtungen geht, wie die Arbeitgeberbwertungswebseite Kununu vermerkt. Sie gilt nicht nur für Frauen sondern gleichfalls für Teilzeitväter, Arbeitnehmer mit Handicap, Praktikanten oder Personen im Alter über 50 Jahren. In einem Ranking der Plattform zur Chancengleichheit aus dem Jahr 2018 belegten folgende Unternehmen die ersten drei Plätze:

  • Platz 1 – Fasel IT Services GmbH
  • Platz 2 – BCM Solutions GmbH
  • Platz 3 – EY-Parthenon

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Über den Autor

 Sarah Gandorfer

Sarah Gandorfer

Redakteurin bei IT-BUSINESS