Droht eine Pleitewelle? Insolvenzschutz aufgehoben

Autor: Sarah Gandorfer

Jedes dritte mittelständische Unternehmen meldet einen Umsatzrückgang. Bis Ende April galt die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht. Noch ringen Union und SPD um eine weitere Verlängerung der Aussetzung. Viele Unternehmer bangen vor der Pleite.

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Im Einzelhandel, dem Gastgewerbe und der Reisebranche bangen viele um ihr Unternehmen.
Im Einzelhandel, dem Gastgewerbe und der Reisebranche bangen viele um ihr Unternehmen.
(Bild: Alexander Limbach - stock.adobe.com)

Bis 30. April 2021 galt die Verlängerung der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht. Seit 1. Mai muss also bei Überschuldung oder Zahlungsunfähigkeit wieder ein Insolvenzantrag gestellt werden. Die Regierungsparteien ringen noch um eine weitere Verlängerung, wobei die Union dagegen ist. So lautete die Aussage des CSU-Bundestagsabgeordneten Volker Ullrich, dass der Insolvenzschutz nicht mehr verlängert wird.

Wie aus einem Bericht des Handelsblattes hervorgeht, kritisiert die SPD das Vorgehen der Union: „Das ist nicht nachvollziehbar, weil jetzt viele Unternehmen, die sich bisher tapfer durch die Krise gekämpft haben, Insolvenz anmelden müssen, nur weil staatliche Hilfen noch nicht ausbezahlt sind“, sagt der rechtspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Johannes Fechner, gegenüber der Zeitung. Mann wolle diese Woche noch einen „letzten Versuch“ unternehmen, um mit der Union die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht um weitere zwei Monate zu vereinbaren.

Einzelhandel, Gastgewerbe und die Reisebranche sind beunruhigt: Sie haben eine Verlängerung des Insolvenzschutzes gefordert. In ganzseitigen Anzeigen appellierten erst kürzlich der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband und mehrere Gastronomie-Betriebe an die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten, die Branche vor weiteren Pleiten zu bewahren.

Warum der Insolvenzschutz

Die Bundesregierung hat zum Schutz der Wirtschaft in Zeiten der Pandemie das Covid-19-Insolvenz-Aussetzungsgesetz (COVInsAG) beschlossen, welches die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht zunächst bis zum 30. September 2020 vorsah, dann jedoch bis 30. April 2021 verlängert wurde. Die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht sollte verhindern, dass durch die Pandemie unverschuldet in Not geratene Unternehmen pleitegehen. Dabei geht es häufig um Firmen mit Anspruch auf staatliche Coronahilfen. Normalerweise muss der Insolvenzantrag spätestens drei Wochen nach Eintritt eines Insolvenzgrunds gestellt werden.

Schon im Herbst, warnten Finanzexperten, wie die der Creditreform, vor einer drohenden Pleitewelle bei Wiederbeginn der Insolvenzantragspflicht. Zudem mahnten die Analysten, dass es zu einem Dominoeffekt kommen kann, denn der Schuldner reißt den Geldgeber oder Warenlieferant möglicherweise mit ins Verderben.

Wirtschaftslage im Mittelstand im Frühjahr

Laut Creditreform war das Winterhalbjahr 2020/2021 schwierig für den deutschen Mittelstand. Mehr als jedes dritte Unternehmen (34,6 %) meldete einen Umsatzrückgang. Das ist ein deutlich höherer Wert als in der Vorjahresbefragung (22,5 %), als die Coronakrise gerade erst begonnen hatte. Zum Vergleich: Im Frühjahr 2019 hatten nur 17,3 Prozent der Mittelständler Umsatzeinbußen gemeldet, 2018 nur 15,2 Prozent. Am stärksten betroffen war erwartungsgemäß der Handel. Zudem wiesen die mittelständischen Unternehmen in den vergangenen Monaten eine geringe Einstellungsbereitschaft auf. 19,0 Prozent der Befragten meldeten einen erhöhten Personalbestand (Vorjahr: 20,7 %), während 15,6 Prozent der Unternehmen im vergangenen halben Jahr Personal abgebaut haben (Vorjahr: 14,4 %). Damit dürfte der jahrelange Beschäftigungsaufbau im Mittelstand stagnieren.

Bildergalerie

Die Krise hat an den Eigenkapitalquoten im Mittelstand gezehrt (siehe Grafiken in der Bildergalerie). Nur noch 32,1 Prozent der Unternehmen (Vorjahr: 34,2 %) verfügen über eine solide Eigenkapitalquote von mehr als 30 Prozent. Der Anteil der eigenkapitalschwachen Unternehmen (Eigenkapitalquote unter 10 Prozent) nahm im Gegenzug von 27,4 auf 30,7 Prozent spürbar zu. „Ein Andauern der Krise dürfte die Stabilität vieler Unternehmen weiter beeinträchtigen“, betont Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung. Der mühsame Eigenkapitalaufbau der letzten Jahre im Mittelstand sei durch die Coronakrise zum Teil wieder zunichtegemacht worden.

Weiter stabil halten die KMU das Zahlungsverhalten: Die überwiegende Mehrzahl der Mittelständler verbuchte den Zahlungseingang weiterhin innerhalb von 30 Tagen nach Rechnungsstellung und 28,3 Prozent der Befragten blieben von Forderungsausfällen gänzlich verschont (Vorjahr: 23,9 %). Allerdings waren mehr Unternehmen als im Vorjahr von hohen Forderungsausfällen betroffen (9 %; Vorjahr: 7,3 %). Ein weiteres Indiz für eine Verschlechterung der finanziellen Lage in den Unternehmen.

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Über den Autor

 Sarah Gandorfer

Sarah Gandorfer

Redakteurin bei IT-BUSINESS