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Digitaler Unterricht Digitalisierung der Schulen voranbringen

Autor: Susanne Ehneß

Im Lehramtsstudium spielen Digitalkompetenzen bislang kaum eine Rolle, und die Schulen und Behörden sind mit dem DigitalPakt oftmals überfordert. Ein Projekt am Karlsruher Institut für Technologie will nun IT-Kompetenzen bei Lehrern aufbauen. Aber auch der fachliche Austausch mit der IT-Wirtschaft könnte Knowhow für beide Seiten generieren.

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Um die Mittel aus dem DigitalPakt sinnvoll einsetzen zu können, braucht es IT-Knowhow.
Um die Mittel aus dem DigitalPakt sinnvoll einsetzen zu können, braucht es IT-Knowhow.
(© Stockwerk-Fotodesign - stock.adobe.com)

Während des Lockdowns und der Verknüpfung aus Präsenz- und Fernunterricht trat der Digitalisierungsgrad an den einzelnen Schulen gnadenlos zutage. Schulen, die bereits Laptop-Klassen hatten, konnten hier ohne größere Probleme anknüpfen, doch das Gros der deutschen Bildungseinrichtungen saß zunächst auf dem Trockenen. „Viele Schulen, vor allem Grund-, Mittel- und Realschulen, sind digital abgehängt“, so Dr. Stefan Ried, Principal Analyst bei Cloudflight. „An Gymnasien scheint die Situation weniger dramatisch zu sein, allerdings nur im Vergleich mit den bereits genannten Schulformen. Im internationalen Vergleich schneidet das deutsche Bildungssystem in Bezug auf Digitalisierung insgesamt eher schlecht ab.“

Bildungsbericht 2020

Der kürzlich veröffentlichte „Nationale Bildungsbericht 2020“ bestätigt diese Einschätzung: „Die technischen Voraussetzungen in den Einrichtungen sind oftmals nicht ausreichend, um die Lehr-Lern-Gestaltung digital zu unterstützen und den Erwerb digitaler Kompetenzen zu ermöglichen. Im Bereich allgemeinbildender Schulen des Sekundarbereichs I besucht weniger als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler Einrichtungen, die über Lernmanagementsysteme (45 %), WLAN (26 %) oder internetbasierte Anwendungen für gemeinschaftliches Arbeiten (17 %) verfügen. Im internationalen Vergleich sind deutsche Schulen damit nicht anschlussfähig“, heißt es im Bericht.

Durch die bereitgestellten Mittel des „DigitalPakt Schule“ und weiterer Förderprogramme der Länder sei zwar ein Ausbau der IT-Infrastruktur zu erwarten, aber dessen Erfolg hänge entscheidend von einem didaktisch sinnvollen und kritisch reflektierten Einsatz digitaler Technologien ab. „In den Bildungseinrichtungen selbst werden digitale Medien bislang jedoch häufig nur in einem begrenzten Spektrum eingesetzt – etwa als Hilfsmittel zur Rezeption von Informationen und weniger zur individuellen Förderung von Lernenden oder zur Unterstützung von kooperativen Lernsettings. Die geringeren Kompetenzen der Achtklässlerinnen und Achtklässler aus Familien mit niedriger sozialer Herkunft weisen darauf hin, dass für die Kompetenzentwicklung nicht entscheidend ist, in welchem zeitlichen Umfang, sondern mit welchem Anregungsgehalt digitale Medien genutzt werden“, erläutern die Autoren des Bildungsberichts.

Auch der Ruf der digitalen Helfer ist meist schlecht. Viele Lehrkräfte in allgemeinbildenden Schulen und an den Berufsschulen sind zwar der Auffassung, dass digitale Medien das Interesse am Lernen steigern könnten, „ein beträchtlicher Teil der Lehrkräfte spricht digitalen Medien jedoch nicht das Potenzial zu, Lernergebnisse zu verbessern oder individualisiertes Lernen zu ermöglichen“.

IT-Kompetenz erwerben

Bereits im Lehramtsstudium, so der Bericht, spielen Digitalkompetenzen bislang kaum eine Rolle. Nur fünf Länder hätten bisher einheitliche Vorgaben erlassen, dass im Lehramtsstudium für den Primar- und Sekundarbereich I Veranstaltungen zum Erwerb von Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien anzubieten sind. Die Mehrheit der Länder bevorzuge stattdessen Lehrerfortbildungen.

Hier setzt das im März am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gestartete Projekt „digiMINT: digitalisiertes Lernen in der MINT-Lehrer*innenbildung“ an. In diesem Projekt werden in den MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik digitale Unterrichtseinheiten entwickelt, erprobt, evaluiert und für den Transfer in die Praxis vorbereitet. In vier Projektphasen werden zunächst reale und virtuelle Lernumgebungen eingerichtet, sogenannte Makerspaces. Anschließend werden für die MINT-Fächer Unterrichtseinheiten entwickelt und mit Schülern erprobt. Zuletzt werden Entwicklungen und Erkenntnisse nachhaltig in das Lehrangebot des KIT implementiert sowie für den Transfer auf andere universitäre und schulische Standorte vorbereitet. Das Projekt wird durch die Bund-Länder-Initiative „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ über vier Jahre gefördert.

„Digitales Lernen – das hat sich in den Monaten des Lockdowns oft genug auf den eMail-Versand von Arbeitsblättern beschränkt. Dass Lehrkräfte einen virtuellen Klassenraum gestalten, in dem Schülerinnen und Schüler sich mit den Lehrkräften treffen, war die absolute Ausnahme“, kommentiert Professor Alexander Woll, Projektleiter digiMINT und Direktor des Instituts für Sport und Sportwissenschaft am KIT. „In digiMINT erweitern die angehenden Lehrkräfte ihr ‚digitales Repertoire‘. Den Kindern und Jugendlichen wird dies im traditionellen Präsenzunterricht ebenso zugutekommen wie in Online-Situationen.“

„Letztlich“, so Woll, „geht es darum, dass die Digitalisierung didaktische Möglichkeiten hervorbringt, die es vorher nicht gegeben hat. Erklärvideos, Podcasts und Smartphone-Anwendungen schließen nicht nur an die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler an; sie haben auch das Potenzial, den Schulunterricht auf ein den heutigen Anforderungen angemesseneres Niveau zu heben. Nicht jeder Unterricht, in dem digitale Medien eingesetzt werden, ist deswegen ein besserer Unterricht. Entscheidend ist, dass sie ‚richtig‘ eingesetzt werden, nämlich technisch versiert, fachdidaktisch kreativ und bildungswissenschaftlich reflektiert.“

Darüber hinaus erwarten Alexander Woll und die übrigen Verantwortlichen des am Zentrum für Lehrerbildung des KIT angesiedelten Projekts positive Auswirkungen auf die gesamte „Digitalisierungsbaustelle Schule“, denn: „Digitalkompetente Absolventen erzeugen digitalen Bedarf“.

Mittel aus dem DigitalPakt

Die mangelnde IT-Kompetenz der Lehrer, Kommunen und Schulen ist laut Dr. Ried ein Grund, weshalb die 2019 bereitgestellten Mittel aus dem DigitalPakt bislang nur zögerlich eingesetzt werden. Fünf Milliarden Euro wurden im vergangenen Jahr für Digitalisierungsprojekte im Bildungsbereich ausgelobt, nach einem Jahr haben die Bundesländer davon gerade einmal 284 Millionen Euro beantragt, 125 Millionen davon wurden bewilligt. „An Pädagogen werden Ansprüche gestellt, denen nur wenige unter ihnen gerecht werden können. Ihnen fehlt das Wissen, welche Lösungen es auf dem Markt gibt und wie sie sinnvoll eingesetzt werden können“, erklärt Dr. Ried.

Selbst die Schulen, die Geld in die Hand genommen haben und sich selbst als eher fortschrittlich ansehen, hätten allzu häufig nur in immobile Smartboards oder Informatik-Arbeitsplätze mit ortsfesten Desktops investiert, anstelle digitale Lernplattformen einzuführen, die auch von zu Hause aus erreichbar sind. Und die kommunalen Schulbehörden stünden vor demselben Problem. „Auch dort arbeiten keine IT-Spezialisten und Digitalisierungsexperten. Dieser Mangel an Experten verzögert und bremst das Abrufen der Mittel aus dem Digitalpakt Schule. Behörden und Schulen wissen schlicht nicht, wofür sie die vorhandenen Mittel einsetzen könnten“, fasst Dr. Ried zusammen.

Vernetzung

Sein Lösungsvorschlag ist, die Schulen mit IT-Experten aus der Wirtschaft zu vernetzen. „Digitalisierungsexperten sitzen nicht im Lehrerzimmer, sondern in Unternehmen. Sie verfügen über die technische Kompetenz, die den Schulen fehlt. Sie sind aber genauso wenig Pädagogen, wie die meisten Lehrkräfte Digitalexperten sind. Die Zusammenarbeit beider Gruppen ist deshalb der Schlüssel zur erfolgreichen Umsetzung von Digitalisierungsprojekten im Bildungssektor“, so Dr. Ried.

Eine Kooperation zwischen Bildungseinrichtung und Wirtschaft habe für alle Beteiligten Vorteile: „Schulen erfahren Unterstützung in Sachen Software, Infrastruktur und Cloud-Services und können mit einem Partner an ihrer Seite eine verlässliche und leistungsfähige Bildungsinfrastruktur aufbauen. Lehrer werden auf dieser Basis in der Lage sein, ihren Lehrauftrag mithilfe von digitaler Technik und auch zum Thema Digitalisierung zu erfüllen sowie neue pädagogische und didaktische Konzepte zu entwickeln. Die kommende Generation Schüler wird durch moderne Lernmethoden bestens auf den Einstieg ins Berufsleben und die digitale Zukunft vorbereitet. Auch Eltern erfahren Entlastung, da die Schule ihren Kindern mit einem funktionierenden digitalen Bildungskonzept und dem Angebot digitaler Lernmöglichkeiten den Druck nimmt, selbst als Hobby-Pädagoge auftreten zu müssen“, so Dr. Ried.

„Digitale Technologien können nur dann erfolgreich verankert werden, wenn möglichst das gesamte Lehrpersonal in den Prozess eingebunden ist. Ziel sollte sein, Aspekte der Technik, der (Weiter-)Qualifizierung und der Lehr-Lern-Entwicklung in einem übergreifenden Medienkonzept zusammenzuführen und gemeinsam fortlaufend weiterzuentwickeln“, heißt es ergänzend im Bildungsbericht 2020.

Die zentralen Ergebnisse des Bildungsberichts 2020 zur Digitalisierung sehen Sie hier:

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Alle Themen finden Sie im PDF des Bildungsberichts.

Weitere Infos zum DigitalPakt Schule, zu den Fördergeldern und deren Beantragung gibt es auf der Website des Bundesbildungsministeriums.

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