Cloud, SLAs, VMs und Container Die Vertreibung der ­Drachen aus der Cloud

Von Dr. Stefan Riedl 7 min Lesedauer

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Schwer einschätzbare Abhängigkeiten und Unsicherheiten weichen im ­Cloud-Geschäft der Transparenz. Die Cloud wird von Jahr zu Jahr erwachsener und das „Nebulöse“, das möglicherweise Gefahren birgt, verschwindet.

„Expect Dragons“ – diese Zeiten sind im Cloud-Geschäft mehr oder weniger Geschichte.(Bild:  Dusan Kostic - stock.adobe.com)
„Expect Dragons“ – diese Zeiten sind im Cloud-Geschäft mehr oder weniger Geschichte.
(Bild: Dusan Kostic - stock.adobe.com)

„Expect Dragons“, heißt es manchmal, wenn Software- oder Dienste-Anbieter fairerweise den Beta-Status und einhergehende technische Unsicherheiten betonen wollen. Was Cloud Computing angeht, ist die Terra ­incognita, die auf alten Landkarten mit Seeungeheuern und Drachen markiert wurde, gut ­kartografierten Regionen mit Autobahnen, Straßen und Trampelpfaden gewichen. Und wenn sich ein Weg als nicht gangbar herausstellt, gibt es dank einer gesunden Konkurrenzsituation, die trotz der Marktmacht der Hyperscaler gegeben ist, auch andere Wege, die zum Ziel führen. Service Level Agreements (SLA) bilden hier eine Art Straßenverkehrsordnung, auf die sich die beteiligten Akteure selbst geeinigt haben.

Service Level Agreement (SLA)

Service Level Agreements stellen eine detaillierte Vereinbarung zwischen Dienstleister und Auftraggeber dar, in welchen Vertragsdetails wie Leistungsumfang und Reaktionszeit wiederkehrender Dienstleistungen exakt beschrieben werden. Besonders häufig sind Service Level Agreements in der IT anzutreffen. Grundlage für ein entsprechendes Service Level Management stellt die ­Information Technology Infrastructure Library (ITIL) dar, welche De-facto-Standards im IT Service-Management vorgibt.

Eine Frage der Service-Qualität

Cloud Computing ist gekommen, um zu bleiben.(Bild:  jahidsuniverse - stock.adobe.com)
Cloud Computing ist gekommen, um zu bleiben.
(Bild: jahidsuniverse - stock.adobe.com)

Der Begriff wird häufig auf die Verfügbarkeit eines Service in einem Angebot reduziert und auch wenn damit ein wichtiger Aspekt abgedeckt wird, ist es nicht die ganze Wahrheit. Service Level Agreements sind in ihrer Gänze ein Vertrag über alle Leistungen, die vom As-a-Service-Dienstleister erbracht werden müssen. Darin werden sowohl die Inhalte als auch die Qualität dieser Leistungen festgelegt. Wer Anglizismen umschiffen will und beispielsweise statt Subscription den Begriff „Dauerschuldverhältnis“ verwendet, findet, bei SLA-Vereinbarungen ein begriffliches Äquivalent im „Leistungsschein“, der ebenfalls einen Vertrag über die zu erbringenden Leistungen eines Service bezeichnet. Leistungsscheine und SLA-Vereinbarungen sind häufig in einen übergeordneten Rahmenvertrag eingebettet.

SLAs kritisch hinterfragt

Manuel Ohnacker, Chief Sales Officer, Plusserver(Bild:  Plusserver)
Manuel Ohnacker, Chief Sales Officer, Plusserver
(Bild: Plusserver)

Doch lösen Rahmenverträge im Allgemeinen und SLAs im Besonderen alle Probleme, die damit einher gehen, dass Kunden Computing- und Speicher-Dienste via Cloud in fremde ­Rechenzentren auslagern? Manuel Ohnacker, Chief Sales Officer bei Plusserver, bringt auf den Punkt, was viele denken: „Mein Gefühl ist, dass sich SLAs bei vielen Anbietern in die ­falsche Richtung entwickeln, in dem Sinne, dass es hier für Kunden kaum noch Verhandlungsspielraum gibt.“ Das Problem: Anstelle von bedarfsgerechten Vereinbarungen werden vorgegebene Standard-SLAs aufgesetzt. In der einen Richtung liegt es dabei nicht im Interesse der Kunden, für etwas zu bezahlen, das sie für ihr Tagesgeschäft gar nicht zwingend benötigen. Im anderen Extrem bremst es den Geschäftsalltag aus, wenn die Kunden selbst eingreifen müssen, um die, für das Business benötigte Verfügbarkeit mit eigenen Mitteln herzustellen. Ohnacker sagt: „SLAs bieten dann rechtliche Klarheit, wenn die zugrunde gelegten KPIs (Key Performance Indicators) tatsächlich messbar und nachvollziehbar sind.“ Dann haben Kunden auch die Möglichkeit, Ansprüche bei einer Service-Unterbrechung oder anderen SLA-Verletzungen geltend zu machen.

Mein Gefühl ist, dass sich SLAs bei vielen Anbietern in die falsche Richtung entwickeln, in dem Sinne, dass es hier für Kunden kaum noch Verhandlungsspielraum gibt.

Manuel Ohnacker, Chief Sales Officer, Plusserver

Transparenz als Gamechanger

Falk Weinreich, General Manager Central Europe, OVHcloud(Bild:  OVHcloud)
Falk Weinreich, General Manager Central Europe, OVHcloud
(Bild: OVHcloud)

Die Bedeutung von Transparenz betont Falk Weinreich, General Manager Central Europe bei OVHcloud: „SLAs sind ein zentrales Auswahlkriterium für Unternehmen und sollten vorab stets ganz genau geprüft werden.“ Die Kunden geben den Anbietern ihr „Allerheiligstes“, nämlich ihre Daten und mit diesen müsse folgerichtig sehr sorgfältig umgegangen werden. Ein SLA sollte daher laut Weinreich stets transparent und nachvollziehbar und mit einem klaren und planbaren Preismodell ausgestattet sein. OVHcloud sei bekannt dafür, auf die Produkte sehr hohe SLAs zu geben, auf die der Kunde auch Ansprüche erheben kann.

Rechtliche Klarheit durch SLAs?

Tim Kartali, Head of Channel, Ionos(Bild:  IONOS)
Tim Kartali, Head of Channel, Ionos
(Bild: IONOS)

In dieselbe Kerbe, nämlich der Transparenz bei den Leistungsversprechen, schlägt Tim Kartali, Head of Channel Sales Cloud bei Ionos. Diese zähle zu den entscheidenden Faktoren, bei der ­Zusammenarbeit mit den Kunden: „Wer weiß, was er bekommt, entwickelt Vertrauen“, so der Ionos-Manager. Die Frage kommt nicht von ungefähr: Bieten SLAs im Streitfall rechtliche Klarheit bei der Zusammenarbeit mit Cloud-Anbietern? Kartali findet: „Nicht nur SLAs, sondern auch die jeweiligen AGBs und Datenschutzbestimmungen der Cloud-Anbieter bieten einem Kunden rechtliche Sicherheiten.“ Gerade beim Vergleich mit internationalen Unternehmen lohne sich ihm zufolge häufig ein Blick ins „Kleingedruckte“ des jeweiligen Cloud-Anbieters.

Gerade beim Vergleich mit internationalen Unternehmen lohnt sich ein Blick ins „Kleingedruckte“ des Cloud-Anbieters.

Tim Kartali, Head of Channel Sales Cloud, IONOS

AWS: „179 SLAs für verschiedenste Services“

Constantin Gonzalez, Principal Solutions Architect, Amazon Web Services(Bild:  AWS)
Constantin Gonzalez, Principal Solutions Architect, Amazon Web Services
(Bild: AWS)

Dass das richtig Arbeit sein kann, zeigt die schiere Anzahl möglicher SLAs, beispielsweise bei Amazon Web Services. „AWS bietet derzeit insgesamt 179 SLAs für verschiedenste Services an, welche eine verlässliche Grundlage schaffen“, sagt Constantin Gonzalez, Principal Solutions ­Architect bei AWS. „Viel wichtiger für unsere Kunden ist es jedoch, die Zuverlässigkeit und Robustheit ihrer Anwendungen in der Cloud gegenüber unvorhergesehenen Ereignissen selber bestimmen zu können“, so der AWS-Manager. Um sich hier rein zu fuchsen stehen den Kunden – ­neben Beratung – zahlreiche Möglichkeiten, Verfahren und Architektur-Muster zur Verfügung, die Kunden über Dokumentationen und Schulungen angeboten werden. Darunter fällt beispielsweise das „AWS Well Architected Framework“. Darin beschrieben sind die wichtigsten Konzepte, Entwurfsprinzipien und Methoden für die Architektur zum Entwerfen und Ausführen von Workloads in der Cloud. Durch das Beantworten einer Reihe grundlegender Fragen soll dem Kunden in einer Bestandsaufnahme näher gebracht werden, wie gut seine Architektur mit aus Sicht von AWS ­bewährten Methoden für die Cloud übereinstimmt. In einem zweiten Schritt werden Verbesserungen vorgeschlagen.

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Regulatorische Vorgaben

Markus Schwind, Geschäftsleitungsmitglied Executive Board, Schwarz IT(Bild:  Schwarz IT)
Markus Schwind, Geschäftsleitungsmitglied Executive Board, Schwarz IT
(Bild: Schwarz IT)

Auf einer anderen Ebene als der von SLAs, die als Bestandteil von Verträgen zwischen Firmen daher kommen, sind regulatorische Vorgaben und ­Datenschutzgesetze angesiedelt, die unabhängig von privatwirtschaftlichen Vereinbarungen gelten. Markus Schwind, Geschäftsleitungsmitglied bei Schwarz IT, kann besagten Regularien und ­Gesetzen etwas Positives abgewinnen, was deren Auswirkungen auf Cloud-Dienste angeht. „Wir ­sehen hier eine positive Entwicklung“, so Schwind. Bei vielen Unternehmen hätten sich ursprüngliche Vorurteile in Hinblick auf Unsicherheit bei Cloud-Diensten aufgelöst. „Die regulatorischen Entwicklungen und Datenschutzgesetze sorgen dafür, dass Cloud-Dienste eine der sichersten Möglichkeiten darstellen, Daten zu speichern und zu verarbeiten“, so der Manager aus dem Hause, das die Cloud-Plattform Stackit betreibt. Selbstverständlich gebe es hier – wie in vielen Bereichen – Abstufungen und die Angebote müssen sehr ­genau geprüft werden, räumt der Manager ein.

Bei vielen Unternehmen hat sich das ursprüngliche Vorurteil der Unsicherheit bei Cloud-Diensten aufgelöst.

Markus Schwind, Geschäftsleitungsmitglied, Schwarz IT

Gaia-X und die Wechselbarrieren

Gaia-X bietet einen Rechtsraum für Datenhaltung und -ströme.(Bild:  Wilm Ihlenfeld - stock.adobe.com)
Gaia-X bietet einen Rechtsraum für Datenhaltung und -ströme.
(Bild: Wilm Ihlenfeld - stock.adobe.com)

In den regulatorischen Bereich fällt auch Gaia-X, das europäische Regelwerk. Die ursprüngliche ­Intention mag unerfüllt bleiben, nämlich den US-dominierten Hyperscalern europäische Anbieter entgegenzusetzen. Aber auch Gaia-X hilft dabei, Unsicherheitsfaktoren aus dem Cloud-Geschäft zu nehmen. Hinzugewonnen wurde mehr Flexibilität und Transparenz, nachdem Wechselbarrieren, die zu einem Vendor-Lock-In im On-Premises-Bereich geführt haben, auch im Cloud-Umfeld aufgetreten sind. Die These dahinter: Wer beispielsweise „fancy Tools“ von AWS oder Google fest in der IT verankert, will in der Regel darauf nicht mehr verzichten.

Glosse

Remote-Arbeit im Realitäts-Check

Ein Mann sitzt in trachtenartigem Casual-Dresscode etwas verkrampft mit einem Laptop auf dem Schoß in einer Allgäuer Berglandschaft. Man sieht regelrecht, dass sein Rücken schmerzt.

Prächtiges Bild – aber sieht Remote-Arbeit wirklich so aus?
(Bildquelle: Goffkein - stock.adobe.com)

„Mach Remote-Arbeit, haben sie gesagt! Nutze die Cloud, haben sie gesagt! Dann kannst Du dort arbeiten, wo andere Urlaub machen, haben sie gesagt“, denkt sich der Bildschirmarbeiter. Der Wind bläst ihm unangenehm um die Ohren und seit ein Vogel seine Notdurft auf der Tastatur verrichtet hat, versucht er den Ziffernblock zu vermeiden. Er kommt sich komisch vor mit seinem Hut. „Was für eine Farce!“, denkt sich der New-Work-Praktiker und sehnt sich zurück nach dem Großraumbüro und dem Schreibtisch, den er hoch- und runterfahren kann, um rückenentlastend auch mal im Stehen arbeiten zu können.
Außerdem hat sein Arbeitgeber von VPN ins Firmennetzwerk auf Zero Trust umgestellt und der Creative Worker flucht wie ein ortsansäßiger Hufschmied, weil er sich wegen „jedem Schmarrn immer wieder irgendwo anmelden muss“. Wenigstens ist die Insta-Story gelungen.

Lock-In-Knoten zerschlagen

Virtuelle Maschinen und Docker-Container können als Anbieter-agnostische Technologien den ­einen oder anderen gordischen Lock-In-Knoten zerschlagen. Wenn Flexibilität im Cloud-Kontext die nahtlose Portabilität zwischen Umgebungen meint, also, dass man bestimmte virtualisierte Workloads mit wenig Veränderung in unterschiedlichen Umgebungen laufen lassen kann, dann lässt sich damit viel erreichen. So laufen ­beispielsweise virtuelle Maschinen, die auf ­VMWare-Servern betrieben werden, quasi nahtlos auch bei AWS, auf Microsoft Azure oder ­Google Cloud Platform. Dasselbe gilt im Prinzip auch für Docker Container auf Kubernetes-Umgebungen, die damit auf technischer Ebene mehr Flexibilität in die Architektur bringen. Auch die sich daraus ergebende Gewissheit, im Zweifel den Anbieter wechseln zu können, treibt der Cloud ein Stück weit mehr „das ­Nebulöse“ aus.

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