Twitter-Jubiläum 15 Jahre Twitter: Zwischen Visionen und Mühlen der Politik

Autor / Redakteur: Andrej Sokolow und Christoph Dernbach, dpa / Margrit Lingner

„Ich richte nur mein twttr ein“ – vor 15 Jahren verfasste Mitgründer Jack Dorsey den ersten Tweet. Daraus wurde ein Dienst, über den sich Neuigkeiten und Ideen – und auch Lügen – ausbreiten können. Dorseys Vision ist eine Plattform, auf der man erfährt, was gerade passiert.

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Als vor 15 Jahren der erste Tweet verschickt wurde, sollte Twitter zu dem Ort werden, an dem man erfährt, was gerade passiert.
Als vor 15 Jahren der erste Tweet verschickt wurde, sollte Twitter zu dem Ort werden, an dem man erfährt, was gerade passiert.
(Bild: Jirapong - stock.adobe.com)

Zum 15. Geburtstag gleicht Twitter einer großen Baustelle. Mitgründer und Chef Jack Dorsey hat eine Evolution im Sinn, die Twitter weit über das gewohnte Kurznachrichtenformat bringen soll. Dazu gehören von alleine verschwindende Tweets mit dem Namen „Fleets“, die „Spaces“-Talkrunden nach dem Muster des populären Start-ups Clubhouse, und in der Zukunft sogar die Möglichkeit, sich Tweets von eigenen Algorithmen sortieren zu lassen. Zudem testet Twitter (englisches Wort für „zwitschern“) die Möglichkeit, zahlenden Abonnenten exklusive Inhalte oder Angebote verfügbar zu machen.

Dorseys Vision: Twitter soll der Ort sein, an dem man erfährt, was gerade passiert – und sich darüber unterhält. Der Weg dorthin ist steinig. Wie findet jeder die für ihn wichtigen Tweets in der Flut von Millionen Nachrichten? Wie sorgt man als Betreiber dafür, dass der Ton zivilisiert bleibt? Und dass die Plattform nicht zur Manipulation der öffentlichen Meinung genutzt wird – wie bei der großangelegten russischen Kampagne zur US-Präsidentenwahl 2016?

Meinungsmache und Manipulationen

Um Letzteres zu verhindern, wagte Dorsey einen radikalen Schnitt: Schon seit Ende 2019 lässt Twitter keine Tweets zu politischen Themen mehr als Anzeigen verbreiten. Dennoch wurde das vergangene Jahr zur Feuerprobe für den Umgang mit kontroversen Inhalten. Twitter entschied sich für ein konsequentes Vorgehen gegen Tweets mit falschen oder irreführenden Informationen über das Coronavirus und zur US-Präsidentenwahl. Das trieb den Konflikt zwischen Twitter und seinem lange Zeit mächtigsten Nutzer – dem inzwischen ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump – auf die Spitze.

Für Trump war das Twitter-Profil mit mehr als 80 Millionen Abonnenten der mit Abstand wichtigste Kommunikationskanal. Twitter ließ ihm unter Verweis auf die zeitgeschichtlichen Bedeutung seiner Tweets lange unter anderem Beleidigungen durchgehen, für die gewöhnliche Nutzer schnell Ärger bekommen hätten. Doch im Frühjahr 2020 überschritt Trump die roten Linien so weit, dass die fragile Übereinkunft bröckelte.

Twitters Blockaden

Trump behauptete in Tweets, dass die Briefwahl in der Corona-Krise die Betrugsgefahr erhöhe – und bereitete damit den Boden für seine späteren Versuche, das legitime Wahlergebnis zu kippen. Twitter versah einen Trump-Tweet nach dem anderen mit Warnhinweisen. Die Republikaner zitierten Dorsey mehrfach vor Kongressausschüsse und versuchten, den Spielraum von Online-Plattformen beim Vorgehen gegen Nutzer und Inhalte einzuengen.

„Mr. Dorsey, wer zur Hölle hat sie gewählt und damit beauftragt, zu entscheiden, was die Medien berichten dürfen und was das amerikanische Volk erfahren darf?“, brüllte der republikanische Senator Ted Cruz den Twitter-Chef kurz vor der US-Wahl an. Nach der Attacke von Trump-Anhängern auf das Kapitol verbannte Twitter den damals noch amtierenden Präsidenten – und betonte, dass es für ihn keinen Weg zurück auf die Plattform gebe.

Dieser Konflikt könnte Twitter noch Kopfschmerzen bereiten, wenn die Republikaner die Kontrolle über den US-Kongress zurückgewinnen sollten. Auch anderswo steht Twitter unter Druck: Russland drosselte jüngst den Dienst und droht mit einer Blockade.

Twitters Anfänge

Die Anfänge des Dienstes waren bei weitem nicht so kontrovers. Ein Tweet am 15. Januar 2009 machte der ganzen Welt das Potenzial der Plattform deutlich, bei der jeder News teilen kann. „Es ist ein Flugzeug im Hudson“, twitterte der Software-Unternehmer Janis Krums sein Foto einer gerade im New Yorker Fluss notgewasserten Passagiermaschine, das er auf einer Fähre im Hudson gemacht hatte.

Im „Arabischen Frühling“ – den Protesten, die Ägypten, Libyen und Tunesien veränderten – half Twitter der Bewegung und wurde zu einem wichtigen Instrument der Demonstranten.

Die schnelle Twitter-Reaktion der Keksmarke Oreo bei einem Stromausfall während des Superbowls 2013 – „Man kann auch im Dunkeln tunken“ – zeigte Firmen, wie man sich schnell ins Gespräch bringt.

Sein Geld verdient Twitter mit Werbung. Im Kern zahlt man dafür, Tweets in die Timelines der Nutzer zu bringen. Nach einer langen Durststrecke ist Twitter mit dem Modell inzwischen fest in den schwarzen Zahlen angekommen. Wie viele Nutzer der Dienst hat, weiß man unterdessen nicht genau. Twitter nennt seit einiger Zeit nur noch die Zahl der täglichen Nutzer, die über die hauseigene App oder das Web mit Werbung erreicht werden können. Zuletzt waren es 192 Millionen.

Twitter hinkt hinterher

Mit Dorseys Performance als Twitter-Chef sind aber viele Investoren nicht zufrieden. Das hat nicht nur mit den vergleichsweise geringen Umsatzzahlen zu tun, die längst nicht mit Facebook oder Google mithalten können. Auch der Aktienkurs hat sich nur mau entwickelt.

Kritiker werfen Dorsey vor, bestimmte Innovationsthemen nur halbherzig angegangen zu sein. So habe er es verpasst, den Live-Video-Streamingdienst Periscope zum Erfolg zu führen, den Twitter im März 2015 gekauft hatte. Stattdessen konnte das chinesische Technologieunternehmen Bytedance dieses Segment mit TikTok besetzen. Die Periscope-App wird dagegen Ende März eingestellt. Immerhin wurde die Live-Funktionalität in der Twitter-App selbst integriert.

Dorsey probiert unterdessen noch eine ganz andere Möglichkeit aus, mit Tweets Geld zu machen. Er versteigert gerade eine digitale Kopie seiner ersten Twitter-Nachricht. Der Tweet vom 21. März 2006 mit den Worten „just setting up my twttr“ („Ich richte nur mein twttr ein“) ist die älteste Nachricht, die auf der Plattform verfügbar ist. Das Höchstgebot liegt bei 2,5 Millionen Dollar (etwa 2,1 Mio Euro). Dorsey will das Geld spenden.

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