Souveräne Cloud Wo bleibt der Staat als europäischer Cloud-Ankerkunde?

Von Dr. Stefan Riedl 7 min Lesedauer

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Das Thema „souveräne Cloud“ ist vielschichtig. Im Markt werden die Wünsche lauter, die öffentliche Hand möge einer Vorbildfunktion nachkommen und verstärkt als Ankerkunde auftreten, um hiesige Anbieter zu fördern.

Die Rolle als Ankerkunde für Souveräne Clouds stünde staatlichen Akteuren gut zu Gesicht. Es reicht nicht, nur Regularien und Bürokratie zu liefern.(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Die Rolle als Ankerkunde für Souveräne Clouds stünde staatlichen Akteuren gut zu Gesicht. Es reicht nicht, nur Regularien und Bürokratie zu liefern.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

Bei einer souveränen Cloud geht es darum, dass Unternehmen und Institutionen die volle Kontrolle über ihre Daten, ihre Infrastruktur und ihre strategischen Entscheidungen behalten. Für Tim Kartali, Head of Global Partner Sales bei Ionos gehört dazu auch, dass fremde Regierungen keinen Einfluss nehmen können. Er betont, in diesem Zusammenhang, dass Ionos ein deutsches Unternehmen mit Rechenzentren in Europa ist. „Dabei setzen wir auf offene Technologien, einen Cloud-Stack, den wir selbst kontrollieren, auf hundertprozentige DSGVO-Konformität und Interoperabilität, beispielsweise durch Initiativen wie SECA API“, so der Manager. Die hauseigene Cloud-Infrastruktur „Made in Germany“ erfülle außerdem die höchsten Sicherheitsstandards, unter anderem durch ISO- und IT-Grundschutz-Zertifizierungen sowie das BSI C5-Testat.

„In einer geopolitisch unsicheren Welt ist Digitale Souveränität keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Unternehmen wahren so ihre langfristige Wettbewerbsfähigkeit, indem sie sich vor außereuropäischen Einflüssen und dem Zugriff auf sensible Daten durch Drittstaaten schützen“, so Kartali.

Ankerkunden der öffentlichen Hand

„Wenn staatliche Akteure und Institutionen auf souveräne Cloud-Lösungen setzen, übernehmen sie eine Vorbildfunktion“, findet der Manager. „Wir wünschen uns daher, dass der Staat als Ankerkunde stärker europäisch investiert.“ Neben gezielter Förderung und klaren Regulierungen seien vor allem die Implementierung und Nutzung im öffentlichen Sektor entscheidend, um eine unabhängige und zukunftsfähige digitale Infrastruktur in Europa zu etablieren. Kartali spricht in dem Zusammenhang von einer strategischen Investition in die digitale Selbstbestimmung Europas.

„Ionos arbeitet bereits eng mit einigen öffentlichen IT-Dienstleistern wie IT.NRW, GOVdigital oder dem ITZ Bund zusammen, da wir Cloud-Lösungen anbieten, die speziell auf die Anforderungen des öffentlichen Sektors zugeschnitten sind“, präzisiert der Manager in dem Zusammenhang.

Hintergrund

Souveränität zwischen Idealvorstellung und Wirklichkeit

Souveräne Clouds vereinen in der Idealvorstellung Daten-, Software- und betriebliche Souveränität, sodass Unternehmen selbstbestimmt handeln können. Dem könnte man einen Spruch des österreichischen Schriftstellers Helmut Qualtinger entgegenhalten, nämlich: „Die Wirklichkeit ist eine Sense für Ideale.“ Denn in der IT-Praxis ist Souveränität häufig nur ein Schein, ein schöner Begriff, ein Marketing-Buzzword. Was nutzt einem beispielsweise die Möglichkeit, den Cloud-Anbieter wechseln zu können, wenn der Aufwand dafür zu groß und risikobehaftet ist? Oder wenn da rechtliche Unsicherheiten formuliert werden, zu denen drei Juristen fünf Meinungen haben.

Die Rolle der US-Hyperscaler

Tim Kartali, Head of Global Partner Sales, Ionos(Bild:  Ionos)
Tim Kartali, Head of Global Partner Sales, Ionos
(Bild: Ionos)

Die Frage, inwiefern US-amerikanische Hyperscaler wie Amazon, Microsoft oder Google trotz ihrer Herkunftslandgesetze, wie dem Cloud Act, eine echt souveräne Cloud-Lösung für Deutschland bereitstellen können, treibt viele in der Branche um. Aus der Perspektive des Ionos-Managers besteht US-Hyperscaler durch den Cloud Act ein grundlegendes Problem: „Sie können gezwungen werden, Daten offenzulegen, selbst wenn sie außerhalb der USA gespeichert sind. Partnerschaften mit europäischen Unternehmen oder lokale Lösungen ändern nichts an dieser rechtlichen Unsicherheit.“ Außerdem: „Auch bei verschlüsselten Daten können Regierungen die Anbieter anweisen, Softwareupdates einzustellen. In dem Fall wäre eine Cloud in wenigen Wochen, wenn nicht Tagen, angreifbar.“

Europäische Jurisdiktion

Dem stellt Kartali die „souveräne Ionos Cloud“ entgegen, die vollständig in Europa entwickelt und betrieben wird und – wie er betont – damit ausschließlich der europäischen Jurisdiktion unterliege und so maximale Datenhoheit garantieren könne. „Unternehmen und Institutionen können sich darauf verlassen, dass ihre sensiblen Daten geschützt bleiben“, so der Manager. Ionos betreibt demnach 25 Rechenzentren in Europa, darunter sieben in Deutschland. „Sie werden alle mit grünem Strom betrieben und sind ISO-zertifiziert“, so Kartali.

Hintergrund:

IT-Verantwortliche im Cloud-Struggle

„Nix gwiß woas ma net“, so eine bayerische Redensart, die gut zusammenfasst, was IT-Verantwortliche beim Thema Cloud in den Grübelmodus bringt. Einerseits sind US-Hyperscaler eine feste Größe im Cloud-Business, zumal sie spezielle Angebote für die geforderte Cloud-Souveränität in Europa bieten. Andererseits kursiert die Rechtsauffassung, dass der Cloud Act in den USA im Lichte einer Datenschutzfolgenabschätzung juristische Probleme in Hinblick auf die Datenschutzgrundverordnung verursacht.

Die Implementierung der souveränen Cloud

Im Cloudgeschäft gehe es um langfristige Projekte, ordnet der Channel-Manager ein. Diese seien fast immer komplex und werden nicht von heute auf morgen umgesetzt: „Wir reden hier von sechs bis 18 Monaten von der Unterschrift bis zum Livegang. Und natürlich braucht man auch die Experten, die solche Projekte umsetzen und den Cloud-Stack weiterentwickeln.“ Ionos begegnet diesen Herausforderungen laut Kartali „mit einem klaren Fokus auf einfache Skalierbarkeit, transparente Kostenstrukturen und umfassenden Support“. Außerdem würde man auf ein großes Netzwerk von Software- und Implementierungspartnern setzen.

Hintergrund

Initiativen

Das steckt hinter Gaia-X und 8ra

Gaia-X ist ein europäisches Projekt zur Schaffung einer sicheren, offenen und transparenten Dateninfrastruktur, die den souveränen Datenaustausch und die Interoperabilität zwischen verschiedenen Cloud-Diensten fördert. Das Projekt 8ra, ehemals bekannt als IPCEI-CIS (Important Project of Common European Interest – Cloud Infrastructure Services), ist eine von der Europäischen Union initiierte Maßnahme zur Entwicklung einer souveränen, interoperablen und sicheren Cloud-Edge-Infrastruktur in Europa. Sowohl 8ra als auch Gaia-X verfolgen als Initiativen das Ziel, eine souveräne, sichere und interoperable Cloud-Infrastruktur in Europa zu etablieren. Während Gaia-X 2019 als Projekt zum Aufbau einer vertrauenswürdigen Dateninfrastruktur für Europa gestartet wurde, hat es in den letzten Jahren etwas an Schwung verloren.

Open Source Software (OSS)

Open-Source-Technologien sind aus der Sicht des Managers ein wesentlicher Bestandteil souveräner Clouds, denn sie bieten Transparenz, Sicherheit und Unabhängigkeit von proprietären Systemen. „Ionos integriert Open-Source-Lösungen wie Nextcloud in seine Plattformen und ermöglicht so eine flexible und datenschutzkonforme Zusammenarbeit“, so der Channel-Chef. Auch der Cloud-Stack von Ionos beruhe zum Großteil auf Open-Source-Anwendungen wie Linux oder KVM.

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Eine Frage der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit

Für europäische Mittelständler und Konzerne gehe es bei der Frage nach Digitaler Souveränität um nichts Geringeres als eine Grundvoraussetzung für ihre langfristige Wettbewerbsfähigkeit. „Es ist klar, dass Firmen, die schon Jahre Hyperscaler nutzen, nicht von einem zum anderen Tag zu wirklich souveränen Anbietern wechseln können“, räumt Kartali ein. Hier könne aber eine Multicloud-Strategie der erste Schritt sein. Wenn Unternehmen damit beginnen würden, nicht alle Daten in eine Cloud zu legen, sondern ihre IT-Infrastruktur zu verteilen und dabei auch auf souveräne Cloud-Anbieter zu setzen, hätte das einige Vorteile: „Sie stärken ihre Souveränität und Unabhängigkeit und erhöhen ihre Sicherheit und Redundanz, falls ein Anbieter wegfällt.“

Kommentar

Die EU-Chatkontrolle wäre der Datenschutz-Fiebertraum

von Stefan Riedl

Wie man es dreht und wendet: Technische Aspekte der souveränen Cloud scheinen einfacher lösbar zu sein, als die juristischen. Open Source, Gaia-X, Sovereign Cloud Stack – hier gibt es greifbare Lösungen. Doch wann werden die Juristen aufhören zu „meckern“? Wie real ist das Cloud-Act-Problem wirklich? Zuletzt gab es einen „Angemessenheitsbeschluss“ der EU-Kommission, der den transatlantischen Datenverkehr freiräumen soll. Der Cloud Act in den USA, der bei Datenhaltung im EU-Raum eine Rolle spielt, soll eh nur bei schweren Verbrechen greifen, was soll also der ganze Zirkus, könnte man durchaus fragen.

Auf der anderen Seite laufen sich die Datenschützer bereits warm, und solange vom Gesetzgeber Prozesse wie „Datenschutzfolgenabschätzungen“ gefordert werden, bleibt das „Verkaufsargument“ (die Anführungszeichen wurden bewusst gesetzt) Rechtssicherheit durch EU-Anbieter für viele Kunden bestehen. Und wenn man kein US-Hyperscaler ist, wird man das tendenziell eher gut finden. Auf der anderen Seite: Warum sollte man wie auch immer geartete Abhängigkeiten und Rechtsunsicherheiten in Kauf nehmen? Wie viel ist man bereit, dafür auszugeben? Was davon ist real, und was ist mit einem „Buhei-Faktor“ beladen, wie das Buzzword „Killswitch“, das nahelegt, die US-Cloud-Infrastruktur werde sich womöglich vom Rest der Welt abkoppeln? Wer das glaubt, lebt in einer Angstphantasie.

Wie heißt es so schön: Man soll auch vor der eigenen Türe kehren, also werfen wir einen Blick auf das Thema „Chatkontrolle“, welches vermutlich lange nicht vollständig vom Tisch sein wird. Sollte dieser Fiebertraum vom Ende der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der Chat-Dienste – und damit des Nummer-1-Kommunikationsmediums – wahr werden, kann man sich durchaus fragen, ob man bei US-Diensten nicht grundsätzlich besser aufgehoben ist, als in der Überwachungs-EU, die doch tatsächlich anlasslos eine KI über Chatverläufe laufen lassen will. Ohne VPN-Verbindung und ein gerüttelt Maß an zivilem Ungehorsam, den man allenfalls als Privatperson, nicht aber als Unternehmen aufbringen kann, wird das aber nicht gehen.

Was bleibt vom „Datenschutz-Standortvorteil EU“ eigentlich noch übrig, wenn beim Äquivalent zu privatem Briefverkehr digitale Umschläge aufgedampft, die Inhalte per KI gelesen, die Umschläge wieder zugeklebt und dann abgeschickt werden? Meiner Meinung nach nicht viel, denn die moralisch aufgeladene Attitüde zerbröselt dieser Tage bereits, weil so etwas ernsthaft erwogen wird.

Wer den Diskurs rund um die Chatkontrolle verfolgt, kann antizipieren, wie es ausgehen könnte: Nachdem die kritische Berichterstattung und der öffentliche Druck zu groß wurden, hat man seitens der verantwortlichen politischen Akteure „anlasslose Chatkontrolle“ abgelehnt. Kurze Zeit später wird aber bereits munter mit dem Begriff „präventive Kommunikationsüberwachung“ derartiges begrüßt. Nachtigall, ich hör´ dir trapsen.

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