Interview mit ITM-Geschäftsführer Benjamin Hermann

„Wo Amazon hinkommt, ist Microsoft schon da“

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Vielen Unternehmen fehlen aber solche Nerds. Sie sind daher auf externe Dienste angewiesen. Liegt darin nicht ein Vorteil des AWS-Rivalen Microsoft, der ein großes Partnernetzwerk besitzt?

Ohne Zweifel. Wenn man sich die Ausgangslage im Markt anschaut, was Partnernetzwerk und Vertriebsstrukturen angeht, spielt Microsoft – gerade bei uns in Deutschland – in einer ganz anderen Liga als AWS. Wenn jeder Partner, der heute Windows-Server-Lizenzen vertreibt, seinen Kunden plötzlich Azure-Instanzen verkaufen würde, könnte das dem Cloud-Geschäft von Microsoft einen immensen Schub verleihen.

Microsoft wächst Analysten zufolge derzeit im IaaS-Markt sogar schneller als Amazon. Müsste AWS nicht seinerseits in den Vertrieb investieren und den Ausbau des Partnernetzwerks forcieren?

Ja, AWS muss sehr auf Microsoft aufpassen. Der Software-Hersteller ist aufgewacht und investiert massiv ins Cloud-Business. Hinzu kommt, dass Microsoft über seine Vertriebsstrukturen einen besseren Zugang zu den Kunden hat. Bei vielen Unternehmen, mit denen wir diskutieren, sind für den Dot.net- und SharePoint-Stack schon Dienstleister gesetzt. Dieses Bedrohungspotenzials ist sich AWS nicht bewusst. Das Unternehmen wähnt sich seiner Marktmacht sicher, aber die resultiert vor allem aus seiner starken Position in den USA. Bei deutschen Konzernen findet es sich in einer Rolle wieder, die es so nicht gewohnt ist. Überall wo Amazon hinkommt, ist Microsoft schon da. AWS müsste daher in Europa weniger auf Do-it-Yourself setzen und sich stärker auf den Ausbau des Partnernetzes konzentrieren.

Aus Kundensicht spricht die Preisstruktur für AWS. Wegen der Skaleneffekte war der Anbieter bislang in der Lage, seine Preise immer weiter zu senken. Welche Rolle spielt dieser Aspekt?

Eine große! Und die nächste Preissenkung kommt bestimmt. Als wir vor zwei Jahren mit dem AWS-Geschäft angefangen haben, musste ein Kunden für einen halbwegs vernünftigen Windows-Server etwa 300, 400 Dollar im Monat zahlen. Inzwischen bekommt er eine kleine Server-Instanz, auf sich eine Web-Applikation betreiben lässt, für weniger als hundert Euro. Damit kann ein Mittelständler, der Server im eigenen RZ betreibt, unmöglich mithalten. Bei einer Vollkostenbetrachtung, also das IT-Personal eingerechnet, ergeben sich monatliche Kosten pro Server, die bei mehreren hundert Euro, wenn nicht bei 1.000 Euro liegen. Bei Kunden, die Teile ihrer IT bei AWS haben, sehen wir tatsächlich, dass bei gleicher oder sogar bei zunehmender Leistung die monatlichen Ausgaben sinken.

Bei Consulting- und Vertriebspartnern mag Amazon noch Nachholbedarf haben. Anders verhält es sich bei den Technologie-Partnern. Über den AWS-Marktplatz lassen sich Tools und Anwendungen von mehr als 700 Software-Herstellern beziehen, darunter namhafte Anbieter wie Adobe, Citrix, SAP oder Trend Micro. Liegt darin nicht ein weiterer Pluspunkt für AWS?

Was Amazon insbesondere in Deutschland helfen wird, ist die enge Beziehung zu SAP. Viele Ressourcen laufen bereits auf AWS. Bei den Applikationen aus der SAP Cloud Appliance Library, die Sie per ClickOnce Deployment hochfahren können, steht häufig Amazon im Hintergrund. SAP ist die heilige Kuh in der IT. Viele Kunden nehmen AWS gleich viel positiver wahr, wenn sie erfahren, dass man die Software des Walldorfer Konzerns darauf betreiben kann.

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