Anbieter zum Thema
ITB: Und der Vorwurf, hier würde vermehrt unternehmerisches Risiko ausgelagert? Was halten Sie davon?
Reuter: Da muss man festhalten, dass der Einsatz eines Freiberuflers ein Unternehmen oft deutlich teurer kommt als eine Festanstellung. Man schafft sich natürlich Flexibilität, weil der Kündigungsschutz keine Rolle spielt. Die Unternehmen wissen aber, dass sie erfolgskritisches Wissen in Festanstellung brauchen – die so genannte Kernbelegschaft. Sie können IT-Experten aber oft nicht anstellen. Und in anderen Fällen ist eine Festanstellung gar nicht sinnvoll. Wenn man ein bestimmtes Know-how nur für kurze Zeit braucht und danach ist diese Fragestellung erledigt, dann steht eine Festanstellung überhaupt nicht zur Debatte.
ITB: Würden Sie denn sagen, dass die meisten IT-Freiberufler lieber festangestellt wären, oder ist ihnen die Freiheit des selbständigen Arbeitens wichtiger?
Reuter: Meine Erfahrung ist: IT-Freelancer sind selbständig, weil sie es möchten. Der Drang nach Freiheit und nach Selbstbestimmung ist der Hauptgrund für diese Entscheidung. Dazu kommt natürlich noch ein finanzieller Aspekt. Aber wenn sie einen gestandenen IT-Freelancer fragen, warum er selbstständig ist, dann sagt der Ihnen: „Weil ich meine Projekte selbst aussuchen möchte. Weil ich raus möchte aus politischen Machtverhältnissen in großen Unternehmen. Weil ich nicht Entscheidungen nur deshalb treffen will, um meinen nächsten Karriereschritt oder meine Beförderung nicht zu gefährden.“ Selbst in Krisenzeiten sind nur sehr, sehr wenige IT-Freelancer – ich schätze den Anteil auf etwa fünf Prozent – bereit, in eine Festanstellung zu wechseln. Und wenn sie es tun, wechseln sie in guten Zeiten genauso schnell wieder in eine freiberufliche Tätigkeit zurück.
ITB: Wie wird sich aus Ihrer Perspektive der IT-Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren verändern, in Hinblick auf die Rolle der Freelancer?
Reuter: Aus der Vogelperspektive betrachtet lässt sich sagen. Es ist ja eine absolute Spezialisierung auf Kernkompetenz und Kernmannschaft zu beobachten. Man soll sich als Unternehmen auf die eigenen Kernkompetenzen konzentrieren und andere Tätigkeiten an Dienstleister und Firmen auslagern, die wiederum auf diesem Feld ihre Kernkompetenz haben. Viele erfolgreiche Unternehmen haben das vorgemacht. Durch die Spezialisierung entstehen Projekte, und das befeuert wiederum das Freelancertum.
ITB: Früher gab es also mehr Allrounder in der IT. Durch den hohen Spezialisierungsgrad hat sich das gewaltig geändert. Wird sich dieser Trend fortsetzen?
Reuter: Wir sehen in allen Bereichen einen Trend zu Hochspezialisierung – auch in der IT. Früher war CRM ein relativ einfaches Feld. Schauen Sie sich heute die CRM-Landschaft an: Es gibt für jede Branche und jede Teildisziplin, beispielsweise Mobile CRM Speziallösungen. Den Trend zur Spezialisierung sieht man auch an den Stellenausschreibungen. Vor zehn Jahren gab es zum Beispiel keinen Marketingexperten im Bereich Social Media. Heute kann diese speziellen Aufgaben kein Generalist abdecken. Sich mit Twitter zu beschäftigten, ist eine Wissenschaft für sich. Früher hat man da noch gesagt: Ein Mitarbeiter im Marketing macht das Online-Thema mit. Das funktioniert heute nicht mehr, weil die Themen so speziell geworden sind. Genau das ist einer der Gründe, weshalb IT-Freelancer heute so häufig zum Zuge kommen: Wenn Sie sich als Freiberufler einem speziellen Wissenssegment gewidmet haben und da eine tiefe Expertise aufgebaut haben, viele Praxisfälle erlebt und Probleme gelöst haben, in vielen Projekten auf gleiche Herausforderungen gestoßen sind – dann haben Sie einen riesigen Erfahrungsschatz und eine riesige Methoden- und Fachkompetenz erworben und sind in der Lage, die Herausforderungen eines Kunden viel schneller zu lösen als jemand, der sich in diesem Thema nur halb auskennt
ITB: Welche IT-Skills werden gegenwärtig besonders stark nachgefragt?
Reuter: Wir sehen im Moment eine extrem starke Nachfrage nach Java- und ABAP-Entwicklern. Gefragt sind auch Spezialisten für Cobol, PL1, Datenbanken und .Net/C#, allerdings nicht losgelöst, sondern in Kombination mit Sharepoint-Anwendungen. Auch Projektleiter werden weiterhin stark nachgefragt.
ITB: Und mit welchen Skills können IT-Freiberufler derzeit weniger punkten?
Reuter: Weniger punkten kann man als IT-Freelancer, wenn man ein unscharfes Profil hat. Nennen wir es mal den Gemischtwarenladen: viele Skills, keine ausgewiesene Expertise, alles mal ein bisschen gemacht. Die Kunden mögen es nicht, wenn der rote Faden fehlt. Die Fragen in der IT sind so speziell – das kann ein Generalist leider meist nicht leisten. Die Kunden schätzen es auch, wenn man beim IT-Freelancer einen oder zwei Branchen-Schwerpunkte erkennt. Branchen ticken grundsätzlich verschieden. Ein Handelsunternehmen hat völlig andere Prozesse als ein Chemieunternehmen. Wenn ein Freelancer sich da auskennt, fällt ihm der Projektstart deutlich leichter.
Lesen Sie auf der nächsten Seite mehr zur Vergütung von Spezial-Know-how.
(ID:30664280)