Kampf um Unabhängigkeit Mehr Sichtbarkeit für europäische IT

Von Natalie Forell 8 min Lesedauer

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IT-Produkte aus der Region – was bei Lebensmitteln längst über das Bio-Siegel funktioniert, soll in der digitalen Welt das Gütesiegel „IT aus Europa“ sein. Ein Zeichen für Transparenz und digitale Souveränität. Mehr Details dazu gibt Christian Herzog.

Der Verein IT Europa e.V. will ähnlich dem Bio-Siegel im Lebensmittelmarkt ein Siegel für IT-Produkte aus Europa für mehr Sichtbarkeit und Transparenz einführen.(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Der Verein IT Europa e.V. will ähnlich dem Bio-Siegel im Lebensmittelmarkt ein Siegel für IT-Produkte aus Europa für mehr Sichtbarkeit und Transparenz einführen.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

Deutschland ist abhängig vom Ausland, die deutsche Wirtschaft muss wieder angekurbelt werden. Dabei soll zukünftig ein neues Gütesiegel helfen. Laut einer aktuellen Umfrage des Branchenverbands Bitkom sind 91 Prozent der befragten Unternehmen Deutschland abhängig vom Import digitaler Technologien. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst sagt, dass die digitale Souveränität von Deutschland ausschlaggebend dafür sei, „ob wir auf internationaler Ebene als starker Player wahrgenommen und geopolitisch handlungsfähig sind“. Auch Christian Herzog, Geschäftsführer von Extra Computer und Mitgründer des Vereins zur Förderung souveräner IT aus Europe e.V. (kurz: ITE), sieht die Abhängigkeit Europas als sehr hoch an. Mit dem neu gegründeten Verein möchte Herzog Unabhängigkeit, Qualität und Nachhaltigkeit zu uns ins Land zurückbringen.

Untersuchungsdesign

(Bild:  Bitkom)
(Bild: Bitkom)

Im Januar 2025 veröffentlichte Bitkom die Studie „Digitale Souveränität – wie abhängig ist unsere Wirtschaft?“. In der Studie geht es nicht nur um die Einschätzung, wie abhängig Deutschland von den Importen anderer Länder ist, sondern auch um die Risiken innerhalb der Lieferketten und die möglichen zukünftigen Folgen. Insgesamt wurden 603 Unternehmen in Deutschland mit mindestens 20 Beschäftigten befragt. Die Umfrage erfolgte mittels einer computergestützten telefonischen Befragung (CATI) in einem Zeitraum von November 2024 bis Dezember 2024.

Christian Herzog, erster Vorsitz des Vereins zur Förderung von IT aus Europa e. V.(Bild:  Extra Computer)
Christian Herzog, erster Vorsitz des Vereins zur Förderung von IT aus Europa e. V.
(Bild: Extra Computer)

„Bewusstsein schaffen und eine Lobby geben, das ist eigentlich unser Hauptziel“, erklärt Christian Herzog im Gespräch. „Bewusstsein schaffen“ dafür, dass wir in Europa und auch in Deutschland IT-Produkte haben, die eine Wertschöpfung mit Anteilen aus Europa hat. Das sehen nur wenige im Markt, so Herzog. In der IT-Branche ist es nicht wie beim Obst im Supermarkt. Die Kunden stehen nicht vor einem Regal, auf dem groß „Regional“ draufsteht. Die Kunden haben nicht genügend Transparenz, um zu sehen, dass es Entscheidungsmöglichkeiten gibt.

Enorme Ausgaben des europäischen Markts

„Eine Lobby geben“, in die Politik gehen und dort für Aufschwung sorgen – das nannte Herzog ebenfalls als Ziel. Er wirft den Blick nach China, wo eine „langfristige, konsequente Politik“ herrscht, die über Partnerschaften läuft und auf die Verlass ist. „Man muss ja das politische System in China nicht mögen, aber man muss vor der Beständigkeit der chinesischen Regierung, die die wirtschaftlichen Interessen vertritt, den Hut ziehen“, erklärt er. Beständigkeit ist hier das Schlagwort. Eine verlässliche Regierung, die ihre Verpflichtungen ernst nimmt, ist das Ziel. Auch bei Investitionen müsse ein Umdenken stattfinden: „Die Ausgaben im europäischen Markt sind enorm“, sagt Herzog. Es sollte nicht um die Frage gehen, ob unser Land investiert, sondern wie und wo investiert wird – speziell mit Blick auf Deutschland. „Wenn wir mit Steuergeldern investieren, dann haben wir auch die Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass möglichst viel dieser Wertschöpfung in der Region bleibt. Denn dieses Geld stammt letztlich von den Menschen, die hier arbeiten.“ Wer stattdessen außerhalb Europas investiere – etwa in Asien oder den USA –, gibt Kapital und Verantwortung aus der Hand. Entscheidend sei laut Herzog, dass europäische Mittel auch in wirtschaftlich sinnvolle und europäische Produktionen fließen. „Es geht uns darum, dass wir hier Arbeit schaffen – und nicht alles in Niedriglohnländer verlagern, um uns dann zu wundern, dass wir hier keinen Boom haben“, erklärt Herzog.

Unser europäischer Wohlstand besteht eigentlich darin, dass wir etwas wettbewerbstauglich entwickeln, produzieren, vermarkten und vertreiben – und dass diese Geschäftstätigkeit hier in Europa stattfindet.

Christian Herzog, erster Vorsitz des Vereins für IT aus Europa

Was ist die Strategie des Vereins ITE?

Als erstes muss Sichtbarkeit erzeugt werden. Der Verein sammelt Mitglieder, Kontakte und geht auf Veranstaltungen. Außerdem soll Transparenz geschaffen werden – dafür soll das Gütesiegel „IT aus Europa“ sorgen. Dieses Siegel überprüft nicht die Qualität eines Produkts, sondern die „Wertschöpfungstiefe, die wir in Europa haben“, so Herzog. Die Planung ist bereits recht weit fortgeschritten, der Verein befindet sich mitten im Aufbau. Wahrscheinlich wird es ein Gütesiegel mit drei verschiedenen Stufen geben: Gold, Silber, Bronze. Je mehr Komponenten und Dienstleistungen aus Europa in einem Produkt verarbeitet wurden, desto mehr Wertschöpfung gibt es und desto höher ist der Prozentsatz des Siegels. Laut Herzog ist eine vollständig europäische Herstellung nicht möglich, weil manche Bauteile – wie etwa Prozessorchips – in Asien gefertigt werden. Der Mindestanteil an europäischer Wertschöpfung wird vermutlich bei etwa 30 bis 40 Prozent liegen.

Welche Vorteile bedeutet „Made in Germany“ und das Gütesiegel?

Teile einfach zusammenzubauen und dabei eine halbe Stunde deutsche Handarbeit zu liefern, zählt nicht unter das Siegel. „Made in Germany“ fängt bei ITE beim Industrie-PC an, der beispielsweise ein deutsches Mainboard hat. Außerdem bedeutet das aber noch mehr:

  • Landläufiges Qualitätssiegel
  • Durchdachtes und funktionales Design
  • Kurze Lieferwege und weniger Lieferschwierigkeiten

Ein konkretes Beispiel: Der Europa-PC

Ein PC kostet 500 Euro in der Herstellung. Er hat ein Gehäuse, das aus dem Süden Deutschlands kommt. Das kostet dann beispielsweise 100 Euro, das bedeutet dann erstmals 20 Prozent Wertschöpfung aus Europa. Anschließend wird nachgeschaut, wo das Material herkommt. Ist es zum Beispiel Aluminium aus Europa, dann bleibt es bei 20 Prozent. Sollte das Material aber aus einem Land außerhalb von Europa kommen, dann sind es beim Gehäuse schon weniger als 20 Prozent. So bildet sich dann nach und nach der Prozentsatz an europäischer Wertschöpfung.

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Der Verein will mehr Mitglieder sammeln

Mitglied im Verein können alle Hersteller und Entwickler werden, die ihren Sitz in Europa (inklusive Schweiz und UK) haben – vorausgesetzt, ihre Produkte weisen einen ausreichend hohen Anteil an europäischer Wertschöpfung auf. Distributoren und reine Dienstleister erfüllen diese Bedingung in der Regel nicht, da ihr direkter Wertschöpfungsbeitrag oft zu gering ist. Herzog betont, dass der europäische Wohlstand im Kern darauf basiert, dass „wir etwas wettbewerbstauglich entwickeln, produzieren, vermarkten und vertreiben – und dass diese Geschäftstätigkeit hier in Europa stattfindet“. Nur so entstehe ein wirtschaftlicher Kreislauf, bei dem Menschen vor Ort Arbeit haben, Einkommen erzielen, Steuern zahlen – ebenso wie die Unternehmen selbst. In der Folge könne auch der Staat wieder gezielt investieren.

Unternehmen, die Mitglied im Verein werden möchten, können sich derzeit über die Website melden.

Es geht uns darum, dass wir hier Arbeit und fairen Wettbewerb schaffen – und nicht alles in Niedriglohnländer verlagern, um uns dann zu wundern, dass wir hier keinen Boom haben.

Christian Herzog, Geschäftsführer der Extra Computer GmbH

Viel Arbeit für die neue Regierung

„Von der neuen Regierung erwarte ich daher auch, dass sie den Kapitalmarkt zielführend stärkt. Der Markt muss sich entfalten können“, äußert sich Herzog. Er führt weiter aus, dass das auch bedeute, mehr in die Infrastruktur Deutschlands zu investieren und mehr private Investoren mit hereinzunehmen, statt alles mit reinen Steuermitteln zu finanzieren. Herzog ist jedoch auch der Meinung, dass neue Anzeichen dafür zu erkennen sind, dass sich die Lage in Deutschland zum Positiven wendet. „18 Monate lang haben wir auch bei Extra Computer die Zurückhaltung und die pessimistische Stimmung in der Industrie gespürt, bei Gesprächen und auch beim Umsatz. Es lässt sich zwar schwer messen, aber seit einiger Zeit hören wir nun wieder vermehrt positive Signale“, erklärt Herzog einen zögernden Wandel des Markts. Es läuft also nicht alles schlecht – einige Bereiche bewerten die Marktlage lediglich pessimistischer als andere. Für einen möglichen Stimmungsumschwung seien vor allem drei Faktoren entscheidend: Transparenz, Eigenständigkeit und die Möglichkeit, regional einkaufen zu können.

Erste Schritte für Europa?

Erhöhung der Wertgrenze für öffentliche Aufträge

Seit 2024/2025 dürfen viele Kommunen in Deutschland IT-Leistungen bis zu 100.000 Euro netto ohne formale Ausschreibung direkt vergeben – zum Beispiel für Softwareentwicklung, Digitalisierung kleiner Prozesse oder Systembetreuung. Vor allem Startups sollen damit gefördert werden. Angefangen hat dies in Baden-Württemberg, als im Juli 2024 bekanntgegeben wurde , dass die Wertgrenze bis 2026 auf 100.000 Euro angehoben werde. Dabei gilt weiterhin der Grundsatz nach Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit. Die Anhebung der Wertgrenze ist auch in anderen Bundesländern bis 1. Oktober 2027 befristet.

Trotz der neuen regionalen Spielräume fällt auf, dass viele IT-Beschaffungen der Zentralstelle IT-Beschaffung (ZIB) noch über Verträge mit größeren Herstellern laufen, beispielsweise HP oder Dell. Im Februar 2025 hat sich das Bundesinnenministerium mit Microsoft auf neue Konditionenverträge geeinigt. Der sogenannte „Select-Plus-Vertrag“ wurde dabei verlängert und legt fest, dass Einrichtungen „bei Ausschreibungen bzw. Beschaffungen günstigere Konditionen für den Bezug von Microsoft-Produkten zu erhalten“.

Was Unternehmen letztlich daraus machen, sei offen. Zunächst gehe es darum, Sichtbarkeit zu schaffen – und ein Bewusstsein dafür, dass es Alternativen gibt. Gleichzeitig müsse auch gegenüber Investoren signalisiert werden, dass Deutschland ein zukunftsfähiger Standort ist, in den sich Investitionen lohnen. Insgesamt sieht Herzog in Europa und Deutschland eine Kultur der Kreativität und Offenheit: „Ich glaube, dass wir auf unsere Weise durchaus diese Mentalität haben: Mögen wir uns im internationalen Vergleich auch mehr absichern, aber wir sind kreativ und probieren Neues aus. Das müssen wir nutzen, insbesondere durch die Schaffung der passenden Rahmenbedingungen.“

Die Herausforderungen für den Verein

Es geht nicht nur um Hardware. Auch bei Software kann untersucht werden, wo diese entwickelt wurde und wie viel Wertschöpfung daraus folgt. Es wird nur schwer, wenn man dann beispielsweise Bibliotheken nutzt. Wo kommen die her? Auch bei KI ist das ein Problem. Die Software-Entwicklung läuft mit KI, aber wo wird dieses Modell entwickelt? Es gibt noch mehr Herausforderungen, vor welchen der Verein ITE momentan steht, das sei aber alles Teil des weiteren Aufbauprozess, erklärt Herzog. Bis dahin werden noch ein paar Mitgliederversammlungen geplant und mögliche Arbeitsgruppen gebildet, um eine Struktur mit langfristigem Plan aufzubauen.

Zukünftig soll der Verein als unabhängige juristische Instanz zur Extra Computer GmbH existieren.

Computerfertigung in Deutschland

Extra Computer bei Welt der Wunder

Im Juni 2025 hat der TV-Sender Welt der Wunder einen Beitrag über die IT-Fertigung in Deutschland veröffentlicht. Im Mittelpunkt steht die Extra Computer GmbH – ein Unternehmen, das zeigen möchte, wie Wertschöpfung und IT-Produktion in der Region funktionieren können.

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