AWS Summit Hamburg Neue Strukturen für digitale Unabhängigkeit

Von Alexander Siegert 5 min Lesedauer

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Rund 10.000 Teilnehmer besuchten den AWS Summit 2025 in Hamburg. Im Mittelpunkt standen die Vorstellung der Details zur AWS European Sovereign Cloud und aktuelle Entwicklungen im Bereich Künstliche Intelligenz – zwei Themen, die auch politisch an Relevanz gewinnen.

Container, GenAI und nun auch die souveräne Cloud. Das AWS-Angebot wächst mit seiner Community mit. (Bild:  Vogel IT-Medien)
Container, GenAI und nun auch die souveräne Cloud. Das AWS-Angebot wächst mit seiner Community mit.
(Bild: Vogel IT-Medien)

Am 5. Juni 2025 versammelten sich rund 10.000 Partner und Kunden von AWS auf dem Hamburger Messegelände. Neben über 150 Sessions zu generativer KI, Serverless-Architekturen und Big Data stand ein Thema besonders im Fokus: die AWS European Sovereign Cloud (ESC). Nach der im Vorjahr angekündigten Investition von 7,8 Milliarden Euro in die neue Region Brandenburg stellte AWS nun weitere Details zu diesem Angebot vor.

Strategische Neuausrichtung

Die wichtigste Ankündigung in Hamburg waren Einzelheiten zum Aufbau und Betrieb der AWS European Sovereign Cloud.

Die ESC wurde auf den Bühnen als ein zentraler Bestandteil der europäischen Cloud-Strategie von AWS präsentiert. Sie richtet sich an öffentliche Einrichtungen sowie regulierte Unternehmen, die besonderen Wert auf Datenhoheit und Compliance legen. Laut AWS wird die ESC vollständig von EU-ansässigem Personal betrieben und ist organisatorisch sowie technisch strikt von der globalen AWS-Infrastruktur getrennt. Damit reagiert das Unternehmen auf die zunehmende Nachfrage nach digitaler Souveränität und Kontrolle über Datenflüsse innerhalb der EU. Diese Nachfrage dürfte auch auf die amerikanische Zollpolitik und geopolitische Unsicherheiten der letzten Monate zurückzuführen sein. Die neue Region in Brandenburg soll bis Ende 2025 in Betrieb gehen.

KI-Transformation schreitet voran

Diese Ankündigung fällt in eine Phase stark wachsender Nachfrage nach KI-Lösungen auf Cloud-Basis. Laut einer aktuellen AWS-Studie setzen bereits 53 Prozent der deutschen Unternehmen KI ein – ein Anstieg um 47 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Insgesamt nutzen inzwischen über 1,8 Millionen Unternehmen KI-gestützte Anwendungen. Die zunehmende Verbreitung fortschrittlicher KI wird maßgeblich durch skalierbare Cloud-Infrastrukturen ermöglicht. Auf dem Summit wurden zahlreiche Praxisbeispiele vorgestellt, darunter die KI-gestützte Therapieunterstützung bei Parkinson oder der Einsatz von Agentic AI in der industriellen Fertigung. Auch auf dem Partner Summit am Vortag wurde die strategische Bedeutung der GenAI Competency betont. In Deutschland konnten sich bereits 40 AWS-Partner diese Competency sichern. Auch um den Erhalt der Digital Sovereignty Competency sollen sich die Partner verstärkt bemühen.

Große Bedeutung soll künftig die Partnerschaft mit SAP einnehmen. Die Partnerschaft im Rahmen von RISE with SAP ist für AWS wichtig, weil sie es dem Cloud-Anbieter ermöglicht, sich als bevorzugte Plattform für die digitale Transformation großer Unternehmen zu positionieren. Durch die enge Zusammenarbeit kann AWS seine Infrastruktur-Services direkt in die SAP-Angebote integrieren und so neue Kundenbindungen und Umsätze generieren. Vor kurzem wurde auch ein AI Co-Innovation Program von SAP und AWS bekanntgegeben. Es unterstützt Partnerunternehmen bei der Entwicklung generativer KI-Lösungen zur Bewältigung von Herausforderungen in Lieferketten oder volatilen Märkten. Dabei werden SAPs ERP-Daten und Plattformen mit den KI-Diensten von AWS, insbesondere Amazon Bedrock, kombiniert. Partner wie Accenture und Deloitte entwickeln bereits konkrete Anwendungen – etwa zur Katastrophenresilienz oder zur Finanzoptimierung im Gesundheitssektor.

Neue Governance-Struktur für souveräne Cloud-Infrastruktur

Ein zentrales Thema des Summits war die neue Governance-Struktur der ESC. Diese wurde so konzipiert, dass sie vollständige Kontrolle und Unabhängigkeit innerhalb der EU ermöglicht. Die ESC wird durch eine eigene Gesellschaft mit Sitz in Potsdam betrieben. Diese Gesellschaft agiert rechtlich eigenständig. Zusätzlich wurden auch noch drei Tochtergesellschaften gegründet. Sie dienen zur Bildung einer Infrastruktur-, einer Forschungs- und Entwicklungs- sowie einer Trust-Certificate-Gesellschaft. Alle betrieblichen Aufgaben wie Support, Datenmanagement und Rechenzentrumszugang sollen ausschließlich in den Händen von EU-ansässigem Personal liegen. Der Cloud Provider räumte auf dem Summit ein, dass es keine allgemeinen Kriterien für digitale Souveränität gebe. Daher führt man ein Sovereign Requirements Framework (SRF) ein. Dieses Framework ist ein umfassender Katalog technischer, rechtlicher und betrieblicher Kontrollen, der auf den Erwartungen von Kunden, regulatorischen Vorgaben in der EU, Branchenstandards und Partnerbedürfnissen basiert.

Separat betrieben

Die ESC verspricht eine technische und organisatorische Trennung von bestehenden AWS-Regionen. Metadaten, Abrechnungsinformationen und Nutzungsdaten werden ausschließlich innerhalb der EU verarbeitet. Eigene Billing-Systeme und Zugriffskontrollen sorgen für zusätzliche Sicherheit. Das eigene European Security Operations Center (SOC) hilft dabei, die Sicherheit für die Unternehmen zu gewährleisten. Darüber hinaus arbeitet AWS eng mit europäischen Regulierungsbehörden zusammen, insbesondere mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Als weiteres Element der Governance ist ein unabhängiger Beirat geplant, dessen genaue Zusammensetzung allerdings noch nicht feststeht.

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Kathrin Renz soll die Geschäftsführung der neuen Muttergesellschaft der ESC übernehmen.(Bild:  AWS)
Kathrin Renz soll die Geschäftsführung der neuen Muttergesellschaft der ESC übernehmen.
(Bild: AWS)

Sicher hingegen ist, dass Kathrin Renz, VP Industries aus dem Münchener AWS-Büro die Geschäftsführung der neuen Gesellschaft übernehmen wird. „Kunden sagen uns, dass sie nicht zwischen funktional eingeschränkten Lösungen und der vollen Leistungsfähigkeit von AWS wählen möchten. Deshalb haben wir die AWS European Sovereign Cloud so konzipiert, dass sie europäische Anforderungen an die digitale Souveränität erfüllt und dabei das Serviceportfolio, die Sicherheit, Zuverlässigkeit und Leistung bietet, die Kunden von AWS erwarten“, so Renz. „Unsere Investition in die AWS European Sovereign Cloud unterstreicht unser Engagement für Europas digitale Zukunft – die Förderung von Cloud und KI steht im Mittelpunkt der europäischen Innovationsagenda, und diese Lösung wird es Kunden ermöglichen, Innovationen voranzutreiben und dabei ihre Anforderungen an die digitale Souveränität zu erfüllen.“

Zeichen an Mitbewerber

Der AWS Summit in Hamburg unterstrich die strategische Neuausrichtung vieler Unternehmen im Umgang mit digitalen Infrastrukturen. Für Organisationen, die unter hohen regulatorischen Anforderungen arbeiten, kann die ESC ein Schlüssel sein, Digitale Transformation und Compliance in Einklang zu bringen. Angesichts der Tatsache, dass in deutsches Unternehmen immer mehr Ausgaben auf Compliance entfallen, ist dies ein nicht zu unterschätzender Faktor. Den AWS-Kunden und Partnern auf dem Summit wurde vermittelt, dass man fest davon überzeugt ist, die ESC technologisch und rechtlich abzugrenzen und unabhängig betreiben zu können. Welche Daten und Workloads tatsächlich in der ESC landen, ist vom jeweiligen Anwendungsfall abhängig. Hierbei sollen insbesondere die AWS-Partner mit ihrer Beratungsstärke die Kunden unterstützen. Szenarien wie die Abschaltung bestimmter Cloud-Dienste aus den USA heraus oder andere Katastrophen soll mit der ESC vorgebeugt werden. Wie realistisch solche Szenarien sind, steht auf einem anderen Blatt. Gleichzeitig bleibt die Diskussion um die tatsächliche Souveränität von US-basierten Cloud-Anbietern bestehen. Trotz der Positionierung von AWS dürften insbesondere europäische Wettbewerber weiterhin auf rechtliche Rahmenbedingungen wie den US Cloud Act verweisen – und die Frage stellen, wie unabhängig eine souveräne Cloud eines amerikanischen Hyperscalers letztlich sein kann. Es wird spannend zu beobachten sein, mit welchen Argumenten man künftig die Kunden von der eigenen souveränen Cloud überzeugen möchte.

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