Klimaschutzziele wanken wegen stromfressender KI Hyperscaler wollen Atomstrom für Rechenzentren

Quelle: dpa 5 min Lesedauer

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Die Tech-Riesen haben sich weitreichende Klimaversprechen auferlegt – und dann kam der KI-Boom, der die Rechenzentren auslastet. Die Konzerne suchen nun die Lösung in der Atomenergie.

Ein Reaktorblock nur für Microsoft, Atomkraftwerke im Kleinformat für Google – Rechenzentren brauchen mehr Strom für die energiehungrige KI.(Bild:  frei lizenziert mhollaen /  Pixabay)
Ein Reaktorblock nur für Microsoft, Atomkraftwerke im Kleinformat für Google – Rechenzentren brauchen mehr Strom für die energiehungrige KI.
(Bild: frei lizenziert mhollaen / Pixabay)

Um Rechenzentren in Zeiten stromhungriger künstlicher Intelligenz (KI) zu betreiben, setzen die Hyperscaler jetzt auf Atomkraft. Bereits im März hatte die Talen Energy Corporation den Verkauf ihres 960-Megawatt-Rechenzentrums Cumulus im Nordosten Pennsylvanias „an einen großen Cloud-Service-Anbieter“ bekanntgegeben. Hinter dem Deal steckt Amazon Web Services (AWS), die 650 Millionen US-Dollar locker gemacht haben, um künftig laut Mac McFarland, Präsident und CEO von Talen, „sauberen, kohlenstofffreien Strom aus dem Spitzen-Kernkraftwerk Susquehanna“ zu beziehen. Der bisher aus Solar- und vor allem Windkraft erzeugte Strom reicht AWS nicht mehr. Denn vor allem die KI-Services sind wahre Stromfresser.

Stillgelegter Reaktor soll wieder ans Netz

Microsoft hat das gleiche Problem. Ein Reaktor im stillgelegten US-Atomkraftwerk Three Mile Island soll deshalb wieder hochgefahren werden, um Strom für Rechenzentren von Microsoft zu liefern. Der Software-Riese sagte zu, die produzierte Energie 20 Jahre lang abzunehmen, wie die Betreiberfirma Constellation Energy mitteilte. Es wäre das erste Mal, dass ein stillgelegtes Atomkraftwerk in den USA wieder ans Netz geht. Constellation-Chef Joe Dominquez sagte Bloomberg, die Anlage könne 2027 wieder laufen, wenn bis dahin die Einspeisung ins Stromnetz geklärt werde.

Der Konzern hatte den Reaktor 2019 mit der Begründung stillgelegt, dass dessen Betrieb unwirtschaftlich geworden sei. Im anderen Reaktor von Three Mile Island war es 1979 zu einem Unfall mit einer teilweisen Kernschmelze gekommen. Die Strahlung der radioaktiven Wolke wurde noch mehrere hundert Kilometer vom Unglücksort entfernt gemessen, mehr als 200.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Der Zwischenfall gilt bis heute als der folgenschwerste in der kommerziellen Nutzung von Atomenergie in den USA.

OpenAI plädiert für Riesen-Rechenzentren

Dessen ungeachtet bleibt die Tatsache, dass künstliche Intelligenz einen hohen Energiebedarf in Rechenzentren mit sich bringt. Microsoft, als Vorreiter beim Einsatz künstlicher Intelligenz, integriert die Technologie hinter dem Chatbot ChatGPT von Open AI in praktisch alle seine Produkte. Um im KI-Wettlauf vor allem gegen die chinesische Konkurrenz bestehen zu können, schweben OpenAI-Chef Sam Altmann riesige Rechenzentren vor mit einem Stromverbrauch von jeweils fünf Gigawatt vor. Die Firma habe nach einem Treffen im Weißen Haus die Vorteile solcher Anlagen beworben, schrieb der Finanzdienst Bloomberg.

Im Gespräch seien Rechenzentren mit einem Stromverbrauch von jeweils fünf Gigawatt pro Jahr in mehreren US-Bundesstaaten, berichtete Bloomberg. So viel Strom produzieren etwa fünf Atomreaktoren und man könnte damit rund drei Millionen Haushalte versorgen. OpenAI wolle zunächst eine solche Anlage bauen, hieß es unter Berufung auf informierte Personen. Altman setzt sich schon seit Monaten für einen Ausbau der Infrastruktur hinter KI-Anwendungen ein. Derweil äußerte Constellation-Chef Joe Dominguez Zweifel an einem Netzwerk aus mehreren Fünf-Gigawatt-Rechenzentren. Nicht nur habe es so etwas noch nie gegeben, „ich glaube als Ingenieur auch nicht, dass das möglich ist“, sagte er Bloomberg.

Google fördert Mini-Reaktoren

Nach Microsoft setzt auch Google auf Atomkraft. Der Internet-Konzern will ab 2030 Energie aus neuartigen kleinen Reaktoren des Entwicklers Kairos Power einkaufen. Bis 2035 soll die jährliche Leistung 500 Megawatt erreichen. Es gehe um sechs oder sieben Kraftwerke, sagte Google-Manager Michael Terrell der „Financial Times“. Es sei noch offen, ob Strom aus den Reaktoren ins Netz gehen solle oder ob sie direkt mit den Rechenzentren verbunden werden. Unklar blieben auch finanzielle Details des Deals und ob Google den Bau der Kraftwerke mitfinanzieren oder nur Strom nach der Fertigstellung beziehen will.

Eine Besonderheit der kompakten modularen Reaktoren von Kairos ist, dass sie nicht mit Wasser, sondern mit geschmolzenen Flourid-Salzen gekühlt werden. Das Unternehmen betont, dass seine Konstruktion allein schon dadurch sicherer als herkömmliche Reaktoren sei, dass die Kühlflüssigkeit nicht verkoche. Im vergangenen Jahr bekam Kairos die Genehmigung zum Bau eines ersten Testreaktors im US-Bundesstaat Tennessee.

Klimaversprechen kollidieren mit stromhungriger KI

Die großen Tech-Konzerne verpflichteten sich zum klimaneutralen Wirtschaften und griffen in den vergangenen Jahren immer stärker auf erneuerbare Energien zurück. Doch dann kam der KI-Boom. Training und Betrieb von Software mit künstlicher Intelligenz benötigen viel Aktivität in Rechenzentren – und das bringt auch einen hohen Stromverbrauch mit sich.

Googles Ziel ist, bis zum Jahr 2030 unterm Strich klimaneutral sein. Zum Erreichen solcher Ziele wird der CO2-Ausstoß durch Gegenmaßnahmen wie das Pflanzen von Bäumen ausgeglichen. Im vergangenen Jahr lag der Anteil CO2-freier Energie im Verbrauch von Googles Rechenzentren und Büros bei 64 Prozent. Unterdessen stiegen die CO2-Emissionen des Konzerns binnen eines Jahres um 13 Prozent. Der Energiekonsum der Rechenzentren spielte eine zentrale Rolle dabei.

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Auch Microsoft setzte sich ehrgeizige Klimaziele. So kündigte der Windows-Konzern Anfang 2020 an, bis zum Jahr 2030 seine CO2-Emissionen mehr als auszugleichen. Bis 2050, so versprach es Microsoft, solle sogar der gesamte Kohlendioxid-Ausstoß des Unternehmens seit der Firmengründung bereinigt werden.

Doch der inzwischen eingetretene KI-Boom ließ den Energiebedarf der Tech-Riesen steigen. Experten der Bank Goldman Sachs verwiesen in einer Analyse auf Schätzungen, wonach eine Anfrage bei ChatGPT sechs bis zehn Mal mehr Energie verbrauchen könne als eine klassische Google-Suche.

Kommentar

Ein zweischneidiges Schwert in Sachen Nachhaltigkeit

von Elke Witmer-Goßner

Die Ambitionen der Hyperscaler, in wenigen Jahren komplett klimaneutrale Services anzubieten, haben sich mit dem KI-Boom verabschiedet. Oder etwa doch nicht? „Diese Vereinbarung ist ein wichtiger Teil unserer Bemühungen, die fortschrittlichen [!] Energietechnologien zu kommerzialisieren und zu skalieren, die wir brauchen, um unsere Netto-Null-Ziele und die kohlenstofffreie Energieversorgung rund um die Uhr zu erreichen und sicherzustellen, dass in Zukunft mehr Gemeinden von sauberer und erschwinglicher Energie profitieren“, sagt Michael Terrell, Google Senior Director of Energy and Climate. No problem! Er könnte auch sagen: Was kümmern uns die Altlasten? So redet man sich CO2-optimierte Energieerzeugung locker schön. Aber das geht auch in Europa, ein Blick über die Grenze nach Frankreich genügt: Atomstrom zählt dort zu den „grünen“ Energien. Und die EU-Taxonomie stuft Atomkraft unter bestimmten Bedingungen als nachhaltig ein. Jetzt habt Euch also nicht so! Aber was ist dann mit Energieeffizienzgesetzen und den ESG-Reportings? Sind die nicht ein Witz, wenn uns große Cloud-Anbieter ihre Services als klimaneutral und sogar „grün“ verkaufen? Klar, Atomstrom liegt in Bezug auf CO2-Emissionen im Vorteil. Unternehmen, die ihre Klimabilanz verbessern wollen, könnten den geringen Ausstoß von Treibhausgasen als Pluspunkt anführen. Auch die Versorgungssicherheit, die Atomkraftwerke bieten, wird oft positiv bewertet. Die Kehrseite ist: Atomenergie bleibt aufgrund der ungelösten Abfallproblematik und des Risikos von Nuklearunfällen umstritten. Und gerade in Deutschland wird sie – abgesehen von Energieerzeugungsnostalgikern – von weiten Teilen der Bevölkerung inzwischen abgelehnt. Unternehmen könnten also als Kunden großer US-Cloud-Anbieter ihre Glaubwürdigkeit in puncto Nachhaltigkeit riskieren. Aber, was weiß ich schon? Ich frage mal den ChatGPT, was er dazu meint…

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