Bitkom-Zahlen zeigen eine starke Nachfrage nach europäischen Cloud-Anbietern. Doch worauf kommt es an, wenn Cloud-Infrastrukturen wirklich unternehmensfähig sein sollen – und wie unterscheiden sich Anbieter in puncto Souveränität, Sicherheit und Skalierbarkeit?
Europäische Cloud-Infrastrukturen gewinnen an Bedeutung; dabei sind Sicherheit, Transparenz und DSGVO-Konformität entscheidende Kriterien für Unternehmen.
Der Wunsch nach europäischen Alternativen zu den US-Hyperscalern ist groß – und messbar. Laut dem „Cloud Report 2025“ des Bitkom halten mehr als drei Viertel der Unternehmen in Deutschland ihre Abhängigkeit von AWS, Microsoft oder Google für zu hoch. 82 Prozent wünschen sich explizit große Anbieter aus Deutschland oder Europa.
Neun von zehn Unternehmen nutzen bereits heute Cloud-Dienste, in fünf Jahren sollen es alle sein. Fast zwei Drittel sagen, dass ihr Geschäft ohne Cloud-Infrastruktur stillstünde. Gleichzeitig überdenkt jedes zweite Unternehmen seine Strategie aufgrund der politischen Lage in den USA. Für 97 Prozent spielt das Herkunftsland des Anbieters eine Rolle, für zwei Drittel ist es sogar ein zwingendes Kriterium – und nahezu alle Befragten würden einen Anbieter aus Deutschland bevorzugen.
Damit verschiebt sich die Diskussion: Es geht nicht mehr darum, ob Cloud genutzt wird, sondern wie sie genutzt wird – und von wem. Eine europäische Lösung kann nur dann eine echte Option sein, wenn sie souverän, sicher und zugleich unternehmensfähig ist. Enterprise Readiness ist der Maßstab, an dem sich die Alltagstauglichkeit entscheidet. Und Alltag bedeutet: Millionen gleichzeitige Zugriffe, Datenanalysen in Echtzeit, regulatorische Anforderungen und Kostenmodelle, die nicht zur Falle werden dürfen.
Technische Anforderungen an eine Enterprise-fähige Cloud
Die Grundlage ist technologische Belastbarkeit. Viele Unternehmensanwendungen sind über Jahre hinweg auf S3-Standards ausgerichtet. Damit Migrationen ohne aufwändige Anpassungen gelingen, reicht ein oberflächlicher Hinweis auf „S3-kompatibel“ nicht aus.
Entscheidend ist, dass auch erweiterte Funktionen wie Versionierung, Lifecycle-Management oder Event Notifications zuverlässig unterstützt werden – über API, Kommandozeile und Entwickler-Schnittstellen. Erst dann können bestehende Datenpipelines und Anwendungen nahtlos weiterlaufen, ohne dass Ausfälle oder Zusatzkosten entstehen.
Stabilität und Sicherheit als Pflichtprogramm
Ebenso wichtig ist die zugrunde liegende Architektur. Unternehmen erwarten, dass ihre Systeme auch bei dynamischen Szenarien stabil bleiben: Millionen kleiner Dateien, hybride Workloads, Archivdaten und Echtzeitanalysen müssen gleichwertig verarbeitet werden können. Starke Konsistenz bei Lese- und Schreibzugriffen, berechenbare Latenzen und die Absicherung durch Multi-AZ-Replikationen sind zentrale Kriterien, um transaktionale Systeme oder Data Lakes ohne Integritätsverlust zu betreiben. Hier entscheidet sich, ob eine Plattform tragfähig ist oder ob sie bei Lastspitzen ins Wanken gerät.
Darüber hinaus spielt Sicherheit eine tragende Rolle. Verschlüsselung muss überprüfbar umgesetzt sein, Schlüsselverwaltung darf nicht außerhalb europäischer Hoheit liegen, und Widerruf – also das Ungültigmachen von Schlüsseln im Notfall – muss technisch verlässlich funktionieren. Ebenso zentral ist ein modernes Identity- und Access-Management, das nicht nur einfache Rechte, sondern auch komplexe Rollenmodelle sowie zeitlich gesteuerte Zugriffe abbildet. Solche Mechanismen sind die Voraussetzung dafür, komplexe Unternehmensstrukturen sicher und effizient abzubilden.
Hinzu kommt die Revisionssicherheit: Funktionen wie Object Lock, die verhindern, dass Daten versehentlich oder absichtlich gelöscht werden können, schaffen Schutz vor Ransomware und stärken das Vertrauen in die Integrität von Informationen. Gerade in regulierten Branchen wie FinTech oder HealthTech sind solche Features unverzichtbar. Aber auch in anderen Märkten sind sie ein Wettbewerbsvorteil, weil sie Verlässlichkeit signalisieren.
Kostenkontrolle und Skalierbarkeit für wirtschaftliche Cloud-Planung
Wirtschaftliche Planbarkeit ist der zweite Prüfstein. Mehr als die Hälfte der Cloud-Nutzer rechnet mit steigenden Betriebskosten, nicht zuletzt, weil Gebühren für Datentransfers oder API-Aufrufe oft erst während des laufenden Betriebs sichtbar werden. Enterprise Ready bedeutet deshalb, Preismodelle ohne versteckte Posten anzubieten und Leistungen auch bei hoher Auslastung einzuhalten.
Garantierte Service Levels sind nicht nur technische Parameter, sondern Grundlage betriebswirtschaftlicher Kalkulation. Ausfälle oder Performance-Einbrüche schlagen sich direkt in Umsätzen und Kundenzufriedenheit nieder. Für Unternehmen, die digitale Services in Echtzeit betreiben, ist technische Verfügbarkeit gleichbedeutend mit Geschäftserfolg.
Stand: 08.12.2025
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Rechtskonformität als Cloud-Standortvorteil
Hinzu kommt die Fähigkeit zur Skalierung. Märkte verändern sich schnell, Lastspitzen entstehen oft unerwartet. Nur eine Cloud-Infrastruktur, die Speicher- und Rechenkapazitäten ohne Vorlaufzeit und ohne manuelle Eingriffe erweitern kann, bietet die notwendige Zukunftssicherheit. Hier entscheidet sich, ob ein Anbieter lediglich aktuelle Anforderungen erfüllt oder auch langfristige Wachstumsstrategien trägt.
Ein Vorteil europäischer Lösungen liegt in ihrer regionalen Nähe: Rechenzentren in Deutschland oder der EU garantieren nicht nur geringe Latenzen, sondern stellen auch sicher, dass regulatorische Vorgaben für Datenhaltung eingehalten werden. Effizienz und Rechtssicherheit greifen so ineinander – ein Argument, das laut Bitkom-Studie für nahezu alle Unternehmen von höchster Priorität ist.
Regulierung schafft Vertrauen: Warum Compliance ein Pluspunkt ist
Europa gilt oft als streng reguliert und manche Unternehmen sehen darin eine Bremse gegenüber der dynamischen Innovationskraft der USA oder Asien. Doch in Wirklichkeit liegt hier eine Chance: Europäische Vorgaben zwingen Anbieter, ihre Cloud-Infrastrukturen so zu gestalten, dass sie nicht nur rechtlich, sondern auch technisch auf höchstem Niveau funktionieren.
Der EU Data Act, der ab September 2025 gilt, ist ein gutes Beispiel. Er schreibt Datenportabilität verbindlich vor. Das bedeutet: Unternehmen müssen ihre Daten mitsamt Metadaten, Versionen und Zugriffsinformationen in großem Stil zu einem anderen Anbieter übertragen können. Für einen globalen Konzern mit Standorten auf mehreren Kontinenten ist das nicht nur eine Frage der Compliance, sondern der Handlungsfreiheit. Wer Portabilität ernsthaft gewährleisten kann, beweist damit, dass seine Architektur flexibel ist – und hebt sich von Anbietern ab, die Kunden in Lock-in-Situationen festhalten.
Die DSGVO fügt dem eine zweite Ebene hinzu. Wenn ein europäischer Anbieter zeigt, dass er Daten nicht nur verschlüsselt, sondern Schlüssel auch in europäischer Verantwortung verwaltet und Lösch- sowie Aufbewahrungsprozesse lückenlos nachweist, geht es nicht nur um das Einhalten von Vorschriften. Es geht darum, weltweit Vertrauen zu schaffen. Ein amerikanischer oder asiatischer Konzern, der in Europa DSGVO-konform arbeitet, kann diese Standards global exportieren und reduziert damit den Aufwand, unterschiedliche Compliance-Anforderungen in verschiedenen Märkten zu managen.
Mit der NIS-2-Richtlinie wird dieses Prinzip weiter verschärft. Sie verlangt von Anbietern, Sicherheitsvorfälle nicht nur abzufangen, sondern aktiv zu klassifizieren, zu dokumentieren und in engen Fristen zu melden. Patch-Management, Schwachstellenanalysen und die Absicherung der gesamten Lieferkette werden zur Pflicht. Für Enterprise-Kunden ist das mehr als ein Compliance-Punkt: Es zeigt, dass Sicherheit nicht reaktiv verstanden wird, sondern als durchgängiger Prozess. Genau das unterscheidet eine reife Cloud-Infrastruktur von einer, die nur im Normalbetrieb zuverlässig läuft.
Enterprise Readiness als europäisches Cloud-Gütesiegel
So entsteht aus vielen Einzelregeln ein Gesamtbild: Regulierung in Europa zwingt Anbieter dazu, Technologien zu entwickeln, die portabel, sicher, transparent und resilient sind. Was auf den ersten Blick wie eine Hürde wirkt, ist in Wahrheit ein Standortvorteil – weil es internationale Standards setzt. Für Unternehmen heißt das: Wer auf europäische Cloud-Anbieter setzt, bekommt nicht die „strengere“, sondern die belastbarere Lösung. Enterprise Ready bedeutet in diesem Kontext, dass eine Cloud nicht nur in Europa besteht, sondern weltweit Vertrauen schafft.
* Der Autor und promovierte Neurowissenschaftler Christian Kaul ist im Herzen ein Serienunternehmer. Nachdem er an dem Ausbau von Groupon und Airbnb mitgewirkt hatte, kam er zu Goodgame Studios und steigerte die kumulierten Umsätze auf über 1 Milliarde Euro. 2021 gründete Kaul gemeinsam mit Dr. Kai Wawrzinek sowie Daniel Baker das Unternehmen Impossible Cloud, wo er bis heute als Chief Operating Officer tätig ist.