Standort Deutschland Energiepreise belasten Datacenter, KI und Automatisierung

Von Dr. Stefan Riedl 5 min Lesedauer

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In Deutschland sind die Strompreise vergleichsweise hoch, was einen Standortnachteil für Rechenzentren darstellt. Leider sind davon insbesondere Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz (KI) und Automatisierung betroffen.

KI-Datacenter und Automatisierung benötigen günstigen Strom für den wirtschaftlichen Betrieb.(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
KI-Datacenter und Automatisierung benötigen günstigen Strom für den wirtschaftlichen Betrieb.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

KI und Automatisierung fordern ihren Tribut in Form von Energie. Die Strompreise in Deutschland liegen für private Haushalte sowie für gewerbliche Stromabnehmer im europäischen Vergleich sehr hoch.

Strompreise in Europa: Ein Überblick

Preisvariationen zwischen Haushalten und Unternehmen

Die Strompreise in Europa variieren auf Basis der Quellenlage von Eurostat, nationalen Energieagenturen und Marktstudien erheblich zwischen Ländern sowie zwischen Haushalts- und Unternehmensstrompreisen. Im Jahr 2023 lagen die durchschnittlichen Haushaltsstrompreise in der EU zwischen 21 und 29 Cent/kWh, mit „Spitzenpreisen“ in Deutschland (circa 28-38 Cent/kWh) sowie einem Tiefpreispunkt in Ungarn (circa 8-10 Cent/kWh).

Für Unternehmen sind die Preise in der Regel niedriger, da sie oft von Spezialtarifen profitieren oder sogar eigene Stromerzeugungskapazitäten haben. Die Industriepreise für Strom variieren stark, wobei in Deutschland durchschnittlich 18-20 Cent/kWh bezahlt werden müssen. Im Vergleich dazu müssen einige Sektoren in Frankreich aufgrund von speziellen Vereinbarungen nur 9 Cent/kWh berappen.

Hyperscaler und KI-Player in den USA

In vielen Regionen der USA profitieren Unternehmen von niedrigeren Energiepreisen, wodurch sie im internationalen Wettbewerb Vorteile genießen können. Dennoch sind auch hier regionale Unterschiede zu beachten. Insgesamt kann die Branche dort jedoch darauf bauen, dass Energie günstig und verlässlich fließt, was wohl auch einen Teil der Erfolgsstory der Hyperscaler und der KI-Akteure ausmacht. Big Tech betreibt hier teilweise eigene Kernkraftwerke oder hat entsprechende langfristige Stromabnahmeverträge mit den Betreibergesellschaften geschlossen.

Der eco-Verband und andere Interessenvertreter der Branche haben sich bereits kritisch zur Gesamtlage am Standort Deutschland geäußert (siehe Kasten).

Hintergrund

Eco Verband: Energiekrise für Rechenzentren spitzt sich zu

Geht man nach den Zahlen aus einer aktuellen Studie des eco Verbandes und Arthur D. Little, ist davon auszugehen, dass der Standort Deutschland im Segment der digitalen Infrastrukturen in den kommenden fünf Jahren auf eine massive Angebotslücke zusteuert. Der Grund: KI und Automatisierung lassen die Nachfrage nach Rechenleistung und schnellen Netzen explodieren.

Die aktuellen Bedingungen am Standort Deutschland erlauben es aber gar nicht, die entsprechenden Kapazitäten zeitgerecht dem Markt zur Verfügung zu stellen, erklärt Dr. Béla Waldhauser, Sprecher der Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen des Verbandes.

„Rechenzentrenbetreiber sind auf frühzeitige und verlässliche Stromnetzanschlusszusagen angewiesen. Aktuell dauert die Bearbeitung bis zu sieben Jahre. In Regionen mit besonders hoher Nachfrage, wie etwa Frankfurt am Main, sogar über zehn Jahre. Diese Verzögerungen gefährden die Investitionssicherheit und strategische Planbarkeit von Rechenzentren-Projekten“, so Waldhauser weiter.

Der hohe Strompreis in Deutschland sei ein weiterer Faktor, der den Bau neuer Rechenzentren in Deutschland bremst, heißt es aus dem Verband.

Cloud und KI brauchen Energie

Jan Lange, Geschäftsführer, TelemaxX Telekommunikation(Bild:  TelemaxX)
Jan Lange, Geschäftsführer, TelemaxX Telekommunikation
(Bild: TelemaxX)

Inwieweit sind steigende Energiekosten ein Problem für Rechenzentrumsbetreiber? Ian Lange muss es wissen. Der Geschäftsführer der TelemaxX Telekommunikation managt vier Hochsicherheitsrechenzentren in Karlsruhe. Das Unternehmen bietet Lösungen für Rechenzentrumsflächen, Housing und Managed Services. „Der Energiebedarf von Rechenzentren steigt aufgrund des rasanten Wachstums von Cloud Computing und KI rapide“, weiß der Manager. Energie mache je nach Standort und Effizienz bis zu 40 Prozent der Gesamtkosten eines Rechenzentrums aus. Bei steigenden Strompreisen drücken weitere, einhergehende OPEX-Ausgaben auf die Margen.

Hintergrund

Betriebsausgaben für Strom

Stromkosten gehören zu den OPEX, also den laufenden Betriebskosten eines Unternehmens. Im Gegensatz dazu steht CAPEX, das für Investitionen in Vermögenswerte genutzt wird. Hohe OPEX-Kosten durch steigende Energiepreise können die Rentabilität erheblich beeinträchtigen. Je energieintensiver eine Branche arbeitet, desto schwerer wiegt der Effekt. Im Datacenter-Geschäft sind günstiger Strom und Energieeffizienz wichtige Erfolgsfaktoren.

Standortattraktivität leidet

Mangelerscheinungen bei der Energie verteuern die Preise – die IT-Branche leidet.(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Mangelerscheinungen bei der Energie verteuern die Preise – die IT-Branche leidet.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

„In Deutschland wirken sich im internationalen Vergleich hohe Strompreise ohnehin negativ auf die Standortattraktivität aus“, so Lange. Daher würden die Betreiber von Rechenzentren gut daran tun, auf starke lokale Zusammenarbeit mit Energieversorgern zu setzen. Eine Kooperation mit regionalen Stadtwerken könne angesichts großer Abnahmevolumina helfen, Rahmenverträge und bessere Konditionen zu erzielen. „Letztlich profitieren davon die Kunden aus Mittelstand und Industrie – durch stabile Kosten und sicheren Betrieb von Colocation- sowie Cloud-Diensten. Außerdem können Rechenzentrum Netzredundanzen schaffen und so die Betriebssicherheit weiter erhöhen“, so der Manager. Bei TelemaxX wurden in diesem Sinne Kooperationen mit Stadtwerken im Raum Karlsruhe eingegangen, die verlässliche Energieversorgung zu optimierten Kosten absichern.

Der sprichwörtliche Energiehunger der KI

Inwieweit bremst der fast schon sprichwörtliche Energiehunger der KI den Wettbewerbsstandort Deutschland aus? Der TelemaxX-Geschäftsführer analysiert: „Deutschland ist innerhalb Europas der größte Markt für Rechenzentren. Doch die Konsequenzen einer Energieknappheit werden aktuell beispielsweise am Hotspot Frankfurt sichtbar: Dort können neue Rechenzentrums-Kapazitäten unter anderem aufgrund fehlender Netzanschlusskapazitäten nicht wunschgemäß realisiert werden.“ Das schwäche den Standort Deutschland. Auch in anderen Ballungszentren wird Strom schon heute zu einem Engpass, weiß der Manager.

Dem Strom entgegenziehen

Helfen wird in so einer Situation eine Verlagerung in Regionen, in denen Potenzial für Ausbau besteht – insbesondere, wenn diese Dynamik durch lokale Energieversorger unterstützt wird, so Lange. „Nehmen wir etwa die Technologieregion Karlsruhe: Hier sind vorhandene Energie-Ressourcen längst noch nicht ausgeschöpft“, so der Rechenzentrumsbetreiber aus dieser Region, der seine Dienste in den Ring wirft: Außerdem seien hier genügend Flächen für neue Rechenzentren vorhanden. Bei TelemaxX habe man bereits konkrete Ausbaupläne in der Schublade.

Hintergrund

Lösungsansätze von TelemaxX

Die zentrale Frage sei, wie sich die Probleme einer vorhandenen oder drohenden Energieknappheit lösen lassen – mit Blick auf Kunden aus Mittelstand und Industrie. „Denn diese sind auf ökonomische und verlässliche Versorgung angewiesen“, so Jan Lange, Geschäftsführer, TelemaxX Telekommunikation.

Bei TelemaxX sieht man drei Ansätze für Betreiber von Rechenzentren und politische Entscheidungsträger:

Energieeinsparung: Betreiber von Rechenzentren können durch energieeffiziente Server, Virtualisierung, moderne Kühltechnologien, effiziente Auslastungssteuerung oder die Nutzung von Abwärme den Stromverbrauch deutlich senken. Zur Absicherung wichtig ist eine redundante Stromversorgung durch Einspeisung aus unterschiedlichen Netzen. Hier sind Kooperationen mit regionalen Stadtwerken ein wichtiger Erfolgsfaktor.

Lokale Kooperationen: Die Zusammenarbeit mit Versorgern und Stadtwerken vor Ort gewinnt für den Betrieb von Rechenzentren enorm an Bedeutung. Es gilt, Energieversorgung gezielt zu sichern und die Netze zu entlasten. Eine enge Anbindung an Stadtwerke und eine Einbindung in regionale Energieinfrastruktur sichert Stromversorgung verlässlich. Davon profitieren mittelständische Unternehmen und Industrie, die ökonomische und stabile Cloud-Dienste benötigen.

Politische Initiativen: Der Ausbau und die Modernisierung von Stromerzeugung und Stromnetzen ist entscheidend, um Energie effizient bereitzustellen. Dazu gehört auch die Förderung von Erzeugungsanlagen im lokalen Umfeld von Rechenzentren. Gleichzeitig ist anzuraten, dass in Speicherkapazitäten investiert wird. Energiepreise sollten gesenkt werden, auch für Rechenzentren.

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