Cloud-Wechselbarrieren und -kosten Die Eagles und der Lock-in-Effekt der Cloud

Von Dr. Stefan Riedl

Im Song „Hotel California“ heißt es „You can check-out any time you like... But you can never leave!“ Man könnte meinen, die Eagles singen von der Cloud und dem hier auftretenden Lock-in-Effekt, der in den Wirtschaftswissenschaften Wechselbarrieren und -kosten umfasst.

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Flexibilität, also die Freiheit, Ressourcen schnell hinzuzubuchen, birgt auch Risiken, in Hinblick auf die Thematik rund um Vendor Lock-ins.
Flexibilität, also die Freiheit, Ressourcen schnell hinzuzubuchen, birgt auch Risiken, in Hinblick auf die Thematik rund um Vendor Lock-ins.
(Bild: ©Romolo Tavani - stock.adobe.com)

„Der Rückweg aus der Cloud stellt sich als nicht ganz so schwierig dar, wie aus einer Sekte oder der Psychiatrie – je nach Interpretation des Songs“, sagt Henrik Hasenkamp, CEO bei Gridscale. Doch auch bei der Cloud würden Unternehmen Probleme in Form von zu langen Vertragslaufzeiten, zu engen Herstellerspezifikationen und vorausgesetztem Spezialwissen drohen. Die Gefahr bestehe durchaus, zum „Prisoner of your own device“ zu werden, paraphrasiert Hasenkamp frei nach den Eagles.

Was wurde aus dem Pay-as-You-Go-Ansatz?

Ursprünglich waren Cloud-Angebote für ihre Flexibilität und Pay-as-You-Go-Modelle bekannt, jedoch scheint sich die Problematik rund um Lock-in-Effekte und lange Vertragslaufzeiten eher zu verschärfen. Es stimme schon, dass Cloud und Flexibilität gerne in einem Atemzug genannt werden, sagt der CEO. Die Freiheit, Ressourcen schnell hinzuzubuchen, berge aber auch Risiken. „Als das Thema noch neu war und die ersten Firmen in die Cloud gewechselt sind, hat man viel Augenmerk darauf gelegt, sie richtig zu nutzen, die bestmögliche Performance aus ihr herauszuholen et cetera.“ Im Laufe der Zeit seien Unternehmen aber nachlässiger geworden, was ihre Partnerschaften rund um den IT-Betrieb angeht: „Ist der passende Dienstleister gefunden, wird ein Haken gesetzt und das Thema ad acta gelegt. Die nächste Vertragsverlängerung kommt dann unerwartet und man hat sich nicht nach einer neuen, vielleicht besseren Lösung umgeschaut und bleibt somit bei seinem alten Partner“, so Hasenkamp.

Den Stromanbieter wechselt auch kaum jemand

Die fehlende Dynamik im Markt begründe sich zu einem großen Teil in der Tatsache, dass die Cloud mittlerweile fest etabliert ist und als selbstverständlich angesehen wird. Nicht mal nach den aktuell günstigsten Stromanbietern wird trotz entsprechend lautender Werbebotschaften gesucht. Was Cloud-Dienste angeht, benennt Hasenkamp einen weiteren Faktor neben dieser Wechselträgheit. Sie seien tief in die Prozesse von Unternehmen eingebettet; „ein Wechsel erscheint aufwendig und umständlich und erfolgt deshalb spät.“

Bei Gridscale wird vor diesem Hintergrund gerade versucht, Cloud-Grenzen durch offene Standards und Schnittstellen zu überschreiten. „Darüber hinaus gibt es bei uns weder definierte Vertragslaufzeiten noch irgendwelche Mindestkontingente, sondern ausschließlich eine Abrechnung nach tatsächlicher Inanspruchnahme unserer Cloud-Ressourcen“, sagt Hasenkamp. Viele Kunden bauen Private-Cloud-Architekturen im eigenen Unternehmen auf und nutzen Gridscale-Dienste im Hybridmodell.

Diskussionen rund um Cloud-Repatriation

Derlei Baukastensysteme punkten derzeit wegen strenger Compliance-Anforderungen aber auch aus Kostensicht. Denn oftmals ergebe es schlicht keinen Sinn, alle Daten und Workloads in eine Public Cloud zu verlagern. „Die aktuellen Diskussionen rund um Cloud-Repatriation, also die Rückführung von Cloud-Workloads zurück in die unternehmenseigenen Rechenzentren, unterstreichen diesen Aspekt noch einmal nachdrücklich“, sagt der CEO.

Bei Gridscale schätzt man, dass am Ende des Jahrzehnts zumindest die Mehrheit der IT-Workloads, also etwa 50 bis 60 Prozent, auf den großen Public Cloud-Plattformen prozessiert werden. „Der Rest wird vermutlich nie diesen Weg gehen und möglicherweise dann irgendwann ersetzt werden. Hier erwarten wir eine Aufteilung zwischen kleineren Cloud-Providern, On-Premises-Installationen und speziellen Dienstleistern für einzelne Technologien. Der europäische Markt wird sich zudem weiter vom amerikanischen emanzipieren und lokale Player mit passgenauen Lösungen und hoher Kundennähe werden weiter an Bedeutung gewinnen“, vermutet der Manager.

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