Europäischer Gegenentwurf zu Microsoft und Palantir ChapsVision & Alcatel-Lucent Enterprise machen gemeinsame Sache

Von Agnes Panjas 5 min Lesedauer

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Alcatel-Lucent Enterprise und ChapsVision wollen eine europäische Alternative zu amerikanischen IT-Großkonzernen etablieren. So soll die Digitale Souveränität Europas gestärkt werden. Wo die Herausforderungen liegen, lesen Sie im Interview mit IT-BUSINESS.

Thierry Bonnin, Senior Vice President bei Alcatel-Lucent Enterprise und Olivier Dellenbach, CEO von ChapsVision, sprechen im Interview mit der IT-BUSINESS über die neue gemeinsame Kooperation und deren Herausforderungen.(Bild:  Alcatel-Lucent Enterprise und ChapsVision, bearbeitet mit Canva)
Thierry Bonnin, Senior Vice President bei Alcatel-Lucent Enterprise und Olivier Dellenbach, CEO von ChapsVision, sprechen im Interview mit der IT-BUSINESS über die neue gemeinsame Kooperation und deren Herausforderungen.
(Bild: Alcatel-Lucent Enterprise und ChapsVision, bearbeitet mit Canva)

Die Cloud-Infrastrukturlösungen von Alcatel-Lucent Enterprise können künftig mit den KI-Angeboten von ChapsVision kombiniert werden. Ziel dieser Partnerschaft ist es, europäischen Unternehmen und Behörden eine europäische Lösung für das Management und die Analyse großer Datenmengen bereitzustellen – eine Lösung, die Datenschutz- und regulatorischen Anforderungen gerecht wird.

IT-BUSINESS hat bei Thierry Bonnin, Senior Vice President bei Alcatel-Lucent Enterprise und Olivier Dellenbach, CEO von ChapsVision, nachgehakt.

IT-BUSINESS: Sie werben mit einem europäischen Gegenentwurf zu außereuropäischen Programmen von Microsoft und Palantir. Warum? Welche Gemeinsamkeiten haben Sie zu Microsoft und Palantir, inwiefern wollen Sie sich jedoch von deren Technologien unterscheiden?

Bonnin: Europäische KMU können mit derart großen Konzernen nicht konkurrieren. Entweder fehlt Kapital oder Funktionalität. Wir haben vor rund 15 Monaten beschlossen, dagegen etwas zu unternehmen. Es gab zwei Optionen, um gegen Microsoft, Google und Co. anzutreten. Entweder hat man viel Kapital, um die nötigen Entwicklungen anzuschieben; oder man sucht Partner, die in der Lage sind, einem diese Assets zur Implementierung in die eigene Lösung zu liefern. ChapsVision kann dies.

IT-BUSINESS: Wie lautet also ihre gemeinsame Strategie?

Dellenbach: Wir wollen der europäische Benchmark werden, aber mit einem eigenen Ansatz: souverän, ethisch und innovationsorientiert. Wir entwickeln Datenverarbeitungs- und KI-Technologien sowie Geschäftslösungen, um den betrieblichen Anforderungen gerecht zu werden. Unser Ziel ist es, Daten und KI zu nutzen, um die Souveränität und Leistungsfähigkeit von Regierungen und Unternehmen zu stärken. ChapsVision bringt dabei Knowhow in der Verarbeitung großer, heterogener Datenmengen und agentenbasierter KI mit ein.

Bonnin: Wir glauben, dass wir das einzige europäische Unternehmen sein werden, das eine Alternative zu den US-Riesen bietet. Unsere Lösung ist heute in 22 Rechenzentren weltweit bei OVH gehostet. Wir haben ein Netzwerk von über 2.000 Distributoren. ChapsVision hat viele große Endkunden. Zunächst konzentrieren wir uns auf die europäische Souveränität, da ChapsVision ein zu hundert Prozent französisches Unternehmen ist, sowohl finanziell als auch technologisch. Außerdem fokussieren wir uns auf innovative technologische Lösungen, wie zum Beispiele unsere Kollaborationsplattform. Wir werden AI-gestützte Funktionen wie Gesprächszusammenfassungen und Transkriptionen integrieren. Und dann bauen wir auf zwei Vertriebswege: den indirekten und den direkten.

IT-BUSINESS: Wer ist die Zielgruppe?

Bonnin: Wir möchten alle französischen, deutschen und europäischen Verwaltungen und Großunternehmen ansprechen, die Wert auf Souveränität legen. Es ist wichtig, sich keine Sorgen darüber machen zu müssen, dass beispielsweise Trump den Zugang zu Microsoft blockieren lässt.

IT-BUSINESS: Welche spezifischen AI-getriebenen Funktionen und Vorteile bietet diese Zusammenarbeit?

Bonnin: ChapsVision ist sehr stark beim Krisenmanagement und bietet Lösungen für 30 bis 40 Prozent der C40-Unternehmen und viele Ministerien an. Hier wird künftig wohl unsere Sicherheitslösung Rainbow Guardian integriert. Zudem diskutieren wir ein KI-Callcenter und untersuchen, wie wir KI für prädiktive Instandhaltung, Korrekturwartung und Verkehrsanalyse in unsere Netzwerklösungen integrieren könnten.

Über ChapsVision

ChapsVision ist ein französischer Anbieter von Datenverarbeitungs-, KI- und Cyber-Intelligence-Lösungen, der sowohl kommerzielle als auch staatliche Sektoren bedient, mit einem besonderen Fokus auf Souveränität, Sicherheit und Massendatenverarbeitung. Die Technologien von ChapsVision basieren auf KI-gestützten Such- und Analysefunktionen, Datenintegrationsplattformen sowie Lösungen für OSINT, Bedrohungserkennung im Cyberbereich und Unternehmensintelligenz.

  • Das Unternehmen wurde 2019 gegründet und hat sich durch strategische Übernahmen und Investitionen in Forschung und Entwicklung schnell entwickelt.
  • ChapsVision beschäftigt über 1.000 Mitarbeiter, hat 1.000 Großkunden und erzielte 2024 einen Umsatz von fast 200 Millionen Euro.
  • Der Hauptsitz befindet sich in Suresnes, Frankreich.

ChapsVision hat im Januar 2023 ein unabhängiges Ethikkomitee eingeführt. Das Ethikkomitee gewährleistet die strikte Anwendung der im Code of Conduct festgelegten ethischen Standards. Mehr zum Ethikkomitee hier.

IT-BUSINESS: Und welche spezifischen, KI-gesteuerten Funktionen und Vorteile bietet diese Zusammenarbeit?

Bonnin: Wir möchten eine Reihe von Funktionen in Rainbow implementieren, die wir derzeit noch nicht haben. Die aber Microsoft in seinen Produkten anbietet. Rainbow soll zum zentralen Element werden. Deshalb denken wir über automatische Zusammenfassungen nach, über Transkription in verschiedene Sprachen und über eine Text-to-Speech-Funktion.

IT-BUSINESS: Warum fokussiert sich die Partnerschaft zunächst auf Frankreich und Deutschland, und welche weiteren Regionen könnten in Zukunft einbezogen werden?

Bonnin: Wir konzentrieren uns zunächst auf Frankreich und Deutschland, da Alcatel-Lucent Enterprise dort einen starken Fußabdruck hat. Unser Hauptziel ist es jedoch, ein europäischer und souveräner Akteur zu sein, weshalb wir zunächst vielleicht nach Spanien oder Italien expandieren möchten.

Frage: Wann können Unternehmen und Behörden erwarten, dass die Rainbow-Cloud-Plattform einsatzbereit ist?

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Bonnin: Wir wollen diese Ende November auf einem großen Militär-Event in Paris vorstellen. Danach benötigen wir noch ein paar Monate, um die Lösung zu perfektionieren und industriell einsetzbar zu machen.

IT-BUSINESS: Betrachten Sie die DSGVO eher als Fluch oder Segen?

Bonnin: Für uns ist sie ein Segen. Weil wir die DSGVO respektieren und sicherstellen, dass wir konform sind. Wir wollen, dass unsere Kunden nachts ruhig schlafen können. Niemand kann eine Herausgabe der Daten verlangen, und wir prüfen sogar, ob es sicher ist, die Verschlüsselungsschlüssel den Kunden zu übergeben.

IT-BUSINESS: Wo werden die gesammelten Daten gespeichert?

Bonnin: Die Daten können entweder in der Cloud gespeichert werden oder im Rechenzentrum des Kunden, denn unsere Lösung bietet Flexibilität. Sie kann im Rechenzentrum des Kunden, des Partners oder von OVH gespeichert werden. Bei Microsoft muss alles extern gehostet werden. Wenn morgen etwa die Deutsche Telekom oder eine große US-Organisation die Lösung in ihrem Rechenzentrum haben möchte, wäre das möglich. Natürlich entstehen hier entsprechende Kosten. Kunden müssen abwägen, ob es ihnen das wert ist - auch mit Blick auf ihre Security-Anforderungen, abwägen.

IT-BUSINESS: In Deutschland gibt es das starke Narrativ, dass es keine Alternativen zu diesen US-Anbietern gibt. Palantir wird bereits in Bayern, Nordrhein-Westfalen und in Hessen genutzt. Es heißt dann oft, europäische Lösungen seien nicht so leicht zu implementieren, schwerfällig oder werden als ineffektiv angesehen. Niedersachsen möchte die umstrittene Datenanalyse-Software Palantir nicht bei der Polizeiarbeit einsetzen. Man werde auf eine europäische Lösung warten, heißt es aus dem Innenministerium. Was ist Ihre Meinung dazu?

Dellenbach: Europäische Lösungen haben den Vorteil, dass sie gemäß den europäischen Standards für Digitale Souveränität, Transparenz und Datenschutz entwickelt wurden. Sie mögen daher komplex erscheinen. Das macht sie zu Alternativen.

Bonnin: Das ist nicht unser Thema. Uns geht es um eine Alternative zu Microsoft. In Frankreich sehen wir Kunden, die beide Systeme, Microsoft und Rainbow, nutzen wollen, um vertrauliche Diskussionen nicht über Microsoft abwickeln zu müssen. Die geopolitischen Diskussionen über Souveränität und Sicherheit bieten eine einzigartige Chance. Es ist wichtig, dass der Mittelstand und große Unternehmen zusammenarbeiten. Obwohl wir Microsoft nicht direkt verdrängen können, können wir durch gute Partnerschaften eine starke Konkurrenz darstellen. Vielleicht wird es in Zukunft auch einen deutschen Partner in dieser Zusammenarbeit geben.

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