IT-Arbeitsmarkt 2026: Junior-Stellen schrumpfen um 30 Prozent Warum KI die Fachkräfte-Lücke vergrößert

Von Sylvia Lösel 6 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Die demografische Zeitbombe tickt, KI verändert das Recruiting grundlegend, und traditionelle Karrierewege lösen sich auf. Während Einsteiger vor verschlossenen Türen stehen, müssen Unternehmen radikal umdenken, wenn sie den Anschluss nicht verlieren möchten.

Wenn auf der Karriereleiter die unteren Sprossen fehlen, wird der Berufseinstieg schwierig.(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Wenn auf der Karriereleiter die unteren Sprossen fehlen, wird der Berufseinstieg schwierig.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

Die Fachkräfte-Lücke, die demografische Lücke, die Skills-Lücke... Und dann leisten es sich Unternehmen, diese Lücke weiter zu vergrößern, indem sie Berufseinsteiger durch KI ersetzen, bei der Auswahl ihrer Bewerber zu engstirnig agieren und manche Bevölkerungsgruppen gleich ganz außen vor lassen.

Der Synaxon-Servicepreisspiegel zeigt die meistgenannten unternehmerischen Herausforderungen in den kommenden Jahren. Im vergangenen Jahr stand der Fachkräftemangel noch auf Position 1.(Bild:  Synaxon Servicepreisspiegel 2026)
Der Synaxon-Servicepreisspiegel zeigt die meistgenannten unternehmerischen Herausforderungen in den kommenden Jahren. Im vergangenen Jahr stand der Fachkräftemangel noch auf Position 1.
(Bild: Synaxon Servicepreisspiegel 2026)

Die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeichnen ein eindeutiges Bild: Bis 2038 steigt die Zahl der Personen im Rentenalter um mindestens 3,8 Millionen. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Menschen im Erwerbsalter bis 2070 um mindestens vier Millionen. Der Fachkräftemangel, so Statista, „wurzelt im Zusammentreffen von demografischen, bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Entwicklungen sowie der schleppenden Integration inländischer und internationaler Potenziale“. Um diese Fachkräfte-Lücke zu füllen, müsse neben der Zuwanderung stärker auf Bildung, Weiterbildung sowie bessere Rahmenbedingungen für die Erwerbstätigkeit von Frauen und Älteren gesetzt werden.

Wenn wir alle Stellen, die wir ausschreiben, sofort besetzt bekämen, könnten wir schneller wachsen.

Nikolas Schran, Vice President Sales & Marketing bei G Data

Das Dilemma der Berufseinsteiger

Eine Randstad-Studie, die 91,5 Millionen Stellenanzeigen weltweit im Zeitraum von Januar 2024 bis Mai 2025 auswertete, zeichnet ein alarmierendes Bild: Bei Stellen für Bewerber mit null bis zwei Jahren Berufserfahrung gab es einen Rückgang von 30 Prozent. Bei drei bis fünf Jahren Erfahrung waren es minus 14 Prozent, während Positionen für Professionals mit über zehn Jahren Erfahrung nur um 4 Prozent zurückgingen. In den Sektoren Tech und Finanzen ist diese Entwicklung besonders dramatisch. Am Ende des Vergleichszeitraums gab es 32 Prozent weniger Junior-Stellen für Software-Entwickler und Software-Ingenieure und 42 Prozent weniger für Finanzanalysten. „Das Potenzial für Automatisierung durch KI ist in vielen Branchen enorm – und Unternehmen weltweit machen offenbar reichlich Gebrauch davon, insbesondere bei Stellen, die klassisch von Absolventen oder Auszubildenden besetzt werden“, sagt Susanne Wißfeld, Geschäftsführerin Business Innovations & Concepts bei Randstad Deutschland. Die Angst ist da: 43 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland machen sich Sorgen um die Auswirkungen von KI auf den eigenen Job – bei der Generation Z sind es sogar 49 Prozent.

Absolventen stecken in einem Teufelskreis: Man braucht Erfahrung, um den Job zu bekommen, aber man braucht den Job, um Erfahrung zu sammeln. Die Ironie: Unternehmen schreiben Junior-Stellen aus, besetzen sie aber mit erfahrenen Leuten. Langfristig entsteht eine Lücke, wenn die ersten Sprossen auf der Karriereleiter fehlen.

Unternehmen droht eine Erfahrungslücke

Michael Wallner ist Head of Generative AI GTM | EMEA Central bei ServiceNow. (Bild:  ServiceNow)
Michael Wallner ist Head of Generative AI GTM | EMEA Central bei ServiceNow.
(Bild: ServiceNow)

Michael Wallner, Head of Generative AI GTM für EMEA Central bei ServiceNow, warnt: „Wenn ich junge Leute nicht mehr mitnehme, baue ich mir eine Wissenslücke auf, die auch KI nicht füllen kann.“ Denn KI basiere immer nur auf Fakten und Daten, die man ihr füttert. Menschen jedoch haben eine Sensorik. „Unser Erfahrungsschatz ist wesentlich breiter. Dadurch können wir auch Dinge wesentlich kritischer hinterfragen.“ Stephanie Krüger, Personalleiterin bei der Recruiting-Agentur HRtbeat, berichtet, dass in manchen Konzernen bereits 70 Prozent der Einsteigerstellen gestrichen wurden, weil KI diese angeblich ersetzen kann. „Das ist kurzsichtig: In zehn Jahren fehlen uns dann die erfahrenen Fachkräfte.“ Auch Wißfeld mahnt: „Unternehmen hierzulande sollten bedenken: Eine Investition in Berufsanfänger ist auch eine Investition in die eigene Zukunftsfähigkeit.“

Aus meiner Sicht schlägt der Faktor ‚Sicherheit‘ aktuell den Faktor ‚Geld‘.

Holger Kämmerer, Geschäftsführender Gesellschafter bei ATD

Neuentdeckung: Quereinsteiger

Angesichts der demografischen Entwicklung entdecken Unternehmen eine bisher vernachlässigte Zielgruppe: Quereinsteiger. Laut Stepstone priorisieren 64 Prozent der Unternehmen, im kommenden Jahr aktiv Menschen einzustellen, die aus anderen Berufsfeldern kommen. 77 Prozent wollen ihre Auswahlkriterien anpassen und Kompetenzen stärker gewichten – ein Trend hin zu „Skills-based Hiring“, bei dem praktische Fähigkeiten mehr zählen als formale Abschlüsse. Krüger sieht hier noch viel ungenutztes Potenzial: „Quereinsteiger werden massiv unterschätzt. Die Frage ist doch: Was bringt mir jemand heute, der vor zehn Jahren ein IT-Studium abgeschlossen hat, aber nur wenig Erfahrung in für mich relevanten Bereichen sammeln konnte? Wenn diese Person für ein Thema brennt und sich weiterentwickeln will, ist das doch genau die Person, die ich bevorzugen sollte.“

Wissen, was läuft

Täglich die wichtigsten Infos aus dem ITK-Markt

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Krüger kritisiert, dass Unternehmen den ohnehin angespannten Markt durch unnötige Ausschlusskriterien weiter verkleinern: „Wir haben ein Fachkräfteproblem, machen aber den Markt noch kleiner, indem wir bestimmte Gruppen ausschließen: Wiedereinsteiger nach der Familienzeit, Menschen, die Teilzeit arbeiten müssen, unter 30-Jährige – weil die Generation Z angeblich faul ist –, über 50-Jährige – weil sie angeblich nicht mehr digital affin sind.“

Faktor Sicherheit schlägt Faktor Geld

Wobei nicht alle Unternehmen diese Lücke spüren. Daniel Hofmann, CEO von Hornetsecurity, sieht sogar eine Entspannung: „Die Suche nach Personal ist in den vergangenen zwölf Monaten deutlich einfacher geworden.“ Viele Unternehmen, gerade im Umfeld der Autoindustrie, entließen hochqualifiziertes Personal, das dann auf dem Markt zur Verfügung stehe.

Nikolas Schran, Vice President Sales & Marketing bei G Data(Bild:  G Data)
Nikolas Schran, Vice President Sales & Marketing bei G Data
(Bild: G Data)

Bei G Data setzt man laut Nikolas Schran, Vice President Sales & Marketing, auf konsequente interne Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Das Ergebnis: „Wir haben eine gigantisch geringe Fluktuation. Das zeigt, dass wir es offensichtlich als Arbeitgeber ganz gut machen.“ Dennoch gibt er zu: „Wenn wir alle Stellen, die wir ausgeschrieben haben, sofort besetzt bekämen, könnten wir schneller wachsen.“

Auch bei Connexta setzt man auf Aus- und Weiterbildung. Bei dem neuen Gruppenmitglied SOHnix zum Beispiel schafft das Unternehmen mit einer Übernahmequote von 80 Prozent bei Auszubildenden einen stabilen Talentpool. Als Gruppe aufzutreten sei von Vorteil, da man Personal besser entwickeln könne.

Holger Kämmerer, geschäftsführender Gesellschafter bei ATD (Bild:  ATD)
Holger Kämmerer, geschäftsführender Gesellschafter bei ATD
(Bild: ATD)

Holger Kämmerer, CEO von ATD, bringt im Servicepreisspiegel der Synaxon auf den Punkt, was Arbeitnehmer suchen: „Aus meiner Sicht schlägt der Faktor ‚Sicherheit‘ aktuell den Faktor ‚Geld‘. Unsere Bewerber suchen sinnhafte und qualifizierte Aufgaben, die sie – eingebunden in ein gutes Team – bewältigen können. Herausforderung und Förderung, ohne permanente Überforderung; die Überstunden in einem spannenden Projekt belasten weniger als ohne die nötigen Informationen und Skills beim Kunden zu stehen.“

KI ist kein Allheilmittel

Und da ist auch noch das Thema KI. Julius Probst von Stepstone: „KI wird bei vielen Aufgaben unterstützen, aber nicht alle ersetzen können. Insbesondere dort, wo es auf Empathie und Zwischenmenschlichkeit ankommt.“ Und es wird nicht jeder Mitarbeiter diesen Weg mitgehen wollen. Eine große Aufgabe für die Führungskräfte, findet Wallner, denn „auch für diese Mitarbeiter müssen Möglichkeiten gefunden werden, um sie auf dieser Reise mitzunehmen. Dieses Fingerspitzengefühl wird in Zukunft noch notwendiger werden.“

Es wird nicht jeder Mitarbeiter den KI-Weg mitgehen wollen. Es müssen Möglichkeiten gefunden werden, sie auf der Reise mitzunehmen.

Michael Wallner, Head of Generative AI GTM für EMEA Central bei ServiceNow

Unternehmen, die jetzt in Nachwuchs investieren, Quereinsteigern echte Chancen geben, authentisch kommunizieren und ihre Mitarbeiter konsequent weiterentwickeln, werden die Gewinner sein. Wer auf KI als Allheilmittel setzt und den Einstieg für junge Talente blockiert, baut sich eine Wissenslücke auf, die später nur noch schwer zu schließen ist.

Kommentar

Lifestyle-Teilzeit, echt jetzt?

Dass nicht nur Arbeitnehmende, sondern auch Unternehmen die Freiheit haben sollten, zu entscheiden, ob und wie viele Teilzeit-Jobs sie anbieten, ist das Eine. Teilzeit-Arbeitende, die keine Kinder betreuen oder Pflege-Aufgaben übernehmen, als Lifestyle-Jobber zu betiteln, ist etwas ganz anderes. Wer auf derartig marktschreierische Kommunikation setzt, braucht sich nicht zu wundern, dass dann eine sachliche Diskussion schwierig wird. Genau diese brauchen wir aber. Statt Teilzeitler dafür verantwortlich zu machen, dass es wirtschaftlich nicht läuft: Wie wäre es im ersten Schritt einmal mit wertschätzender Kommunikation. Das erhöht die Produktivität nachgewiesenermaßen deutlich, liebe Lifestyle-Lobbyisten.

(ID:50687912)