Gaia-X, 8ra und EuroStack Souveräne Cloud dringend gesucht

Von Dr. Stefan Riedl 6 min Lesedauer

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An gutem Willen mangelt es nicht: Neben Gaia-X und 8ra hat sich zuletzt die „EuroStack“-Initiative aufgemacht, um die souveräne Cloud zu forcieren. Denn einen Cloud-Exit wird es kaum geben, aktuell nicht mal einen Abschied von den US-­Hyperscalern. Der T-Systems-CEO blickt realistisch auf die Branche.

Wie wird sich die Zukunft in der IT gestalten?(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Wie wird sich die Zukunft in der IT gestalten?
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

Ferri Abolhassan, der CEO von T-Systems, weiß, wohin der Hase läuft. Im Gegensatz zu vielen Unkenrufen in der Branche, die sich auf geopolitische Zwänge berufen, bleibt er auf dem Boden der Tatsachen, wenn er postuliert, dass es für die meisten Unternehmen derzeit noch unrealistisch und auch nicht sinnvoll sei, komplett auf die Lösungen der Hyperscaler zu verzichten. Der Weg führe seiner Ansicht nach mittelfristig über hybride und Multi-Cloud-Modelle sowie europäische Datenräume. „Dann liegen unkritische Workloads bei Hyperscalern, die sensiblen Daten und Workloads hingegen in souveränen europäischen Clouds“, so der Manager. Die technischen Lösungen dazu würden bereits existieren – jetzt gelte es, diese konsequent einzusetzen und weiterzuentwickeln. „Nur wenn Europa seine digitale Infrastruktur schnellstmöglich ausbaut, können wir zukunftssicher agieren“, so Abolhassan.

Gefahren fehlender digitaler Souveränität

Ferri Abolhassan, CEO, T-Systems(Bild:  T-Systems)
Ferri Abolhassan, CEO, T-Systems
(Bild: T-Systems)

Es gebe durchaus konkrete Gefahren, die bei fehlender digitaler Souveränität drohen: Einerseits seien das Risiken wie Spionage, Sabotage und Cyber-Angriffe. Andererseits die zu starke Abhängigkeit von Hyperscalern. Grundsätzlich ist es seiner Ansicht nach sinnvoll, „Vendor-Lock-ins“, also die zu starke Abhängigkeit von einzelnen Konzernen, zu vermeiden. Hinzu könne man aktuell geopolitische Entwicklungen sehen, die T-Systems darin bestärken, die digitale Souveränität voranzutreiben. „Ansonsten stehen wir irgendwann vor der Frage, wie wir die sensiblen Daten von Behörden und Unternehmen noch schützen können“, so der Manager.

Zahlen und Hintergrund

Führt das Cloud-Wachstum in den Himmel?

Exponentielles Wachstum muss in keiner unaufhaltsamen Explosion münden – wie bei der Schachbrett-Geschichte, bei der sich auf jedem Feld die Anzahl der Reiskörner verdoppelt und zum Schluss ganze Reis-Welternten rauskommen. Oft flacht es sich ab, denn in der Realität gibt es Dämpfungsmechanismen, die Wachstum begrenzen und wie auch immer geartete Exponentialkurven einbremsen.
Beim Cloud Computing zeigt sich dieser Effekt: Der Cloud-Hunger nimmt im Laufe der Zeit zu, wächst aber nicht in den Himmel. Nachfrage- und angebotsseitige Faktoren wie Infrastrukturkosten, Energieverbrauch und Regulierung bremsen das Tempo trotz des Trends zu einem sich beschleunigenden Wachstum.

Aktuelle Daten aus dem Jahr 2024 bestätigen das anhaltende Wachstum im Cloud-Computing-Sektor. Laut Fortune Business Insights wurde die Größe des globalen Cloud-Computing-Marktes im Jahr 2023 auf 587,78 Milliarden US-Dollar geschätzt. Prognosen zufolge könnte der Markt bis 2032 ein Volumen von 2.291,59 Milliarden US-Dollar erreichen, was einer jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 16,5 Prozent entspricht.
In Deutschland zeigt der Bitkom Cloud Monitor 2024, dass 81 Prozent der Unternehmen Cloud Computing nutzen, während 14 Prozent die Einführung planen oder diskutieren. Nur fünf Prozent der Unternehmen betrachten das Thema als irrelevant.

Theorie in der EU und Umsatz in den USA?

Manch einer hat in der Gesamtgemengelage den Eindruck gewonnen, dass in der EU theorielastige Vorschläge dominieren, während die US-amerikanischen Hyperscaler praxistaugliche Produkte liefern. Abolhassan sieht das anders: Die Hyperscaler haben seiner Einschätzung nach den Vorteil der schieren Größe und Skalierbarkeit, wodurch Anwender von deren Produkten und Services leicht überzeugt werden konnten. Aber: „In der EU haben wir viele Unternehmen, deren Lösungen mindestens ebenso gut sind, und zunehmend länderübergreifende Initiativen.“ Der T-Systems-CEO sieht an dieser Stelle Fortschritte und ist der Überzeugung, dass Europa mittelfristig ein starkes Gegen­gewicht stellen kann.

Europäischer Tech-Stack

Digitale Souveränität für europäische Unternehmen verfolgen aus seiner Perspektive immer mehr Unternehmen und Initiativen. „Neben Gaia-X und 8ra hat sich zuletzt etwa die ‚EuroStack‘-Initiative mit einer etwas anderen Herangehensweise positioniert.“ Diese sei aus einer Veranstaltung des Europäischen Parlaments hervorgegangen und versuche nun, die Lücken im europäischen Tech-Stack auf allen Ebenen zu schließen, von Ressourcen über Cloud-Infrastruktur bis hin zu Datenverarbeitung und KI. Die passenden Unternehmen in Europa dafür seien schon identifiziert worden – „unter anderem die Deutsche Telekom“, betont der CEO.

Hintergrund

Künstliche Intelligenz treibt Cloud Computing vor sich her

KI treibt Cloud Computing voran, weil KI-Anwendungen enorme Rechenleistung und große Datenmengen benötigen. Die Cloud bietet die nötige Infrastruktur, um diese Ressourcen flexibel und kosteneffizient bereitzustellen. Unternehmen können so KI-Modelle trainieren und nutzen, ohne teure eigene Hardware zu betreiben. Gleichzeitig profitieren Cloud-Anbieter von der steigenden Nachfrage nach leistungsfähigen Servern und spezialisierten KI-Diensten. Dadurch entwickeln sich beide Technologien gemeinsam weiter.

Gaia-X mit Daten im Fokus

Bei Gaia-X liegt der souveräne Austausch von Daten im Fokus, erläutert Abolhassan: „Das Ziel von Gaia-X ist, eine vernetzte Dateninfrastruktur für ein europäisches digitales Ökosystem zu entwickeln.“ Darauf aufbauend hätten sich einige branchenspezifische Datenräume wie Catena-X und Manufacturing-X entwickelt, die den ­Datenaustausch zwischen europäischen Unternehmen fördern und so die Datenwirtschaft vorantreiben. Es gehe hier um Plattformen für den Datenaustausch.

Komplett auf die Lösungen der Hyperscaler zu verzichten, ist für die meisten Unternehmen derzeit noch unrealistisch und auch nicht sinnvoll.

Ferri Abolhassan, CEO, T-Systems

8ra und die vernetzten Rechenzentren

Dagegen ist 8ra ein EU-Förderprogramm mit etwa 150 europäischen Partnern, die eine souveräne Cloud-Edge-Infrastruktur entwickeln. Das Ziel sei hier, ein dezentrales, interoperables und sicheres Multi-Provider-Cloud-Edge-Kontinuum aufzubauen – und zwar mit den Rechenzentren, die bereits in Europa stehen. Dabei setzt 8ra konsequent auf offene Standards und vermeidet so Vendor-Lock-in-Effekte. Besonderen Wert legt die Initiative laut Abolhassan auf den Community-getriebenen Open-Source-Ansatz. Dieser ermögliche es auch kleineren Anbietern, sich am Ökosystem zu beteiligen und fördert dadurch Wettbewerb und Innovationen.

Hintergrund

Geteilte Verantwortung beim Cloud Computing

Das „Shared-Responsibility-Model“ ist noch nicht bei allen IT-Entscheidern in KMU angekommen. Es bezieht sich auf Daten in der Cloud im Allgemeinen und die ­Microsoft-365-Welt im Besonderen: Man teilt sich als Endnutzer mit den Anbietern die Verantwortung rund um die Daten. Demnach greift es zu kurz, davon auszugehen, dass die Daten in einem Microsoft-Rechenzentrum schon gut aufgehoben sein werden. Vielmehr müssen sich die Anwender selbst um den Schutz ihrer ­Accounts und Daten kümmern – das steht so auch in den Lizenzbestimmungen, ist aber vielen Firmen nicht bekannt. Zwar bietet Microsoft Office 365 einige ähnliche Funktionen, die aber ein Backup letztlich nicht ersetzen können. Auch die Themen Versionierung oder Litigation Hold (Einfrieren von Dokumenten bei einem sich anbahnenden Rechtsstreit) spielen hier mit rein. Zudem bietet der Papierkorb (Recycle Bin), nur eine kurze Zeit eine Wiederherstellungsmöglichkeit der Daten.

Das Streben nach Unabhängigkeit

Digitale Souveränität habe für T-Systems oberste Priorität, denn die Kunden würden immer öfter nach entsprechenden Lösungen verlangen. „Sie wollen mehr Unabhängigkeit“, fasst der Manager zusammen und bezieht sich auf den so genannten Draghi-Report. Diesem Paper zufolge stammen mehr als 80 Prozent der digitalen Technologien und Infrastrukturen in Europa aus dem Ausland. „Angesichts der geopolitischen und technologischen Veränderungen heißt das: Europa muss seine digitale Zukunft dringend selbstbestimmt gestalten – dazu gibt es keine Alternative. Besonders im Cloud-Bereich, der eine zentrale Rolle in der digitalen Transformation einnimmt“, so der T-Systems-CEO.

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Der Staat als Ankerkunde

Für Ferri Abolhassan braucht es jetzt gezielte Investitionen in Forschung, standardisierte Technologien und eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Institutionen, Industrie und Politik. „Um EU-weite Strukturen zu schaffen, brauchen wir zudem einen politischen Fokus auf den Aufbau unabhängiger digitaler Infrastrukturen, die sich an den konkreten Bedürfnissen der Anwender orientiert“, sagt der Manager. Dabei sei es besonders wichtig, dass der Staat als Ankerkunde auftritt. Das gebe Vertrauen in diese Strukturen und sorge für entsprechende Nachfrage. „Außerdem müssen schnellstmöglich bürokratische Hürden abgebaut werden, um einen rascheren Fortschritt zu ermöglichen“, fordert der Manager und schlägt damit in eine Kerbe, in die schon viele Wirtschaftslenker vor ihm geschlagen haben.

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