Was die Frage nach der Cloud-Souveränität angeht, zählen Transparenz, Anpassbarkeit und Interoperabilität. Open Source ist häufig das Mittel der Wahl, an US-Hyperscalern kommt man nicht wirklich vorbei und der IT-Channel ist bei der Umsetzung gefragt.
Der Channel muss die passenden Clouds maßgeschneidert nach Kundenbedürfnissen zusammenstellen.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)
Den Begriff „souveräne Cloud“ kann man auf verschiedene Art definieren. Man sollte es auch, damit klar wird, vovon man spricht und welche Aspekte des Souveränitätsbegriffes Teil der Betrachtung sind. Für ADN-Chef Hermann Ramacher bedeutet souveräne Cloud: „volle Kontrolle über Daten, Infrastruktur und Zugriffsrechte – und das unter europäischer Gesetzgebung.“ Sie [die souveräne Cloud] müsse technisch robust, rechtlich sauber und wirtschaftlich tragfähig sein. „Für den Channel ist das entscheidend, denn unsere Partner stehen zunehmend vor der Aufgabe, neben Unternehmen auch Kunden aus dem öffentlichen Sektor oder regulierten Branchen zu bedienen“, berichtet der Manager. „Diese Kunden verlangen Lösungen, bei denen klar ist, wer Zugriff hat – und wer nicht. ADN unterstützt hier mit einem Portfolio, das größtmögliche Wahlfreiheit lässt, etwa durch die Partnerschaft mit Ionos“.
Wie können US-amerikanische Hyperscaler wie Amazon, Microsoft oder Google trotz der Gesetze ihres Herkunftslandes, etwa des Cloud Act, eine echt souveräne Cloud-Lösung für Deutschland bereitstellen? Diese Frage zieht sich seit geraumer Zeit durch die Debatte. Im Channel gehe es laut Ramacher vor allem um Vielfalt – und genau diese Vielfalt macht die Cloud-Landschaft heute so spannend. Was bedeutet das konkret? „Hyperscaler wie Microsoft bieten mit Initiativen wie der EU Data Boundary oder der Microsoft Cloud for Sovereignty wichtige Säulen für vertrauenswürdige Cloud-Lösungen in Europa“, sagt der Manager. Bei ADN sieht man auch hier große Chancen für Partner, die moderne, KI-fähige, skalierbare Infrastrukturen aufbauen wollen. „Gleichzeitig ergänzen europäische Anbieter wie Ionos oder Gaia-X-basierte Modelle das Portfolio und ermöglichen hybride Szenarien, die leistungsfähig und datenschutzkonform sind“, so der ADN-Geschäftsführer. Die Digitalisierung – gerade im Kontext von KI – brauche flexible und sichere Cloud-Architekturen. „ADN unterstützt den Channel dabei, diese Vielfalt strategisch zu nutzen und für Kunden passgenaue Lösungen zu entwickeln. Denn echte Souveränität entsteht nicht durch Ausschluss, sondern durch Wahlfreiheit und Transparenz“, so der ADN-Chef Ramacher diplomatisch.
Hintergrund
Souveränität zwischen Idealvorstellung und Wirklichkeit
Souveräne Clouds vereinen in der Idealvorstellung Daten-, Software- und betriebliche Souveränität, sodass Unternehmen selbstbestimmt handeln können. Dem könnte man einen Spruch des österreichischen Schriftstellers Helmut Qualtinger entgegenhalten, nämlich „Die Wirklichkeit ist eine Sense für Ideale.“ Denn in der IT-Praxis ist Souveränität häufig nur ein Schein, ein schöner Begriff, ein Marketing-Buzzword. Was nutzt einem beispielsweise die Möglichkeit, den Cloud-Anbieter wechseln zu können, wenn der Aufwand dafür zu groß und risikobehaftet ist? Oder wenn da rechtliche Unsicherheiten formuliert werden, zu denen drei Juristen fünf Meinungen haben.
Der Implementierung einer souveränen Cloud
Das Thema birgt Herausforderungen in der Praxis. Die größte Hürde sei oft das fehlende Verständnis dafür, was Souveränität wirklich bedeutet – technisch, rechtlich und organisatorisch. Viele Partner stünden laut Ramacher vor komplexen Anforderungen:
DSGVO,
Zugriffskontrolle,
Interoperabilität,
Vermeiden von Vendor-Lock-in.
„Wir müssen nicht mehr erklären, wie Cloud funktioniert“, sagt Ramacher. Heute gehe es darum, Multi-Cloud-Szenarien zu managen – möglichst latenzfrei und rechtssicher. Die Herausforderung liege also nicht nur in der Technik, sondern auch in der strategischen Umsetzung.
Die Rolle staatlicher Akteure
Hermann Ramacher, Geschäftsführer, ADN Distribution
(Bild: ADN)
Staatliche Akteure setzen laut Ramacher wichtige Impulse für den Aufbau souveräner Cloud-Infrastrukturen – etwa durch Programme wie IPCEI-CIS, Gaia-X oder die Verwaltungscloudstrategie. „Sie schaffen die regulatorischen Rahmenbedingungen, die Vertrauen und Orientierung geben“, so der Manager. Für ADN als Distributor bedeute das, diese Vorgaben in konkrete Lösungen zu münzen, die Partner im Channel wirtschaftlich und technisch umsetzen können. Gleichzeitig sei es wichtig, dass Regulierung nicht zur Innovationsbremse werde – gerade im Hinblick auf KI und datengetriebene Geschäftsmodelle. Die Politik müsse demzufolge das richtige Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Fortschritt gestalten.
Hintergrund:
IT-Verantwortliche im Cloud-Struggle
„Nix gwiß woas ma net“, so eine bayerische Redensart, die gut zusammenfasst, was IT-Verantwortliche beim Thema Cloud in den Grübelmodus bringt. Einerseits sind US-Hyperscaler eine feste Größe im Cloud-Business, zumal sie spezielle Angebote für die geforderte Cloud-Souveränität in Europa bieten. Andererseits kursiert die Rechtsauffassung, dass der Cloud Act in den USA im Lichte einer Datenschutzfolgenabschätzung juristische Probleme in Hinblick auf die Datenschutzgrundverordnung verursacht.
Gaia-X, 8ra und Co.
Initiativen wie Gaia-X und 8ra leisten nach Ansicht von Ramacher einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung eines europäischen Cloud-Ökosystems, das auf Offenheit, Transparenz und Interoperabilität setzt. „Sie schaffen Standards, die Vertrauen fördern und neue digitale Geschäftsmodelle ermöglichen – gerade in sensiblen Bereichen“, sagt der ADN-Chef. Vor diesem Hintergrund baue man gerade die Infrastruktur für die nächste Generation digitaler Dienste – „und das mit europäischen Werten“. Initiativen wie EuroStack und IPCEI-CIS würden diesen Weg ergänzen. Für den Channel bedeute das: „mehr Wahlfreiheit, weniger Lock-in und neue Geschäftsfelder – etwa im Bereich KI, Industrie-Clouds oder digitale Verwaltung“.
Stand: 08.12.2025
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Hintergrund
Initiativen
Das steckt hinter Gaia-X und 8ra
Gaia-X ist ein europäisches Projekt zur Schaffung einer sicheren, offenen und transparenten Dateninfrastruktur, die den souveränen Datenaustausch und die Interoperabilität zwischen verschiedenen Cloud-Diensten fördert. Das Projekt 8ra, ehemals bekannt als IPCEI-CIS (Important Project of Common European Interest – Cloud Infrastructure Services), ist eine von der Europäischen Union initiierte Maßnahme zur Entwicklung einer souveränen, interoperablen und sicheren Cloud-Edge-Infrastruktur in Europa. Sowohl 8ra als auch Gaia-X verfolgen als Initiativen das Ziel, eine souveräne, sichere und interoperable Cloud-Infrastruktur in Europa zu etablieren. Während Gaia-X 2019 als Projekt zum Aufbau einer vertrauenswürdigen Dateninfrastruktur für Europa gestartet wurde, hat es in den letzten Jahren etwas an Schwung verloren.
Open-Source-Lösungen in souveränen Cloud-Umgebungen
Open-Source-Technologien würden einen wertvollen Beitrag zur digitalen Souveränität leisten – „insbesondere dort, wo Transparenz, Anpassbarkeit und Interoperabilität gefragt sind“, findet Ramacher allgemein und wird konkret: „Lösungen wie VergeIO ermöglichen es Partnern, individuelle Plattformen zu gestalten und spezifische Anforderungen ihrer Kunden umzusetzen“. ADN unterstützte diese Entwicklung durch Schulungen, technische Enablement-Angebote und ein wachsendes Open-Source-Portfolio. „Gleichzeitig sehen wir, dass auch etablierte Plattformen wie Microsoft Azure mit offenen Schnittstellen, GitHub und der Cloud for Sovereignty einen wichtigen Beitrag zur digitalen Selbstbestimmung leisten“, erkennt der Manager an. Als Distributor sehe man das nicht im Sinne einer „Entweder-oder-Debatte“: Vielmehr sollen ADN-Partner flexibel entscheiden können, welche Technologie am besten zu ihrem Geschäftsmodell und ihren Kunden passt.
Kommentar
Die EU-Chatkontrolle wäre der Datenschutz-Fiebertraum
von Stefan Riedl
Wie man es dreht und wendet: Technische Aspekte der Souveränen Cloud scheinen einfacher lösbar zu sein, als die juristischen. Open Source, Gaia-X, Sovereign Cloud Stack – hier gibt es greifbare Lösungen. Doch wann werden die Juristen aufhören zu „meckern“? Wie real ist das Cloud-Act-Problem wirklich? Zuletzt gab es einen „Angemessenheitsbeschluss“ der EU-Kommission, der den transatlantischen Datenverkehr freiräumen soll. Der Cloud Act in den USA, der bei Datenhaltung im EU-Raum eine Rolle spielt, soll eh nur ab schweren Verbrechen greifen, was soll also der ganze Zirkus, könnte man durchaus fragen.
Auf der anderen Seite laufen sich die Datenschützer bereits warm, und solange vom Gesetzgeber Prozesse wie „Datenschutzfolgenabschätzungen“ gefordert werden, bleibt das „Verkaufsargument“ (die Anführungszeichen wurden bewusst gesetzt) Rechtssicherheit durch EU-Anbieter für viele Kunden bestehen. Und wenn man kein US-Hyperscaler ist, wird man das tendenziell eher gut finden. Auf der anderen Seite: Warum sollte man wie auch immer geartete Abhängigkeiten und Rechtsunsicherheiten in Kauf nehmen? Wie viel ist man bereit, dafür auszugeben? Was davon ist real, und was ist mit einem „Buhei-Faktor“ beladen, wie das Buzzword „Killswitch“, das nahelegt, die US-Cloud-Infrastruktur werde sich womöglich vom Rest der Welt abkoppeln. Wer das glaubt, lebt in einer Angstphantasie.
Wie heißt es so schön: Man soll auch vor der eigenen Türe kehren, also werfen wir einen Blick auf das Thema „Chatkontrolle“, welches vermutlich lange nicht vollständig vom Tisch sein wird. Sollte dieser Fiebertraum vom Ende der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der Chat-Dienste – und damit dem Nummer-1-Kommunikationsmedium – wahr werden, kann man sich durchaus fragen, ob man bei US-Diensten nicht grundsätzlich besser aufgehoben ist, als in der Überwachungs-EU, die doch tatsächlich anlasslos eine KI über Chatverläufe laufen lassen will. Ohne VPN-Verbindung und ein gerüttelt Maß an zivilem Ungehorsam, den man allenfalls als Privatperson, nicht aber als Unternehmen aufbringen kann, wird das aber nicht gehen.
Was bleibt vom „Datenschutz-Standortvorteil EU“ eigentlich noch übrig, wenn beim Äquivalent zu privatem Briefverkehr digitale Umschläge aufgedampft, die Inhalte per KI gelesen, die Umschläge wieder zugeklebt und dann abgeschickt werden? Meiner Meinung nach nicht viel, denn die moralisch aufgeladene Attitüde zerbröselt dieser Tage bereits, weil so etwas ernsthaft erwogen wird.
Wer den Diskurs rund um die Chatkontrolle verfolgt, kann antizipieren, wie es ausgehen könnte: Nachdem die kritische Berichterstattung und der öffentliche Druck zu groß wurde, hat man seitens der verantwortlichen politischen Akteure „anlasslose Chatkontrolle“ abgelehnt. Kurze Zeit später wird aber bereits munter mit dem Begriff „präventive Kommunikationsüberwachung“ derartiges begrüßt. Nachtigall, ich hör´ Dir trapsen.