Open Source, offene Standards und europäisches Hosting Zutaten für die souveräne Cloud

Von Dr. Stefan Riedl 6 min Lesedauer

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Ein Rechenzentrum in Frankfurt alleine schafft noch nicht die Grundlage für Digitale Souveränität. Davon ist man bei den Machern der OpenCloud aus der Heinlein Gruppe überzeugt. Doch welche Zutaten braucht es dann, um Souveränität zu erreichen?

Welche Zutaten braucht es für eine souveräne Cloud?(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Welche Zutaten braucht es für eine souveräne Cloud?
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

Die souveräne Cloud ist sozusagen das Geschäftsmodell: Die Heinlein Gruppe hat die OpenCloud ins Leben gerufen, die wiederum eine Open-Source-Plattform für Datei-Management und Zusammenarbeit anbietet, die speziell für den europäischen öffentlichen Sektor, Forschung und Unternehmen, entwickelt wurde. Daniel Zielke, Direktor für strategische Partnerschaften der Heinlein Gruppe, formuliert, was man bei seinem Arbeitgeber unter diesem Ideal versteht, nämlich dass der Nutzer die volle Kontrolle über die eigenen Daten – rechtlich, technisch und organisatorisch hat. Dafür müsse die Cloud ausschließlich in Europa betrieben werden, also unabhängig von US-Recht und auf offenen Standards sowie Open Source basieren.

Das Problem mit dem Cloud Act

Daniel Zielke, Direktor strategische Partnerschaften der Heinlein Gruppe(Bild:  Heinlein Gruppe)
Daniel Zielke, Direktor strategische Partnerschaften der Heinlein Gruppe
(Bild: Heinlein Gruppe)

Bei der Frage, inwiefern US-amerikanische Hyperscaler wie Amazon, Microsoft oder Google trotz ihrer Herkunftslandgesetze, wie dem Cloud Act, eine echt souveräne Cloud-Lösung für Deutschland bereitstellen können, ist Zielke rigoros: „Kurz gesagt: Gar nicht. US-Anbieter können keine digital souveräne Cloud-Lösung bereitstellen.“ Seine Begründung: „Solange ein Anbieter mit einem Bein in den USA steht, bleibt immer ein Risiko.“ Auch Rechenzentren in Frankfurt würden nichts helfen, wenn die Schlüssel am Ende in den USA liegen. Der Cloud Act ermögliche den US-Behörden Zugriff, auch wenn Daten DSGVO-konform in Europa liegen. „Selbst Microsoft musste vor kurzem einräumen, dass man nicht garantieren kann, dass EU-Daten vor US-Zugriff geschützt sind“, so der Manager. Es brauche daher folgerichtig europäische Anbieter, um Digitale Souveränität zu ermöglichen.

Hintergrund

Souveränität zwischen Idealvorstellung und Wirklichkeit

Souveräne Clouds vereinen in der Idealvorstellung Daten-, Software- und betriebliche Souveränität, sodass Unternehmen selbstbestimmt handeln können. Dem könnte man einen Spruch des österreichischen Schriftstellers Helmut Qualtinger entgegenhalten, nämlich „Die Wirklichkeit ist eine Sense für Ideale.“ Denn in der IT-Praxis ist Souveränität häufig nur ein Schein, ein schöner Begriff, ein Marketing-Buzzword. Was nutzt einem beispielsweise die Möglichkeit, den Cloud-Anbieter wechseln zu können, wenn der Aufwand dafür zu groß und risikobehaftet ist? Oder wenn da rechtliche Unsicherheiten formuliert werden, zu denen drei Juristen fünf Meinungen haben.

Wo die Herausforderungen liegen

Bei der Implementierung der Software hinter souveränen Cloud-Strukturen gebe es keine oder höchstens sehr geringe Probleme, sagt Zielke. Die eigentliche Herausforderung liege vielmehr regelmäßig im Wechsel von einer Software auf eine andere. Es gehe also um einem Bereich, der mit der souveränen Cloud an sich gar nichts zu tun habe. „Systeme müssen migriert, Schnittstellen angepasst und Mitarbeitende geschult werden“, sagt der Manager. Bei Heinlein wird dies mit den Lösungen OpenTalk und OpenCloud adressiert. Für den Datenumzug greift das Unternehmen auf spezialisierte Dienstleister zurück, die das mit wenig Aufwand bewerkstelligen können.

Staatliche Förderung souveräner Cloud-Infrastrukturen

Welche Rolle spielen staatliche Akteure in der Förderung souveräner Cloud-Infrastrukturen? Für den Manager spielt der Staat hier eine Schlüsselrolle und zwar „nicht nur, weil er eine Vorbildfunktion hat, sondern auch schlicht aus Eigeninteresse mit Blick auf dauerhafte Handlungsfähigkeit und Autonomie“. Am Ende sei die Frage von Souveränität auch eine Frage von nationaler Sicherheit. Es brauche eine verbindliche, langfristige IT-Strategie der öffentlichen Hand, auf die sich Unternehmen einstellen und gezielt investieren können. Open Source und digitale Resilienz müssen seiner Meinung nach darin feste Ziele sein. Und wenn „Public Money – Public Code“ endlich zum Leitprinzip erhoben würde, könnten IT-Budgets und die öffentlichen Haushalte entlastet werden.

Hintergrund:

IT-Verantwortliche im Cloud-Struggle

„Nix gwiß woas ma net“, so eine bayerische Redensart, die gut zusammenfasst, was IT-Verantwortliche beim Thema Cloud in den Grübelmodus bringt. Einerseits sind US-Hyperscaler eine feste Größe im Cloud-Business, zumal sie spezielle Angebote für die geforderte Cloud-Souveränität in Europa bieten. Andererseits kursiert die Rechtsauffassung, dass der Cloud Act in den USA im Lichte einer Datenschutzfolgenabschätzung juristische Probleme in Hinblick auf die Datenschutzgrundverordnung verursacht.

Initiativen wie Gaia-X und 8ra

Gaia-X und 8RA sind aus seiner Sicht ein wichtige Impulsgeber, die in Europa Ziele wie Transparenz, Interoperabilität und Datenhoheit definieren. „Damit leisten sie einen Beitrag zur Verringerung der Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern.“ Entscheidend sei jedoch, dass aus diesen Rahmenwerken auch praxistaugliche Produkte entstehen.

Hintergrund

Initiativen

Das steckt hinter Gaia-X und 8ra

Gaia-X ist ein europäisches Projekt zur Schaffung einer sicheren, offenen und transparenten Dateninfrastruktur, die den souveränen Datenaustausch und die Interoperabilität zwischen verschiedenen Cloud-Diensten fördert. Das Projekt 8ra, ehemals bekannt als IPCEI-CIS (Important Project of Common European Interest – Cloud Infrastructure Services), ist eine von der Europäischen Union initiierte Maßnahme zur Entwicklung einer souveränen, interoperablen und sicheren Cloud-Edge-Infrastruktur in Europa. Sowohl 8ra als auch Gaia-X verfolgen als Initiativen das Ziel, eine souveräne, sichere und interoperable Cloud-Infrastruktur in Europa zu etablieren. Während Gaia-X 2019 als Projekt zum Aufbau einer vertrauenswürdigen Dateninfrastruktur für Europa gestartet wurde, hat es in den letzten Jahren etwas an Schwung verloren.

Die Rolle von Open Source

Was den Open-Source-Ansatz angeht, ist Zielke konsequent: „Ohne Open Source keine Digitale Souveränität und damit auch keine souveräne Cloud.“ Seiner Überzeugung nach gilt: „Nur wenn der Code offen ist, können wir prüfen, ob die Software auch nur das tut, was sie soll. Keine versteckten Hintertürchen, keine Spionage- oder Tracking-Funktionen. Open Source vermeidet Vendor Lock-ins, ermöglicht Portabilität und schafft Vertrauen.“

Kommentar

Die EU-Chatkontrolle wäre der Datenschutz-Fiebertraum

von Stefan Riedl

Wie man es dreht und wendet: Technische Aspekte der Souveränen Cloud scheinen einfacher lösbar zu sein, als die juristischen. Open Source, Gaia-X, Sovereign Cloud Stack – hier gibt es greifbare Lösungen. Doch wann werden die Juristen aufhören zu „meckern“? Wie real ist das Cloud-Act-Problem wirklich? Zuletzt gab es einen „Angemessenheitsbeschluss“ der EU-Kommission, der den transatlantischen Datenverkehr freiräumen soll. Der Cloud Act in den USA, der bei Datenhaltung im EU-Raum eine Rolle spielt, soll eh nur ab schweren Verbrechen greifen, was soll also der ganze Zirkus, könnte man durchaus fragen.

Auf der anderen Seite laufen sich die Datenschützer bereits warm, und solange vom Gesetzgeber Prozesse wie „Datenschutzfolgenabschätzungen“ gefordert werden, bleibt das „Verkaufsargument“ (die Anführungszeichen wurden bewusst gesetzt) Rechtssicherheit durch EU-Anbieter für viele Kunden bestehen. Und wenn man kein US-Hyperscaler ist, wird man das tendenziell eher gut finden. Auf der anderen Seite: Warum sollte man wie auch immer geartete Abhängigkeiten und Rechtsunsicherheiten in Kauf nehmen? Wie viel ist man bereit, dafür auszugeben? Was davon ist real, und was ist mit einem „Buhei-Faktor“ beladen, wie das Buzzword „Killswitch“, das nahelegt, die US-Cloud-Infrastruktur werde sich womöglich vom Rest der Welt abkoppeln. Wer das glaubt, lebt in einer Angstphantasie.

Wie heißt es so schön: Man soll auch vor der eigenen Türe kehren, also werfen wir einen Blick auf das Thema „Chatkontrolle“, welches vermutlich lange nicht vollständig vom Tisch sein wird. Sollte dieser Fiebertraum vom Ende der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der Chat-Dienste – und damit dem Nummer-1-Kommunikationsmedium – wahr werden, kann man sich durchaus fragen, ob man bei US-Diensten nicht grundsätzlich besser aufgehoben ist, als in der Überwachungs-EU, die doch tatsächlich anlasslos eine KI über Chatverläufe laufen lassen will. Ohne VPN-Verbindung und ein gerüttelt Maß an zivilem Ungehorsam, den man allenfalls als Privatperson, nicht aber als Unternehmen aufbringen kann, wird das aber nicht gehen.

Was bleibt vom „Datenschutz-Standortvorteil EU“ eigentlich noch übrig, wenn beim Äquivalent zu privatem Briefverkehr digitale Umschläge aufgedampft, die Inhalte per KI gelesen, die Umschläge wieder zugeklebt und dann abgeschickt werden? Meiner Meinung nach nicht viel, denn die moralisch aufgeladene Attitüde zerbröselt dieser Tage bereits, weil so etwas ernsthaft erwogen wird.

Wer den Diskurs rund um die Chatkontrolle verfolgt, kann antizipieren, wie es ausgehen könnte: Nachdem die kritische Berichterstattung und der öffentliche Druck zu groß wurde, hat man seitens der verantwortlichen politischen Akteure „anlasslose Chatkontrolle“ abgelehnt. Kurze Zeit später wird aber bereits munter mit dem Begriff „präventive Kommunikationsüberwachung“ derartiges begrüßt. Nachtigall, ich hör´ Dir trapsen.

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