Von Reaktion zu Prävention Wie KI die Cybersicherheitsstrategie europäischer Unternehmen verändert

Von Oleksii Lysenko im Gespräch mit Markus Lennartz 5 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Ransomware, Supply-Chain-Attacken und gezielte Industriespionage haben europäische Unternehmen in eine Dauerkrise versetzt. Klassische Sicherheitskonzepte, die primär auf Reaktion setzen, stoßen dabei zunehmend an ihre Grenzen.

KI-Security kann nur mit klaren Governance-Strukturen, Verantwortlichkeiten und menschlichem Einsatz wirksam zur Prävention beitragen.(Bild:  KI-generiert)
KI-Security kann nur mit klaren Governance-Strukturen, Verantwortlichkeiten und menschlichem Einsatz wirksam zur Prävention beitragen.
(Bild: KI-generiert)

Das Wichtigste in Kürze

  • Künstliche Intelligenz (KI) wird als Schlüsselfaktor in der Cybersicherheit Europas gesehen, um Bedrohungen proaktiv zu begegnen.
  • Trotz optimistischer Selbsteinschätzung ist die Integration oft noch unausgereift. Unterschätzte organisatorische Herausforderungen und überschätzte Automatisierungsfähigkeiten führen in der Praxis zu Lücken.
  • Klare Governance-Strukturen, Verantwortlichkeiten und der bewusste menschliche Einsatz sind essenziell, um aus KI ein Werkzeug der wirksamen Prävention zu machen. Nur so können Unternehmen die Vision einer robusten Sicherheitsarchitektur erreichen und KI sinnvoll in ihre Strategien einbinden.

Cyberangriffe sind längst keine Ausnahmeerscheinung mehr. Künstliche Intelligenz (KI) wird daher vielfach als Hoffnungsträger gesehen: Sie soll Bedrohungen früher erkennen, Angriffe automatisiert abwehren und Sicherheitsprozesse skalierbar machen. Doch wie weit ist Europa wirklich auf diesem Weg?

Ambitionierte Umsetzung statt gelebter Reife

Aus Sicht vieler Unternehmen ist KI bereits fest in der Cybersicherheitsstrategie verankert. In der Praxis zeigt sich jedoch ein differenzierteres Bild. „Europäische Unternehmen befinden sich überwiegend in der ‚ambitionierten Umsetzung‘“, erklärt Markus Lennartz, Rechtsanwalt und Partner bei Heuking. „An vielen Stellen laufen Pilotierungen und punktuelle Automatisierungen. Doch Risikomanagement, Governance, Haftungsklarheit und belastbare Metriken hinken der Vision deutlich hinterher.“ Das Selbstbild vieler Organisationen ist optimistischer als ihre tatsächliche Integrationsreife. KI wird eingesetzt, aber häufig nicht durchgängig in Prozesse, Verträge, interne Kontrollen und Entscheidungsstrukturen eingebettet. Prävention bleibt damit oft ein Versprechen statt gelebte Realität.

Zwischen überschätzter Vollautomatik und unterschätztem Mehrwert

Ein zentrales Problem liegt in der Erwartungshaltung. KI wird häufig als „Out-of-the-Box“-Lösung verstanden, die ohne großen organisatorischen Aufwand funktioniert. „Überschätzt wird KI dort, wo Vollautomatik versprochen wird“, so Lennartz. „Ohne saubere Daten, klar abgegrenzte Use Cases und tragfähige Betriebskonzepte ist das gefährlich.“

Überschätzt wird KI dort, wo Vollautomatik versprochen wird.

Markus Lennartz, Rechtsanwalt und Partner bei Heuking

Gleichzeitig wird KI an anderer Stelle unterschätzt. Besonders in der Rauschausfilterung, der Priorisierung von Alerts und der Korrelation sicherheitsrelevanter Ereignisse entfaltet sie ihr Potenzial. Gerade dort, wo Skalierung und Konsistenz entscheidend sind, kann KI Sicherheitsarbeit messbar verbessern, sofern sie kontrolliert eingesetzt wird.

Wenn Automatisierung zum Risiko wird

So groß die Vorteile sind: Automatisierung kann Sicherheit auch gefährden. Insbesondere dann, wenn KI ohne menschliche Kontrolle in hochkritischen Entscheidungspfaden agiert. „Automatisierung wird zum Risiko, wenn Feedback-Loops fehlen, Angriffsflächen durch fehlerhafte Orchestrierung wachsen oder Abschaltlogiken nicht existieren“, warnt Lennartz. Ein Human-on-the-Loop-Ansatz ist daher unverzichtbar. Ab einem definierten und regelmäßig überprüften Risikoniveau müssen menschliche Kontrolle, Fallback-Mechanismen und Notfallpläne zwingend vorgesehen sein.

Haftung bleibt – trotz KI

Ein verbreiteter Irrtum: KI könne Verantwortung „übernehmen“. Juristisch ist das nicht der Fall. „Die Verantwortung bleibt primär beim Unternehmen als Betreiber“, stellt Lennartz klar. „Dazu gehören Auswahl-, Überwachungs- und Organisationspflichten.“ Hersteller haften ergänzend, etwa über vertragliche Garantien oder zwingende Produkthaftungsregeln. Mit der zunehmenden Regulierung durch EU-Digitalrecht steigen zudem die Anforderungen an Risikoklassifizierung, Dokumentation, Nachvollziehbarkeit und Red Teaming. Auch eine persönliche Haftung von Geschäftsführungen ist nicht ausgeschlossen.

Wettbewerbsfaktor oder Hygienestandard?

Kurzfristig kann ein souveräner, rechtssicherer KI-Einsatz einen klaren Wettbewerbsvorteil darstellen. Unternehmen, die Auditierbarkeit, Governance und Integration beherrschen, setzen sich vom Markt ab. Mittelfristig jedoch wird KI im Security-Betrieb zum Hygienestandard. Der eigentliche Unterschied liegt dann nicht mehr in der Technologie selbst, sondern in Datenqualität, organisatorischer Reife und menschlicher Steuerung.

In welchen Bereichen der Mensch unverzichtbar bleibt

Trotz aller Fortschritte bleibt der Mensch zentraler Bestandteil jeder Sicherheitsstrategie. „Unverzichtbar bleibt der Mensch bei Risikoabwägungen, rechtlicher Einordnung, Entscheidungen mit Außenwirkung, Policy-Auslegung und forensischem Judgement“, so Lennartz. Teilweise substituierbar sind repetitive Analysen, Triage und Playbook-Ausführungen, jedoch nur unter klaren Kontroll- und Eskalationsregeln. KI ersetzt den Menschen nicht, sie verschiebt seine Rolle.

Was in der Praxis bei KI-Security häufig schiefläuft

In der praktischen Umsetzung zeigt sich, dass KI-Security-Initiativen weniger an der Technologie selbst scheitern als an strukturellen und organisatorischen Defiziten. Häufig fehlt ein klares Zielbild, das definiert, welche sicherheitsrelevanten Entscheidungen automatisiert unterstützt werden sollen und welche bewusst beim Menschen verbleiben müssen. Hinzu kommen unzureichende Datenqualität und fehlende Metriken, die eine objektive Bewertung von Wirksamkeit und Risiko überhaupt erst ermöglichen würden.

Erschwerend kommt hinzu, dass Rollen, Verantwortlichkeiten und Haftungsfragen nicht eindeutig geregelt sind. KI-Systeme werden eingeführt, ohne dass klar ist, wer ihre Ergebnisse überwacht, wer im Fehlerfall eingreift oder wer letztlich für Fehlentscheidungen geradesteht. Verträge mit Technologieanbietern berücksichtigen Audit-, Update- oder Transparenzpflichten häufig nur unzureichend, während Red-Teaming, Notfallübungen und kontinuierliche Überprüfung oft als nachgelagerte Themen behandelt werden. Das Ergebnis ist nicht selten ein „Set-and-Forget“-Betrieb, der dem dynamischen Charakter moderner Bedrohungslagen nicht gerecht wird.

Wissen, was läuft

Täglich die wichtigsten Infos aus dem ITK-Markt

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Nachhaltig erfolgreich sind dagegen diejenigen Organisationen, die KI von Anfang an als Teil einer durchgängigen Governance verstehen, von der Definition des Use Cases über Beschaffung und Integration bis hin zu Monitoring, Schulung und belastbaren Notfall- und Abschaltkonzepten.

Praxisblick: Governance als Schlüssel zwischen KI und Prävention

Wie anspruchsvoll der Weg von der KI-Vision zur wirksamen Prävention ist, zeigt sich auch im praktischen Sicherheitsbetrieb. Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit europäischen Unternehmen verdeutlichen, dass KI-gestützte Sicherheitsstrategien weniger an fehlender Technologie scheitern als an unklaren Verantwortlichkeiten, mangelnder Prozessintegration und fehlender Transparenz gegenüber Management und Aufsichtsgremien.

Gerade im europäischen Umfeld, das stark von regulatorischen Anforderungen, Haftungsfragen und komplexen IT-Landschaften geprägt ist, rückt ein strukturierter Ansatz in den Vordergrund. KI-Systeme müssen nachvollziehbar, kontrollierbar und sauber in bestehende Sicherheits- und Entscheidungsstrukturen eingebettet sein. Prävention entsteht dort, wo technische Automatisierung mit klaren Governance-Modellen, definierten Eskalationswegen und kontinuierlicher Überprüfung zusammenspielt.

Diese Praxisperspektive macht deutlich: KI in der Cybersicherheit ist kein Selbstzweck, sondern Teil eines ganzheitlichen Sicherheitsverständnisses, eines Verständnisses, das Technologie, Organisation und menschliche Verantwortung konsequent zusammendenkt.

KI verändert die Cybersicherheitsstrategie europäischer Unternehmen grundlegend – weg von reiner Reaktion, hin zu echter Prävention. Doch Technologie allein reicht nicht aus. Entscheidend sind Governance, klare Verantwortlichkeiten und der bewusste Einsatz menschlicher Expertise. Nur so wird KI vom ambitionierten Versprechen zur belastbaren Sicherheitsarchitektur.

Über die Autoren

Oleksii Lysenko ist seit Juni 2025 CEO bei Sheriff Security, einem europäischen Anbieter für Cybersecurity-Services. In seiner Karrierelaufbahn war er für Unternehmen verschiedener Branchen in Führungspositionen tätig.

Markus Lennartz ist Rechtsanwalt und Partner bei Heuking. Er leitet die Praxisgruppe IP, Media & Technology und berät zu IT-Recht, EU-Digitalrecht und Informationssicherheit. Als zertifizierter IT-Sicherheitsbeauftragter verbindet er juristische und technische Expertise. Zuvor war er in verschiedenen Managementpositionen bei der Deutschen Telekom tätig.

(ID:50684505)