„8ra ist das neue Gaia-X“, könnte man formulieren. Doch ganz so einfach ist es nicht. Eine T-Systems-Managerin kennt die Details und verrät, welche Weichenstellungen im Hintergrund gerade gesetzt werden und was noch nötig sein wird.
Hinter dem Projekt 8ra steht eine Art Super-Cloud.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)
Was die Bemühungen der Marktdominanz der Hyperscaler etwas entgegenzusetzen, angeht, gebe es sehr gute Ansätze, findet Elke Anderl, Chief Commerce Officer, T-Systems. „Die Deutsche Telekom engagiert sich beispielsweise aktiv für die Schaffung einer souveränen europäischen Super-Cloud bei dem europaweiten Projekt 8ra (IPCEI-CIS)“, so die Managerin und erläutert, dass hierbei jene Rechenzentren genutzt werden, die bereits in Europa vorhanden sind und klug miteinander vernetzt werden. Das Ziel sei es, eine „Super-Cloud“ zu entwickeln, die die Stärken eines europaweiten Netzwerks mit den Vorteilen von BigTech vereint.
Digitale Souveränität im Fokus
Diese Cloud soll insbesondere im Bereich der digitalen Souveränität überzeugen und europäischen Unternehmen helfen, ihre sensiblen Daten sicher in eigenen Rechenzentren zu verwahren. Bei der Telekom, beziehungsweise T-Systems, sieht man eine europäische Super-Cloud als Notwendigkeit, um digitale Souveränität zu sichern, Daten zu schützen und die Unabhängigkeit der Unternehmen zu fördern.
Die Deutsche Telekom engagiert sich für die Schaffung einer souveränen europäischen Super-Cloud bei dem europaweiten Projekt 8ra (IPCEI-CIS).
Elke Anderl, Chief Commerce Officer bei T-Systems
Hintergrund
IPCEI-CIS
Das steckt hinter Projekt 8ra
Das Projekt 8ra, ehemals bekannt als IPCEI-CIS (Important Project of Common European Interest – Cloud Infrastructure Services), ist eine von der Europäischen Union initiierte Maßnahme zur Entwicklung einer souveränen, interoperablen und sicheren Cloud-Edge-Infrastruktur in Europa.
Super-Cloud: Der Begriff „Super-Cloud“ wird im Zusammenhang mit 8ra verwendet, um die Vision einer vernetzten, anbieterunabhängigen Cloud-Edge-Infrastruktur zu beschreiben, die auf offenen Standards basiert. Diese Infrastruktur soll die digitale Souveränität Europas stärken und eine Alternative zu den dominierenden US-amerikanischen Cloud-Anbietern bieten.
Beteiligte: An 8ra sind über 120 Partner aus 12 EU-Mitgliedstaaten beteiligt, darunter namhafte Unternehmen wie die Deutsche Telekom, Orange, SAP, Siemens und Telefónica.
Projektzeitraum: Die Phasen Forschung, Entwicklung und erste gewerbliche Nutzung erstrecken sich von 2023 bis 2031, wobei die zeitliche Planung von den einzelnen Vorhaben und beteiligten Unternehmen abhängt. Ein erstes innovatives Ergebnis des Projekts – eine quelloffene Referenzinfrastruktur – wird gegen Ende 2027 erwartet.
Ziele: Insgesamt zielt 8ra darauf ab, Europas digitale Souveränität zu stärken, indem es eine offene, interoperable und sichere Cloud-Edge-Infrastruktur entwickelt, die den spezifischen Anforderungen des Kontinents gerecht wird.
Sowohl 8ra und Gaia-X verfolgen als Initiativen das Ziel, eine souveräne, sichere und interoperable Cloud-Infrastruktur in Europa zu etablieren. Während Gaia-X 2019 als Projekt zum Aufbau einer vertrauenswürdigen Dateninfrastruktur für Europa gestartet wurde, hat es in den letzten Jahren an Schwung verloren.
Souveränität und KI
Wie Anderl berichtet, sind es insbesondere die Themen Souveränität und KI, die ihre Kunden derzeit besonders beschäftigen. „Denn wir stehen gerade an einem Wendepunkt: Entweder Europa handelt jetzt gemeinsam und entschlossen, oder wir verlieren den Anschluss in Schlüsseltechnologien wie KI und Cloud“, so die Managerin. „Wir als T-Systems bieten bereits ein komplett souveränes Cloud-Portfolio an.“
Zahlen und Hintergrund
Führt das Cloud-Wachstum in den Himmel?
Exponentielles Wachstum muss in keiner unaufhaltsamen Explosion münden – wie bei der Schachbrett-Geschichte, bei der sich auf jedem Feld die Anzahl der Reiskörner verdoppelt und zum Schluss ganze Reis-Welternten rauskommen. Oft flacht es sich ab, denn in der Realität gibt es Dämpfungsmechanismen, die Wachstum begrenzen und wie auch immer geartete Exponentialkurven einbremsen. Beim Cloud Computing zeigt sich dieser Effekt: Der Cloud-Hunger nimmt im Laufe der Zeit zu, wächst aber nicht in den Himmel. Nachfrage- und angebotsseitige Faktoren wie Infrastrukturkosten, Energieverbrauch und Regulierung bremsen das Tempo trotz des Trends zu einem sich beschleunigenden Wachstum. Aktuelle Daten aus dem Jahr 2024 bestätigen das anhaltende Wachstum im Cloud-Computing-Sektor. Laut Fortune Business Insights wurde die Größe des globalen Cloud-Computing-Marktes im Jahr 2023 auf 587,78 Milliarden US-Dollar geschätzt und soll bis 2024 auf 676,29 Milliarden US-Dollar anwachsen. Prognosen zufolge könnte der Markt bis 2032 ein Volumen von 2.291,59 Milliarden US-Dollar erreichen, was einer jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 16,5 Prozent entspricht. In Deutschland zeigt der Bitkom Cloud Monitor 2024, dass 81 Prozent der Unternehmen Cloud Computing nutzen, während 14 Prozent die Einführung planen oder diskutieren. Nur fünf Prozent der Unternehmen betrachten das Thema als irrelevant.
Gaia X und 8ra schließen sich als Cloud-Projekte nicht gegenseitig aus.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)
Die Sprachregelung für Gaia-X lautet, dass es ein wichtiges Projekt für die Daten-Souveränität Europas sei. Aber: „Es geht dabei nicht um eine neue Cloud, sondern darum, Transparenz, Interoperabilität und Datensouveränität bei Cloud-Angeboten herzustellen“, ordnet die Chief Commerce Officer ein. Letztlich sei es eine Initiative, die Souveränitätskriterien verfasst „und die wir in Europa brauchen, um unsere Werte und Interessen in der globalen, digitalen Welt zu wahren“. Gaia-X trage dazu bei, dass Daten souverän verarbeitet, zusammengeführt und vertrauensvoll geteilt werden können.
Gaia-X ganz konkret
Elke Anderl, Chief Commerce Officer, T-Systems
(Bild: T-Systems)
Anderl wird konkret: „Beispiele sind etwa der European Health Data Space (EHDS) und der European Rail Data Space (ERDS). Aber auch Manufacturing-X als Programm zur Digitalisierung der Industrie basiert mit allen seinen Einzelprojekten wie Catena-X, Factory-X oder RoX auf Gaia-X Grundlagen und Werten.“ Auch wird Gaia-X internationaler und beschränkt sich in der Gesamtentwicklung nicht mehr nur auf Europa. So wurden 2024 fünf neue Gaia-X Hubs in Dänemark, Norwegen, Schweiz, Japan und Südkorea eröffnet, berichtet die Digitalisierungs-Spezialistin.
Die Vendor-Lock-In-Problematik
Unter dem Begriff Vendor-Lock-In wird das Problem zusammengefasst, dass Kosten und personeller sowie organisatorischer Aufwand dem Cloud-Flexibilitätsversprechen entgegen stehen, was Daten und Workloads angeht, die idealerweise von Cloud zu Cloud verschoben werden können. Vendor-Lock-In ist für Anderl ein großes Thema. „Wir sind der Meinung, dass sich unsere Kunden nicht in eine solche Abhängigkeit begeben sollten. Daher macht es Sinn einen Multicloud-Ansatz als Unternehmen zu verfolgen. Das geht auch zu unterschiedlichen Phasen der Souveränität.“ Besonders gefragt seien Cloud-Lösungen von europäischen Unternehmen, die diese ja per se ihre Daten schon aufgrund strengerer Regulatoren anders behandeln müssen, als das in anderen Ländern der Fall ist. „Dennoch geht es nicht ohne BigTech“, zollt Anderl dem Realismus Tribut. Aber: „Das ist auch gar nicht unbedingt in jedem Umfeld und für jede Anwendung sinnvoll. Ein Unternehmen muss abwägen, wie viel Souveränität es für welche Anwendungen und Datensätze benötigt.“
Hintergrund
Künstliche Intelligenz treibt Cloud Computing vor sich her
KI treibt Cloud Computing voran, weil KI-Anwendungen enorme Rechenleistung und große Datenmengen benötigen. Die Cloud bietet die nötige Infrastruktur, um diese Ressourcen flexibel und kosteneffizient bereitzustellen. Unternehmen können so KI-Modelle trainieren und nutzen, ohne teure eigene Hardware zu betreiben. Gleichzeitig profitieren Cloud-Anbieter von der steigenden Nachfrage nach leistungsfähigen Servern und spezialisierten KI-Diensten. Dadurch entwickeln sich beide Technologien gemeinsam weiter.
Rekordausbau der Rechenzentrumskapazitäten
In Europa wird ein Rekordausbau der Rechenzentrumskapazitäten erwartet, angetrieben durch die Expansion von KI und Cloud Computing. Bei der Telekom investiert man seit 20 Jahren in die Cloud und ihre Infrastruktur, blickt die Managerin zurück. Jetzt gerade sei die Blütezeit der Cloud – auch angetrieben durch die Entwicklung im Bereich Künstliche Intelligenz. Jetzt brauche es unternehmerischen und politischen Mut, um Europas digitale Zukunft zu gestalten. „Wenn wir nicht jetzt weiter massiv in Cloud- und KI-Technologien investieren, wird unsere digitale Abhängigkeit zementiert – und zwar für Jahrzehnte.“
Stand: 08.12.2025
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