29.11.1974: „Das Heimcomputerzeitalter ist gekommen“ MITS Altair 8800 – 50 Jahre Heimcomputer

Von Sebastian Gerstl 12 min Lesedauer

Er war in etwa so groß wie zwei Schuhkartons, verfügte zunächst weder über Tastatur, Bildschirm oder Diskettenlaufwerk und musste von den meisten Anwendern erst noch eigenhändig zusammengebaut werden. Und doch verkündete der MITS Altair 8800 eine Revolution!

Standardmäßig ohne Monitor und nur mit Schaltern für die Dateneingabe ausgestattet, sollte der Altair 8800 eine Weltpremiere darstellen: Der erste Mikrocomputer, der bequem zu Hause eingesetzt werden konnte – zu einem Bruchteil des Preises etablierter „Minicomputer“!(Bild:   / CC0)
Standardmäßig ohne Monitor und nur mit Schaltern für die Dateneingabe ausgestattet, sollte der Altair 8800 eine Weltpremiere darstellen: Der erste Mikrocomputer, der bequem zu Hause eingesetzt werden konnte – zu einem Bruchteil des Preises etablierter „Minicomputer“!
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In den 1960er Jahren begannen Unternehmen wie DEC oder Hewlett Packard damit, mit sogenannten „Minicomputern“ den acht etablierten Herstellern von Großrechnern – IBM, Burroughs, NCR, Control Data Corporation, Honeywell, General Electric, RCA, und UNIVAC –Konkurrenz zu machen. Die Vorstellung, dass Computer auch privat in den eigenen vier Wänden genutzt werden könnten, schien noch in weiter Ferne.

Eine PDP-8/E von DEC: Dieser als „Minicomputer“ bezeichnete Rechner war Anfang der 1970er Jahre mit Abmessungen von 26,67 x 48,26 x 60,96 Zentimetern (ohne Peripheriegeräte oder Speichererweitrung) sehr kompakt, konnte angesichts einer Reihe diskreter Transistor-Transistor-Logik-Schaltungen als 12-Bit-Maschine mit einer relativen Taktfrequenz von 1 MHz betrachtet werden und galt bei einem Preis von circa 6500 US-$ als besonders günstig.(Bild:   / CC0)
Eine PDP-8/E von DEC: Dieser als „Minicomputer“ bezeichnete Rechner war Anfang der 1970er Jahre mit Abmessungen von 26,67 x 48,26 x 60,96 Zentimetern (ohne Peripheriegeräte oder Speichererweitrung) sehr kompakt, konnte angesichts einer Reihe diskreter Transistor-Transistor-Logik-Schaltungen als 12-Bit-Maschine mit einer relativen Taktfrequenz von 1 MHz betrachtet werden und galt bei einem Preis von circa 6500 US-$ als besonders günstig.
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1970 kostete ein „Minicomputer“ wie die PDP-8/E von DEC stolze 6500 US-$ und war mit Abmessungen von 26,67 x 48,26 x 60,96 Zentimetern noch deutlich größer als eine Mikrowelle. Kamen Peripheriegeräte wie Speichererweiterung oder Laufwerke hinzu, nahm der Gesamtaufbau den Platz von etwa zwei Kühlschränken ein. Die großen Computerhersteller selbst schienen wenig an einer Miniaturisierung interessiert: IBMs Spitzenmodell von 1970, das IBM System/370 Modell 168, nahm mitsamt Peripheriegeräten einen ganzen Raum für sich alleine ein und kostete über 1 Million US-$ in der Anschaffung. Ähnlich sah es mit den Modellen der Konkurrenz aus.

Doch mit dem Beginn der 1970er Jahre bahnte sich ein Umbruch an. Nicht zuletzt dank der Mondlandung von 1969, die ohne Mikroelektronik nicht möglich gewesen wäre, wuchs an den Universitäten des Landes eine Generation heran, die von den Möglichkeiten, die ein Computer bieten konnte, begeistert war. Auch die Technologie schritt in Windeseile voran: 1971 präsentierte Intel mit dem Intel 4004 die erste 4-Bit-CPU der Welt. Im Folgejahr konnte. Bereits im Folgejahr konnte mit dem 8008 der erste 8-Bit-Prozessor vorgestellt werden, was die Tore für eine mögliche Adressierung von Speicher und Peripheriegeräten auf engem Raum weit aufstieß.

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1970 war der Entwickler John Blankenbaker mit dem Versuch, mit dem Kenbak-1 erstmals einen erschwinglichen „Heimcomputer“ anzubieten, gescheitert: Zu abstrakt und eingeschränkt war der 30 x 50 Zentimeter große Kasten, der noch ausschließlich auf diskrete Transistor-Transistor-Logik setzen musste, als dass er den Anschaffungspreis von 750 US-$ rechtfertigen konnte. Im Juli 1974 stellte das Magazin Radio Electronics einen Eigenbau-Computer namens Mark-8 vor, den ersten „Minicomputer“, der auf die 8-Bit CPU von Intel setzte. Das Magazin bot den vom Chemiestudenten Jonathan Titus entworfen Rechner als Platinenset zum Selbst zusammenbauen an. Doch auch dieses Gerät fand in der Öffentlichkeit wenig Aufmerksamkeit.

Auf der Titelseite der Januarausgabe des Fachblattes "Popular Electronics" wurde am 29.11.1974 der MITS Altair 8800 erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt.(Bild:   / CC0)
Auf der Titelseite der Januarausgabe des Fachblattes "Popular Electronics" wurde am 29.11.1974 der MITS Altair 8800 erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt.
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Das änderte sich am 29. November 1974, als Abonnenten des Hobby-Magazins Popular Electronics „das welterste Minicomputer-Kit, dass mit kommerziellen Modellen konkurrieren kann“ zu sehen bekamen: Den Altair 8800 von Micro Instrumentation and Telemetry Systems (MITS) aus Albuquerque, New Mexico. Redakteur Arthur Salsberg, der das Gerät vorstellte, verkündete prophetisch: „Das Heimcomputer-Zeitalter ist da – endlich!“

Die Geburt des „Mikrocomputers“

Auch die Geschichte des MITS Altair 8800 begann in der sprichwörtlichen Garagenwerkstatt. Der Erfinder des Computers war ein Mann namens Henry Edward „Ed“ Roberts, ein studierter Elektroingenieur in Diensten der US Air Force und in seiner Freizeit ein passionierter Bauer von Modellraketen. Er war der Überzeugung, dass im Zuge der erfolgreichen Mondlandung komplette Raketen-Bausätze und miniaturisierte Telemetriesysteme für dieselben einen großen Absatzmarkt bei Hobbyisten finden könnten. Ende 1969 gründete er mit drei Gleichgesinnten das Unternehmen MITS. Doch die erhofften Verkäufe blieben aus, so dass die drei Mitgründer das Startup schnell wieder verließen.

Foto von Dr. Henry Edward "Ed" Roberts aus dem Jahr 2002. Zu den Errungenschaften des MITS-Gründers zählen der erste kommerziell erfolgreiche Heimcomputer und der Auftrag der ersten professionell geschriebenen Software für denselben an ein kleines Unternehmen namens "Micro-Soft".(Bild:  Ed_Roberts_2002_by_Spencer_Smith.jpg /Spencer Smith / CC BY 3.0)
Foto von Dr. Henry Edward "Ed" Roberts aus dem Jahr 2002. Zu den Errungenschaften des MITS-Gründers zählen der erste kommerziell erfolgreiche Heimcomputer und der Auftrag der ersten professionell geschriebenen Software für denselben an ein kleines Unternehmen namens "Micro-Soft".

Roberts versuchte, auf den Taschenrechnermarkt umzusatteln. Dort hatte er mit seinen Modellen, die er wahlweise als Kit für den Eigenbau oder gegen Aufpreis komplett vorgefertigt anbot zunächst erfolgreich. Doch nach dem Boom der Mikroprozessoren herrschte im Taschenrechnermarkt schnell ein hart geführter Preiskampf: Große Unternehmen wie Texas Instruments und Hewlett-Packard, die ihre eigenen dedizierten Prozessoren produzierten,konnten die Preise drücken und kleinere, leistungsfähigere und günstigere Geräte anbieten, die noch dazu von Beginn an voll zusammengebaut waren.Anfang 1974 war das junge Unternehmen MITS bereits hoch verschuldet.

Neben seinen Eigenentwicklungen für das Unternehmen MITS verfasste Roberts regelmäßig gegen Honorar Gastbeiträge für das Hobbymagazin Popular Electronics. Dort war man im Sommer 1974 auf die Vorstellung des Mark-8 aufmerksam geworden. Ob das Magazin auf der Suche nach einem geeigneten eigenen System als Erstes auf Roberts und MITS zukam, oder ob Roberts bereits selbst an dem Konzept eines Heimcomputers arbeitete und diesen Vorschlag den Redakteuren unterbreitete, ist unklar. Fest steht: Für die Januar-Ausgabe 1975 kündigte Popular Electronics auf seiner Titelseite stolz „Project Breakthrough“ an: Ein komplettes, CPU-basiertes Computersystem für zu Hause! Der Preis: 439 US-$ für einen Bausatz, oder 621 US-$ für eine voll montierte Version. Der Clou: Das System war mit 17,78 cm x 43,18 cm x 45,72 cm wesentlich kleiner als ein „Minicomputer“ wie eine PDP-8/E, bot dabei aber eine vergleichbare Leistung – und das zu einem Bruchteil des Preises!

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Kompaktes System mit leichter Erweiterbarkeit

Altair 8800 Computer mit 8-Zoll-Disketten-System. Der Mikrocomputer wurde von Beginn an auf Erweitbarkeit per Steckkarten ausgelegt. Platinen von links nach rechts: Siegel 8K Static RAM Platine, zwei MITS Floppy Disk Controller (2 Plattensätze), MITS 16K Dynamic RAM Platine, MITS 16K Dynamic RAM Platine, MITS SIO-2 Dual serial port Platine, Solid State Music PROM Platine und eine MITS 8080 CPU Platine. (Foto aufgenommen auf dem Vintage Computer Festival 7.0 im Computer History Museum)(Bild:   / CC0)
Altair 8800 Computer mit 8-Zoll-Disketten-System. Der Mikrocomputer wurde von Beginn an auf Erweitbarkeit per Steckkarten ausgelegt. Platinen von links nach rechts: Siegel 8K Static RAM Platine, zwei MITS Floppy Disk Controller (2 Plattensätze), MITS 16K Dynamic RAM Platine, MITS 16K Dynamic RAM Platine, MITS SIO-2 Dual serial port Platine, Solid State Music PROM Platine und eine MITS 8080 CPU Platine. (Foto aufgenommen auf dem Vintage Computer Festival 7.0 im Computer History Museum)
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Herzstück des MITS Altair 8800 war eine 8-Bit-CPU: Ein Intel 8080 Mikroprozessor, eine Verbesserung des 8008, den das Unternehmen im April 1974 auf den Markt gebracht hatte. Getaktet war die CPU auf 2 MHz. Datenein- und Ausgabe erfolgten in der Standardversion über ein Frontpanel, das mit Kippschaltern und LEDs ausgestattet war. Das war sehr abstrakt und erinnert in dieser Basisform sehr an den bereits erwähnten Kenbak-1.

Der Clou lag aber in der leichten Erweiterbarkeit des Systems: Roberts hatte, auch um die Größe der Platine gering zu halten, sein Motherboard vorausschauend mit fünf Steckkarten-Slots nach dem bereits marktüblichen S-100 Bus ausgestattet. In der im Magazin vorgestellten Grundversion belegten die CPU sowie 265 Byte an Basis-RAM zwei dieser Slots. Die Weiteren konnten aber über Steckkarten leicht erweitert werden. So ließ sich das System mit Funktionalitäten wie bis zu 64 KByte Arbeitsspeicher oder Peripheriegeräten wie ein Lochstreifenlesegerät oder ein 8-Zoll-Diskettenlaufwerk ausstatten. Auch der Anschluss einer Tastatur war relativ einfach möglich. Passenderweise hatte Roberts selbst noch für die Dezember-Ausgabe von Popular Electronics einen Beitrag über den Eigenbau eines „Computerterminals zu sehr geringen Kosten“ verfasst, der genau für diesen Zweck ideal geeignet war.

Aus heutiger Sicht mag diese Spezifikation wenig beeindruckend wirken - selbst ein günstiges Arduino-Board kann deutlich mehr leisten. Doch aus der Sicht eines Lesers im Jahr 1974 stellte das Gerät aus Sicht der Leserschaft im Jahr 1974 nichts geringeres als eine Revolution dar. Wie bereits erwähnt, waren zu diesem Zeitpunkt Minicomputer wie die PDP-8/E das günstigste und kompakteste Computergerät, das etablierte Unternehmen auf dem Markt anboten. Aber die Intel 8080-CPU des Altair 8800 war mit einer Taktung von 2 MHz schneller als eine PDP-8/E. Diese verfügte über keinen Prozessor im eigentlichen Sinne, sondern einer Reihe von Transistor-Transistor-Logik(TTL)-Schaltungen, die effektiv einer Art 12-Bit-Prozessor mit einer Taktung von 1 MHz gleichkam und 1,2 Mikrosekunden pro Rechenzyklus benötigte. Auch wenn der Altair 8800 in der Grundausstattung weniger Arbeitsspeicher als eine PDP-8/E besaß, konnte dieser leicht und erheblich erweitert werden. Die PDP-8/E verfügte zwar über einen größeren Basisspeicher (effektiv 6 KByte), der auch erweitert werden konnte – was aber nochmals mit erheblichen Kosten verbunden war. Das stärkste Argument waren aber die Kosten: selbst ein vormontiertes Modell kostete mit 621 US-$ gerade einmal ein Zehntel des Preises eines vergleichbaren Minicomputers!

Für viele Leser von Popular Electronics war der Altair das erste Fenster in die Welt der digitalen Computertechnik. Roberts und sein MITS-Angestellter William Yates bemühten in ihrem Artikel zum Heimcomputer, die grundlegenden Konzepte der digitalen Hardware und der Computerprogrammierung in Begriffen zu erklären, die den Elektrikern und Radioenthusiasten in ihrem Publikum vertraut waren. „Ein Computer ist im Grunde ein Stück variabler Hardware,“ heißt es in ihrem Beitrag. „Durch Ändern der im Speicher gespeicherten Bitmuster kann die Hardware von einem Gerätetyp in einen anderen umgewandelt werden.“ Über das Programmieren schrieben Roberts und Yates, dass die grundlegenden Konzepte „einfach genug sind, um sie in relativ kurzer Zeit zu beherrschen“, dass es aber „viel Erfahrung und ein großes Maß an Kreativität“ erfordert, um ein effizienter Programmierer zu werden.

Der Artikel enthielt darüber hinaus ein detailliertes Diagramm, in dem alle Bestandteile der Intel 8080 CPU erklärt wurden. Die Autoren erklärten den Unterschied zwischen einer CPU und der Speichereinheit eines Computers, die Verwendung eines Stapelzeigers und die enormen Vorteile von Assemblersprachen und höheren Sprachen wie FORTRAN und BASIC gegenüber der manuellen Eingabe von Maschinencode.

Ein Name mit Science-Fiction-Anklängen

Wie genau der Altair 8800 zu seinem Namen kam, darüber gibt es leicht unterschiedliche Geschichten. Ed Roberts war durch und durch ein Ingenieur, der ein geschicktes Händchen für die Entwicklung von Elektronik besaß, aber kaum Kreativität für Namensgebung aufbrachte: Produkte aus dem Hause MITS besaßen in der Elektronikindustrie übliche Namen wie der Model 1140 Taschenrechner. Seiner Überlegung nach hätte der Rechner einfach den Namen PE-8 tragen können, für „Popular Electronics-8Bit“. Das war der Belegschaft des Magazins aber zu dröge. Roberts überließ es daher den Redakteure, sich einen Namen einfallen zu lassen.

Werbefoto zur Folge "Weltraumfieber" (engl. "Amok Time") der Serie "Star Trek". Die Episode, die die Crew des Raumschiffs Enterprise zum Planaten Altair-6 führt, soll als Inspiration für den Namen des Heimcomputers von MITS gedient haben.(Bild:   / CC0)
Werbefoto zur Folge "Weltraumfieber" (engl. "Amok Time") der Serie "Star Trek". Die Episode, die die Crew des Raumschiffs Enterprise zum Planaten Altair-6 führt, soll als Inspiration für den Namen des Heimcomputers von MITS gedient haben.
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Im März 1975 hielt MITS in Albuquerque, New Mexiko, die erste - und einzige - eigens für Altair-Besitzer abgehaltene World Altair Computer Convention statt. Über 700 begeisterte Besitzer des Mikrocomputers fanden sich dort ein. Auf dieser Veranstaltung erzähle PE-Redakteur Les Solomon, dass er sich von seiner damals 12-jährigen Tochter Lauren hatte inspirieren lassen. „Sie sagte, warum nennst du das ihn nicht Altair - dorthin ist die Enterprise heute Abend unterwegs“. In der Folge „Weltraumfieber“ der klassischen Science Fiction Serie „Star Trek“ machen Captain Kirk, Mr. Spock & Co. auf einem Planeten namens Altair 6 Station.

Einer anderen Variante der Geschichte zufolge hatte das Team der Popular Electronics beschlossen, dass es sich bei diesem Rechner um eine Sternstunde der Elektronikgeschichte handeln könnte. Also sollte der Computer auch den Namen eines Sterns tragen. Der technische Redakteur John McVeigh soll daraufhin „Altair“ vorgeschlagen haben, einen der hellsten Sterne am Nachthimmel. Warum der Altair die Zahl „8800“ verliehen bekam und nicht genau widerspiegelte, dass er auf dem 8-Bit-Prozessor Intel 8080 basierte, ist unklar. Vermutlich dachte das Team der Popular Electronics, dass 8800 einen besseren, schmissigeren Klang fürs Marketing hatte.

Wie man sich erzählt, habe Roberts seinem Bankier gesagt das er vermute, 800 Exemplare des Rechners absetzen zu können. Tatsächlich musste er mindestens 200 Stück absetzen, um seine Kosten decken zu können. Und das wären auch immer noch mindestens 4-mal so viele Exemplare, wie seinerseits der Kenbak-1 oder der Mark-8 absetzen konnten.

Doch als die Januarausgabe der Popular Electronics erschien, wurde MITS mit Anrufen und Bestellungen geradezu überschwemmt. Bis Februar 2025 erhielt MITS bereits 1.000 Bestellungen für den Altair 8800. Die angegebene Lieferzeit betrug 60 Tage, aber es dauerte Monate, bis sie eingehalten werden konnte. Bis Ende Mai will das Unternehmen 2.500 Altair-8800-Systeme ausgeliefert haben, im August bereits über 5.000. Insgesamt verkaufte sich der Altair 8800 und dessen leicht erweiterte Variante 8800b ungefähr 10.000 Mal, eher das System im bedeutenden Jahr 1977 vom Markt verschwand.

Die erste kommerzielle Heimcomputersoftware – und Klagen über Raubkopien

Eine Originalkopie von 8K BASIC auf Papierband für den MITS Altair 8800 Computer. Der BASIC-Interpreter wurde von Microsoft-Gründern Bill Gates und Paul Allen sowie Monte Davidoff geschrieben. Das Band ist mit „BASIC 8K ohne Kassette“ beschriftet und auf den 2. Juli (1975) datiert.  Das 8K BASIC wurde im Oktober 1975für $200 verkauft. Der Preis wurde auf $75 reduziert für „Käufer von 8K Altair-Speicher und einem Altair I/O Board“. 4K BASIC kostete $150 und Extended BASIC $350 mit Preisnachlässen von $60 und $150. Sie waren auf Papier- oder Kassettenband erhältlich. Diese Rolle ist in der Abteilung „STARTUP: Albuquerque and the Personal Computer Revolution“ des New Mexico Museum of Natural History and Science ausgestellt(. Foto von Michael Holley, 27. April 2007.)(Bild:   / CC0)
Eine Originalkopie von 8K BASIC auf Papierband für den MITS Altair 8800 Computer. Der BASIC-Interpreter wurde von Microsoft-Gründern Bill Gates und Paul Allen sowie Monte Davidoff geschrieben. Das Band ist mit „BASIC 8K ohne Kassette“ beschriftet und auf den 2. Juli (1975) datiert. Das 8K BASIC wurde im Oktober 1975für $200 verkauft. Der Preis wurde auf $75 reduziert für „Käufer von 8K Altair-Speicher und einem Altair I/O Board“. 4K BASIC kostete $150 und Extended BASIC $350 mit Preisnachlässen von $60 und $150. Sie waren auf Papier- oder Kassettenband erhältlich. Diese Rolle ist in der Abteilung „STARTUP: Albuquerque and the Personal Computer Revolution“ des New Mexico Museum of Natural History and Science ausgestellt(. Foto von Michael Holley, 27. April 2007.)
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Überhaupt sollte die Hobbyistenszene den Grundstein für einen wahren Giganten der Computer-Software-Industrie legen. Zu den Lesern der Januarausgabe 1975 zählten ein junger Harvard-Student und ein befreudeter Angestellter beim Großrechner-Hersteller Honeywell: Bill Gates und Paul Allen. Die beiden erkannten, dass ein rapide fallender Preis von Computer-Hardware eine goldene Gelegenheit für professionell geschriebene Software für Büro- und Heimanwendergebrauch darstellen würde. Gates kontaktierte MITS-Chef Roberts mit der Idee, die leicht erlernbare Programmiersprache BASIC auf den Altair 8800 zu portieren. Roberts erteilte seinen Segen.

Paul Allen hatte bereits einen funktionierenden Emulator für einen Intel 8008-Prozessor geschrieben, der in den meisten Instruktionen kompatibel zur im Altair-Rechner eingesetzten 8080-CPU war. Dieser Emulator lief auf einem PDP-10-Rechner, wie ihn die Harvard-Universität besaß. Bill Gates nutzte die ihm zur Verfügung stehende Rechenzeit an der Universität aus, um mit Hilfe dieses Emulators die Programmiersprache BASIC auf den Altair 8800 zu portieren. Damit handelte er sich zwar Ärger mit seiner Uni ein, aber da es keine offizielle Regelung für den Gebrauch eines Uni-Rechners für kommerzielle Zwecke gab, blieb dies ohne Folgen. Kurze Zeit später brach Gates sein Studium in Harvard ab und gründete zusammen mit Allen eine Software-Firma für Mikrocomputer: Micro-Soft. Der Bindestrich sollte einige Jahre später entfallen.

Die ersten zwei kommerziellen Software-Produkte für Heimcomputer waren zwei von Micro-Soft im Auftrag von MITS produzierte BASIC-Varianten: eine für Computersysteme mit 4 KByte Arbeitsspeicher für 150 US-$ und eine etwas potentere für-8 KByte-Varianten für 200 US-$. Die Software wurde in Form von gelochten Papierstreifenrollen vertrieben, die über ein entsprechendes zusätzliches Laufwerk eingelesen werden mussten. Gates und Allen erhielten 30$ für jede verkaufte 4-KByte-Version und 35$ für die 8-KByte-Variante. Etwas später sollte dem Produktportfolio noch ein „Expanded BASIC“ hinzugefügt werden.

"Ein offener Brief an Hobbyisten": Im Newsletter des Homebrew Computer Club, einer losen Gruppierung von Käufern eines MITA Altair 8800, erschien dieser Brief von Bill Gates. In ihm beklagte sich der Microsoft-Gründer darüber, dass ihr speziell für den Mikrocomputer geschriebenes 8K Basic des jungen Unternehmens "Micro-Soft" in Hobbyistenkreisen frei kopiert und verbreitet wurde. Eine bereits in den Frühzeiten der Mikrocomputer verbreitete Annahme schien zu sein: Für Hardware wird bezahlt, Software aber freigiebig geteilt.(Bild:   / CC0)
"Ein offener Brief an Hobbyisten": Im Newsletter des Homebrew Computer Club, einer losen Gruppierung von Käufern eines MITA Altair 8800, erschien dieser Brief von Bill Gates. In ihm beklagte sich der Microsoft-Gründer darüber, dass ihr speziell für den Mikrocomputer geschriebenes 8K Basic des jungen Unternehmens "Micro-Soft" in Hobbyistenkreisen frei kopiert und verbreitet wurde. Eine bereits in den Frühzeiten der Mikrocomputer verbreitete Annahme schien zu sein: Für Hardware wird bezahlt, Software aber freigiebig geteilt.
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Beinahe so alt wie kommerzielle Software sind aber auch die Klagen über Raubkopien: Die Lochstreifen ließen sich leicht vervielfältigen und fanden in der Hobbyistenszene schnell Verbreitung. Obwohl MITS bis August 1975 fast 5.000 Computer ausgeliefert hatte, setzte Micro-Soft nur „wenige Hundert“ Exemplare seines BASIC ab – obwohl nach Gates´ Wahrnehmung fast jeder Altair-Nutzer auch über die Programmiersprache verfügte. In einem im Januar 1976 über verschiedene Hobbygruppen-Newsletter verbreiteten „Offenen Brief an Hobbyisten“ beklagte Bill Gates öffentlich diesen Umstand: Warum, so fragt er, sei es für Leser von Büchern, Musikhörer oder Hardware-Käufer selbstverständlich, für professionelle Arbeit zu bezahlen, aber für Software-Anwender es in Ordnung, professionelle Software einfach zu teilen? „Warum ist das so?“ monierte Gates bitter. „Wie den meisten Hobbyisten bekannt sein dürfte, stehlen die meisten von Ihnen ihre Software. Hardware muss bezahlt werden, aber Software ist etwas zum Teilen. Wen kümmert es, wenn die Leute, die daran gearbeitet haben, bezahlt werden?

Dem Unternehmen Micro-Soft tat dies indes keinen Abbruch. Gates und Allen hatten sich wohlweislich entschlossen, sich nicht alleine auf MITS und den Intel 8080-Prozessor zu versteifen. Statt dessen behielten sie stets ein Auge auf die weiteren Entwicklungen im Computermarkt – und konnten ihr BASIC auch bald für andere Plattformen anbieten. Über die weiteren Geschicke von Micro-Soft brauchen wir hier nicht näher eingehen.

Die Heimcomputer-Lawine gerät ins Rollen

Der Altair 8800 verkaufte sich bis August 1975 stolze 5000-mal - weit mehr, als Ed Roberts je erwartet hätte. In den Monaten danach verlangsamten sich die Absatzzahlen aber merklich. Roberts hatte bei der Gestaltung des Rechners komplett auf Bauteile zurückgegriffen, die auf dem Markt leicht zu erhalten waren. Das war in den Elektronik-Hobbyistenkreisen übelich – und MITS verfügte nicht über die Mittel, um eigene IC-Designs zu entwerfen und produzieren. Das, kombiniert mit der detaillierten Beschreibung des Rechners in den Seiten der Popular Electronics, machte es allerdings auch sehr einfach, den Minicomputer zu klonen, so dass er mit denselben Erweiterungen funktionierte – und auch dieselbe Software nutzen konnte.

Der erste Heimcomputer-Klon: Der IMSAI 8080 erschien nur wenige Monate nach dem Altair 8800 auf dem Markt, war zu diesem nahezu voll kombatibel und konnte insgesamt beinahe doppelt so viele Exemplare absetzen.(Bild:   / CC0)
Der erste Heimcomputer-Klon: Der IMSAI 8080 erschien nur wenige Monate nach dem Altair 8800 auf dem Markt, war zu diesem nahezu voll kombatibel und konnte insgesamt beinahe doppelt so viele Exemplare absetzen.
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Im Dezember 1975 erschien mit dem IMSAI 8080 der erste dieser Klone auf dem Markt. Wie sein Vorbild basierte auch dieser Mikrocomputer auf einer Intel 8080 CPU und verwendete den S-100-Bus für Erweiterungskarten. Diese Schnittstelle, die in der Folge auch von anderen Heimcomputersystemen genutzt wurde, war dadurch effektiv zu einem der ersten de-facto-Standards der jungen Heimcomputerbranche geworden, ehe sie Mitte der 1980er durch den im IBM PC genutzten ISA-Standard abgelöst wurde.

Durch diese Gemeinsamkeiten war der IMSAI 8080 sowohl hinsichtlich vorhandener Hardware-Erweiterungen als auch der verfügbaren Software kompatibel zum Altair 8800. Anders als dieser verfügte der Mikrocomputer-Klon aber gleich über 20 Slots für Steckkarten, was das System deutlich flexibler und potentiell leistungsfähiger machte. Filmfans kennen den IMSAI 8080 übrigens möglicherweise aus dem Film War Games von 1983. In diesem verwendet der von Mathew Broderick verkörperte Schüler einen solchen Rechner, um in einen Computer des amerikanischen Verteidigungskomplexes zu hacken.

Ed Roberts kümmerte das Erscheinen dieser Klone und ähnlicher Computer-Kits wenig. Durch den Altair 8800 war sein Unternehmen MITS in nur wenigen Monaten von einem kleinen Garagenbetrieb am Rande der Pleite und einer Handvoll Mitarbeitern zu einem erfolgreichen Unternehmen mit 230 Angestellten geworden, das Verkaufszahlen in Höhe von 6 Millionen US-$ verbuchen konnte und kaum mit den Anfragen für ihr gefragtestes Produkt hinterherkam.

Die dadurch bedingten Veränderungen im täglichen Geschäftsbetrieb empfand der gelernte Elektroingenieur zunehmend als Belastung. Im Dezember 1976 verkaufte Roberts sein Unternehmen für 6 Millionen US-$ an die Pertec Computer Corporation. Nach Abschluss der Übernahme im Mai 1977, der Roberts persönlich geschätzt 2 Millionen US-$ einbrachte, zog sich der Heimcomputer-Pionier aus dem Elektronikgeschäft zurück. Er betrieb erst eine kleine Landwirtschaft, schrieb nebenher Software, studierte im Alter von 41 Jahren nochmal Medizin und ließ sich schließlich 1988 als praktizierender Arzt in der Kleinstadt Cochran, Georgia, nieder. An der unmittelbar im selben Jahr ausbrechenden Heimcomputer-Revolution von 1977 spielten weder Roberts noch MITS noch eine nennenswerte Rolle.

Dieser Beitrag stammt von unserem Partnerportal Elektronikpraxis.

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