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Das Premium-Prinzip
Ein Beispiel dafür? Als Lenovo auf dem Heimatmarkt bereits über 20 Millionen Smartphones verkaufte, zierte es sich immer noch, damit auch in den deutschen Markt einzusteigen, obwohl die Verträge parat lagen. Warum? Lenovo führt regelmäßig und in vergleichsweise kurzen Abständen Branding-Analysen durch. Und die ergaben in diesem Fall, dass die Marke von potenziellen Smartphone-Kunden noch nicht wertig genug wahrgenommen wurde, um im Hochpreissegment gegen Apple bestehen zu können. Alles andere aber kam nicht in Frage, da (siehe Punkt 1 Profitabilität) jedes sonstige, zwangsläufig niedrigere Preissegment nicht die gewünschten Erlöse garantiert, und gleichzeitig (siehe Punkt 2) nicht auf den Markenwert eingezahlt, sondern diesen eventuell sogar gemindert hätte. Folgerichtig wurde mit Motorola eine Handy-Marke gekauft, die bereits Premium-Charakter hatte und gleichzeitig bei den großen Providern (Telekom, Vodafone, O2,...) bekannt und gut verankert war. Nach diesem Schema tickt das Unternehmen. Und es war damit richtig erfolgreich – auch um den Preis, nicht als Vollsortimenter auftreten zu können. Immerhin, diese Strategie gipfelte letztlich in der Eroberung der Spitze im PC-Markt. Lenovo war ganz oben, vor den HPs, Dells und Fujitsus dieser Welt.
Oben ankommen, oben bleiben
Lenovo also der Mr. Perfekt des IT-Markts? Dieses Bild hat Schrammen bekommen. Den Aufstieg zur Spitze hat Lenovo mit Bravour geschafft. Aber wieder einmal bewahrheitet sich offensichtlich die ebenso profane wie zeitlos gültige Weisheit, dass es einfacher ist, die Nummer eins zu werden, als die Nummer eins zu bleiben.
Da passt es dann gar nicht, wenn nach dem gerade erst glimpflich überstandenen Superfish-Dilemma ein neues, selbstverschuldetes Sicherheitsproblem publik wird. Lenovo hat eine Funktion im UEFI-BIOS missbraucht, um selbst auf einem frisch installierten Windows ohne Zustimmung des Nutzers ein System-Tool aufzuspielen. Es sammelt Informationen über den Rechner, schickt sie zu Lenovo und bietet auch die Installation zusätzlicher Software an. Das peinliche daran, das Tool enthält wie vorher Superfish eine Sicherheitslücke. Deja vue! Dabei hatte Lenovo eigentlich Besserung gelobt.
Strategie und Taktik
Aktuell steht die Integration der x86-Server von IBM im Vordergrund. Besser gesagt: stand. Denn nach einem schwachen zweiten Quartal wurden umgehend 3.200 Arbeitsplätze gestrichen, immerhin rund fünf Prozent der Belegschaft. Und das, obwohl sich Lenovo besser entwickelte als die Konkurrenz und den Marktanteil auf 20,6 Prozent ausbauen konnte, ein Bestwert.
Ist das eine Überreaktion? Vielleicht. Auf alle Fälle spricht es für rasche, taktische Reaktionsfähigkeit und gleichzeitig für das, wie beschrieben, konsequente Festhalten an langfristigen strategischen Zielen. Profitabilität, einer der beiden Kernwerte, lässt sich bei sinkenden Gewinnen scheinbar nur mit weniger Personal erreichen.
Da keine Stellen in der Fertigung wegfallen sollen, trifft es wohl zuerst Abteilungen wie Marketing (die sind fast immer die ersten, die es trifft) oder Forschung & Entwicklung. Beide aber sind kritisch im Hinblick auf den zweiten Kernwert, die Markenführung. Das Marketing, weil es direkt dafür verantwortlich ist, und F&E, weil es über Innovationen und Produktqualität diesem Ziel zuarbeiten muss.
Winds of change
„Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen“, lautet ein chinesisches Sprichwort. In einem Marktumfeld, das in absehbarer Zeit wohl nicht einfacher wird, ist es Lenovo trotz der erwähnten Verwerfungen weiterhin zuzutrauen, zur Mühlen-Fraktion zu gehören – und dort ganz weit vorne. Auch für die Nutzung möglicher Konsolidierungseffekte scheint Lenovo nach wie vor sehr gut aufgestellt.
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