Mehr Maschinen, weniger Menschen? Wissenschaft und Wirtschaft müssen beim Fachkräftemangel Fakten und Mythen erkennen, sowie belastbare Strategien für die Zukunft entwerfen. Und so sieht es aus ...
Der Fachkräftemangel grassiert. Am 25. Oktober 2023 fand deshalb der diesjährige TUM Talk am Campus Heilbronn zum Thema „Fachkräfte der Zukunft – ein Mythos“ statt. Erfahren Sie hier, was die Experten mit Blick auf Kreativität und künstliche Intelligenz diskutiert haben ...
(Bild: peshkova - stock.adobe.com)
An der Technischen Universität München müssen Tausende von Informatikstudenten regelmäßig Übungsaufgaben abliefern. Das bedeutet Fließbandarbeit für das Tutoren-Team, das nun aber von einer künstlichen Intelligenz (KI) entlastet wird. Der „Iris“ getaufte digitale Assistent gibt unmittelbar eine Rückmeldung, wie die Aufgabe gelöst wurde, oder an welchen Stellen es noch hakeln könnte. Rund 200 Anfragen pro Tag laufen mittlerweile bereits bei „Iris“ auf, berichtet Stephan Krusche, Professor für Softwareentwicklung an der TUM School of Computation, Information and Technology. Die KI-Assistenz schaffe so Vorteile für beide Seiten, denn Studenten erhielten unmittelbar Feedback auf ihre Anfragen und das Tutoren-Team gewinne Zeit.
KI-basierte Systeme übernehmen Routineaufgaben und schaffen also mehr Kapazitäten für die Fachkräfte – ein vieldiskutiertes Feld. Und doch nur einer von vielen Aspekten der bundesweit intensiv geführten Diskussion um den Fachkräftemangel. Nach den Unruhen durch die Coronapandemie hat sich zum einen der Arbeitsmarkt neu sortiert, was die Attraktivität von Branchen und die Erwartungen von Angestellten angeht. Erwartet wird von den Beschäftigten nun oft Augenhöhe statt Hierarchie und Flexibilität statt starrer Strukturen. Zum anderen sorgt der demografische Wandel dafür, dass die Zahl derer sinkt, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, gleichzeitig erhöht sich die Zahl derer, die ihn bald verlassen. Nicht zuletzt sorgen auch technische Fortschritte dafür, dass einige Tätigkeiten in Zukunft vielleicht überflüssig werden und sich andere grundlegend verändern. Erfahren wir also nun, was der Talk der Experten in diesem Zusammenhang zutage gefördert hat ...
Auf dem Podium diskutierten Dr. Stefanie Leiterholt (President Human Ressources, WMF GmbH), Dr. Stefan Wolf (Präsident Gesamtmetall), Angela Todisco (Head of Customer Success HR EMEA South, Region Joined, SAP AG), Roland Hehn (Vorstand Personal der Schwarz Dienstleistung) und Jutta Balletshofer (HR Lead Europe & Canada Commercial, Organon healthcare GmbH) über Strategien, mit denen man dem Arbeitnehmermarkt begegnen kann.
(Bild: TUM Campus Heilbronn)
Fachleute trennen Fakten von Fiktionen
Die Herausforderungen sind nicht trivial und häufig vielschichtig. „Man muss sich wirklich etwas einfallen lassen, um den Laden am Laufen zu halten“, merkte Albert Berger, Kanzler der TU München, dazu an. Der TUM Talk, das Netzwerkformat der TU München am Bildungscampus Heilbronn, bot dabei den Rahmen, um zwischen Fakten und Fiktion rund um die Personalfragen zu differenzieren. Vertreter aus Wissenschaft und Wirtschaft suchten nach Erklärungsansätzen, Strategien und auch Chancen, rund um dieses Thema. Denn die anspruchsvolle Aufgabe birgt durchaus Potenzial, sagte Professor Dr. Helmut Krcmar, Beauftragter des Präsidenten für den TUM Campus Heilbronn. Was etwa für engagierte Entscheider in Unternehmer gilt, die eine gute Chance haben, sich mit klugen Konzepten im Wettbewerb abzusetzen.
Diese Aufgabe haben zahlreiche Unternehmen bereits angenommen. „Es ist ganz klar ein Arbeitnehmermarkt“, sagte Angela Todisco, Head of Human Resources EMEA North beim Softwarekonzern SAP. Sowohl im Recruiting als auch bei der Herausforderung, qualifizierte Beschäftigte zu halten, werden neue Wege erprobt, die in vielen Fällen flexibler machen. Die Bonuszahlung könne – je nach Lebensphase – etwa mittlerweile in einen Zuschuss für die Altersvorsorge oder eine Gutschrift für das Zeitkonto umgewandelt werden, so Todisco. Außer einer sinnvollen Arbeitsaufgabe helfen solche Programme, Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten. „Wir sehen, dass wir mit vielen kleinen Stellschrauben viele tolle Dinge erreichen können“, kommentierte Todisco.
Der permanente Wandel sollte als Chance gelten
Klar sei allen jedoch, dass, um dem Fachkräftemangel zu begegnen, sich nicht nur die Personalabteilungen und Unternehmen verändern müssten. „Die Veränderung ist überall“, konstatierte Roland Hehn, Personalvorstand von Schwarz Dienstleistungen. Fragen der Weiterbildung oder sogar zu einer Umschulung dürften relevanter werden, weil sich Stellenprofile stark veränderten und heute lukrative Jobs nicht mehr in der gleichen Anzahl und Ausstattung wie in den vergangenen Jahrzehnten angeboten würden. Konkret erwartet das Stefan Wolf, Präsident der Arbeitnehmervereinigung Gesamtmetall, beispielsweise in der Automobilindustrie: „Wir müssen die Menschen mitnehmen und ihnen klarmachen, dass es Veränderungsprozesse geben wird.“
Je nach Branche unterscheiden sich dabei das Tempo und die Dringlichkeit, in dem die Frage nach zukünftigen Fachkräften und deren Kompetenzen gestellt wird. Die Grundlage in allen Positionen heißt jedoch Veränderungsbereitschaft, ist sich Jutta Balletshofer, HR Lead für Europa und Kanada beim Pharmakonzern Organon, sicher. Diese werde vorausgesetzt und müsse nicht mehr separat in Stellenanzeigen stehen. Doch das permanente Nachjustieren erfordert von Personalverantwortlichen und Führungskräften ein hohes Maß an Transparenz. Stefanie Leiterholt, President Human Resources & Legal beim Haushaltswarenhersteller WMF, kommunizierte diesen Kulturwandel in vielen Gesprächen mit beunruhigten Mitarbeitern, die am liebsten am Status quo festhalten würden. Ihre Prognose: „Es wird sich was ändern – aber das wird uns Sicherheit geben.“ Ein Gegeneinander zwischen Unternehmen und Beschäftigten wird den gemeinsamen Zielen zuwiderlaufen, betonte Leiterholt, gemäß dem Motto: „We’re all in this together.“
Stand: 08.12.2025
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