Standort Deutschland Insolvenz-Dominoeffekt entlang der Lieferkette

Von Dr. Stefan Riedl 4 min Lesedauer

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Beim Informationsdienstleister CRIF hat man die Dynamik des Insolvenzgeschehens in Deutschland genau im Blick. Sie ist besorgniserregend, denn insbesondere Großinsolvenzen führen zu Dominoeffekten in der deutschen Wirtschaft.

Bei einem Dominoeffekt führt eines zum anderen. Mitunter letztlich zur Insolvenz.(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Bei einem Dominoeffekt führt eines zum anderen. Mitunter letztlich zur Insolvenz.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

Betrachtet man die Entwicklung bei den Insolvenzen in Deutschland ist die Situation besorgniserregend. Dr. Frank Schlein, Geschäftsführer des Informationsdienstleisters CRIF Deutschland, bezieht sich bei dieser Einschätzung auf konkrete Zahlen: „Bereits 2024 haben in Deutschland 21.964 Unternehmen eine Insolvenz angemeldet. Einen höheren Wert gab es in der vergangenen Dekade nur im Jahr 2015, damals gab es 23.222 Firmenpleiten.“ Beunruhigend sei auch die Geschwindigkeit: Seit der Einführung der neuen Insolvenzordnung im Jahr 1999 hat das Unternehmen in keinem Jahr einen stärkeren prozentualen Anstieg als im vergangenen Jahr beobachtet. Hinzu kommt, dass im laufenden Jahr dieser Wert voraussichtlich nochmal deutlich übertroffen wird.

Insolvenzwelle mit Milliardenschäden

Dr. Frank Schlein, Geschäftsführer, CRIF Deutschland(Bild:  CRIF GmbH)
Dr. Frank Schlein, Geschäftsführer, CRIF Deutschland
(Bild: CRIF GmbH)

Auch wenn circa 90 Prozent der Unternehmen finanziell noch solide dastehen, geht man bei dem Datendienstleister von rund 26.000 Insolvenzen aus, einhergehend mit zweistelligen Zuwachsraten seit Anfang des Jahres. Geht man nach den Zahlen von Dr. Schlein, haben allein im Jahr 2024 die Insolvenzen in Deutschland wirtschaftliche Schäden in Höhe von 55 Milliarden Euro verursacht. Im Jahr zuvor waren es mit 26,5 Milliarden Euro gerade einmal die Hälfte. „Das heißt auch, dass sich die Kosten pro Insolvenz im vergangenen Jahr deutlich erhöht haben“, so der CRIF-Chef. Kostete eine Insolvenz im Jahr 2023 im Schnitt 1,5 Millionen Euro, waren es im vergangenen Jahr bereits mehr als 2,5 Millionen Euro. Das legt für den Datenprofi den Schluss nahe, dass von Insolvenzen vermehrt auch größere Unternehmen betroffen sind. Und als ob das noch nicht genug wäre: Eine gestiegene Anzahl an Großinsolvenzen erhöht wiederum die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Situation aufgrund von Dominoeffekten entlang der Lieferkette weiter verschärfen dürfte.

Hintergrund

Was macht CRIF?

CRIF ist ein Informationsdienstleister in Deutschland, der Unternehmen und Finanzinstitute beim Management ihrer Digitalisierung unterstützt. Dazu gehört auch, dass den Kunden Werkzeuge an die Hand gegeben werden, um Kreditrisiken frühzeitig zu erkennen sowie sich vor Betrug und Identitätsdiebstahl zu schützen. Das Unternehmen bietet auch Lösungen rund um digitales Onboarding, Open Banking, Compliance, ESG, Adressermittlung und Marketing-Services an.

Wenn Dominosteine in der Lieferkette fallen

Von einem „Dominoeffekt entlang der Lieferkette“ sprechen Experten, weil eines zum anderen führt. Schlein beschreibt: „Stellen Sie sich vor, Sie sind ein mittelgroßes Maschinenbauunternehmen mit einer Spezialisierung auf die Automobilindustrie. Plötzlich meldet einer Ihrer größten Kunden, ein Automobilzulieferer Insolvenz an.“ Dann steht das betroffene Unternehmen vor zwei entscheidenden Problemen: Einerseits besteht die Gefahr, dass vielleicht für bereits installierte Anlagen oder geleistete Dienstleistung kein und nur ein Bruchteil des Geldes eingeht – insbesondere, wenn es sich um größere Ausfallsummen handelt, kann das für kleinere Unternehmen bereits das wirtschaftliche Ende bedeuten. Hinzu komme, dass mit dem Kunden vielleicht eine der größten Einnahmequellen wegbricht.

Schwer die Lücken zu schließen

„Das ist eine Lücke, die sie erst mal schließen müssen, in einer Branche, die insgesamt zu Kämpfen hat“, so der Geschäftsführer. In solchen Fällen können Unternehmen schnell in Schieflage geraten und müssen im schlimmsten Fall ebenfalls Insolvenz anmelden, was Ihre Zulieferer im Zweifel wiederum vor ähnliche Probleme stellt. Dieser Effekt, der sich insbesondere bei Großinsolvenzen beobachten lässt, kann sich dann durch die gesamte Lieferkette ziehen. Bei CRIF geht man davon aus, dass aktuell rund 20 Prozent der Insolvenzen auf Dominoeffekte zurückzuführen sind. Und mit einem Anstieg an Großinsolvenzen wird sich dieser Wert demnach in den kommenden Monaten sicher nochmal deutlich erhöhen, heißt es aus dem Unternehmen.

Tools zur Risikominimierung

„Bisher konnten Unternehmen bei der Abschätzung der Kreditwürdigkeit ihrer Kunden gut auf klassische Auskunfteien zurückgreifen“, erläutert der Digitalisierungsdienstleister. Das reiche jedoch nicht mehr aus. Ein wirkungsvolles Frühwarnsystem ermöglicht Unternehmern schnellen Zugriff auf alle unternehmensrelevanten Informationen, im besten Fall in Echtzeit. Außerdem sei inzwischen die Hilfe von KI gefragt, die enorme Menge an Daten aggregiert und übersichtlich sowie strukturiert bereitstellt. So könne eine Basis geschaffen werden, um Risiken frühzeitig zu erkennen und zu steuern. Schlein wird konkret: CRIF hat mit „Panorama“ ein hauseigenes Tool in diesem Umfeld auf dem Markt.

Typische Verhaltensmuster erkennen

Der CRIF-Chef rät: „Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass es typische Verhaltensmuster gibt, die auf eine prekäre Situation eines Unternehmens hinweisen.“ Auf die gelte es zu achten. Dazu zählen beispielsweise:

  • verschlechterte Zahlungsmoral,
  • verändertes Bestellverhalten,
  • häufige Änderungen in der Geschäftsführung, Bankverbindung oder Firmierung,
  • Zahlungsverzögerungen aufgrund ungerechtfertigter Mängelrügen,
  • gebrochene mündliche Zusagen,
  • häufig angeforderte Rechnungskopien,
  • veraltete Produktionsanlagen und
  • über die Jahre mehrfache Erhöhung der Kreditlinie, also des Fremdkapitaleinsatzes.

All das seien Hinweise für eine finanzielle Schieflage. Verantwortliche, die solche Indikatoren frühzeitig erkennen, können oft größeren Schaden abwenden und im Zweifel die Existenz des eigenen Unternehmens retten, weiß der Manager.

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