Wirtschaftliche Entflechtung Indien statt China: Das neue Mekka der globalen Elektronikfertigung?

Von Henrik Bork* 5 min Lesedauer

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Kann Indien das nächste China werden? Diese Frage beschäftigt Top-Manager, Politiker und Experten, seit geopolitische Spannungen und die Corona-Lockdowns in China die Suche nach einem „Backup“ für die jetzige Werkbank der Welt sinnvoll erscheinen lassen.

Apple macht es vor: Der iPhone-Hersteller lässt immer mehr seiner Produkte in Indien fertigen. Andere Unternehmen folgen dem Beispiel. Doch überbordende Bürokratie, unzureichende Infrastruktur und andere Faktoren schrecken ausländische Investoren ab.(Bild:  Apple)
Apple macht es vor: Der iPhone-Hersteller lässt immer mehr seiner Produkte in Indien fertigen. Andere Unternehmen folgen dem Beispiel. Doch überbordende Bürokratie, unzureichende Infrastruktur und andere Faktoren schrecken ausländische Investoren ab.
(Bild: Apple)

Die Hinweise häufen sich, dass Indien von zunehmenden Chinas Schwierigkeiten profitieren kann. Die Produktion des neuen iPhone 15 habe gerade in Indien begonnen, berichtete zum Beispiel Mitte August die Wirtschaftsagentur Bloomberg. Die Ankündigung der neuen iPhones wird für den 12. September erwartet.

Der große taiwanesische Auftragshersteller Foxconn betreibt in Sriperumbudur im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu eine große Fabrik. Von hier werde er das neue iPhone-Modell nur wenige Wochen später ausliefern können als von seinen größeren Fabriken in China, so die Meldung.

Früher war diese Verspätung der indischen Produktion von iPhones gegenüber der chinesischen stets viel größer. Die Lücke schließt sich, Indien holt auf. Auch ist die Anzahl der Handys, die Apple in Indien herstellen lässt, in den letzten Jahren gewachsen.

Mix aus Schock und Subventionen

Angelockt von Subventionen der indischen Regierung und geschockt von den harschen Corona-Lockdowns und Produktionsstopps in China, hat Apple seine iPhone-Produktion durch Auftragshersteller wie Foxconn und andere in Indien in dem Fiskaljahr, das Ende März 2023 zu Ende gegangen ist, im Vergleich zum Jahr davor auf sieben Milliarden US-Dollar verdreifacht.

Die stärkere Präsenz des US-amerikanischen Tech-Giganten in Indien, der dort aktuell auch viele neue „Apple Stores“ eröffnet und das Land nicht nur als Standort, sondern auch als wachsenden Absatzmarkt schätzt, ist einer der größten Erfolge der Regierung von Narendra Modi.

Seit er 2014 seine „Make in India“-Initiative gestartet hat, mit Milliarden-Subventionen und mit Schützenhilfe durch den Handelskrieg zwischen USA und China, hat Modi einige weitere „Investitions-Coups“ dieser Art feiern können. Foxconn beginnt jetzt auch mit der Produktion von Halbleitern in Indien.

Dänische Windturbinen aus Indien

Ein weiteres Beispiel ist die dänische Firma Vestas, einer der größten Hersteller von Windturbinen der Erde. Angelockt von Geschäftschancen in Indien, dann weiter angespornt durch die geschäftsschädigenden Corona-Lockdowns in China, haben die Dänen seit 2021 gleich zwei neue Fabriken in Indien gebaut und hochgefahren, ebenfalls in Sriperumbudur. „Wir wollen nicht alle unserer Eier in einem einzigen Nest in China haben“, zitierte das Wall Street Journal im Mai einen Vestas-Manager.

Doch solche Fortschritte Indiens im Anlocken westlicher Investoren, so beeindruckend sie auch sind, sind noch immer relativ selten. Sie werden von vielen Journalisten, die das Narrativ vom „De-Risking“ von China mögen, gerne aufgegriffen.

Licht und Schatten

Seltener aber liest man derzeit von den vielen Problemen, die es bei der Produktion von Elektronikgeräten oder High-Tech-Gütern in Indien noch gibt. So können viele der Geräte, auch die iPhones von Apple, in Indien nur mit Hilfe der vielen chinesischen Teile gebaut werden, die zu diesem Zweck aus der Volksrepublik importiert werden müssen.

Indien hat bei weitem nicht so komplette Elektronik-Lieferketten wie China, das diese seit seinem Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO im Jahr 2001 systematisch aufgebaut hat – unter anderem durch viele vorausschauende Hilfen für ausländische Hersteller, etwa reduzierte Tarife für die von ihnen benötigten Komponenten.

Noch unvollständige Lieferketten

Indien dagegen macht es ausländischen Investoren auch jetzt noch nicht besonders leicht. So befindet sich Apple gerade in zähen Verhandlungen mit indischen Ämtern. Die Kalifornier wollen nicht nur das taiwanesische Foxconn, sondern auch viele ihrer Zulieferer aus der Volksrepublik China mit nach Indien nehmen, um die Qualität ihrer dortigen Produktion sicherzustellen. Doch die indischen Bürokraten mauern.

Indien und China waren sich noch nie sehr grün und seit einem blutigen Zusammenstoß an ihrer umstrittenen Grenze im Himalaya im Jahr 2020 haben sich die Beziehungen weiter abgekühlt.

Apple hat den Indern nun immerhin das Versprechen abtrotzen können, dass einige seiner chinesischen Zulieferer mit nach Indien dürfen und dort Teile in der von Apple geschätzten Qualität produzieren dürfen, wenn sie Joint-Ventures mit indischen Partnern gründen. Auch Tesla, das ein Werk in Indien erwägt, ringt gerade mit demselben Problem.

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Hohe Zölle auf wichtige Bauteile

Noch dazu belegt Neu-Delhi importierte Teile, die für ausländische Elektronikproduzenten wie Apple oder auch Elektroautohersteller wie Tesla von kritischer Bedeutung sind, anders als die chinesische Konkurrenz mit hohen Zöllen. Das soll heimische Konglomerate schützen, ist aber wenig vorausschauend.

„Indien ist ausgerechnet in den Sektoren in der industriellen Fertigung protektionistisch, in denen sich gerade die ‚China + 1‘-Chance offenbart“, schreibt Viral Acharya, ein Ökonom an der New York University und ein früherer Vizegouverneur der indischen Zentralbank, in einem Bericht für die Brookings Institution.

Mit „China + 1“ ist die Strategie gemeint, die viele multinationale Tech-Konzerne erwägen, seit zwischen den USA und China ein Handelskonflikt tobt und seit die oft dogmatische Politik des chinesischen Präsidenten Xi Jinping die Risiken einer allein in China angesiedelten Fertigung wachsen lassen.

Vollständige Entkopplung von China ist unrealistisch

Die Unternehmen wissen aber auch, dass „Decoupling“ oder auch “De-Risking“ von China Konzepte sind, die zwar Politikern sehr gefallen, die aber kaum realistisch sind. Zu wichtig ist erstens der chinesische Markt, dessen kaufstarke Mittelschicht noch immer um ein Vielfaches größer ist als die in Indien. Und zweitens ist das chinesische Ökosystem aus effizienten und erfahrenen Zulieferern in der Elektronikindustrie auf die Schnelle nicht zu ersetzen.

Man sucht also nur nach einem Backup für seine Fertigung in China, nach diesem „+ 1“, nicht nach einem vollständigen Ersatz. Und für diese Rolle wäre Indien genauso gut prädestiniert wie Thailand oder Indonesien. Doch die mangelhafte Transport-Infrastruktur in Indien, sein Mangel an gut ausgebildeten Arbeitern im Vergleich zu China und die auswuchernde Bürokratie machen es ausländischen Investoren in Indien alles andere als leicht.

Viele Unternehmen haben schlechte Erfahrungen mit Indien

„Auf jede Firma, die die Gelegenheit in Indien umarmt hat, kommen viele mit Erfahrungen des Misserfolgs in Indien, darunter Google, Walmart, Vodafone und General Motors“, schrieben Arvind Subramanian und Josh Felman vor einigen Monaten im Magazin Foreign Affairs. Subramanian war von 2014 bis 2018 der „Chief Economic Advisor“ der indischen Regierung und Felman hat zwei Jahre lang als Repräsentant des IMF in Indien gedient.

„Warum Indien China nicht ersetzen kann“, hatte Foreign Affairs als Überschrift über den Artikel gesetzt. Insgesamt fällt auf, dass die Chance Indiens, China als Werkbank der Welt abzulösen, umso kritischer eingeschätzt wird, je mehr die Beobachter von Indien verstehen. Die historische Chance, von Chinas Problemen zu profitieren, ist für Indien eindeutig gekommen, müsste aber in Neu-Delhi erst noch aktiv genutzt werden, so der Konsens vieler Experten. (me)

Dieser Artikel erschien zuerst auf unserem Partnerportal ELEKTRONIKPRAXIS.

* Henrik Bork, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau, ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking.

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