Icann baut das Internet radikal um Firmennamen als Top Level Domains bergen Stolperfallen und Chancen

Autor / Redakteur: IT-BUSINESS / Das Interview führte Dr. Stefan Riedl / Dr. Stefan Riedl

Aktuelle Top Level Domains (TDLs) wie .de, .net, .biz, .com oder .org bekommen Konkurrenz. Für relativ hohe Gebühren will Icann neue Endungen zulassen, so dass auch Firmennamen verwendet werden können. Frank Schulz, Regional Manager Central Europe bei Markmonitor, gibt Auskunft über die neuen TDLs.

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Frank Schulz, Regional Manager Central Europe bei Markmonitor
Frank Schulz, Regional Manager Central Europe bei Markmonitor

ITB: Die Icann plant, im Laufe des Jahres 2013 neue Top Level Domains zuzulassen, die auch Marken oder andere Begriffe sein können, beispielsweise .ibm oder .augsburg. Was bedeutet das aus Perspektive der Unternehmen?

Schulz: Die neuen Top Level Domains bieten vor allem Vorteile im Marketing. Unternehmen können dadurch „Marken-Inseln“ im Internet und damit ein positives Kundenerlebnis schaffen, wodurch auch eine engere Markenbindung entsteht. Außerdem können bestimmte Zielgruppen direkter angesprochen werden. Um bei Ihrem Beispiel zu bleiben: etwa server.ibm oder gewerbesteuer.augsburg. Andererseits eröffnen die generischen TLDs aber auch neue Felder für Betrüger. Der Markenschutz im Internet wird dementsprechend wichtiger.

ITB: Wenn der Internetnutzer weiß, dass er alle Produkte einer Marke nach dem Schema www.produkt.marke finden kann, sei er vor Falschinformationen sicher, argumentiert der Eco-Verband der deutschen Internetwirtschaft. Stimmen Sie dem zu?

Schulz: Das stimmt zum Teil. Der Inhaber einer Top Level Domain kann nur jeglichen Inhalt innerhalb seiner eigenen TLD kontrollieren und so unerwünschte Aktivitäten verhindern. Fälscher und andere Betrüger können jedoch weiterhin in anderen Domains tätig werden. Aber die Aussage des Eco-Verbands der deutschen Internetwirtschaft stimmt insoweit, dass sich Kunden sicher sein können, unter einer Marken-TLD nur autorisierte Inhalte vorzufinden.

ITB: Welche Risiken ergeben sich durch diesen Radikalumbau des Internets für die digitale Wirtschaft?

Schulz: Bei aller Euphorie sollten die Risiken, die sich durch die neuen Endungen ergeben, nicht außer Acht gelassen werden. Der Übergang von den bisherigen TLDs zu den Marken-TLDs muss mit ausführlichen Marketing- und Informationskampagnen begleitet werden. Dennoch wird es zumindest für einen gewissen Zeitraum zu einer Verwirrung bei den Kunden kommen. Daher werden Unternehmen mit einem gewissen Verlust im Traffic aber auch im Umsatz rechnen müssen. Gleichzeitig ist Verwirrung auch immer eine gute Grundlage für Betrüger und damit für Markenmissbrauch. Betrügerische Aktivitäten werden auch weiterhin vor allem auf den bisherigen TLDs stattfinden und gerade während der Übergangszeit vermehrt auftreten.

ITB: Von welchen betrügerischen Aktivitäten sprechen Sie konkret?

Schulz: Da gibt es zum einen das Cybersquatting. Darunter versteht man die Registrierung von Domain-Namen, die einen Markenamen, einen Slogan oder ein Handelszeichen beinhalten, an dem der Registrant der Domain keine Rechte hat. In der Regel werden auf diesen Seiten gefälschte Produkte angeboten oder sie enthalten Links zu anderen Seiten. Diese führen wiederum zu Fälscherseiten oder zur Originalseite, wofür der Markeninhaber allerdings eine unnötige Provision bezahlt. Eine andere betrügerische Aktivität im Internet ist das Phishing. Ziel ist es, Benutzernamen, Passwörter, Kreditkartendaten oder andere persönliche Informationen auszuspionieren. Dafür wird die Originalseite eines Reiseanbieters, einer Bank oder eines anderen Unternehmens identisch kopiert und anschließend mögliche Kunden per E-Mail angelockt – in der Hoffnung, dass sie die Seite für das Original halten und ihre Daten eingeben.

ITB: Das Internet wird durch generische TDLs vielfältiger und bunter. Grundsätzlich geht die Initiative also in die richtige Richtung, oder?

Schulz: Das Internet wird mit Sicherheit sehr viel vielfältiger. Zu den 250 bis 300 aktuellen Top Level Domains – wie .com, .de und .tv – werden durch die neue Regelung der Icann vermutlich über 500 neue generische TLDs hinzukommen. Daraus ergeben sich eine Menge neuer Möglichkeiten. Weniger strenge Registrierungsregeln werden aber auch auf vielen der neuen generischen TLDs zu Markenmissbrauch führen. Markeninhaber müssen daher zum einen das Monitoring des Internets noch ausweiten und zum anderen – sollten sie eine eigene TLD betreiben – die Registrierungsmöglichkeiten genau regeln und die Registrierungen überwachen.

ITB: Wie aufwändig wird es sein, an eine der neuen TDLs zu kommen?

Schulz: Bewerber für eine eigene TLD müssen der Icann nachweisen, dass sie alle Anforderungen – sowohl die finanziellen als auch die technischen – erfüllen können. Um diesen gerecht zu werden, ist spezielles Personal und Know-how nötig, und die Bewerbung sowie das Betreiben einer unternehmenseigenen TLD sind mit hohen Kosten verbunden. Für die Bewerbung werden 185.000 US-Dollar von der Icann berechnet. Anschließend erhebt die Icann einen jährlichen Betrag in Höhe von 25.000 US-Dollar bei moderater Nutzung. Dazu kommen die Kosten für das Betreiben der TLD. Daher sollte alles detailliert geplant und durchgerechnet sowie eine konkrete Strategie entwickelt werden, denn der Vertrag mit der Icann gilt für zehn Jahre. Die Entscheidung, ob eine Bewerbung eingereicht wird, muss auf oberster Firmenebene getroffen werden und bedingt die Involvierung unterschiedlicher Unternehmensbereiche. Neben Marketing und Vertrieb sollten auch die Rechts-, die IT-, die Finanz- und die Sicherheitsabteilung mit einbezogen werden.

ITB: Das klingt nach knallhart formulierten Verträgen…

Schulz: Das stimmt. Unternehmen sollten sich im Voraus gründlich überlegen, ob sie sich für eine eigene Top Level Domain bewerben möchten und wie sie genutzt werden soll sowie alle Vor- und Nachteile gegeneinander abwägen. Dabei sollten sie sich aber nicht zu viel Zeit lassen, denn die Bewerbungsphase wird im Januar 2012 für nur drei Monate geöffnet sein. Wird eine TLD dann anderweitig vergeben, ist sie für mindestens zehn Jahre nicht mehr verfügbar. Und auch Endungen, die bereits registrierten TLDs ähneln, werden nicht mehr vergeben.

ITB: Was ist, wenn sich ein Unternehmen dagegen entscheidet, sich eine Marken-TDL zu sichern? Inwieweit besteht dann die Gefahr, dass Wettbewerber oder Privatpersonen Schindluder mit der Domain treiben, und wie kann man sich schützen?

Schulz: Aufgrund der hohen Hürden, der langen Vertragslaufzeit und finanziellen Verpflichtungen wird es keine betrügerischen Bewerbungen geben. Wer sich dafür entscheidet, sich nicht zu bewerben, sollte trotzdem beobachten, ob sich jemand für eine Domain-Endung bewirbt, die den eigenen Markenamen enthält oder dem sehr ähnlich ist. Ab Mitte April 2012 werden alle Bewerbungen auf der Icann-Website veröffentlicht, und man hat etwa sechs Monate Zeit, gegen Bewerbungen Einspruch zu erheben. Die Icann hat für solche Fälle feste Prozesse definiert. Dennoch ist es ratsam, auf spezialisierte Fachanwälte zurückzugreifen.

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