Mit den Sovereign Clouds der Hyperscaler ist eine emotionale Debatte um das Thema Digitale Souveränität entbrannt. Es gilt genau abzuwägen, welche Workloads in welche Cloud gehören, anstatt sich von geopolitischen Schreckensszenarien treiben zu lassen.
Viele Unternehmen befinden sich in einem Cloud-Dilemma. Welche Ansprüche an Digitale Souveränität sind angemessen?
(Bild: Midjourney / KI-generiert)
Kaum war die AWS European Sovereign Cloud (ESC) mit ihrer Governance-Struktur angekündigt, wurde Kritik laut: Von „Etikettenschwindel“ oder „Sovereignty Washing“ war die Rede. Der Vorwurf: Am Ende handele es sich doch um einen US-Hyperscaler mit denselben Abhängigkeiten und Gefahren für die Datensicherheit – nur unter europäischer Flagge. Die Debatte wurde zusätzlich durch politische Spannungen, etwa die US-Zollpolitik, befeuert. Kritiker verwiesen oft berechtigterweise auf rechtliche Risiken wie den CLOUD Act oder FISA 702, und Schlagzeilen wie „Raus aus den US-Clouds“ füllten die Spalten der IT-Magazine. Wie emotional die Diskussion geführt wird, zeigte etwa ein LinkedIn-Post von Wire-CEO Benjamin Schilz: Er postete Donald Trump in einem Panzer, über Europa rollend. Der Geschützturm des Fahrzeugs war verziert mit den Logos von Microsoft, Google und natürlich AWS. Manche Kritik greift oft zu kurz, denn die ESC unterscheidet sich in zentralen Punkten von bisherigen AWS-Angeboten.
Technische und rechtliche Eigenständigkeit
Auf der technologischen Seite stellt die ESC eine eigene Partition mit eigenem Identity- und Access-Management der Global Cloud dar. Organisatorisch wird sie von einer Holding mit Sitz in Potsdam betrieben. Zudem gibt es drei Tochtergesellschaften: eine für Infrastruktur, eine für Forschung und Entwicklung sowie eine für das Management von Trust-Zertifikaten. Alle operativen Tätigkeiten – Support, Datenverwaltung, Rechenzentrumszugang – werden ausschließlich von in der EU ansässigen Fachkräften übernommen. Besonders wichtig ist die Certificate Authority, erzählt Markus Ostertag, Chief AWS Technologist beim IT-Dienstleister Adesso. Für jede Verschlüsselung muss der Provider nämlich Zertifikate ausstellen. Sollte eine US-Behörde Kundendaten aus der ESC anfordern, müsste sich das US-Mutterunternehmen an die europäische Gesellschaft wenden. Die dort im Handelsregister hinterlegte Geschäftsführung wäre rechtlich verpflichtet, die Herausgabe zu verweigern, da dies gegen EU-Recht verstößt. Eine spannende Pattsituation.
Kill Switch ist unrealistisch
Europäische Mitbewerber warnen gern vor dem Schreckensszenario einer Abschaltung von Cloud-Diensten. Das Risiko sieht Ostertag nur marginal: „Ich halte das Kill-Switch-Szenario für sehr unrealistisch, weil AWS und Amazon letztlich ihren Shareholdern verpflichtet sind.“ Mit Blick auf die hohen europäischen Umsätze sei es nicht im Interesse von AWS, diese zu gefährden. „Das Core-Knowhow für die wichtigste Softwarekomponente, die AWS hat, kommt aus Deutschland“, erzählt Ostertag und meint damit den für AWS unverzichtbaren Hypervisor Nitro, der zu großen Teilen in Dresden entwickelt wird. Die Abhängigkeiten, vor denen oft zu Recht gewarnt wird, bestehen also auch in die andere Richtung. Selbst in einem Worst-Case-Szenario einer Abschaltung soll die ESC unabhängig von anderen AWS-Regionen auf unbegrenzte Zeit funktionieren. Die Holding kann dann als EU-Entität ohne Abhängigkeiten in die USA agieren. Zum Start Ende des Jahres sollen die wichtigsten Services verfügbar sein, langfristig das gesamte AWS-Angebot.
„Letztlich geht es bei der Souveränität immer um Vertrauen. Wie schaffst du Vertrauen? Durch maximale Transparenz. Wie sorgst du für Transparenz? Indem du möglichst wenig Abhängigkeiten und Bias in solchen Strukturen hast“, erklärt Ostertag den Aufbau der ESC. Dazu zählen ein europäisches SOC, eigene Abrechnungssysteme und strikte Zugriffskontrollen. Rollen, Nutzernamen und nutzergenerierte Metadaten verbleiben innerhalb der ESC. Ergänzend sorgt ein unabhängiger Beirat für Kontrolle, während AWS den Aufbau in enger Abstimmung mit dem BSI gestaltet. Der organisatorische Aufwand und das 7,8 Milliarden Euro teure ESC-Projekt zeigen, dass die Digitale Souveränität auch für die Hyperscaler an Bedeutung gewinnt und sich an europäische Bedürfnisse anpasst. Viele AWS-Kunden werden Multicloud beim selben Cloud-Vendor betreiben, indem sie die ESC-Partition nutzen.
Markus Ostertag, Chief AWS Technologist bei Adesso auf dem Digital Day 2025 in Düsseldorf.
(Bild: Adesso)
Ostertag rät: „Infrastructure as Code sollte so sauber und vorbereitet sein, dass im Rahmen einer Exit-Strategie theoretisch auf die ESC zurückgegriffen werden kann.“ Bei Adesso sei bei der Beratung nicht der Anbieter, sondern die Workload des Kunden entscheidend. Nicht jeder Workload muss in eine souveräne Cloud migriert werden, beispielsweise wenn gar keine PII-Daten involviert sind. Die Cloud ist für den Dienstleister in erster Linie ein Werkzeug, um den Business Value des Kunden zu heben, und jeder größere Kunde setzt ohnehin auf Multicloud.
Digitale Souveränität heißt auch Wahlfreiheit
Ein Problem bei der aktuellen Debatte um den Begriff Digitale Souveränität ist: Es gibt keine allgemeingültigen Kriterien. Damit Kunden sich vermehrt für europäische Anbieter entscheiden, müssen deren Angebote auch konkurrenzfähig in Leistung und Preis sein. Ist dies nicht der Fall, bleiben wir in Europa auf die US-Hyperscaler angewiesen. Abstriche bei der Funktionalität wollen Kunden nämlich nicht machen, und auch mehr für Digitale Souveränität bezahlen möchten nur die wenigsten. Es ist also nicht das eine oder das andere, sondern Unternehmen müssen selbst entscheiden, wem sie welche Daten anvertrauen. Sie müssen Kosten, Innovation und Kontrolle im Auge behalten und die Entscheidungen sorgfältig abwägen, wohin welche Workloads gelegt werden. Digitale Souveränität bedeutet auch Wahlfreiheit – und diese erfordert klare Strategien statt ideologischer Reflexe. So groß die eigene Abneigung gegen die aktuelle Politik aus dem Weißen Haus auch sein mag.
Stand: 08.12.2025
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