Sicherheitslücken identifizieren, Angriffe abwehren Purple Teaming: Die nächste Evolutionsstufe der Cyberabwehr

Ein Gastbeitrag von Alexander Ernst 4 min Lesedauer

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Im Kontext moderner Cybersicherheit wird das „Purple Teaming“ als wegweisender Ansatz angesehen, der die Lücke zwischen offensiven und defensiven Sicherheitsmaßnahmen schließt.

Purple Teaming erlaubt es Unternehmen, nicht nur gezielt auf Angriffe vorbereitet zu sein, sondern auch ihre Verteidigungsstrategien individuell und dynamisch anzupassen.(Bild:  Dall-E / KI-generiert)
Purple Teaming erlaubt es Unternehmen, nicht nur gezielt auf Angriffe vorbereitet zu sein, sondern auch ihre Verteidigungsstrategien individuell und dynamisch anzupassen.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)

Unternehmen stehen heute zunehmend vor der Herausforderung, ihre Netzwerke nicht nur auf Schwachstellen zu überprüfen und diese zu schließen, sondern auch sicherzustellen, dass ihre Verteidigungsmechanismen funktionieren. Dabei tritt das „Purple Teaming“ an die Stelle, wo herkömmliche Ansätze oft an ihre Grenzen stoßen.

Was ist Purple Teaming?

„Purple Teaming“ kombiniert die Expertise von Red Teams, die wie Hacker agieren, um Sicherheitslücken zu identifizieren und in Systeme einzudringen, mit Blue Teams, deren Hauptaufgabe es ist, Angriffe zu erkennen und abzuwehren. Während das Red Team gezielt Schwachstellen aufdeckt, ist das Blue Team für die aktive Verteidigung zuständig. Im klassischen Setup arbeiten diese Teams meist unabhängig voneinander. Beim Purple Teaming jedoch geschieht die Zusammenarbeit in Echtzeit: Red und Blue Team teilen Informationen und arbeiten gemeinsam daran, nicht nur Angriffe zu simulieren, sondern auch sicherzustellen, dass die Verteidigungsstrategien greifen.

Der Ausgangspunkt: Die „Härtung“ der Infrastruktur

Ein wichtiger erster Schritt im Purple Teaming ist die Härtung der Infrastruktur. Dies bedeutet, dass die Angriffsoberfläche eines Unternehmens so weit wie möglich reduziert wird. Ein Unternehmen wird im Grunde „verteidigbar“ gemacht, indem Schwachstellen und Einfallstore, die für Angreifer zugänglich sein könnten, minimiert werden. In dieser Phase werden grundlegende Sicherheitsmaßnahmen wie das Absichern von Netzwerken, Patch-Management, Multifaktor-Authentifizierung und der Einsatz von Anti-Viren-Programmen implementiert.

Im praktischen Einsatz bedeutet das, dass das Red Team nach der Härtung versucht, gezielt diese neu geschaffene Sicherheitsstruktur zu umgehen. Das Blue Team arbeitet parallel daran, Indicators of Compromise (IOCs) zu finden – Signale, die darauf hinweisen, dass ein Angriff stattgefunden hat. Diese Zusammenarbeit ermöglicht es, blinde Flecken in der Verteidigung zu identifizieren, die im Ernstfall übersehen werden könnten.

Herausforderungen für Blue Teams: False Positives und Fatigue-Syndrom

Eine der größten Herausforderungen im Sicherheitsumfeld ist die Flut von Alarmsignalen und dessen Auswirkung auf die Analysten, das sogenannte Fatigue-Syndrom. Blue Teams stehen vor der Aufgabe, reale Bedrohungen aus einer Flut an Daten zu filtern – zu viele Fehlalarme können die Aufmerksamkeit des Teams erschöpfen. Purple Teaming adressiert dieses Problem, indem es nicht nur prüft, ob ein Angriff erkannt wurde, sondern auch, wie gut die Abwehr auf den erkannten Angriff reagiert. So wird zusammen mit dem Blue Team die Abwehr hochgradig auf das zu verteidigende Unternehmen zugeschnitten.

Der kontinuierliche Prozess: Kein „One Size Fits All“

Purple Teaming ist kein einmaliger Test, sondern ein fortlaufender Prozess. Es ist ein iterativer Ansatz, bei dem Unternehmen regelmäßig auf Sicherheitslücken getestet und Verteidigungsstrategien kontinuierlich angepasst werden. Je nach Unternehmensstruktur und Branche sind die Anforderungen unterschiedlich. Ein produzierendes Unternehmen benötigt andere Sicherheitsmaßnahmen als ein Finanzdienstleister, was bedeutet, dass auch die Verteidigungsstrategie entsprechend individuell sein muss.

Regelmäßige Überprüfungen sind notwendig, um den Reifegrad der Sicherheitsmaßnahmen zu bestimmen und anzupassen. Das heißt: Es gibt keine universelle Lösung für alle Unternehmen. Purple Teaming ermöglicht eine maßgeschneiderte Verteidigung, die den spezifischen Anforderungen eines Unternehmens entspricht – unabhängig davon, ob es sich um ein Krankenhaus, einen Softwareentwickler oder einen Automobilhersteller handelt.

Automatisierung und KI im Purple Teaming

Moderne Technologien wie künstliche Intelligenz (KI) und der Einsatz von Automatisierung spielen im Purple Teaming eine unterstützende Rolle. Zwar kann die Automatisierung bestimmte repetitive Aufgaben erleichtern, doch die Individualität jedes Unternehmens bleibt der zentrale Punkt. Automatisierung hilft dabei, Prozesse effizienter zu gestalten, wie zum Beispiel bei der Erstellung von Skripten oder der Analyse wiederkehrender Bedrohungen. Doch der Kern des Purple Teamings liegt darin, dass jedes Unternehmen einzigartig ist – und deshalb individuelle Verteidigungsmaßnahmen benötigt.

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Das Red Team nutzt eine Vielzahl an Tools, um die IT-Infrastruktur eines Unternehmens zu testen, abhängig von den verwendeten Technologien und spezifischen Unternehmensanforderungen. Es gibt keine Standardlösung, und jedes Unternehmen hat eine einzigartige „DNA“ in Bezug auf die genutzten Technologien und deren Sicherheitsanforderungen.

Der Reifegrad der Cybersicherheitsstrategie

Die Ergebnisse eines Purple-Team-Tests geben Aufschluss über den Reifegrad der Cybersicherheitsstrategie eines Unternehmens. Die Tests helfen, eine Baseline zu schaffen, anhand derer die Wirksamkeit von Verteidigungsmaßnahmen bewertet wird.

Der Vorteil dieses Ansatzes liegt in der ständigen Weiterentwicklung. Auch wenn das Unternehmen durch Purple Teaming Schwachstellen identifiziert und behebt, endet der Prozess nicht – er wird kontinuierlich weitergeführt, um den Reifegrad der Sicherheit auf einem hohen Niveau zu halten und flexibel auf neue Bedrohungen zu reagieren.

Fazit

Letztlich erlaubt es Purple Teaming Unternehmen, nicht nur gezielt auf Angriffe vorbereitet zu sein, sondern auch ihre Verteidigungsstrategien individuell und dynamisch anzupassen. Somit wird das Purple Teaming zur nächsten Evolutionsstufe der Cyberabwehr, da es die starre Trennung zwischen Angriff und Verteidigung aufhebt und stattdessen auf kontinuierliche, maßgeschneiderte Verbesserung setzt. Durch regelmäßige Tests, individuell angepasste Lösungen und den Einsatz moderner Technologien bietet Purple Teaming einen umfassenden Ansatz, der Cybersicherheitsstrategien auf ein neues Niveau hebt. Damit bietet dieser Ansatz Unternehmen nicht nur eine verbesserte Abwehr gegen potenzielle Angriffe, sondern auch eine kontinuierliche Weiterentwicklung ihrer Sicherheitsinfrastruktur.

Unternehmen, die nichts dem Zufall überlassen wollen und für die Purple Teaming eine sinnvolle Ergänzung in der IT-Security darstellt, sollten zunächst ihre bestehende IT-Sicherheitsstrategie evaluieren und festlegen, welche spezifischen Herausforderungen sie angehen möchten. Eine enge Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Security-Dienstleister ist dabei entscheidend.

Über die Autoren: Alexander Ernst ist Director Competence Center - Network & Security bei CANCOM. Sowie das ganze Purple Team von CANCOM.

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