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#ITfightsCorona Coronavirus: Reißt die Elektronik-Supply-Chain?

Redakteur: Jürgen Schreier

Christian Reinwald, Head of Product Management and Marketing beim Elektronikdistributor reichelt elektronik, gibt seine Einschätzung zur Versorgung der Produktion mit Elektronikkomponenten aus China - dazu einige Tipps, wie drohenden Versorgungsengpässen begegnet werden kann.

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Christian Reinwald rät von Panikkäufen ab, doch sollte man seiner Meinung nach absehbaren und kritischen Bedarf rasch decken.
Christian Reinwald rät von Panikkäufen ab, doch sollte man seiner Meinung nach absehbaren und kritischen Bedarf rasch decken.
(Bild: Reichel Elektronik)

Das Coronavirus zeigt bereits jetzt weltweite wirtschaftliche Auswirkungen. Am deutlichsten sehen ist das zu sehen, wenn Messen wie die globale Leitmesse für Mobilfunk MWC 2020 in Barcelona abgesagt oder auf einen späteren Termin verschoben werden.

Weitere Effekte sind die Auswirkung der chinesischen Kaufzurückhaltung und der Ausfall im Bereich der Produktion, die Umsatzprognosen negativ beeinflussen. Apple kämpft wie viele andere namhafte Verbrauchermarken mit einem Rückgang des China-Geschäfts und verabschiedete sich beispielsweise bereits von den Umsatzprognosen für das erste Quartal 2020.

In Deutschland herrscht „banges Warten“

Doch wie sind die Auswirkungen auf die Produktion in Deutschland? Hier lässt sich die Situation mit den Worten „banges Warten“ treffend zusammenfassen. Für die Produktion in Deutschland wird die Störung der Supply Chain durch die wochenlange Schließung von Zulieferbetrieben in China in einigen Wochen deutlich zu spüren sein.

Aktuell werden noch Warensendungen in deutschen Häfen gelöscht, die vor dem chinesischen Neujahrsfest Ende Januar verschifft wurden. Damit sind die Lagerbestände bei Distributoren aktuell gesichert. Doch das dürfte in absehbarer Zeit bereits anders aussehen. Manche Elektronikbauteile wie Widerstände werden fast ausschließlich in China gefertigt und neben der Schließung der Fertigungen haben Hersteller im Reich der Mitte zusätzlich mit der Materialversorgung zu kämpfen.

Dieser Punkt betrifft auch Zulieferer, die außerhalb von abgeriegelten Krisenregionen wie der Provinz Hubei liegen. Zwar könnten sie den Fertigungsbetrieb aufrechterhalten, es fehlt jedoch mittlerweile oft an ausreichend Rohmaterial.

Produktionssituation in China kaum zu prognostizieren

Wie können Unternehmen rechtzeitig vorsorgen? Die Partner von reichelt elektronik in China signalisieren klar, dass sie keine gesicherte Aussage treffen können, wie sich die Produktionssituation in absehbarer Zeit entwickeln wird. Nach einer abermaligen Änderung in der Zählweise bestätigter Erkrankungen ist offiziell zwar von weniger Neuansteckungen die Rede, doch wie vertrauenswürdig diese Zahlen wirklich sind, bleibt abzuwarten. Zudem ist mit dem sprunghaften Anstieg der Neuansteckungen in Italien über das Wochenende die Gefahr des Coronavirus nun auch in Europa deutlich greifbarer geworden.

Um nicht völlig schicksalsergeben der Dinge zu harren, die da kommen, empfehlen wir den Herstellern hierzulande, sich mit dem kritischen Warenbestand zur Aufrechterhaltung der Produktion vorsorglich einzudecken. Diese Aufstockung des eigenen Lagers sehen wir als vorübergehende Maßnahme. Es ist uns sehr bewusst, dass Unternehmen gewohnt sind, sich sehr kurzfristig mit Bauteilen einzudecken und das auch Teil der Preisberechnung ist – daran wird sich auch mittel- und langfristig nichts ändern.

Lagerhaltung aufstocken – auch bei Ein-Cent-Produkten

Jedoch sollte wegen fehlender Ein-Cent-Komponenten, die in der Regel auch nicht viel Lagerbestand einnehmen, die Produktion nicht zum Erliegen kommen. Von Panikkäufen ist definitiv abzuraten, doch sollte man absehbaren und kritischen Bedarf rasch decken, denn die Situation kann sich schnell ändern. Mit einer rechtzeitigen Vorsorge können Unternehmen ihre Produktion sicherstellen, ohne Lieferverzögerungen und Preiserhöhungen in Kauf nehmen zu müssen.

Gefährliche Abhängigkeit von der chinesischen Lieferkette

Mit der starken Abhängigkeit der europäischen Elektronikindustrie von chinesischen Zulieferprodukten setzt sich der belgische Elektronikfertiger Eurocircuits kritisch auseinander. Dieser Effekt habe bereits in den 1980er Jahren eingesetzt, als sich größere europäische Elektronikkonzerne in China niederließen, um von den billigen Arbeitskräften und Ressourcen zu profitieren. Dazu gründeten Joint Ventures mit chinesischen Partnern, in die sie in Europa entwickeltes geistiges Eigentum einbrachten.

Rasch kamen chinesische Unternehmen mit ähnlichen Produkten auf den Markt, jedoch zu geringeren Kosten und eroberten rasch Marktanteile. China eroberte den Elektronik-Weltmarkt von „unten nach oben“. Das heißt, chinesische Firmen übernahmen die Herstellung aller wichtigen Basisbauteile – vermutlich mit staatlicher Unterstützung. Denn bei Leiterplatten liegen die chinesischen Verkaufspreise noch heute weit unter den Materialpreisen, die europäische Hersteller zu bezahlen haben.

Diese Strategie dezimierte den europäischen PCB-Markt, der einst mehr als 40 Prozent des Weltmarktes ausmachte. Aktuell liegt dieser Anteil bei weniger als drei Prozent. Auf China entfallen dagegen 50 Prozent. Eine ähnliche Situation entwickelt sich laut Eurocircuits im Bereich der Bauelemente-Produktion.

Folglich sei es nicht verwunderlich, dass die Auswirkungen auf den europäischen Elektronikmarkt enorm sind, wenn der Fertigungsmotor Chinas wie in der aktuellen Coronavirus-Krise ins Stottern gerät. Schließlich könnten die verbliebenen europäischen Leiterplattenhersteller nur einen kleinen Teil der Lieferengpässe ausgleichen.

Angesichts des geringen Marktanteils der europäischen PCB-Branche reduzieren auch die Basismateriallieferanten ihre Präsenz in Europa. Viele Vormaterialien für die Leiterplattenindustrie kommen inzwischen aus China. Sobald die chinesischen Hersteller die komplette Wertschöpfungskette vom Design bis zur bis zur Lieferung der Endprodukte beherrschen, werden sie nach Einschätzung von Eurocircuits die Elektronikwelt dominieren, ohne dass dazu aggressive Maßnahmen erforderlich gewesen wären.

Dieser Beitrag stammt von unserem Partnerportal Industry of Things.

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