Nachwehen der Benq-Mobile-Insolvenz Benq-Chef Matthias Grumbir: »Das Tal der Tränen ist durchschritten«
Der frischgebackene Benq-Deutschland-Chef Matthias Grumbir lichtet im Gespräch mit IT-BUSINESS den Namens-Dschungel, beleuchtet die Hintergründe der Trennung zwischen Produktion und Marke und nennt die Auswirkungen des Imageverlustes nach der Benq-Mobile-Insolvenz.
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ITB: Michael Grote steigt auf Europa-Ebene auf und Sie, Herr Grumbir, übernehmen die Verantwortung für das Deutschland-Geschäft. Wird nun alles anders?
Grumbir: Ich bin in der glücklichen Situation, dass das bestehende Setup auf gesunden Beinen steht. Die eingeschlagene Richtung stimmt ja, es gibt also keinen Grund, großartig etwas zu ändern. Hier und da wird an einem kleinen Schräubchen gedreht, aber im Großen und Ganzen bleibt alles beim Alten.
ITB: Und welche Rolle spielt der Fachhandel in Deutschland dabei?
Grumbir: Der Channel bleibt für Benq der Fokuskanal, hier wird nichts geändert. An dieser Stelle mein Dankeschön an den Fachhandelskanal für den tollen Jahresauftakt. Wir sind gemeinsam auf dem richtigen Weg.
ITB: Benq, Jia Da oder Qisda – wo wird das Unternehmen wie heißen?
Grumbir: Benq bleibt Benq, wird eine eigenständige Gesellschaft und betreibt weiterhin das Markengeschäft. Hierzulande gibt es keinerlei Änderungen. Unser Produktionsarm benennt sich in Qisda um. Der chinesische Name dafür lautet Jia Da. Offen gesagt sind wir sehr froh über diese Entwicklung, weil sie uns die lang ersehnte, größere Unabhängigkeit bringen wird.
ITB: Inwiefern bringt die Trennung mehr Unabhängigkeit?
Grumbir: Der strategische Hintergrund ist ganz einfach. Markengeschäft und Produktion können nicht wirklich im gleichen Boot sitzen. Der Ressourcen-Kampf sowie unterschiedliche Herangehensweisen sorgen zum Beispiel immer wieder für Konflikte zwischen beiden Business-Einheiten. Die Ausgliederung des Markengeschäfts bietet Benq letztendlich mehr Flexibilität auf dem Markt. Diese Flexibilität und Freiheit lösen uns mehr von unserer Mutter. Wir können jetzt auf dem freien Weltmarkt Angebote einholen und unseren Kunden weiterhin die besten Produkte anbieten.
ITB: Warum wurde gerade das Markengeschäft verselbstständigt?
Grumbir: Die Auslagerung des Markengeschäfts ist schlichtweg einfacher. Das Produktionsgeschäft ist komplex und damit der Aufwand viel höher, hier ein eigenständiges Unternehmen auf die Beine zu stellen. Es macht letztendlich mehr Sinn, den größeren Part, die Produktion, zu belassen, und das Markengeschäft auszugliedern. Es war außerdem auch der Wunsch vom Markengeschäft, »in die Freiheit« entlassen zu werden.
ITB:Ich könnte mir vorstellen, dass der Benq-Brand nach den emotional geführten Diskussionen um die Insolvenz der Handy-Sparte gelitten hat. Wie gehen Sie mit der Situation um?
Grumbir: Ein Imageverlust lässt sich sicherlich nicht abstreiten, allerdings hält sich der Vertrauensverlust in Hinblick auf die IT-Marke Benq in Grenzen. Wichtig war für uns, sich auf den eingeschlagenen Kurs zu konzentrieren und diesen konsequent weiterzuführen.
ITB: Welche Unternehmenssparten laufen denn besonders erfolgreich und bei welchen besteht akuter Handlungsbedarf?
Grumbir: Eine Stärke von Benq ist ganz klar das Geschäft mit Displays und Projektoren. Beide Stammbereiche entwickeln sich sehr gut, und natürlich wollen wir auch hier weiterhin Marktanteile gewinnen. Immer interessanter werden die Benq-Joybooks. Nach anfänglichen Schwierigkeiten entwickelt sich diese Sparte zufriedenstellend. Neue Modelle, wie zum Beispiel das Benq S32 mit einem 13,1-Zoll-Display, erweitern das aktuelle Joybook-Portfolio.
ITB: Wie haben sich die aktuellen Geschäftszahlen nach dem Einbruch in den letzten Quartalen entwickelt?
Grumbir: Darauf gibt es nur eine Antwort: Das Tal der Tränen ist durchschritten. Das erste Quartal war durchwachsen, dafür erfreut uns das positive Ergebnis des zweiten Jahresviertels. Im Vergleich zum Vorjahr liegen wir hier wieder auf gleicher Höhe. Wenn also das zweite Quartal in diesem Jahr als Indikator für die nächsten Quartale dient, sind wir 100-prozentig auf dem richtigen Weg.
Kurzvita Matthias Grumbir
Matthias Grumbir (32) ist seit dem 1. Juli 2007 Country Manager bei der BenQ Deutschland GmbH. Grumbir war bereits über vier Jahre bei der BenQ Austria GmbH tätig und zuletzt als Sales Director verantwortlich. Als Sales Manager baute er zuvor die B2C-Abteilung der österreichischen Niederlassung auf. Weitere Stationen seiner Karriere waren Epson und T-Online. Grumbir absolvierte eine fünf-jährige Ausbildung als Datenverarbeitungskaufmann in Wien.
Meinung des Redakteurs: »Markenmacht und Image-Illusion«
Nicht nur in der IT lösen sich die Brands von den Produktionsstätten, die dann auch Fremdaufträge annehmen. Doch für was steht denn eine Marke, wenn nicht für das Gesamtgebilde dahinter? Niemand wird sich mit einem kleinen Vertriebsbüro identifizieren.
Andererseits: Kaum jemand durchblickt die komplexen Firmengeflechte. Zitat eines enttäuschten MediaMarkt-Kunden: »Künftig kaufe ich bei Saturn«, ohne zu wissen, dass der gleiche Konzern dahinter steht. Auch aufs Kreuz gelegt wurden in den 90ern zahlreiche Kunden, die aus Kritik an der Konsumgesellschaft große Marken scheuten. Sie wurden als Zielgruppe entlarvt und flugs mit kleineren Subbrands bedient.
Ein Marketing-Profi würde argumentieren, dass man sich heutzutage nicht mit dem Firmengebilde, sondern mit dem Image identifiziert. Das klingt nach Arbeit für Benq hierzulande – dem Schauplatz der Benq-Mobile-Insolvenz.
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