Nachruf

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

| Autor / Redakteur: Achim Heisler / Sylvia Lösel

Achim Heisler mit seiner Frau Barbara auf der Night of IT-BUSINESS.
Achim Heisler mit seiner Frau Barbara auf der Night of IT-BUSINESS. (Bild: IT-BUSINESS)

Achim Heisler ist seit Jahren die „Stimme des Channels“ und schreibt für IT-BUSINESS pointierte Kommentare zum aktuellen Geschehen. Am 7.7.2017 verstarb seine Frau nach kurzer schwerer Krankheit. Sein Nachruf ist ein Appell an alle, sich auf die wichtigen Dinge im Leben zu besinnen.

Sonst schreibe ich an dieser Stelle über unsere großen und kleinen Probleme mit den Kunden, den Lieferanten und Herstellern oder den Tücken der Technik. Wir Fachhändler und Systemhäuser wollen unseren Kunden helfen, sich an geänderte Anforderungsprofile anzupassen. Wenn alles gut läuft, haben wir zufriedene Kunden die uns dank eines Servicevertrags monatliche Einnahmen bescheren. In unseren Träumen tragen wir das Superheldenkostüm und retten regelmäßig die Welt. Auch ich leide manchmal an dieser engen Betrachtungsweise und denke, dass sich alles um uns bzw. unsere Technologien dreht. Und dann kommt der Tag, an dem sich das Leben um 180 Grad wendet.

Meine Frau Barbara stürzte die Treppe herunter und stand blutüberströmt vor mir. Wir sind sofort ins Krankenhaus gefahren, um die Wunden versorgen zu lassen. Doch ihr Zustand verbesserte sich nicht wirklich und ich bat die Ärztin um eine ausführliche Untersuchung. Als die Ärztin das Ultraschallbild sah, und ich ihren Gesichtsausdruck, gingen bei mir alle Alarmglocken an. Seit dieser Sekunde begann ein achtwöchiger Horrortrip, an dem es jeden Tag eine neue, schlimme Diagnose gab. Am Ende stand der qualvoller Tod meiner geliebten Frau, den sie in bewundernswerter Stärke ertragen hat. Ein aggressiver Krebs hatte sie von Innen aufgefressen. Wer jemals einen geliebten Menschen auf den letzten Atemzügen begleitet hat, mag erahnen, welch alptraumhafte Bilder mich seitdem verfolgen. Doch auch wenn der emotionale Horror für mich kaum in Worte zu fassen ist, gibt es da noch etwas viel Schlimmeres.

Da saß ich nun in meinem Superheldenkostüm und konnte die ganze Zeit nichts anderes tun, als hilflos zu heulen wie ein kleines Kind. Die Tränen waren eine Mischung aus Wut und Verzweiflung, weil ich ihr nicht helfen konnte. Kleine bösartige Zellen machten mir sehr schlagartig klar, wie wenig die Medizin, die Apparate und die Technik tun können, wenn das Leben seine böse Fratze zeigt. Doch nicht nur ich stand völlig hilflos da. Auch die versammelten Koryphäen des Uniklinikums hatten nicht mehr als Schulterzucken und Bedauern übrig. Zu groß war die Performance und die zerstörerische Kraft des Tumors, als denn irgendeine Behandlung hätte greifen können. So wurde ich zurückgelassen mit der einsamen Erkenntnis der totalen Hilflosigkeit und der Bedeutungslosigkeit materieller Güter, wenn das Schicksal Dir den Aufwärtshaken verpasst. Keine KI, keine Maschine, kein Geld der Welt und auch kein Wunderheiler war angetreten, meine Frau zu retten.

Jetzt mag man sich allerdings fragen, was dies mit meinem Job zu tun hat. Ich hoffe an dieser Stelle wirklich für alle, dass sie von einem Erlebnis dieser Art im Leben verschont bleiben.

Der Spruch, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau steht, ist mehr als wahr. Wir waren in vielen Punkten wie Ying und Yang. Auch wenn sie auf fachlicher Ebene wenig zu meinen Job beitrug (außer eine mehr oder weniger freiwillige Testperson), war sie doch unendlich wichtig. Sie hielt mir den Rücken frei von den Problemen des Alltags, sie war der ausgleichende Faktor, wenn ich mich mal wieder über Dinge des Tagesgeschäfts aufgeregt habe. Bei ihr konnte ich so sein, wie ich bin und wirklich entspannen. Aber auch oberflächliche Dinge wie Veranstaltungen oder Firmen- bzw. Kundenevents waren für sie nie eine lästige Pflicht sondern Momente der Freude. Und dies haben alle, die das Vergnügen hatten sie kennenzulernen, auch gespürt. Es war nicht der übliche professionelle Smalltalk, sondern ihre Herzensgüte und menschliche Ausstrahlung, die bei ihrem Gegenüber Sympathien erzeugte. Mal ganz davon abgesehen, dass sie ein hervorragendes Personen- und Namensgedächtnis hatte (und mir so manch peinliche Situation erspart hat), war ihre Anwesenheit immer eine wertvolle Ergänzung (auch in ästhetischer Hinsicht) und hat mir nie zum Nachteil gereicht. Das habe ich auch bei ihrer Beerdigung gemerkt, wo sehr viel persönliche Trauer und ehrliche Anteilnahme aus allen Richtungen spürbar war. Bei all der Ohnmacht, die ich die letzten Wochen zu spüren bekommen habe, nährt dies die Hoffnung, dass Barbara nicht dem schnellen Vergessen unserer heutigen reizüberfluteten Gesellschaft anheimfällt. Auch das Verständnis für die Situation auf Kundenseite und die Hilfsbereitschaft der Kollegen lässt in mir die Hoffnung keimen, dass in unserer rationalen, kalten IT-Welt ein Stückchen Barbara in allen von uns schlummert.

Ich werde sie immer im Herzen bei mir tragen und hoffe, dass die 18 glücklichen Jahre, die uns vergönnt waren, den Schmerz und die Hilflosigkeit der letzten Wochen irgendwann überdecken werden und bei mir beim Gedanken an sie nur noch Tränen der Freude kullern werden.

Sonst versuche ich, meine Artikel mit einem Vorschlag zur Verbesserung zu beenden. Doch diesmal bleibt mir leider eine direkte Erkenntnis aus dem grausamen Geschehen verwehrt. Und so bleibt mir eigentlich ein Aufruf im Sinne von „Carpe Diem“: Besucht Eure Freunde/Familie mal wieder, fahrt jetzt in den Urlaub, macht alles, was auf Eurer langen Liste des Lebens noch zu finden ist. Denn wenn das Schicksal Euch verrät, bleiben nur noch die glücklichen Momente der Erinnerung.

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