Vertrauen in die Cloud? Physische Speicherorte sind keine Souveränitätsgarantie

Ein Gastkommentar von Martin Hosken* 3 min Lesedauer

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Das Versprechen, dass europäische Daten ausschließlich innerhalb europäischer Grenzen verbleiben, ist eines unter Druck und markiert einen grundlegenden Wandel im Verständnis von Digitaler Souveränität.

Was bedeutet Souveränität - Verschlüsselung der Daten oder viele Clouds oder geografische, nationale Zugehörigkeit? (Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Was bedeutet Souveränität - Verschlüsselung der Daten oder viele Clouds oder geografische, nationale Zugehörigkeit?
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

Laut einer unabhängigen, von Broadcom unterstützten Studie „Sovereign Cloud for Europe“ (siehe: Video) schätzen fast 70 Prozent der europäischen Organisationen die Gefahr durch außereuropäische Gesetze als zentrales Risiko für ihre aktuelle Cloud-Nutzung ein. Die wichtigste Erkenntnis: Der physische Speicherort allein bietet keinen rechtlichen Schutz.

Eine Erkenntnis, die viele erschüttert: Wenn Cloud-Anbieter ausländischen Rechtsordnungen unterliegen, können lokal gespeicherte Daten dennoch von Behörden außerhalb Europas eingesehen werden. Geografische Lage bedeutet also nicht automatisch Souveränität. Europa richtet deshalb die Strategie zu echter Datensouveränität neu aus und geht dabei über die Frage des Speicherorts hinaus.

Die Bedenken rund um staatlichen Datenzugriff nehmen zu und auch das Misstrauen gegenüber ausländischen Cloud-Diensten steigt. Europäische Organisationen fordern deshalb mehr Transparenz über Zugriffsrechte und echte Kontrolle über ihre Informationen. Datensouveränität ist mehr als eine technische Lösung: Sie ist eine zentrale Voraussetzung für den Aufbau von Vertrauen im digitalen Zeitalter. Dazu müssen Abhängigkeiten in der Cloud neu bewertet und der Übergang zu einer echten digitalen Eigenständigkeit angestoßen werden, bei der rechtliche Rahmenbedingungen – und nicht bloß Serverstandorte – den Datenschutz bestimmen.

Mangelnde Transparenz bei der Datenverarbeitung

Unklarheiten darüber, wo Daten gespeichert oder verarbeitet werden, erschweren es Unternehmen, Risiken ihrer Cloud-Anbieter realistisch einzuschätzen und untergraben das Vertrauen. Hinzu kommt, dass viele Anbieter Daten über mehrere Länder hinweg speichern und damit verschiedenen Rechtsordnungen unterliegen.

So ermöglicht es der U.S. Cloud Act beispielsweise US-Behörden, im Rahmen strafrechtlicher Ermittlungen Zugriff auf Daten US-amerikanischer Unternehmen zu verlangen, auch wenn diese im Ausland gespeichert sind. Dieses Vorgehen kollidiert mit strikteren Datenschutzvorgaben der EU, wie der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO).

Vor diesem Hintergrund erwarten europäische Unternehmen die Sicherheit, selbstbestimmt über die Erhebung und Nutzung ihrer Daten entscheiden zu können. Sie brauchen die Gewissheit, dass ihr Cloud-Anbieter Daten nicht ohne ihr Wissen an staatliche Stellen und Regierungen weitergibt und darüber hinaus die Daten keinen staatlichen Beschränkungen unterliegen. Diese Unsicherheit untergräbt das Vertrauen und führt zu Verwirrung auf Kundenseite. Dabei sollten Anbieter gezielt daran arbeiten, Transparenz und Datenschutz zu stärken.

Mehr Klarheit, auch ohne neue Gesetze

Um Kunden mehr Klarheit zu verschaffen, müssen verschiedene Akteure zusammenarbeiten, um wirklich souveräne Cloud-Dienste zu fördern. Regulierungsbehörden sollten Rechtsrisiken, die mit der Datenresidenz verbunden sind, stärker öffentlich diskutieren und klare politische Vorgaben in Bezug auf die Verwaltung von Workloads in der Cloud formulieren.

Gleichzeitig müssen europäische Organisationen bestehende Cloud-Nutzungen kritisch hinterfragen. Das gilt nicht nur hinsichtlich aktueller Lösungen, sondern auch im Hinblick auf mögliche Schwachstellen und langfristige strategische Folgen.

Johan David Michels, Researcher, Cloud Legal Project, Queen Mary University of London, ist der Ansicht, dass dringend daran gearbeitet werden muss, die Souveränität für Unternehmen zu definieren:

Cloud-Anbieter wiederum haben die Verantwortung, Transparenz zu priorisieren. Sie sollten offenlegen, welche Risiken mit einem möglichen Zugriff ausländischer Behörden verbunden sind, inklusive der rechtlichen Grundlagen und Bedingungen, unter denen ein solcher Zugriff erfolgen könnte.

Dieses risikobasierte Vorgehen berücksichtigt auch, dass nicht jede Organisation zwingend auf eine souveräne Cloud angewiesen ist. Wer weniger sensible Daten verarbeitet, ist womöglich mit gängigen Hyperscaler-Lösungen gut bedient. Organisationen mit höherem Schutzbedarf, etwa im Bereich Künstliche Intelligenz oder in Finanz- und Gesundheitswesen, sollten dagegen gezielt souveräne Lösungen in Betracht ziehen, um Vertrauen in ihre Datenstrategie und -sicherheit aufzubauen.

Vertrauen im Zeitalter Digitaler Souveränität

Änderungen bei der Datenresidenz machen mehr Transparenz und Eigenverantwortung beim Daten-Management unerlässlich; denn es geht darum, das schwindende Vertrauen zwischen Cloud-Anbietern und ihren Kunden zurückzugewinnen. Europäische Organisationen müssen ihre Cloud-Abhängigkeiten kritisch evaluieren und dabei sowohl bestehende Lösungen als auch mögliche Risiken und strategische Langzeitfolgen berücksichtigen.

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Inmitten eines immer komplexeren rechtlichen und politischen Umfelds, das von nationalen Interessen und wirtschaftlichen Überlegungen geprägt ist, sind Unternehmen mit einem derart umfassenden Ansatz in der Lage, die Kontrolle über ihre Daten zu behalten. Letztlich erfordert der Wiederaufbau von Vertrauen ein dauerhaftes Bekenntnis zur gemeinsamen Verantwortung für Datensouveränität und zu Schutzmaßnahmen, die die organisatorische Autonomie bei datenbezogenen Entscheidungen sichern.

"Der Autor
Martin Hosken ist Field CTO Cloud Providers bei Broadcom. Er betont: Geografische Lage bedeutet also nicht automatisch Souveränität.

Bildquelle: Broadcom

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