Vorherrschaft bei Künstlicher Intelligenz Europa, USA, China und das Rennen um die KI-Dominanz

Von Margrit Lingner , Mihriban Dincel und Klaus Länger 8 min Lesedauer

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Seit DeepSeek ins Rennen um die KI-­Vorherrschaft eingestiegen ist, scheint Europa endgültig abgehängt zu sein. Mehr Geld und weniger Regulierungen sollen die KI-Entwicklung in Europa wieder wettbewerbsfähig machen.

Das Rennen um die KI-Vorherrschaft hat begonnen. Aber wer liegt vorne? (Bild:  Firefly / [M] Udo Scherlin / KI-generiert)
Das Rennen um die KI-Vorherrschaft hat begonnen. Aber wer liegt vorne?
(Bild: Firefly / [M] Udo Scherlin / KI-generiert)

Schlagzeilen über Künstliche Intelligenz, soweit das Auge reicht. Einige davon beeindruckend, andere beängstigend und wiederum andere beinahe absurd. „Künstlicher Humor: ChatGPT macht bessere Witze als Menschen“, hieß es beispielsweise bei National Geographic. War ChatGPT von OpenAI noch bis Anfang 2025 der KI-Chatbot, macht ihm nun das chinesische Startup DeepSeek Konkurrenz. Der Wettkampf um die KI-Vorherrschaft ist angebrochen und hat eine ungeheure Dynamik entwickelt. Doch wo positioniert sich Europa bei diesem Gefecht? Benedikt Bonnman, Vorstand bei Adesso, ist beispielsweise der Ansicht, dass jetzt wieder ein aktiver Wettbewerb entstanden ist, bei dem auch ein europäisches Feld aufgemacht werde.

Teuken-7B

Multilinguale KI aus der EU

Um mit der Konkurrenz aus den USA (OpenAI, Meta und Google) und China (DeepSeek und Alibaba) mithalten zu können, haben in Deutschland verschiedene Unternehmen und Forschungseinrichtungen ihre Kräfte gebündelt und ein Open-Source-Sprachmodell entwickelt. Teuken-7B wurde mit 24 Amtssprachen der EU trainiert und umfasst sieben Milliarden Parameter. Das KI-Sprachmodell des Forschungsprojekts OpenGPT-X steht auf Hugging Face zum Download bereit. Das kommerziell einsetzbare Open-Source-Modell kann für eigene KI-Lösungen genutzt werden.

Investitionen und Exportbeschränkungen

Die USA jedenfalls befeuern die rasanten Entwicklungen der KI. Während die EU noch über Regulierungen, Finanzierung und den ethischen Einsatz von KI diskutiert, hat die USA eine 500-Milliarden-US-Dollar-schwere Initiative angekündigt. Investiert werden soll in neue Rechenzentren, Infrastruktur und Energieversorgung für Künstliche Intelligenz. Damit wirft US-Präsident Donald Trump alle von seinem Vorgänger Joe Biden aufgestellten Schranken und Bedenken bezüglich der Entwicklung von KI über Bord. Trump strebt die KI-Vorherrschaft an und scheut auch nicht vor einer Verschärfung des KI-Embargos zurück. Exportbeschränkungen für KI-Chips werden künftig nicht mehr nur für China gelten, sondern auch für 120 weitere Länder wie Singapur, Israel, Portugal und die Schweiz. Lediglich 18 Länder werden als vertrauenswürdig eingestuft und sind vom KI-Embargo ausgenommen. Dazu zählen etwa Groß­britannien, Deutschland, die Niederlande, Italien, Spanien, Norwegen und Schweden.

Susanne Dehmel Mitglied der Bitkom-Geschäftsleitung
„Wir müssen bei KI den Modus ändern: Mehr Innovation ermöglichen, das muss künftig unser Ansatz sein.“

Bildquelle: Bitkom

KI-Gipfel

Den Startschuss zum KI-Wettkampf hat die EU jedoch nicht überhört. So hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron eilig am 10. Februar 2025 zu einem KI-Gipfel eingeladen. Diskutiert wurden Einsatzmöglichkeiten von KI sowie Regulierungen. Politiker und Vertreter großer Tech-Konzerne wollen sich der KI-Konkurrenz aus den USA und China stellen. Europa dürfe nicht den Anschluss verlieren. Überregulierungen sollten nicht Innovationen hemmen, so der französische Staatschef. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat der KI-Branche in Europa eine zusätzliche Unterstützung von 50 Milliarden Euro versprochen. Davon sollen 20 Milliarden Euro in KI-Fabriken investiert werden. Außerdem hat eine Gruppe 20 großer Unternehmen, Investoren und Startups rund um die Investmentfirma General Catalyst angekündigt, in den nächsten fünf Jahren 150 Milliarden Euro in europäische KI-Projekte zu investieren.

Milliardenschwerer KI-Markt

Der heiß umkämpfte KI-Markt wächst sehr schnell. Laut Next Move Strategy Consulting soll sich der knapp 100 Milliarden US-Dollar starke Markt für Künstliche Intelligenz bis 2030 verzwanzigfachen. Laut Statista werden 2025 in Deutschland 9,45 Milliarden Euro umgesetzt. Den größten Anteil an den KI-Ausgaben hat KI-Software, gefolgt von Dienstleistungen sowie Hardware.

(Bildquelle: Statista)

„Während mit Stargate und DeepSeek in den USA und China massive private Investitionen in generative KI fließen, fehlt Europa eine vergleichbare Strategie zur Mobilisierung von privatem Kapital für KI-Innovationen. Wenn wir technologische Souveränität anstreben, müssen wir jetzt die richtigen wirtschaftlichen Anreize setzen – durch staatliche Investitionen, steuerliche Anreize und bessere Rahmenbedingungen für Wagniskapital“, kommentiert der Geschäftsführer des Eco Verbands, Andreas Weiss, die Gegebenheiten. Ausreden wie, Europa wäre ohnehin schon längst abgehängt worden, lässt der Eco-Chef nicht gelten. „Ja, die USA und China sind derzeit führend, aber mit Initiativen wie Mistral AI, Aleph Alpha und OpenEuroLLM gibt es starke europäische Ansätze, die gezielt gefördert werden müssen! Wir sollten uns nicht darauf konzentrieren, nur bestehende Modelle nachzubauen, sondern in spezialisierte, leistungsfähige und vertrauenswürdige KI-Lösungen investieren, die auf unseren europäischen Stärken aufbauen – etwa in mehrsprachiger KI, industriellen Anwendungen und ­datensicheren sowie ethischen Lösungen. Deutschland hat sehr gute Talente und KI-Spezialisten, diese benötigen aber auch eine Perspektive“, führt Weiss weiter aus.

Förderung von KI-Talenten

Auch Adesso-KI-Experte Bonnmann ist der Ansicht, dass es in Europa durchaus fähige KI-Talente gibt und ebenso die finanziellen Mittel. „Aber nicht die Verfügbarkeit, sondern die Allokation des Geldes ist die Herausforderung für Europa. Wir müssen zusehen, dass wir das Projekt in die Hände schlagfertiger Organisationen geben und es nicht in behördenübergreifenden, unternehmensübergreifenden Abstimmungsprozessen verbrauchen.“ Die Chance bestehe jetzt und nicht erst in mehreren Jahren.

Weiss plädiert durchaus auch für innova­tionsfreundliche und klare Regeln für KI in Europa. Aber „auch Risikokapital, Mut zur Skalierung und eine echte Innovations­agenda für KI“ seien gefragt. „Jetzt ist der Moment, den Fokus auf Förderung, Finanzierung und Wachstum zu richten – bevor andere das Spielfeld komplett übernehmen und die verbundene Wertschöpfung außerhalb von Europa stattfindet“, warnt der Eco-Geschäftsführer.

Dr. Thomas Olemotz, CEO bei Bechtle
„Unser Ziel ist es, die transformative Kraft von KI wirkungs- und verantwortungsvoll zu nutzen.“

Bildquelle: Bechtle

Susanne Dehmel, Mitglied der Bitkom-­Geschäftsleitung, sieht auch Deutschland in der Verantwortung. „Auch in Deutschland muss es jetzt um Action gehen. Seit dem ersten AI Summit im November 2023 hat sich die KI-Welt mehrfach gedreht. Die stärksten Impulse für Wirtschaft und Technologie kamen und kommen dabei aus den USA und jüngst aus China. Deutschland und Europa konzentrieren sich währenddessen zu sehr auf Regulierungsfragen“, bemängelt sie. Innovationen seien dadurch gehemmt und Unternehmen verunsichert. „Wir müssen den Pariser Gipfel nutzen und bei KI den Modus ändern: Mehr Innovation ermöglichen, das muss künftig unser Ansatz sein“, appelliert Dehmel.

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Initiativen und Zusammenschlüsse

Um diesem und weiteren ähnlichen Appellen Ausdruck zu verleihen, wurde eine KI-Initiative ins Leben gerufen. Daran beteiligt sind große Unternehmen wie Helsing, Mistral AI und Dataiku, Airbus, Dassault, Deutsche Bank, Lufthansa, Siemens und Volkswagen. Ziel dieser Initiative: Im Zusammenschluss von Konzernen und der Tech-Branche Europas soll das volle Potenzial im KI-Bereich erschlossen sowie angewandte KI in die industrielle Basis Europas integriert werden. So ließe sich Produktivität, Widerstandsfähigkeit und wirtschaftliche Souveränität steigern. Jeannette zu Fürstenberg, Europa-Chefin bei General Catalyst, ist überzeugt, dass Europa über die entsprechenden Voraussetzungen zum Erreichen dieses Ziels verfügt. Sowohl über Talent, Kapital als auch ein starkes industrielles Rückgrat mit eigenem Vertrieb und Daten. „Mit dem Engagement von über 60 führenden europäischen Unternehmen müssen wir diese Ressourcen nutzen, um ein funktionierendes Schwungrad zwischen Technologie, Kapital und Politik freizusetzen“, so Fürstenberg weiter.

Andreas Weiss, Geschäftsführer des Eco Verbands
„Mit Initiativen wie Mistral AI, Aleph Alpha und OpenEuroLLM gibt es starke europäische Ansätze, die gefördert werden müssen.“

Bildquelle: Eco Verband

Auch der Startup-Verband France Digitale und das European Startup Network haben sich zusammengeschlossen und in einer Erklärung davor gewarnt, dass Europa nicht hinterherhinken dürfe. „Das globale Wettrennen um die Führungsrolle bei Künstlicher Intelligenz beschleunigt sich“, so Verena Pausder, Vorsitzende des Startup-Verbands. Europa müsse vereint und entschlossen auftreten, um mithalten zu können. „Unsere Stärke liegt in unseren Talenten, unserer Weltklasse-Forschung und dem Potenzial unseres integrierten Marktes.“

Die Initiative stellte konkrete Forderungen wie mehr Kapital von Großinvestoren für KI-Startups, ein paneuropäisches Programm, eine Angleichung von Regulierung etwa bei Unternehmensrecht, Besteuerung und im Arbeitsbereich, mehr KI-Einsatz im öffentlichen Sektor, eine widerstandsfähige europäische Digitalinfrastruktur, um die Abhängigkeit von globalen Tech-Konzernen zu reduzieren, sowie faire Wettbewerbsbedingungen, um Monopole aufzubrechen.

„Nur durch entschlossenes Handeln können wir die enormen Chancen der KI voll ausschöpfen und im weltweiten Wettbewerb beispielsweise mit den USA oder China langfristig bestehen”, ist der Eco-Vorstandsvorsitzende Oliver Süme überzeugt. Er betont, dass leistungsfähi­gere Rechenzentren und Internetknoten notwendig seien, sonst bleibt „das enorme Potenzial von KI eine bloße Vision: Denn KI-Entwicklung und -Anwendung erfordern eine skalierbare, belastbare und flexible Rechenzentrums-Infrastruktur, um die immensen Datenmengen verarbeiten zu können.“

KI-Dominanz durch Chip-Kontrolle

Ein zentrales Werkzeug speziell für das Training von LLMs sind leistungsfähige GPUs, von denen Nvidia den Löwenanteil herstellt. Schon unter der Biden-Regierung haben die USA damit begonnen, chinesischen Firmen den Zugang zu fortschrittlichen Verfahren für die Chipherstellung zu verwehren, auch wenn diese von niederländischen oder japanischen Firmen stammen. Ebenso wurde der Verkauf leistungsstarker GPUs beschränkt. Daher hat Nvidia für den chinesischen Markt eigene Datacenter- und Gaming-GPUs mit limitierter Leistung produziert. Im Januar dieses Jahres, also noch vor dem Amtsantritt von Trump, wurden neue Exportkontrollen geplant. Mit ihnen wird die Welt in drei Zonen unterteilt. Vertrauenswürdige Staaten wie Kanada, die meisten europäischen Staaten, Australien, Japan, Taiwan, Südkorea und Taiwan haben unbeschränkten Zugriff auf die schnellsten GPUs. In Tier-2-Staaten, zu denen Indien und Brasilien, aber auch Österreich, Portugal und Griechenland zählen, darf nur eine bestimmte Zahl von KI-Chips geliefert werden. Länder wie China, Russland oder Iran sollen nur sehr eingeschränkt oder gar keine GPUs erhalten. Zudem sind erstmals Exportbeschränkungen für Closed-Source-LLMs geplant. Nvidia und andere Unternehmen haben diese Pläne als viel zu restriktiv kritisiert. Das verschärfte KI-Embargo kann noch bis April 2025 debattiert werden. Ob und inwiefern es tatsächlich umgesetzt wird, ist noch unklar. Auf jeden Fall haben laut IT-Times chinesische Firmen wie Alibaba, Bytedance und Tencent gerade große Mengen der für China noch zugelassenen Nvidia-H20-GPUs bestellt. Zudem intensiviert China die Bemühungen beim Aufbau einer eigenen Chipfertigung auf Basis einheimischer oder noch zugelassener Technologie. So soll nach einem Bericht der Financial Times der KI-Chip Ascend 910C von Huawei erstmals mit einer Ausbeute produziert werden, bei der sich die Produktion in dem eigenen 7-Nanometer-Prozess finanziell lohnt. Angeblich soll DeepSeek das Inferencing seiner Modelle komplett auf Servern mit Ascend-GPUs betreiben. Für das Training wurden vorwiegend Nvidia-GPUs genutzt, allerdings mit einer effizienteren maschinennahen Software statt mit Nvidias Cuda.

Einfluss auf IT-Dienstleister

Von der rasanten KI-Entwicklung profitieren werden auch IT-Dienstleister. Mehr Umsatz generieren könnten sie durch Bereitstellung der Komponenten für Rechenzentren und Infrastruktur, durch Implementierung neuer oder eigener KI-Lösungen.

So will Bechtle weiter die Entwicklung eigener KI-Lösungen vorantreiben. „Unser Ziel ist es, die transformative Kraft von KI wirkungs- und verantwortungsvoll zu nutzen, um Kunden im Mittelstand, in Konzernen und im Public Sector langfristig erfolgreich zu machen“, sagt Dr. Thomas Olemotz, CEO von Bechtle. Seit 2023 ist Bechtle am Rostocker KI-Spezialisten Planet AI beteiligt. Das Unternehmen ist auf Deep Learning spezialisiert und entwickelt Lösungen für intelligente Dokumenten­analyse und Prozessautomatisierung.

Doch ungeachtet der Tatsache, dass auch viele europäische Tech-Unternehmen in KI-Entwicklung investieren, im Wettrennen um die KI-Dominanz sind sie von Podestplätzen weit entfernt. Und selbst europäische Hoffnungsträger wie Mistral AI aus Frankreich oder OpenGPT-X und Aleph Alpha scheinen weit abgehängt von der übermächtigen Konkurrenz. Daher ist nun aktives Handeln gefragt.

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