Digitale Souveränität Die Wertschöpfung im Cloud-Business fließt nach Amerika

Von Dr. Stefan Riedl 8 min Lesedauer

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Es braucht Alternativen zu US-Hyperscalern, weil deren Modelle Unternehmen in eine immer stärkere Abhängigkeit treiben. In Europa wurde das Problem erkannt, aber endlose Abstimmungen, Gremien und regulatorische Vorgaben lassen die Wertschöpfung abwandern.

Bürokratisches Mikromanagement schafft kein unternehmerfreundliches Investitionsklima – Wertschöpfung wandert ab.(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Bürokratisches Mikromanagement schafft kein unternehmerfreundliches Investitionsklima – Wertschöpfung wandert ab.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

Fragt man Dr. Christian Kaul, Chief Operating Officer bei Impossible Cloud, warum es in der IT-Branche Alternativen zu den US-Hyperscalern geben sollte, führt er eine Reihe von Gründen an, unter anderem, „weil deren Modelle Unternehmen in eine immer stärkere Abhängigkeit treiben“. Auf den ersten Blick würden die Angebote günstig wirken, so der Manager, aber durch Egress-Gebühren, API-Calls und andere versteckte Kosten würden die tatsächlichen Ausgaben oft schnell förmlich „explodieren“.

Eine Frage der Datenhoheit

Noch gravierender ist aus seiner Perspektive das Thema Datenhoheit: „Selbst wenn Daten physisch in Europa gespeichert werden, unterliegen sie dem US Cloud Act“, so Kaul. Nach seiner Lesart heißt das, dass US-amerikanische Behörden im Rahmen einer formalen Anfrage den Zugriff auf Daten verlangen können, im Extremfall sogar bis hin zur Abschaltung der Dienste. Drei Juristen äußern an dieser Stelle fünf Meinungen, aber ein Widerspruch zum europäischen Datenschutz- und zu Sicherheitsvorgaben, wird vielerorts erkannt. Laut Kaul entsteht für Unternehmen dadurch ein echtes Risiko, sei es in Bezug auf Compliance, auf Kundendaten oder auf regulatorische Vorgaben.

Transparenz und Risikominimierung

Europäische Alternativen bieten seiner Ansicht nach die Chance, diese Risiken zu vermeiden, denn sie würden Transparenz bei den Kosten schaffen, Lock-in-Effekte eliminieren und Unternehmen die volle Kontrolle darüber geben, wo ihre Daten liegen und wer Zugriff darauf hat. Am Ende gehe es nicht nur um Kostenersparnis, sondern auch um digitale Souveränität und darum, die Wettbewerbsfähigkeit in Europa langfristig zu sichern. Mit dem Thema „Cloud Switching“ könnte sich hier etwas ändern. Neue Regelungen im Data Act folgen der Idee der Rufnummernportierung, um „Schwung“ in dem Markt zu bringen.

Hintergrund

Data Act und „Cloud Switching“

Souverän bei seinen Entscheidungen in Sachen Cloud Computing ist nur, wer den Anbieter auch wechseln kann, wenn er will. Hier spielen auch technologische Aspekte eine Rolle. Der EU Data Act bringt verbindliche Vorschriften zur Sicherstellung von Datenportabilität und Interoperabilität mit sich. Zusammen mit bestehenden Regelungen wie der DSGVO oder der UK-GDPR bildet sich ein regulatorisches Umfeld, in dem nur diejenigen Anbieter bestehen können, die rechtliche Anforderungen nicht nur als Nebensache betrachten, sondern fest in ihre Architektur integrieren. Was im Data Act zum Cloud Switching geregelt wurde, gilt seit 12. September 2025 und stellt einen Umbruch für die Bereitstellung von Datenverarbeitungsdiensten dar. „Das Gesetz folgt der Idee der Rufnummernportierung, um ‚Schwung‘ in dem Markt zu bringen“, könnte man formulieren. In diesem Kontext entsteht jedoch ein Spannungsfeld: Politische und gesetzliche Initiativen fordern oft einfache Wechselmöglichkeiten zwischen Anbietern, doch in der Realität sind solche Migrationspfade häufig technologisch instabil. Wenn Schnittstellen nur oberflächlich standardisiert oder Exportformate nicht vollständig unterstützt werden, bleibt der Anspruch auf Portabilität theoretisch. Dadurch riskieren Unternehmen, dass die regulatorisch geforderte Freiheit praktisch nicht umsetzbar ist, was Auswirkungen auf Kosten, Agilität und Rechtssicherheit haben kann.

Dr. Christian Kaul, Chief Operating Officer, Impossible Cloud(Bild:  Impossible Cloud)
Dr. Christian Kaul, Chief Operating Officer, Impossible Cloud
(Bild: Impossible Cloud)

Wo bleiben europäische Hyperscaler?

Die Hyperscaler sind in Europa längst etabliert, ihre Rechenzentren stehen hier und sie dominieren weite Teile des Marktes. Aber die entscheidende Frage ist laut dem COO: „Warum gibt es bis heute kein europäisches Microsoft Azure?“ Der Grund liegt seiner Ansicht nach in den Strukturen – die riesigen Investitionen, die Macht der Plattform-Ökosysteme und die Skaleneffekte dieser Anbieter. So wurde eine Dominanz geschaffen, die kaum aufzuholen ist. Das Fatale: „Gleichzeitig fließt die eigentliche Wertschöpfung – Gewinne, Datenhoheit, Innovationskraft – nach Amerika ab, während Europa zum bloßen Anwender wird.“

Guter Rat ist teuer

Aber: „Wenn wir nun versuchen würden, einfach ein europäisches Abbild dieser Modelle zu bauen, hätten wir nichts gewonnen: dieselben Abhängigkeiten, dieselben intransparenten Kostenstrukturen, dieselben Risiken für Datenschutz und Compliance“, überlegt der Manager, der mit Impossible Cloud in diese Kerbe schlagen will. Es geht seiner Meinung nach nicht darum, „ein europäisches Azure“ zu schaffen, sondern die Spielregeln neu zu definieren – mit neuen Architekturen, klar kalkulierbaren Preisen und echter Datenhoheit. Nur so bleibe die Wertschöpfung in Europa und nur so würde eine Alternative entstehen, die wirklich unabhängig macht.

Endlose Abstimmungen, Gremien und regulatorischen Vorgaben

An Initiativen in der EU mangelt es bekanntlich nicht – Gaia-X, 8ra, Eurostack et cetera. Aus der Sicht von Kaul zeigen diese Initiativen, dass das Problem erkannt wurde, „aber sie laufen Gefahr, sich in endlosen Abstimmungen, Gremien und regulatorischen Vorgaben zu verlieren“. Unternehmen brauchen – so der Manager – heute konkrete Lösungen, die sofort einsetzbar sind, und keine Konzepte, die erst in Jahren Wirkung entfalten. So können nur Ansätze wirklich erfolgreich sein, die aus der Privatwirtschaft heraus entstehen: mit einem klaren Nutzenversprechen, wettbewerbsfähigen Preisen und der nötigen Geschwindigkeit, um Innovation voranzutreiben. „Politik und Regulierung können dafür den Rahmen setzen, aber die eigentliche Umsetzung muss aus dem Markt kommen“, ist Kaul überzeugt.

Hintergrund

Alternative zu US-Hyperscalern ist gewünscht

Laut einer aktuellen Bitkom-Studie wünschen sich 82 Prozent der deutschen Unternehmen eine Alternative zu Hyperscalern, die aus Deutschland oder Europa stammt. Für die Mehrheit dieser Unternehmen sind dabei Aspekte wie Regulierung, Unabhängigkeit und der Standort entscheidend. In der deutschen Wirtschaft wächst die Sorge vor einer zu hohen Abhängigkeit von Cloud-Diensten aus dem Ausland. Fast zwei Drittel (62 Prozent) der Unternehmen in Deutschland würden ohne Cloud-Dienste stillstehen. Zugleich halten mehr als drei Viertel (78 Prozent) Deutschland für zu abhängig von US-Cloud-Anbietern. Die Nachfrage wäre also da, für bislang nicht vorhandene Hyperscaler aus Deutschland oder Europa, die es mit den US-amerikanischen Marktführern aufnehmen können.

Erfolgsfaktoren für eine Hyperscaler-Konkurrenz

„Erfolgreich gegen die US-Hyperscaler bestehen heißt für mich, mehrere Faktoren zusammenzubringen“, sagt Kaul. An erster Stelle stehe Kostentransparenz. Unternehmen brauchen demnach Modelle, die planbar und nachvollziehbar sind, ohne versteckte Gebühren für Datentransfers oder API-Aufrufe: „Nur wenn die Kosten fair und klar kalkulierbar sind, entsteht Vertrauen und die Möglichkeit, langfristig zu planen.“ Genauso wichtig sei „echte Datenhoheit“. Daten müssen demnach in Europa gespeichert werden, ausschließlich europäischen Gesetzen und Standards unterliegen und dürfen nicht durch Zugriffsrechte aus den USA oder anderen Regionen gefährdet sein. Das schaffe Sicherheit und stärkt das Vertrauen. Ein weiterer Schlüsselfaktor sei Geschwindigkeit und Innovationskraft. „Neue Angebote müssen aus der Privatwirtschaft kommen, weil nur sie die Flexibilität und die Marktnähe haben, um wirklich wettbewerbsfähig zu sein“, fordert der Manager.

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Analyse

Bürokratie in der EU und Business in den USA

KI und Cloud werden in weiten Teilen aus den USA importiert – die beiden Technologietreiber, die das Fundament für eine gedeihliche digitale Wirtschaft bilden. Die Zusammenhänge liegen auf der Hand: KI treibt Cloud Computing voran, weil KI-Anwendungen enorme Rechenleistung und große Datenmengen benötigen. Die Cloud bietet die nötige Infrastruktur, um diese Ressourcen flexibel und kosteneffizient bereitzustellen. Unternehmen können so KI-Modelle trainieren und nutzen, ohne teure eigene Hardware zu betreiben. Gleichzeitig profitieren Cloud-Anbieter von der steigenden Nachfrage nach leistungsfähigen Servern und spezialisierten KI-Diensten. Dadurch entwickeln sich beide Technologien gemeinsam weiter und befeuern sich gegenseitig.

In diese Kerbe schlägt Jane Enny van Lambalgen mit ihrer Bürokratie-Kritik. Sie ist Geschäftsführerin von Planet Industrial Excellence und für Unternehmen ist sie als Interimsmanager tätig. Die EU setzt seit vielen Jahren auf ein bürokratisches Mikromanagement, das den Kontinent praktisch lahmgelegt hat, postuliert die Managerin. Ihre Maxime lautet: „Der Staat weiß alles besser“ und dementsprechend werden Bürger und Unternehmen wie Kleinkinder behandelt. Das behindert ihrer Ansicht nach „jeden Fortschritt, sodass man höchstens noch im Schneckentempo vorankommt“. Das sei natürlich fatal in einer internationalen Wettbewerbssituation, die vor allem in den USA von einem Unternehmens- statt staatsgetriebenen Ansatz geprägt ist. Die EU-Kommission trottet laut van Lambalgen auf einem Eselskarren in die Zukunft und versucht durch immer neue und teilweise wirklich absurde Regelwerke den Schnellzug aus den USA am Überholen zu hindern, „obwohl von diesem längst nur noch die Rücklichter zu sehen sind“.

An den Unternehmen und der Nachfragesituation liegt es nicht, dass sich kein Hyperscaler in der EU angesiedelt hat. Da ist der zeitliche Vorsprung der US-Konzerne und deren jahrelang ausgehobene Burggräben. Allerdings haben sich viele „Rising Stars“ voller Innovationskraft auch diesseits des großen Teiches aufgemacht in den Wolken groß zu werden. Geschafft haben sie es bislang nicht. Fraglich ist, wie viel hier die EU-Initiativen bringen. Bilden sie einen gedeihlichen Rahmen oder handelt es sich um „bürokratisches Mikromanagement“? Auch die Energiekosten und die allgemeine Unternehmerfreundlichkeit werden eine Rolle spielen. Der Index, der die Unternehmerfreundlichkeit eines Landes abbildet, wird durch das IMD World Competitiveness Ranking und ähnliche Rankings erfasst. Im Jahr 2023 belegten die USA im internationalen Vergleich eine Spitzenposition in der Unternehmerfreundlichkeit, während Deutschland nicht im Top-Bereich zu finden ist. Die USA gehören zu den Top 3 unternehmerfreundlichsten Ländern, während Deutschland regelmäßig einen Platz im zweistelligen Bereich des Rankings einnimmt.

Bestehende Ressourcen nutzen

„Gleichzeitig sollten wir nicht bei null anfangen: Europa verfügt bereits über Tausende Rechenzentren, die heute vielfach ungenutzte Kapazitäten haben.“ Diese Ressourcen intelligent zu vernetzen und auf Enterprise-Niveau zu heben, könne ein entscheidender Vorteil sein. So würde nämlich eine resiliente Infrastruktur entstehen, die Ausfallsicherheit bietet, Kosten senkt und die Wertschöpfung in Europa hält. „Der Erfolg wird sich also dort entscheiden, wo Transparenz, Datenhoheit, Innovationskraft und die Nutzung bestehender europäischer Infrastruktur konsequent zusammen gedacht werden.“

Regeln in der EU, Business in den USA?

Kritiker wenden ein, dass in der EU viele Regeln, Vorgaben, Richtlinien und die Compliance im Vordergrund stehen und in den USA derweil das Business gemacht wird. Der Chief Operating Officer bei Impossible Cloud wirft einen differenzierten Blick auf diese Gemengelage: Natürlich gebe es in Europa mehr Regeln und strengere Vorgaben, aber das sei kein Nachteil, sondern ein Wettbewerbsvorteil. Denn Unternehmen würden Sicherheit brauchen, wenn es um den Umgang mit sensiblen Daten geht, und genau das bieten europäische Standards. „Wer in Europa compliant ist, kann seine Lösungen auch weltweit ausrollen und hat ein starkes Qualitätsmerkmal in der Hand“, so Kaul. In den USA wird nach seiner Einschätzung zwar oft schneller gehandelt, aber manchmal auch mit dem Risiko, Datenschutz oder Sicherheit zu vernachlässigen. „Wir glauben, dass Regulierung Innovation nicht bremst, sondern den Markt fairer, transparenter und nachhaltiger macht“, so der Manager. Für viele Unternehmen sei genau das ein Grund, auf europäische Anbieter zu setzen.

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